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Deutschland und Europa zur Zeit Kaiser Karls V.

In der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts erscheint das deutsche Reich als ein Umschlagplatz zweier Zeiten, als ein Ort, an dem mittelalterliche Welt und eine neue Zeit unmittelbar aufeinanderprallen, sich überlagern. Endlich sollten Frieden und Gerechtigkeit, sollte das Glück der Untertanen durch einen gemeinsamen Glauben, durch die den Adel verpflichtenden Tugenden ritterlichen Lebens, durch die »gute Herrschaft« verwirklicht werden. Doch diese Vorstellung erwies sich rasch als brüchig, sobald die Herren der neuen Zeit, die Territorialfürsten, sich dieser Idee entzogen. Und ihr wichtigstes Mittel, sich die fürstliche Freiheit oder Libertät zu sichern, war ihr Recht, den Kaiser zu wählen. Die Kaiserwahl Karls V. 1519 – Kurfürsten und Kapital
Als Kaiser Maximilian I. (1493-1519) am 12. Januar 1519 starb, mussten die sieben Kurfürsten im Reich über einen neuen Kaiser entscheiden. Sie hatten dieses Recht der Wahl des deutschen Königs und Kaisers endgültig mit der Goldenen Bulle 1356 verbrieft bekommen. So versammelten sich in Frankfurt a. M. vier Monate nach dem Tod des Kaisers die Kurfürsten: die Erzbischöfe von Mainz, Köln und Trier, der Pfalzgraf bei Rhein, der Herzog von Sachsen, der Markgraf von Brandenburg und der König von Böhmen. Zwei Bewerber hatten sich bei ihnen um die Nachfolge bemüht: Franz I., der König von Frankreich und Karl, der neunzehnjährige Enkel Maximilians I. Für wen sollten sich die Kurfürsten entscheiden? Franz I. galt seit der Eroberung Mailands durch seine Truppen 1515 als der starke Mann Europas. Er wollte mit der Kaiserwürde das Reich Karls des Großen neu entstehen lassen. Aber er war kein Deutscher, und mancher der Fürsten fürchtete, dass die große Macht des französischen Königs ihre fürstliche Libertät gefährden könnte. Karl, der zweite Bewerber, war dagegen auf der europäischen Bühne ein Neuling. Niemand glaubte, dass er bei dieser Wahl ernste Chancen habe, selbst Franz I. schrieb wohl augenzwinkernd an seinen Mitbewerber Karl: »Sire, wir werben um dieselbe Dame!« Aber Karl war Herr über die Niederlande und Flandern, Luxemburg und Burgund, seit kurzem König von Aragon und Kastilien, Neapel und Sizilien, mit Maximilians I. Tod auch Erbe des gesamten österreichischen Hausbesitzes der Habsburger, ja sogar Herr über die fernen Reiche jenseits des Atlantiks im Westen der Erde. Die Kurfürsten sahen in der eindrucksvollen Liste ferner Länder jedoch weniger die mögliche Machtentfaltung, sondern eher die Schwierigkeiten des jungen Herrschers, diese Länder zusammenzuhalten. So hofften sie, dass er sich wenig um das Reich kümmern und damit ihr fürstliches Regiment unangetastet lassen werde. Auch Papst Leo X. (1513-1521) versuchte auf die Entscheidung Einfluss zu nehmen: Er fürchtete einmal die habsburgische Umklammerung des Kirchenstaates durch die österreichischen Lande im Norden und das Königreich Neapel und Sizilien im Süden, zum anderen den militärischen Druck Frankreichs im Norden Italiens. Als er jedoch Friedrich den Weisen von Sachsen vorschlug, lehnte dieser ab. Friedrich III.Friedrich III., der Weise, Kurfürst von Sachsen, Förderer Luthers und Schutzherr der Reformation, obwohl er selbst dem alten Glauben treu blieb. Gemälde der Cranach-Schule. Florenz, Uffizien. Ausschlaggebend für die Wahl waren schließlich Bestechungsgelder, mit denen beide Bewerber die Fürsten und deren Ratgeber für sich zu gewinnen suchten, damit aber wurde ein Herr aus Augsburg zum Zünglein an der Waage: Jakob Fugger, der aus nationalen Gründen Franz I. Kredite verweigerte und Karl über 500000 Gulden für die Wahl auslieh. So entschied letztlich die Begehrlichkeit der Fürsten über den neuen Kaiser. Am 28. Juni 1519 wurde Karl, der Enkel Maximilians L, einstimmig als Karl V. zum Kaiser des Heiligen Römischen Reiches gewählt. Ein Vertrag bindet den Kaiser schon vor der Krönung
Der Neugewählte wurde erstmals in einer sogenannten Wahlkapitulation – einem Vertrag in Form eines Regierungsabkommens – verpflichtet, die Kirche und die Rechte der Kurfürsten zu schützen, ein Reichsregiment gemeinsam mit den Fürsten zu errichten, Bündnisse der adeligen Untertanen oder des gemeinen Volkes zu bekämpfen, Reichsangehörigen vor ihrer Verurteilung und Ächtung rechtliches Gehör zu schenken und keine fremden Truppen ins Reich zu bringen. Karl, der zur Zeit der Wahl noch in Spanien weilte, reiste trotz der dort um sich greifenden Aufstände rasch ins Reich, um sich in Aachen krönen zu lassen. Bereits vor den Toren der Stadt ritten ihm die Kurfürsten entgegen, stiegen ab und küssten Karl, der zu Pferde blieb, die Hand. Sein Einzug in die Stadt war ein großartiges Schauspiel: Hunderte von Reitern in bunter Rüstung, Schwerbewaffnete und Pagen, voran Herolde, die Geld in die Menge warfen, dann spanische Granden, Ritter des Goldenen Vlieses, weltliche und geistliche Fürsten begleiteten den Triumphzug. Der junge König ritt neben den höchsten geistlichen Fürsten, dem Erzbischof von Köln und dem Erzbischof von Mainz, begrüßt von den freudigen Rufen des Volkes. Noch am Abend leistete der König im Dom vor den Kurfürsten den Eid auf die Wahlkapitulation. Am nächsten Tag, dem 23. Oktober 1519, wurde er in den alten überlieferten Formen im Münster Karls des Großen gekrönt: Zunächst musste er die jahrhundertealten Fragen beantworten, die ihn, den künftigen Kaiser, zum Schutzherrn der Christenheit verpflichteten: »Willst Du den heiligen katholischen Glauben bewahren? Willst Du die Kirche und die Geistlichkeit schützen? Willst Du das Reich in Gerechtigkeit regieren? Willst Du die Rechte des Reiches wahren und das ihm entfremdete Gut wiedergewinnen? Willst Du ein gnädiger Richter und Helfer der Armen und Reichen, der Witwen und Waisen sein? Willst Du dem Papst und der römischen Kirche in Treue und Ehrfurcht den schuldigen Gehorsam bewahren?« All diese Fragen – sie wurden in Latein, der Sprache der Kirche, gestellt – beantwortete Karl mit einem lauten »volo«, d. h., »ich will es!« Daraufhin fragte der Erzbischof von Köln alle Anwesenden, die das Volk vertraten, »ob sie diesem Fürsten und Herren gehorsam sein wollten nach den Worten des Apostels«, und alle riefen jubelnd ihre Zustimmung. Entsprechend dem Brauch wurde der König gesalbt, der kaiserliche Mantel ihm umgelegt, und er empfing Zepter, Reichsapfel und Krone. Als der König von den Erzbischöfen zum Thron geführt wurde, hallte die Kirche von dem lauten »Tedeum« wider, und die Glocken verkündeten, dass das Reich einen neuen Kaiser hatte. Hoffnungen und Wünsche – Kaisertum und Glaube
Wer war nun dieser Karl V., auf den viele so überschwängliche Hoffnungen setzten? Sogar Luther hatte geschrieben: »Gott hat uns ein junges, edles Blut zum Haupt gegeben, er hat damit viele Herzen zu großer, guter Hoffnung erweckt.« War er gar der Priesterkönig, der Reich und Kirche in neuer Ordnung wiederherstellen und seine Herrschaft auf Wahrheit, göttlicher Gerechtigkeit und Freiheit bauen würde, wie es ein unbekannter Verfasser in der Reformatio Sigismundi vor wenigen Jahrzehnten gefordert hatte? Und: Wie würde Karl V. die Probleme des Reiches angehen, wie zu dem sich ausbreitenden Luthertum stehen? Könnte er die gespannten Beziehungen zu Frankreich bessern, auch gegenüber den Bauern, den Rittern und dem niederen Adel Gerechtigkeit zeigen? In der letzten Frage war für die aufbegehrenden Bauern und Ritter wohl wenig zu erhoffen, mit dem Eid auf die Wahlkapitulation hatte Karl V. sich auf die Seite der Fürsten gestellt. Doch betrachten wir Karls eigene Vorstellung von seiner Herrschaft als Kaiser, die hier zunächst nur indirekt greifbar wird. »Wir Carl der fünfte von Gottes Gnaden Römischer Kayser, zu allen Zeiten Mehrer des Reichs, König von Germanien, zu Castilien, Aragón, León, bayder Sicilien [...]«, so beginnt die Reihe der Länder, über die Karl herrschte oder über die er zu herrschen beanspruchte, und umfasst über 70 Herrschaftstitel, die wahrhaft ein Reich zeigten, »in dem die Sonne nicht unterging«. Diese geografisch teilweise weit getrennten Gebiete mit verschiedenen Völkern, Traditionen und Rechten wurden jetzt nicht mehr allein durch die verwandtschaftlichen Bande des Hauses Habsburg zusammengehalten, sondern auch durch die neue kaiserliche Autorität. Es war der Italiener Mercurino de Gattinara († 1530), der als Kanzler und wichtigster Ratgeber Karls schrieb: »Das Kaisertum verheiße den gerechtesten Anspruch auf Herrschaft über die ganze Welt, da es von Gott selbst eingesetzt [...] sei. Wenn der Kaisertitel einem an sich schon mächtigen König, der schon über so reiche und bedeutende Königreiche und Länder herrschte, gegeben werde, könne dieser dann im Namen des Kaisertums nicht nur seine ererbten Königreiche und Länder bewahren, sondern auch noch größere hinzugewinnen und wird so das Reich selber mehren, ja die Weltherrschaft erringen.« Die gemeinsame Grundlage dieser Herrschaft war der einheitliche katholische Glaube, und Karl unterstützte ohne Bedenken alle Mittel, die diesem Ziele dienten, gleich ob diplomatische Überlegung, ob Inquisition oder militärische Gewalt. Der Reichstag von Worms 1521 – Das Problem Luther
Für Karl V. und die deutschen Fürsten und Stände galt es, rasch die Weichen für die künftige Politik im deutschen Reich zu stellen. Wer sollte während der Abwesenheit des Kaisers, der ja Herr über viele Länder war, das Reichsregiment führen? Wie sollte das habsburgische Erbe zwischen Karl und seinem jüngeren Bruder Ferdinand geteilt werden? Wie sollten, und dies stellte sich bald als die zentrale Frage heraus, der von Rom gebannte Augustinermönch Martin Luther und seine Lehre behandelt werden? Um diese Fragen zu beantworten, versammelte sich Kaiser Karl V. mit seinen Ratgebern, den Fürsten und Ständen 1521 auf dem Reichstag in Worms. In der Frage des Reichsregiments hatte der Kaiser in der Wahlkapitulation den Fürsten im Prinzip nachgegeben. Jetzt lehnte er ihr Vorhaben ab, den Kaiser durch eine gemeinsame Zentralbehörde, gebildet aus fürstlichen und kaiserlichen Vertretern, die das Reich regieren sollten, in seiner Macht zu beschränken. Karl V. gestand ihnen nur in seiner Abwesenheit einen Statthalterrat zu, zudem noch unter der Führung seines Bruders Ferdinand, der im Auftrage Karls das Reich leiten sollte. Großzügig löste er auch das schwierige Problem der Erbteilung. Er hatte erkannt, dass das riesige, aus vielen Teilreichen bestehende Habsburger Gebiet von ihm allein nicht wirkungsvoll genug regiert werden konnte. Die weiten Wege, die schlechten Nachrichtenverbindungen, eine wenig effiziente Verwaltung ließen ihn von einer solchen Lösung Abstand nehmen. So blieb seine Tante Margarete von Österreich Generalstatthalterin der Niederlande; seinem Bruder Ferdinand übergab er die landesherrlichen Rechte an den fünf österreichischen Herzogtümern Ober- und Niederösterreich, Steiermark, Kärnten und Krain. Darüber hinaus verknüpfte er in einer Doppelhochzeit die österreichischen Erblande mit dem Königreich Ungarn und Böhmen: Ferdinand heiratete Anna von Böhmen und Ungarn und Karls Schwester Marie Annas Bruder König Ludwig II. von Ungarn und Böhmen. Hierdurch erhoffte sich vor allem Ungarn, das durch das Vordrängen der Türken im Balkan immer stärker unter militärischen Druck geriet, eine bessere Rückendeckung. Die brennendste Frage dieses Reichstages war aber, wie sich das Reich zur Lehre Luthers stellen sollte. Luther war bereits 1520 vom Papst gebannt worden, und nach geltendem Recht sollte unverzüglich die Reichsacht folgen. Der Kaiser zögerte, zumal die Stände auf der Forderung der Wahlkapitulation beharrten, kein Deutscher dürfe ungehört gerichtet werden. Schließlich gab der Kaiser nach und bat den Ketzer mit folgenden Worten, nach Worms zu kommen: »Ehrsamer, Lieber und Andächtiger. Nachdem wir und die Stände des Heiligen Reiches sich hier versammelt und den Entschluss gefasst haben, zu den Lehren und Büchern, die von Dir ausgegangen sind, von Dir selbst Erläuterungen zu erhalten [...] haben wir Dir sicheres Geleit gegeben, hierher zu kommen und wieder zurückzukehren [...]!« Als Luther am 17. April 1521 auf dem Reichstag erschien und vor die Versammlung von Kaiser und Ständen trat, lagen vor ihm aufgestapelt seine Bücher. Auf die Frage, ob er sich zu ihnen bekennen oder ob er widerrufen wolle, erklärte er nach Bedenkzeit am folgenden Tag in einer wohlbedachten Rede, dass er nichts widerrufen könne, und bekräftigte sein Bekenntnis unter Ablehnung der alleinigen Entscheidungsmacht des Papstes und unter Berufung auf »die Stellen der Heiligen Schrift, die ich angeführt habe« mit seinem berühmt gewordenen »Gott helfe mir. Amen.«. Damit war eine Verständigung zwischen dem Kaiser und dem Reformator nicht mehr möglich. Auf der einen Seite stand der Mönch, der sich auf seine eigene Glaubenserfahrung berief, der die kirchliche Ordnung und Bevormundung ablehnte, auf der anderen Seite der strenggläubige Kaiser, der trotz aller kirchlichen Missstände in der Einrichtung der Kirche das Heil für die Menschen und das wichtigste Band für die Einheit seiner Reiche und die Rechtfertigung seiner Herrschaft sah. Karl hob die Sitzung auf und ließ am nächsten Tag eine von ihm selbst verfasste Erklärung vorlesen, in der er die Lehre Luthers verwarf: »Ihr wisst, dass ich von den allerchristlichsten Kaisern der edlen deutschen Nation, den katholischen Königen von Spanien, den Erzherzögen von Österreich und den Herzögen von Burgund abstamme, die alle bis zu ihrem Tode treue Söhne der katholischen Kirche gewesen sind. [...] Deshalb bin ich entschlossen, alles zu halten, was meine Vorgänger und ich bis zum gegenwärtigen Augenblick gehalten haben. [...] Denn es ist sicher, dass ein einzelner Bruder in seiner Meinung irrt, wenn diese gegen die der ganzen Christenheit, wie sie seit mehr als tausend Jahren und heute gelehrt wird, steht, denn sonst hätte ja die ganze Christenheit heute und immer geirrt. [...] Nachdem ich die hartnäckige Antwort vernommen habe, die Luther gestern in unser aller Anwesenheit gegeben hat, erkläre ich euch: Es reut mich, dass ich es solange aufgeschoben habe, gegen diesen Luther und seine falsche Lehre vorzugehen. Ich bin entschlossen, ihn nicht weiter anzuhören, sondern ich will, dass er unverzüglich gemäß dem Mandat nach Hause geschickt werde. Das freie Geleit soll ihm, wie zugesagt, gehalten werden [...].« Die Fürsten, die Luthers Lehre nahestanden, so wird berichtet, sollen bei diesen Worten erbleicht sein, denn diese Entscheidung Karls bedeutete einen Riss mitten durch die Nation. Zugleich aber wurde sie zur Gelenkstelle in Karls V. Herrschaft, er hatte viel zu spät erkannt, dass ihm hier bereits die geschichtliche Entwicklung aus der Hand geglitten war, dass die persönliche Glaubensvorstellung eines mutigen Mönches die Grundlage seiner Herrschaft, die kirchliche Einheit der abendländischen Welt, gesprengt hatte. Karl V. hatte sein Versprechen gehalten und Luther freies Geleit für den Rückweg gegeben. Erst drei Wochen später erließ er das »Wormser Edikt«, in dem er die Lehre Luthers verdammte und über ihn und seine Anhänger die Acht aussprach. Friedrich der Weise nahm jedoch Luther vor dem Kaiser in Schutz, er brachte ihn auf der Wartburg bei Eisenach in Sicherheit. Zudem musste die Ausführung des Wormser Edikts verschoben werden, denn die Auseinandersetzung mit Frankreich zwang Karl, das Reich zu verlassen. So konnte sich in Deutschland Luthers Lehre ausbreiten. Der Kampf um die Vorherrschaft in Europa
Mit der Wahl zum Kaiser hatte Karl V. unerwartet seinen Hauptrivalen Franz I. von Frankreich überrundet, und zugleich war Frankreich, die stärkste territorial geschlossene Macht in Europa, durch einen Ring habsburgischer Länder in die Enge getrieben. Diese Umklammerung zu sprengen, war für Frankreich eine Lebensfrage. In Franz I. (1515-1547) hatte das Land einen ehrgeizigen König, seine Zeitgenossen beschreiben ihn als tapfer und unermüdlich in der Ausführung seiner Ziele, andererseits aber auch leichtsinnig, verschwendungssüchtig und den sinnlichen Freuden zugetan: Er war mit seinen Widersprüchen ein Kind seiner Zeit, die den persönlichen Ruhm und die nationale Ehre ins Zentrum des Denkens stellte. Seit der Eroberung des Herzogtums Mailand hatte Frankreich das Einfallstor nach Italien im Besitz, und offen sprach Franz I. davon, von dort aus Neapel, das 1504 an Spanien verlorengegangen war, anzugreifen. Nur so glaubte er Frankreich aus der habsburgischen Umklammerung lösen zu können, zudem konnte sich die Einflussnahme auf Italien als sehr lukrativ erweisen: Italien galt durch seine reichen Handelsstädte als das wirtschaftlich bedeutendste Land Europas. Franz I. von Frankreich - Gegenspieler Karls V. Im Bündnis mit Türken und deutschen Protestanten versuchte er die deutsch-spanische Umklammerung zu durchbrechen. Gemälde von Jean Clouet. Paris, Louvre.Französische Truppen waren auch auf der iberischen Halbinsel in Navarra eingefallen, als Spanien, durch innere Aufstände geschwächt, wehrlos erschien. Damit hatte der König von Frankreich Kaiser Karl V. den Fehdehandschuh hingeworfen und den Krieg zwischen den bedeutendsten Mächten Europas, dem Habsburger Weltreich und dem Königreich Frankreich an zwei Brennpunkten entfacht. Karl V. eilte nach Spanien, um sein Königreich zu befrieden und den Kampf gegen Frankreich aufzunehmen. Der Kaiser war in seiner Haltung eher das genaue Gegenbild zu Franz I. Er fühlte sich in seiner neuen kaiserlichen Würde als Schutzherr der ganzen Christenheit den übrigen christlichen Königen übergeordnet. So wollte er u. a. in einem Kreuzzug die geeinigte Christenheit gegen den Islam führen, und diesem Ziel sollten sich auch die Interessen Frankreichs beugen. Das war eine Vorstellung, die dem selbstbewussten und zumindest auf Mächtegleichgewicht bedachten Franz I. wenig gefallen konnte, waren doch die Türken das einzige ernste Gegengewicht im Rücken der habsburgischen Länder. Nur wenige haben wahrscheinlich schon damals die Zähigkeit und Ausdauer ahnen können, mit der Karl V. trotz aller Widerstände im In- und Ausland sein Ziel zu verfolgen wusste. In einem der Bildnisse Tizians scheinen die Eigenschaften dieses Kaisers am deutlichsten getroffen zu sein. Der ruhende, gefasste Blick, das ernste Gesicht mit einer Adlernase und dem vorspringenden Kinn der Habsburger, der leicht geöffnete Mund, umrahmt von einem dunklen Bart, schließlich seine schwarze Kleidung zeigen eine kühle, abweisende Persönlichkeit. In ihr verbanden sich Strenge, Selbstbewusstsein, rationales Planen einerseits, aber – so berichten seine Biografen -auch Starrheit, Rechthaberei, Rachsucht, nachtragendes Nicht-Vergessen-Können. In der Auseinandersetzung mit Frankreich wurde nicht Spanien, sondern Italien zum eigentlichen Zankapfel. Sein Großkanzler Mercurino Gattinara, der wichtigste Ratgeber Karls V., stellte Italien in den Mittelpunkt der kaiserlichen Überlegungen. Dort sollte er als Kaiser gekrönt werden, dort sollte er im Bündnis mit dem Papst die Schirmherrschaft über die Christen verwirklichen. Für diese Überlegungen spielte das Herzogtum Mailand, ein Reichslehen, das Franz I. seit 1515 in der Hand hatte, eine entscheidende Rolle, war es doch ein wichtiges Bindeglied zwischen den Zentren des Habsburger Reiches, zwischen den österreichischen Kernlanden und dem Königreich Neapel, den spanischen Königreichen und der Freigrafschaft Burgund. Zudem drohten durch das französische Ausgreifen in Italien die wichtigen Handelsrouten zwischen Italien und Spanien unter französische Kontrolle zu geraten. Die Gelder für die langwierigen militärischen Auseinandersetzungen mit Frankreich lieferten insbesondere Spanien, die reichen Niederlande und, seit der Eroberung der transozeanischen Reiche, die spanischen Schiffe, die so manchen zusammengeraubten Gold- und Silberschatz nach Kastilien brachten. Trotzdem litt Karl in seiner Regierungszeit an chronischer Geldknappheit, und die jahrzehntelangen Kämpfe sollten die habsburgischen Länder materiell aufs Äußerste erschöpfen. Siege und maßlose Forderungen – Der »Frieden von Madrid«
Die ersten militärischen Erfolge erzielten die Spanier in Navarra, wo sie die eingedrungenen französischen Truppen rasch zurückwerfen konnten, sodann konzentrierten sich die Kämpfe auf Oberitalien. Auch hier gelangen Karls V. Truppen erste Erfolge, Mailand und Genua wurden erobert. Gefährlicher als diese Rückschläge wurden für Frankreich aber ein Bündnis Karls V. mit dem Papst und England sowie die Treulosigkeit des mächtigsten französischen Vasallen, des Konnetabel (Marschall) Herzog Karl III. von Bourbon, der sich auf Karls V. Seite schlug und Marseille, den wichtigsten Mittelmeerhafen Frankreichs, belagerte. Es war ein wechselvoller Krieg: Die Engländer fielen sengend und brennend in der Picardie ein, die kaiserlichen Truppen drohten nach Siegen in Oberitalien auch nach Frankreich vorzustoßen. Aber die Kämpfe zogen sich hin, und da die Angriffe der Verbündeten nicht gleichzeitig erfolgten, zeigten die Schläge keine andauernde Wirkung. Im Gegenzug drängte Franz I. Karl III. von Bourbon über die Alpen zurück und verfolgte die kaiserlichen Heere. Oberitalien ging für den Kaiser erneut verloren. Siegen in Oberitalien auch nach Frankreich vorzustoßen. Aber die Kämpfe zogen sich hin, und da die Angriffe der Verbündeten nicht gleichzeitig erfolgten, zeigten die Schläge keine andauernde Wirkung. Im Gegenzug drängte Franz I. Karl III. von Bourbon über die Alpen zurück und verfolgte die kaiserlichen Heere. Oberitalien ging für den Kaiser erneut verloren. In dieser Situation kam dem Kaiser ein Glücksfall zu Hilfe. Franz I. hatte mit überlegenen Kräften bei der Verfolgung der kaiserlichen Truppen Pavia eingeschlossen. Als ein schwaches kaiserliches Entsatzheer mit deutschen Landsknechten unter dem erfahrenen Heerführer Georg von Frundsberg und spanische Truppen unter Karl von Lannoy, dem Vizekönig von Neapel, herbeieilten, ließ sich Franz I. zu einem übereilten Angriff verleiten. Er geriet zwischen die ausfallenden Truppen der Verteidiger und das anrückende kaiserliche Heer: Die Reihen des französischen Heeres wankten und wollten fliehen. Tollkühn warf sich Franz I. mitten ins Kampfgewühl, um die Seinigen aufzuhalten. Ein deutscher Landsknecht durchbohrte sein Pferd mit einer Lanze, Franz I. stürzte und gab sich dem Vizekönig Karl von Lannoy gefangen. Seine Truppen wurden zwischen Kaiserlichen aufgerieben, Tausende seiner Soldaten verloren das Leben. Der Sieg von Pavia 1525 gab Karl V. die Möglichkeit Frieden zu schließen. Zwar wollte er einen ritterlichen Frieden, der die christlichen Staaten einen sollte, zugleich verlangte er das Herzogtum Burgund, das Stammland seiner Väter. Die Maßlosigkeit seiner letzten Forderung – Burgund war schon lange fest in den französischen Staatsverband eingegliedert – wurde Karl nicht bewusst. Zähneknirschend unterzeichnete Franz I., er war als Gefangener nach Spanien gebracht worden, 1526 den »Frieden zu Madrid«. Darin verpflichtete er sich, auf seine Ansprüche gegenüber Mailand und Neapel zu verzichten, seine Oberhoheit über Flandern und Artois aufzugeben, Burgund dem Kaiser zu überlassen, dem Herzog von Bourbon dessen Länder zurückzugeben, seine Kinder als Geiseln bis zur Erfüllung des Vertrags dem Kaiser zu übergeben und ein hohes Lösegeld zu zahlen. Karl V. hatte scheinbar den ersten Höhepunkt seiner Herrschaft errungen, und seine Heirat mit Isabella von Portugal unterstreicht, dass er selbst seine Lage so einschätzte. Franz I. bringt Türken, Italiener und Engländer ins Spiel
Die folgenden politischen Ereignisse ließen jedoch den Friedensschluss wie ein Kartenhaus zusammenstürzen. Karl V. hatten den Bogen überspannt: Kaum war Franz I. freigelassen worden, erklärte er die Vereinbarungen mit Karl V. für null und nichtig, da sie unter Zwang entstanden seien. Bereits vier Monate später, am 22. Mai 1526, schloss er sich mit dem Papst, Venedig, Florenz und Mailand in der Liga von Cognac zusammen. Die italienischen Staaten sahen den Sieg des Kaisers mit Misstrauen und wechselten aus Sorge vor der Übermacht Habsburgs die Bündnisseite. In Calais gelang Franz I. ein weiterer diplomatischer Erfolg: Er schloss mit Kardinal Wolsey, dem diplomatischen Vertreter Englands, einen Waffenstillstand. Das war um so leichter, als Heinrich VIII. von England die Trennung von seiner ersten Frau, Katharina von Aragón, einer Tante Karls V., plante. Sie war die erste der sechs Frauen, die Heinrich VIII. ehelichen sollte. Schlimmere Nachrichten trafen aus Ungarn ein: Bei Mohäcs hatte 1526 ein türkisches Heer unter Suleiman II. die Ungarn besiegt, Karls V. Schwager Ludwig IL, König von Ungarn, war gefallen, und den Türken stand der Weg in die habsburgischen Kernlande offen. Es blieb kein Geheimnis, dass Franz L, der »allerchristlichste« König, sich mit den Feinden der Christen, den Türken, verbunden hatte, um Frankreich aus der habsburgischen Schlinge zu ziehen. Nationale Erwägungen hatten religiöse Bedenken schnell zum Schweigen gebracht, zumal der Erfolg bald die Mittel heiligte. Frankreich blieb durch den türkischen Angriff von einer Niederlage verschont, letztlich verdankt auch die Reformationsbewegung in Deutschland beiden Feinden Karls V., dass sie sich in den Anfangsjahren relativ ungestört ausbreiten konnte. Meuternde Landsknechte, »Sacco di Roma« und Übertritt der Genueser
Erneut wurde Italien zum Zentrum der militärischen Auseinandersetzungen. Karls V. Bruder Ferdinand sandte Georg von Frundsberg mit einem Landsknechtsheer über die Alpen; in Bologna schlossen sich die Truppen des Herzogs von Bourbon an. Die Soldaten, schon seit Langem ohne Sold, drohten zu meutern. Als Frundsberg seine Landsknechte zur Ordnung rufen wollte und diese sich offen gegen ihn mit ihren Lanzen wandten, brach Frundsberg, vom Schlag getroffen, zusammen. Das führerlose Heer zog nun plündernd und marodierend über die Toscana nach Rom. Der Hass gegen den Papst, den Feind des Kaisers und Luthers, entlud sich in einer Woge von Gräueln: 15000 Mann drangen in Rom ein, mordeten, folterten, raubten ohne Ansehen von Freund und Feind. Selbst der Papst, der sich in die Engelsburg geflüchtet hatte, musste sich den Anführern der Soldaten ergeben. Diese Plünderung Roms im Mai 1527, genannt »Sacco di Roma«, die durch die großen materiellen Verluste indirekt auch die Zeit der Renaissance in Rom beendete, wurde von vielen Zeitgenossen, insbesondere von den deutschen Lutheranern als ein Strafgericht Gottes betrachtet, das über das römische Babel hereingebrochen sei. Für Frankreich und England bot die Plünderung Roms einen in der Öffentlichkeit gut zu rechtfertigenden Anlass, Karl V. den Krieg zu erklären. Die Lage wurde für Karl bedrohlich, als der Genueser Admiral Andrea Doria gemeinsam mit Frankreich Neapel angriff und die Stadt belagerte. Als jedoch Andrea Doria auf die Seite des Kaisers wechselte, wandte sich das Kriegsglück und Neapel konnte aufatmen. Genua erhielt jetzt für den Einsatz seiner Flotte auf der Seite des Kaisers seine alte Unabhängigkeit verbrieft, und Andrea Doria übernahm als kaiserlicher Großadmiral die Führung der künftigen Auseinandersetzungen im Mittelmeer gegen die Türken und gegen Frankreich. Durch die Tatkraft und das diplomatische Geschick von Karls Tante Margarete, der Regentin der Niederlande, die mit ihrer Jugendfreundin Louise von Savoyen, der Mutter Franz I., insgeheim Verhandlungen begann, wurde am 3. August 1529 ein Friede zwischen beiden wirtschaftlich erschöpften Mächten erreicht: Diese Vereinbarung, die zu Ehren der beiden Frauen auch »Damenfriede von Cambrai« genannt wird, zeigte sich realistischer in der Einschätzung des politisch Möglichen als seinerzeit der Friedensschluss von Madrid; sie wiederholte in den meisten Punkten die Bestimmungen des Madrider Friedens, wies jedoch eine wesentliche Ausnahme auf: Karl V. verzichtete auf die Herausgabe des Herzogtums Burgund. Darüber hinaus wurde Karls V. Schwester Eleonore, die Braut Franz’ I., zur Königin von Frankreich erklärt, und zwei Millionen Taler Lösegeld für die als Geiseln gestellten Kinder des französischen Königs entlasteten Karls angespannte Finanzlage. Kaiserkrönung in Bologna: die letzte in der Geschichte des Reiches
Jetzt schien der Weg frei, nicht nur die Kaiserkrone in Italien vom Papst zu empfangen, sondern auch in Deutschland die Ketzerei der Reformation zu beenden. Nachrichten aus Wien, das von den Türken eingeschlossen worden war, drängten zur Eile. Mit dem Papst hatte Karl V. bereits Frieden geschlossen, und Bologna war als Krönungsort vereinbart worden, zumal Rom noch die Spuren der Verwüstung durch die kaiserlichen Truppen, des »Sacco di Roma«, trug. Karl reiste von Spanien nach Bologna, die deutschen Kurfürsten konnten angeblich aus Zeitmangel ihrer verfassungsmäßigen Pflicht nicht nachkommen und den Kaiser bei der Krönung begleiten. Dagegen war der übrige Adel Italiens, Deutschlands, Spaniens und der Niederlande in Scharen erschienen, nicht nur um dem Kaiser zuzujubeln, sondern auch um sich im luxuriösen Lebensstil zu überbieten. In einer goldfunkelnden Rüstung kniete Karl V. vor Papst Clemens VII. und empfing aus dessen Hand als letzter deutscher Kaiser die Kaiserkrone und die Eiserne Krone der lombardischen Könige, die – so die Legende – aus einem Nagel des Kreuzes Christi gefertigt sein soll. Der Kampf um die Vormachtstellung zwischen dem Haus Habsburg und der französischen Krone freilich war damit keineswegs beendet, sondern nur für eine Zeitspanne aufgeschoben. Der erste Akt dieses zweiteiligen Dramas nahm bereits den Höhepunkt vorweg, ohne das Problem zu lösen. Nach einer kurzen Atempause sollte der Konflikt zwischen Habsburg und Frankreich erneut aufflackern. Soziale und religiöse Spannungen – Das Reich zwischen Reformation und Revolte
Knapp zehn Jahre war Karl V. nicht mehr im Deutschen Reich gewesen, jetzt kehrte er als vom Papst gekrönter Kaiser, Friedensstifter und mächtigster Fürst der Christenheit zurück. Was durfte das Volk, was durften die Stände und die Fürsten von ihm erwarten? Seine Aufgabe als gerechter Herrscher war es, die Armen und Schwachen zu unterstützen, den Unterdrückten beizustehen. Doch würde er sich dazu bereitfinden? Dem Betrachter der Bilder, die aus dieser Zeit überliefert sind, fällt es schwer, hinter den glänzenden Erscheinungen der Fürsten, der Bischöfe, der reichen Kaufleute, der waffenklirrenden Schlachten und kirchlichen Feste das alltägliche Leben der Menschen wahrzunehmen. Rund vierzehn Millionen Menschen – so schätzt der Historiker Wilhelm Abel – lebten damals im Deutschen Reich. Die Lebensgrundlage dieser Menschen bildeten Landwirtschaft und Handwerk, trotz der stürmischen Entwicklung des Bürgertums mit seinen Handelshäusern in Städten wie Augsburg und Nürnberg, in denen Geschlechter wie die Fugger, Welser, Tucher ungeheure Reichtümer häuften. Über 90 Prozent der Menschen aber lebten in kleinen Städtchen und Dörfern, die beiden größten Städte waren Köln und Danzig mit etwa 30000 Einwohnern. Handwerkliche und bäuerliche, in all ihren Arbeitsgängen überschaubare Tätigkeiten bestimmten den Alltag, die Abgaben der Bauern ernährten die Grundherren: den Adel und die Kirche. Adelige und kirchliche Würdenträger und in den Städten die dünne, reiche Oberschicht des Bürgertums bildeten eine durch Standesschranken abgeschlossene Führungsgruppe, die, obgleich zahlenmäßig eine verschwindende Minderheit, vollkommen die rechtlichen und politischen Entscheidungen in der Hand hatte. Unsicherheit des Lebens – Sehnsucht nach Rechtssicherheit
Wollen wir das Leben dieser Zeit verstehen, so müssen wir die heutigen Errungenschaften der Technik und Zivilisation ausblenden: Die Menschen lebten damals in unmittelbarer Abhängigkeit von guten und schlechten Ernten, bedroht von Seuchen und Kriegswirren. Die Versorgung einer Stadt mit dem Nötigsten zum Leben stellte die Menschen vor größte Probleme: Tagelang brauchten kleine Fuhrwerke, um auf schlechten Wegen von einer Stadt zur nächsten zu gelangen. Die Wege waren unsicher: Räuber oder Raubritter überfielen die Züge der Kaufleute, sofern sie nicht genügend bewaffnet erschienen. Die Maßnahmen der Obrigkeit gegen die landschädlichen Leute, wie die Räuber auch genannt wurden, waren grausam und willkürlich. Bauern und Bürger konnten von den Stadtknechten oder fürstlichen Landreitern ohne viel Federlesens gefangengesetzt oder der Folter unterworfen werden, ohne dass damit Schuld und Unschuld der Gequälten bewiesen wurden. Hier sollte Karls V. »Peinliche Gerichtsordnung«, die berühmte »Carolina«, die für den Ablauf der Prozesse, die Anwendung der Folter, die Zurechnungsfähigkeit des Angeklagten usw. Regeln festsetzte, zumindest Besserung bringen, als sie 1532 auf dem Reichstag zu Regensburg beschlossen wurde und bis ins 18. Jahrhundert hinein Gültigkeit behielt. Leider blieb die Wirklichkeit – und dies belegen die Hexenprozesse – häufig von dieser Rechtsnorm weit entfernt. Es fällt heute schwer, sich einen Alltag vorzustellen, der von einer übermächtigen Natur geprägt ist. Die Nacht senkte Stadt und Land in tiefste Dunkelheit und Stille, nur Mutige und Reiche, diese in starker Begleitung, wagten sich dann noch auf die Straßen der Städte, so groß war die Gefahr, in die Hände von Verbrechern zu fallen. Auch der Winter traf die Menschen mit aller Strenge, unterbrach die Verbindungswege, und oft folgten der Kälte und der schlechten Ernährung Seuchen und Tod. Hatten die großen Denker der Renaissance wie Kopernikus oder Galileo Galilei versucht, mit dem Verstand die Gesetze der Natur zu ergründen, so suchten doch die meisten Gebildeten abergläubisch in der Stellung der Gestirne ihr Schicksal abzulesen. Hexen und Geister, so fürchteten die Menschen, trieben nachts ihr Unwesen, verhexten Mensch und Tier oder bestimmten Glück und Unglück im Leben. Auch vor den Türen der Kirche machten weltliche Vorstellungen und Herrschaftsverhältnisse nicht halt, was ein schwunghafter Reliquien- und Ablasshandel und eine von den Machtinteressen des Adels bestimmte Kirche bestätigten. Angesichts dieser Wirrnisse gewann die Sehnsucht nach einer von Gott gegebenen rechtlichen und gesellschaftlichen Ordnung, wie man sie in den altüberlieferten Rechten und Gebräuchen zu greifen glaubte, größte Bedeutung. Genau dort, wo diese Überlieferung infrage gestellt wurde, entzündeten sich gesellschaftliche Konflikte. »Ritteraufstand« und »Bauernkrieg«
Zwei Gruppen der Gesellschaft sahen sich in ihrer Existenz und in ihren Rechten besonders gefährdet: Zum einen hatten die Ritter durch die Entwicklung der Feuerwaffen und den Einsatz von Landsknechtsheeren ihre alten Aufgaben weitgehend verloren und blieben durch die wachsende Macht der Territorialherren, der Fürsten, mehr und mehr von Entscheidungen im Reich ausgeschlossen. Zum anderen gärte es bei den Bauern, deren alte Rechte und Möglichkeiten durch die Ausweitung der Landesherrschaft immer stärker beschnitten und durch das Aufblühen der Städte beeinflusst worden waren. Voll Neid auf die reichen Kaufleute, die »Pfeffersäcke«, und ermutigt durch die Lehren der Reformation, suchte Franz von Sickingen im »Ritteraufstand« (1522-1523) sich an kirchlichen Gütern zu entschädigen, suchten die Bauern, indem sie sich auf die Bibel und Worte der Reformation beriefen, im »Großen Bauernkrieg« (1524-1525) die alten Rechte wiederherzustellen. Der blutige Sieg der Fürsten über beide Revolten – mehr als 100000 Bauern wurden erschlagen, gehenkt, verbrannt – bestätigte ihre Machtstellung. Auch Thomas Müntzers Traum von einem Gottesreich auf Erden, das den Menschen Gleichheit an Gütern und Ansehen bringen sollte, zerschellte bei Frankenhausen am 15. Mai 1525 mit der Niederlage der mitteldeutschen Bauern, an deren Spitze er sich schließlich gestellt hatte. In diesen Auseinandersetzungen waren die Fürsten Sieger geblieben, und Luthers Abwendung von den Bauern und die Errichtung des landesherrlichen Kirchenregiments hatten die fürstliche Stellung noch verstärkt. Die Frage war nun, wie sie sich dem zurückkehrenden Kaiser gegenüber, insbesondere in der Glaubensfrage behaupten würden. Katholiken und »Protestanten« – Gespaltenes »Reichsregiment«
Als der Kaiser 1521 das Reich verlassen hatte, übernahm das in Worms beschlossene »Reichsregiment« anstelle des Kaisers die Führung, konnte aber, kontrolliert von den ja teilweise Luther zuneigenden Fürsten, zu keiner Klärung der Glaubensprobleme gelangen und auch nicht die Bestimmungen des »Wormser Ediktes« strikt durchsetzen. Nur auf einen milden Kompromiss konnten sich die Stände während der Reichstage zu Nürnberg einigen: Die Stände sollten dem »Wormser Edikt« so weit wie möglich nachkommen. Ansonsten forderte man einstimmig die baldige Einberufung eines Konzils, das die Kirche an Haupt und Gliedern reformieren und die Glaubensfragen klären sollte. Ähnlich lautete auch der »Abschied« des Reichstages von Speyer 1526. Die Stände sollten sich gegenüber dem »Wormser Edikt« so verhalten, »wie ein jeder solches gegen Gott und die kaiserliche Majestät hofft und vertraut zu verantworten«. Drei Jahre später auf dem Reichstag zu Speyer 1529 gelang es den kaiserlichen Vertretern und der Mehrheit des Reichstages, die noch den alten Glauben verteidigten, eine härtere Gangart durchzusetzen: Das »Wormser Edikt« sollte nun verwirklicht werden. Gegen diesen Mehrheitsbeschluss wandten sich die Proteste der evangelischen Fürsten. Der Kurfürst Johann von Sachsen, Markgraf Georg von Brandenburg, Herzog Ernst von Braunschweig, der Landgraf von Hessen, der Fürst von Anhalt und vierzehn Reichsstädte erklärten feierlich und öffentlich, dass sie einen Mehrheitsbeschluss in Glaubensfragen nicht anerkennen könnten: »In Sachen Gottes Ehre und der Seelen Seligkeit belangend muss ein jeglicher für sich selbst vor Gott stehen und Recht geben.« Dieser Protest wurde namensstiftend: Seither nannte man sie »Protestanten«. Sie hatten zugleich eine höchst politische Frage, die bis heute nachreicht, angeschnitten. Aber das Problem der Mehrheitsentscheidung fand damals nur aus einem sehr engen Blickwinkel Beachtung: Es ging nicht um die Frage, ob Untertanen sich Mehrheitsentscheidungen entziehen und für sich selbst in Glaubensfragen entscheiden könnten – das kam den Fürsten gar nicht in den Sinn -, sondern die Frage war, ob sie, die damaligen Machtträger, durch solche Entscheidungen in religiösen Fragen gebunden werden konnten. Die Spaltung im Reich war unübersehbar verschärft, zudem hatten sich die Protestanten zum ersten Mal öffentlich zur neuen Lehre bekannt. Würde der zurückkehrende Kaiser eine Lösung finden? Johannes I.Johann(es) I., der Beständige, Kurfürst von Sachsen, seit 1486 Mitregent seines Bruders Friedrich III, Führer der Protestanten, Begründer des Schmalkaldischen Bundes. Cranach-Schule. Florenz, Uffizien. Als Karl V. 1530 nach Augsburg zum Reichstag lud, überraschte es die Zeitgenossen zunächst, dass er nicht an das »Wormser Edikt« anknüpfte, sondern in einer versöhnlichen Geste die Gegensätze zu überbrücken suchte. Die Protestanten überreichten dem Kaiser die »Confessio Augustana«, eine Schrift, die die Glaubenssätze der Lutheraner zusammenfasste. Der Humanist Melanchthon hatte sie in Abstimmung mit Luther, der auf der Veste Coburg die Ergebnisse des Reichstages abwartete, verfasst. Trotz versöhnlicher Haltung beider Seiten scheiterte die Einigung. Enttäuscht und ohne Verständnis entschloss sich Karl V., zur harten Politik des »Wormser Edikts« zurückzukehren und gewaltsam gegen die Protestanten vorzugehen. Da es Karl V. gelang, die Wahl seines Bruders Ferdinand zum römischen König durchzusetzen, drohte den Fürsten eine neue Machtkonstellation: die habsburgische Erbmonarchie. Der Schmalkaldische Bund
Diese Ereignisse nötigten die Protestanten unter den Fürsten, sich nun offiziell zu gemeinsamem Schutz in einem militärischen Bündnis zusammenzuschließen. Am 27. Februar 1531 trafen die Vertreter der protestantischen Fürsten und Städte in dem kleinen Ort Schmalkalden am Fuß des Thüringer Waldes die Vereinbarung, ihre Religion auch mit Waffengewalt zu verteidigen. Damit hatten sich die Lutheraner angesichts der kaiserlichen Drohung für das Widerstandsrecht ausgesprochen. Zugleich war dieses Bündnis auch ein Versuch, die fürstliche Libertät vor der Zentralgewalt des Kaisers zu schützen. Ein Beweis dafür ist das katholische Baiern, das zwar in seinen Grenzen die Protestanten streng verfolgte, sich aber dennoch dem Schmalkaldischen Bund anschloss. Karl V. zögerte angesichts dieser Igelstellung der Fürsten und Stände, und als bedrohliche Nachrichten von einem erneuten Anrücken der Türken den Hof erreichten, gab er zunächst seinen Plan, die Protestanten gewaltsam niederzuwerfen, auf. Im Sommer 1532 kam es in Nürnberg zu einem vorläufigen Frieden zwischen den Religionen, zum »Nürnberger Anstand«, wie die Vereinbarung zwischen Kaiser und Fürsten benannt wurde; der Kompromiss bedeutete für beide Seiten einen Aufschub: Der Kaiser bekam den Weg frei, sogar mithilfe der Lutheraner gegen die Türken zu ziehen. Die protestantische Lehre aber konnte sich nun in ganz Europa verbreiten: Norwegen, Dänemark, Schweden, Finnland und Teile Ostpreußens schlossen sich der neuen Lehre an. Die Glaubensbewegung in der Schweiz nahm, da eine Einigung mit den Lutheranern scheiterte, eine eigene Entwicklung, welche die Ablösung der Schweiz vom Reich weitgehend vervollständigte. Nachzutragen bleibt, dass im November 1530 Karls Tante, die Statthalterin der Niederlande, Erzherzogin Margarete von Österreich, starb. Sie war ihm eine unermüdliche und kluge Beraterin gewesen, und ihr Tod muss ihn hart getroffen haben. Er bestimmte seine Schwester Maria, die Witwe des Königs von Ungarn, zu ihrer Nachfolgerin. Gegen osmanische und französische Expansion
Der osmanische Sultan Suleiman II. oder der Prächtige hatte erneut mit großen Mitteln einen Kriegszug gegen Wien vorbereitet. Eine riesige türkische Armee von 250000 Mann stand am 24. Juni 1532 in Belgrad, bereit, gegen die habsburgischen Kernlande und das Reich vorzustoßen. Suleiman selbst führte das Heer. In höchster Eile zog Karl V. Truppen zusammen, um dem Sultan entgegenzutreten. Selbst das Reich und die Lutheraner stellten eine Armee von 29000 Mann und 5000 Mann Reiterei. Sein Bruder Ferdinand zog ein Heer von über 30000 Mann zusammen, und die übrigen habsburgischen und befreundeten Länder, so auch Polen, eilten mit weiteren 30000 Fußsoldaten und 20000 Berittenen zu Hilfe. Karl V. rückte mit diesem großen Heer gegen Wien vor, und die kaiserliche Flotte, geführt von Andrea Doria, griff die türkischen Gebiete im Mittelmeer an. Die Hauptmacht der Türken stand bereits bei Güns, einer kleinen Festung nur zwölf Meilen von Wien entfernt. Auf die Nachricht von dem kaiserlichen Vormarsch hin zog sich der Sultan, ohne die offene Schlacht zu wagen, mit seinem Heer zurück. König Ferdinand übernahm die Verfolgung der türkischen Truppen, während sich Karl V. erneut nach Spanien begab. In einem Kreuzzug wollte er gegen die gefürchteten Seeräuber vorgehen, die unter dem Korsaren Chairedin Barbarossa die Küstenstädte ausraubten, die Handelswege unsicher machten und zu Tausenden gefangene Christen als Sklaven verkauften. Angeblich galt die Jagd besonders den schönen Christenmädchen, die für schwere Münze in die Harems der Muselmanen wanderten. Mit Unterstützung des Sultans und mit Billigung Frankreichs hatte Chairedin Barbarossa eine schlagkräftige Flotte aufgebaut und schien in seinen Stützpunkten an der Küste Nordafrikas unangreifbar. Sieg im Mittelmeer
Karl V., der sich durch die Gefährdung der Transportwege zwischen Italien und Spanien unmittelbar betroffen sah, rüstete eine große Flotte. Unter der Führung Andrea Dorias gelangen ihm bei La Goletta und Tunis große Erfolge: Er erbeutete fast die gesamte Flotte Barbarossas, mehr als 80 Schiffe und befreite Tausende von Christensklaven. Chairedin Barbarossa entkam jedoch nach Algier. Durch die Erfolge Karls V. über Suleiman II. und Chairedin Barbarossa sah Franz I. von Frankreich das labile Gleichgewicht zwischen Habsburg und Frankreich gefährdet, besonders da die türkische Macht durch die Schläge des Kaisers in die Defensive gedrängt worden war. Da bot der Tod des Herzogs von Mailand, Francesco Sforzas, einen willkommenen Anlass, den Kaiser in Oberitalien herauszufordern. Karl V. hatte die sich entwickelnde Situation durch Eigensinn selbst mitverschuldet, als er seine kaum zwölfjährige Nichte mit dem alten Herzog zwei Jahre vorher verheiratet hatte. (Empört hatte seine Schwester Maria, die Statthalterin der Niederlande, geschrieben: »Es ist gegen Gott, die Natur und die Vernunft, ein Mädchen von elfein-halb Jahren, die noch nichts von einer Frau hat, zu verheiraten und den Gefahren einer Schwangerschaft auszusetzen.«) Die Ehe war kinderlos geblieben, und Franz I., der Erbansprüche geltend machte, schuf vollendete Tatsachen: er fiel in Oberitalien ein. Text der Zeit
Die Türken vor Wien 1529

[Am 26. September] da hat sich der türkische Kaiser eigener Person gewaltiglich rings um die Stadt auf dem Wasser und auf dem Land [...] gelagert, und sind der aufgeschlagenen Gezelte in die 25000 und darüber geachtet und geschätzt worden, denn sie auf St. Stefans Turm gegen Schwechat wärts niemand wohl übersehen mögen. Mittlerzeit sind alle Tore, ausgenommen den Salzturm, so allein zum Ausfallen freigehalten, verterrasset [verbarrikadiert] worden. Und daneben haben die Herren Verwalter [...] der Proviant und anderer Sachen halber Ordnung fürgenommen, wie es in Zeiten der Not gehalten und gehandelt werden sollte. [...] Und dieweil [der türkische Kaiser] gemerkt, dass sich jedermann zur Wehr gestellt und die Stadt nicht aufgeben wollen, als er dann ernstlich nicht anders verhofft, denn jedermann würde fliehen und er die Stadt ohne Widerstand erobern mögen, deshalb er auch aus großem Hochmut, Verachtung und Eile sein schweres Geschütz alles etliche Meilen unterhalb Wien, ungefähr um Kosmorn, gelassen, und also aus Gnaden Gottes und ritterlicher Gegenwehr seine Anschläge und Fürnehmen keinen Fortgang gehabt: hat er sich [...] mit großem Vorteil, Fürsichtigkeit und Listen mit aufgeworfenen Gräben und verborgenen Schanzen [...] gelagert. [...] Wiewohl oben gemeldete Janitscharen [Elitetruppen], als des Kaisers Gnade, und darauf er all sein Herz und Vertrauen gesetzt, allein auf seine Person zu wartm verordnet, haben sie doch täglich abgewechselt und sind ohne Unterlass an die fünf- oder sechstausend mit ihren Handröhren und Flitschbögen sonderlich vor dem Kärntner Tor in der Vorstadt, hinter den öden verbrannten Mauern, daraus sie ihre Schanzen und Schießlöcher gemacht, gelegen, und sich am meisten von St. Augustins Kloster an [...] bis hinab vor den Kärntner Turm [...] weder mit Graben, Sprengen noch Stürmen angenommen und das gewaltigste, unglaubliche Schießen mit Schlangen und Falkonetten [Geschützen] angestellt [...] und mit Handröhren und Flitschen oder Handbögen dergleichen stündlich ohne Aufhören dermaßen vollbracht, dass sich die in der Stadt auf der Mauer zwischen den Zinnen nirgendwo haben sehen noch blicken lassen [können]; den die Janitscharen haben hinter dem Gemäuer ganz sicher und gewiss geschossen und sehr viele Knechte beschädigt. Es ist auch keiner in der Kärntnerstraße sicher gegangen noch gestanden, so gar ohne Unterlass sind die Handbogenpfeile, die eines Teils fast köstlich mit Perlen geschmückt gewest, und die Handrohrkugeln wie der Hagel nieder in die Gassen und auf die Rinnen und Dächer gefallen. Unter und zwischen solchem unerhörten Schießen haben die Feinde [...] ein unmenschlich Graben allenthalben unter der Erden gegen den Kärntner Turm und der Stadtmauer verbracht, doch vor dem Dunst und Hall weder gesehen noch gehört werden mögen. [...] Den achten Tag Octobrist [...] haben die Feinde unterhalb des Kärntner Tores [...] die Stadtmauer 13½ Klafter lang und nit weit davon abermals einen Teil der Mauer bis über die Mitte unterhackt und am gemeldeten Tag Pulver untergefüttert, in der Meinung, dieweil sie die Mauer auswendig unterhackt, die selbe hinein in die Stadt wärts zu sprengen. Als das in der Stadt vermerkt worden, hat man die Mauer allenthalben mit großen starken Bäumen unterspreizt, und da die Feinde das Pulver angezündet, ist dasselbe durch die Gnade Gottes, und nachmals öfter, ohne Schaden aufgefahren und ihnen das Sprengen missraten. [...] Am neunten Tag früh huben die Feinde an und unterstunden sich, unterhalb des Kärntnertores durch ein Schutzloch in die Stadt zu kommen, und haben sich den ganzen Tag gewaltiglich darum gerungen, sind aber zuletzt abgetrieben worden. Und nach Mittag zwischen zwei und drei Uhren haben sie heftiglich zu schießen angefangen und die Mauer neben dem Kärntnertor gegen St. Claren über an zwei Orten gesprengt, und von Stund an gewaltiglich den Sturm angelaufen, in welchem Anlauf viel Türken umgekommen. [...] Vom 9. bis auf den 12. Octobris haben die Feinde täglich und stündlich geschossen, in die Gräben und hinauf bis an die Mauern gelaufen und ein Lärmen nach dem andern angefangen. Dagegen habens in der Stadt im gleichen Fall auch nicht gefeiert, mit großem und kleinem Geschütz ohne Unterlass gegen sie gearbeitet, und daneben die ganze Zeit der Belagerung auf St. Stefans Turm und St. Claren Platz mit Heerpauken, Trompeten, Posaunen und Schalmeien gehofieret, auch Trommel und Pfeifen stündlich nach Kriegsordnung gebraucht: das die Feinde doch verdrossen, und haben ohne Zweifel ein sonder Entsetzen ob solchem Trutz gehabt. [...] Von dem 12. Tag bis auf den 14. Octobris zum Abend sind die Feind still gewest [...] darnach zur Nacht fingen die Feinde heftiger an zu schießen denn vor je. Und ungefähr um 11 Uhr zu Mitternacht sind die Janitscharen aus den Vorstädten mit großem Geschrei [...] abgezogen, und alle ihre Läger, auch was aufrecht geblieben an den nächst umliegenden Dörfern und in der Vorstadt Häusern angezündet, und am Freitag, den 15. Tag Octobris ist der Türkische Kaiser vor Tage auch aufgebrochen und mit ihnen verrückt [abgerückt]. [...] Und in Summa solcher der Feinde Abzug hat bis auf den Donnerstag ganzer acht Tage lang gewährt. [...] Als nun davor am 15. Octobrist des türkischen Kaisers Abzug geschehen, haben hoch- und wohlgedacht Fürsten, Grafen und Herren ein Lobamt von der Heiligen Dreifaltigkeit zu singen verordnet, samt allen Obristen und Hauptleuten in die Kirche sich verfügt, dasselbe mit Andacht angehört und um ihres schweren Lasts Erledigung Gott dem Allmächtigen Lob und Dank gesagt. Danach zu Abend ist alles Geschütz abgegangen und auf den Türmen posaunet und trompetet worden. Also hat der allmächtige barmherzige Gott diese Stadt Wien, an welcher der Königlichen Majestät und dem Heiligen Reich dieser Zeit gar merklich viel gelegen, samt allen obberührten Fürsten, Grafen, Herren etc. von vielen bösen Freunden und grausamsten Feinden, den Türken, gnädiglich erledigt und errettet. Denselben sei allein Lob, Ehr und Preis immer und ewiglich. Amen.
Aus: Hans Lewenklaw von Amelbeurn, Neuwe Chronica Türkischer Nation, Frankfurt 1590 und Fritz Dickmann »Renaissance, Glaubenskämpfe, Absolutismus«. Zum dritten Mal Krieg mit Franz I.
Der dritte Krieg (1536-1538) zwischen Habsburg und Frankreich begann. Franz I. verbündete sich nun offen mit dem Sultan und Chairedin. Chairedin überfiel Neapel und verheerte die Küstenstriche der spanischen Länder. Der Sultan rückte erneut gegen Österreich vor, und Ferdinand erlitt bei Esseg an der Drau eine empfindliche Niederlage. Karl V., von der Expedition gegen Chairedin nach Italien zurückgekehrt, beklagte sich bitter vor dem Papst über die Untreue des französischen Königs. In bewegenden Worten suchte er Papst Paul III. von seiner neutralen Haltung gegenüber Frankreich abzubringen, und forderte Franz I. zu einem ritterlichen Duell heraus. Er hoffte, hier noch ganz dem mittelalterlichen Denken verhaftet, auf ein Gottesurteil, doch Franz I. wies diesen Vorschlag brüsk zurück. So brachen die Kaiserlichen von zwei Seiten in Frankreich ein und verwüsteten die Picardie und die Provence. Diese Ermattungsfeldzüge vermochten jedoch nicht Franz I. aus Savoyen und Turin in Oberitalien zu vertreiben. Durch die großen Kosten der ständigen Kriege drohten die reichsten Länder des Kaisers, insbesondere die Niederlande, auszubluten, noch schlimmer stand es mit Frankreich. Friede in Nizza – Aufstand in Gent
In dieser Lage ergriffen erneut zwei Frauen die Initiative: Maria, Statthalterin der Niederlande, und Eleonore, Königin von Frankreich; sie waren beide Schwestern Karls. In geheimen Verhandlungen gelang es ihnen mithilfe des Papstes, die Gegner zu einem Waffenstillstand auf zehn Jahre zu bewegen: In Nizza versprach Franz I. das Bündnis mit dem Sultan aufzugeben, Karl V. überließ ihm Teile Savoyens und Piemonts. In Aigues-Mortes trafen sich beide im friedlichen und brüderlichen Gespräch, das die Feindseligkeiten zwischen ihnen beseitigte, ja Franz I. lud den Kaiser dazu ein, den nächsten Weg in die Niederlande statt auf dem stürmischen Meer über den sicheren Boden Frankreichs zu nehmen. Den Streit um Mailand hatte man ausgeklammert. Die Freude Karls V. über die Atempause wurde durch zwei Ereignisse zerstört: Am 1. Mai 1539 starb seine Frau, Kaiserin Isabella. Er hatte sie sehr geliebt, und die Nachricht über ihren Tod trieb ihn voll Bitterkeit in die Einsamkeit des Klosters Las Silas bei Toledo. Dort erreichte ihn die Kunde über einen Aufstand der Bürger von Gent in Flandern, die sich gegen neue Abgaben wehrten und durch die Kriege mit Frankreich in ihren Handelsbeziehungen zu diesem Land empfindlich gestört worden waren. Franz I., auf dessen Hilfe sie gebaut hatten, ließ jedoch den Kaiser mit seinen Truppen durch Frankreich nach Gent reisen. Grausam nahm dieser Rache: Die Anführer des Aufstandes ließ er hinrichten, ein ganzer Stadtteil wurde eingerissen und darauf eine Festung des Kaisers errichtet. Erneutes Stillhalteabkommen mit den Protestanten
Von Gent reiste Karl V. nach Deutschland weiter, um erneut Hilfe des Reiches gegen die Türken zu gewinnen. Auch glaubte er noch immer, dass die Gegensätze zwischen den Konfessionen doch noch zu überbrücken seien. Bereits 1536 hatte er den Reichsvizekanzler Matthias Held nach Deutschland geschickt, um zwischen den Parteien zu vermitteln. Aber das Gegenteil war eingetreten: Für Held waren Türken, Franzosen und Lutheraner gleichermaßen Feinde, und es war ihm 1538 gelungen, König Ferdinand zur Gründung einer »Katholischen Liga« zu bewegen. Diese blieb, da ihr nur die Bischöfe von Salzburg und Magdeburg beitraten, ein Misserfolg, der aber die Fronten unnötig verhärtete. Auf dem Reichstag zu Regensburg 1541 bemühten sich erneut beide Parteien um eine Annäherung, auch der päpstliche Legat zeigte sich ernstlich um eine Lösung bemüht, doch vergebens. Aber für eine Gewaltlösung war die Lage ungünstig. Nach einer Niederlage Ferdinands bei Pest waren Ofen – aus den beiden Orten entstand später Budapest – und weite Teile Ungarns an die Türken verlorengegangen; noch gefährlicher waren die neuerlichen Angriffe Chairedins auf die Verbindungswege zwischen Neapel und Spanien. Karl V. entschloss sich, das Stillhalteabkommen von Augsburg (1532) in Regensburg (1541) zu verlängern, um sich der gefährlichen Lage im Mittelmeerraum zuzuwenden. Er selbst leitete das Unternehmen gegen Algier, mit dem er Chairedin Barbarossa endgültig zu schlagen suchte. Aber widrige Stürme und gewaltige Regenfälle zwangen die Spanier, die Belagerung Algiers unter großen Verlusten abzubrechen, zumal ein Teil der Flotte gesunken war. So brachte der Herbst des Jahres 1541 bittere Enttäuschungen. Erst 1571 sollte es dem illegitimen Sohn Karls V., Don Juan de Austria, gelingen, die türkische Mittelmeerherrschaft in der Seeschlacht von Lepanto zu beenden. Karls V. Misserfolge riefen erneut Franz I. auf den Plan. Als Anlass bot sich die Ermordung zweier französischer Gesandter bei Pavia. Im Bündnis mit den Türken, Dänen, Schweden, Schotten und dem Herzog von Kleve erklärte er Karl V. den Krieg. Die zwischen Frankreich und Habsburg schwankenden protestantischen Stände blieben angesichts der brutalen Verfolgung ihrer Glaubensbrüder in Frankreich und des offenen Bündnisses mit dem Sultan zunächst neutral. Unterstützung durch die Protestanten
Als der Kaiser nach einem raschen Erfolg über das Herzogtum Kleve und der großmütigen Behandlung des Herzogs – er erhielt die Nichte des Kaisers zur Frau – auf dem Reichstag zu Speyer 1544 den Protestanten ein großzügiges Angebot unterbreitete, versprach der Reichstag seine Unterstützung. 24000 Mann Fußsoldaten und 4000 Reiter wollte er sechs Monate lang unterhalten, dafür verlängerte der Kaiser den Religionsfrieden: Kein Fürst solle seines Glaubens wegen verfolgt werden, die von den protestantischen Fürsten säkularisierten Kirchengüter erkenne er an, und das Reichskammergericht stellte alle Verfahren gegen die Protestanten ein. Jetzt hoffte der Kaiser, Franz I. rasch in die Knie zwingen zu können. Zudem versprach Heinrich VIII. von England, mit dem Karl V. seit 1540 insgeheim Kontakte geknüpft hatte, ebenfalls in Frankreich einzufallen. Zwar erzielte Franz I. in Oberitalien Erfolge, aber es drohten Nordfrankreich und die Hauptstadt Paris von den anrückenden deutschen und englischen Truppen eingenommen zu werden. Franz I. willigte deshalb rasch in Friedensverhandlungen ein, und am 18. September 1544 wurde zu Crépy-en-Laonnois, unweit von Laon, der Friede geschlossen, der den vierten Krieg zwischen Karl V. und Franz I. beendete. Wenige Jahre später, 1547, starb Franz I.: Kaiser Karl V. war auf dem Höhepunkt seiner Macht. Mit Gewalt gegen die Protestanten
Auf dem Reichstag zu Regensburg 1541 und Speyer 1544 hatte der Kaiser in außenpolitischer Not den Protestanten den religiösen Frieden und die Anerkennung der Landeskirchen und der verweltlichten Bistümer versprochen. Wie aber verhielt er sich jetzt, da er den Hauptgegner Franz I. überwunden hatte? Was galten nun seine Versprechungen? – Endlich war der Wunsch des Kaisers und vieler Christen in Erfüllung gegangen: der Papst hatte 1545 ein Konzil nach Trient einberufen. Trient am Fuße der Alpen im engen Tal der Etsch lag noch im Reich, und es bestand Aussicht, dass auch die Vertreter der Protestanten dorthin kommen könnten, um ihre Belange darzulegen. Mit Spannung erwartete man die ersten Maßnahmen des Kaisers. Nach außen hin verlegte sich der Kaiser gegenüber den Protestanten auf eine Hinhaltetaktik: Auf den Reichstagen zu Worms und Regensburg 1545/46 verhandelten beide Seiten weiterhin, ohne einer Lösung näherzukommen. Insgeheim hatte er sich schon 1544 in Cr6py für eine gewaltsame Lösung entschieden: In einem geheimen Zusatzvertrag hatte sich Franz I. verpflichten müssen, den Kaiser bei einer Reform der Kirche, bei der Herbeiführung eines Konzils und bei der Aufhebung der Kirchenspaltung zu unterstützen. Verhandlungen mit dem Papst sicherten dessen finanzielle Unterstützung. Geheime Briefe orderten spanische, italienische und niederländische Truppen ins Reich. Weiterhin gelang es Karl V., das Herzogtum Baiern auf seine Seite zu bringen: Anna, die älteste Tochter seines Bruders Ferdinand, heiratete den Erbprinzen Albrecht von Baiern. Zu einem weiteren Erfolg verhalf ihm das Doppelspiel des Herzogs Moritz von Sachsen: Nach außen hin evangelisch, stellte er sich insgeheim auf die Seite des Kaisers, der ihm die sächsische Kurwürde und die finanziell ertragreiche Schutzherrschaft über die Bistümer Magdeburg und Halberstadt versprach. In der Glaubensfrage verpflichtete er ihn nur auf künftige Entscheidungen des Konzils. Schließlich konnten die Schmalkaldner die militärischen Absichten des Kaisers nicht mehr übersehen. Aber trotz bitterer Worte über den »trügerischen« Reichstag von Speyer 1544 und die Versprechungen des Kaisers blieben sie passiv. Überfall auf die Schmalkaldner
Luther war am 18. Februar 1546 in Eisleben gestorben. Jetzt fehlte sein mächtiges Wort, das die Protestanten hätte anstoßen und beflügeln können. Auch rächte sich der Mangel an Organisation und Führung, als Karl V. im Sommer 1546 den Schmalkaldnern den Krieg erklärte. Man verzichtete darauf, die überlegenen 57 000 Mann, eine gewaltige Macht verglichen mit den Heeren des Kaisers, sogleich gegen Regensburg zu führen, um den Kaiser in die Enge zu treiben. Zu riskant erschien ein solches Manöver den um ihre Soldaten und teuren Kanonen besorgten protestantischen Fürsten und Städten. Man entschied sich für einen langwierigen Abnützungskrieg, gab damit aber das Gesetz des Handelns aus der Hand. Der Kaiser konnte so seine Truppen aus den verschiedenen habsburgischen Ländern vereinigen und hatte ohne größere Mühe bald ganz Süddeutschland unterworfen. Zum Zentrum des protestantischen Widerstandes wurde jetzt Sachsen. Unter dem Befehl des spanischen Generals Alba rückte Karl mit nur 25000 Mann gegen die Armee des Kurfürsten vor. Bei Mühlberg an der Elbe gelang es Alba, das schmalkaldische Heer zu überraschen: Im Morgengrauen, von dichtem Nebel geschützt, hatten spanische Soldaten mit den Schwertern zwischen den Zähnen die Elbe durchschwommen und die Boote auf der anderen Seite entführt, sodass die Pioniere eine Brücke bauen konnten. Bald entstand ein Brückenkopf, der es erlaubte, das Hauptheer nachzuführen. Die schmalkaldischen Truppen, von dem Anschlag völlig überrascht und verwirrt, versuchten zu fliehen. Die Tapferen, die bei einem Wäldchen Widerstand zu leisten versuchten, bis das Heer sich sammeln könnte, wurden von der Reiterei und den spanischen Elitetruppen, den »tercios«, niedergemacht. Innerhalb weniger Stunden errangen die Truppen des Kaisers einen vollständigen Sieg. Johann Friedrich von Sachsen wurde gefangengenommen. Eine große Menge Kriegsmaterial fiel in die Hände der Kaiserlichen. Karl hatte sein Ziel erreicht: Der mächtige Bund der Schmalkaldner war geschlagen. Auch Philipp von Hessen hatte sich dem Kaiser »auf Genad oder Ungenad« ergeben müssen, und nur wenige Städte wie Magdeburg trotzten des Kaisers Macht. Zugleich wurden jedoch auch seine Grenzen deutlich: Der Papst selbst, aus Angst vor einem allzu mächtigen Kaiser, brachte Karl V. um die Früchte des Sieges. Er verlegte im Frühjahr 1546 das Konzil von Trient nach Bologna. Damit war das wichtigste Glied aus Karls Plan herausgebrochen: Die militärisch unterworfenen Protestanten wären möglicherweise zu einem Konzil auf dem Boden des Reiches gekommen, nie aber nach Bologna, das unter der Macht des Papstes stand. Der »geharnischte« Reichstag von Augsburg
Jetzt blieb nur noch ein Reichstag als Lösungsmöglichkeit offen: Am 1. September 1547 eröffnete Karl den Reichstag von Augsburg, bekannt als der »geharnischte«, denn der Kaiser konnte als Sieger harte Bedingungen stellen. Kaiser Karl V.Kaiser Karl V. im Alter von 48 Jahren, im Jahr des »Geharnischten Reichstages« zu Augsburg. Gemälde von Tizian, 1548. München, Alte Pinakothek. Karl V. erschien inmitten seiner fremdländischen Truppen, ein offener Bruch des Versprechens bei seiner Krönung, und diktierte den Protestanten eine Zwischenlösung, das sogenannte »Augsburger Interim«. Bis zur endgültigen Entscheidung durch das Konzil sollte den Protestanten Laienkelch und Priesterehe erlaubt sein, ansonsten sollten sie zur katholischen Lehre zurückkehren. Dieser Notbehelf, geschaffen von den Beratern des Kaisers ohne Unterstützung des Papstes, wurde von beiden Seiten scharf angegriffen, weil er den Entscheidungen des Konzils vorgreife und die Protestanten im Kern ihres Glaubens bedrohe. Erneut fühlte der Kaiser Grenzen, sobald er versuchte, den Beschluss auszuführen: Die protestantischen Prediger flohen in das unbezwungene und stark befestigte Magdeburg, die Bevölkerung in den protestantischen Gebieten weigerten sich, die Messe zu besuchen und die Sakramente zu empfangen, zum Teil fehlten die Geistlichen, die die katholische Lehre verbreiten sollten. Ohne Erfolg blieb auch der Plan des Kaisers, mit einem Reichsbund die alte Reichsverfassung aus den Angeln zu heben und sich damit die Vormachtstellung des Hauses Habsburg verbriefen zu lassen. Einmütig lehnten die katholischen und protestantischen Fürsten dieses Vorhaben ab. Der letzte Punkt des Reichstages, die Regelung der Nachfolge im Amt des römischen Königs, führte zu einem Riss im Hause der Habsburger: Nach Ferdinand, dem Bruder Karls V., sollte Philipp, Karls ältester Sohn, die Königswürde im Reich erhalten. Dann erst hätte der Sohn Ferdinands, Maximilian, Anspruch auf die Königswürde. Ferdinand fügte sich nur grollend diesem Plan Karls, er war von dieser Stunde an der Gegner des Kaisers. Text der Zeit
Auf dem Reichstag zu Augsburg 1548 Erinnerungen des Bartholomäus Sastrow

Potz Tausend, das war einmal ein geharnischter Reichstag! Außer den deutschen und spanischen Söldnern, die der Kaiser mit nach Augsburg brachte, lagen noch zehn Fähnlein Landsknechte als Besatzung in der Stadt, und draußen in der Umgegend gab es italienisches und spanisches Kriegsvolk in Menge. Auch 600 niederländische Reiter haben auf dem Lande Quartier bekommen, zwölf spanische Fähnlein waren eben aus dem Winterlager bei Biberach unterwegs nach der Gegend am Bodensee. In Weißenburg im Nordgau endlich lagen an die 700 neapolitanische Reiter im Quartier. Es war auch ein höchst ansehnlicher, pompöser Reichstag. Denn außer der Kaiserlichen und Königlichen Majestät [Karl V. und Ferdinand] waren alle Kurfürsten in eigener Person erschienen. Jeder aber hatte ein großes Gefolge bei sich. Da sah man den Kurfürsten von Brandenburg mit seiner Gemahlin, den Kardinal von Trient, ferner Herzog Heinrich von Braunschweig mit seinen beiden Söhnen, Carl Victor und Philipp, und viele andere mehr. Außerdem waren eine Menge fürstliche Damen und Gesandte von fremden Potentaten zur Stelle. [...] Wer kann aber all die Äbte, Grafen, Freiherrn und Städte aufzählen, die herbeigekommen waren. [...] Die Herren auf dem Reichstag hielten zahlreiche Gelage ab und hatten fast täglich Tanz auf deutsche und auf welsche Art, abends und am hellen Tage. Waren doch so viele Damen von königlichem und fürstlichem Geblüt zugegen mit einer stattlichen Zahl von fürstlichen und gräflichen Fräulein, die alle schön und wohlgeputzt waren. Besonders König Ferdinand sah fast täglich Gäste bei sich. Die wurden allzeit herrlich bewirtet, dazu gab’s allerlei Kurzweil und prächtige Tanzereien. Er unterhielt eine überaus stattliche wohleingeübte Kapelle, nicht bloß Instrumental-, sondern auch Vokalmusik. Ganz anders war sein Herr Bruder, der römische Kaiser. Denn wenn er auch seine Schwester und deren Tochter bei sich hatte und seinen Bruder mit seiner Tochter, der Frau Herzogin von Baiern, sowie alle Kurfürsten und so viele Fürstlichkeiten, so hielt er doch keinerlei Bankette ab, und kein Mensch war bei ihm zu Gaste. Wenn er aus der Kirche kam und in seine Gemächer ging, da begleiteten die Herren ihn wohl und machten ihre Aufwartung. Da gab er ihnen dann auch die Hand, dem einen nach dem andern, und damit waren sie wieder entlassen. Ganz allein setzte er sich zu Tische und redete kein Wort dabei. [...] Ich habe den Kaiser auf verschiedenen Reichstagen essen sehen. Dabei war sein Bruder, König Ferdinand, auch zugegen, aber zur Tafel wurde er nie hinzugezogen. Das Essen wurde von einigen jungen Fürsten und Grafen aufgetragen. Jedes Mal wurden vier Gänge zu je sechs Gerichten vor ihm auf den Tisch gesetzt. Jetzt nahm man die Deckel nacheinander ab. Karl schüttelte den Kopf gegen die Gerichte, von denen er nichts begehrte. Aber wenn er von irgendeiner Speise zu essen wünschte, so nickte er mit dem Kopfe und zog die Schüssel zu sich herüber. Da kam es vor, dass er stattliche Pasteten und Wildpret oder schön zugerichtetes Spanferkel wieder abtragen ließ und ein gebratenes Schweinchen oder einen Kalbskopf dabehielt. Er ließ sich nichts vorschneiden, bediente sich auch des Messers nicht sehr viel, sondern schnitt sich so viele Stückchen Brot ab, als er Bissen in den Mund stecken wollte. Dann löste er von dem Gericht, das er essen wollte, mit dem Messer ein Stückchen ab [...], manchmal brauchte er auch seine Finger dazu. Jetzt zog er die Schüssel unters Kinn, und nun begann er so ungeniert, aber auch so reinlich und sauber zu essen, dass es eine Lust zu sehen war. Wenn er einen Trunk tun wollte – und das geschah nur dreimal bei Tische – so winkte er seinen Ärzten, die vor dem Tische standen. Die traten an den Schenktisch. Da standen zwei silberne Flaschen und ein kristallnes Glas. Das gossen sie aus beiden Flaschen voll. Seine Majestät trank das Glas rein aus, dass auch kein Tropfen darin blieb. Oft holte er zwei- oder mehrmals Atem, ehe er es vom Munde wegzog. Übrigens sprach er kein Wort bei Tisch. Da standen wohl ein paar Schalksnarren hinter ihm, die allerlei Possen rissen, er aber kümmerte sich gar nicht darum, verzog höchstens einmal den Mund zu einem Lächeln, wenn sie etwas gar zu Komisches gesagt hatten. Es war ihm auch ganz egal, ob so viele Leute herumstanden, die dem Kaiser beim Essen zusehen wollten.
Aus: Lebenserinnerungen des Bartholomäus Sastrow (* 1520 in Greifswald, stand als Diplomat in pommerschen Diensten und war lange Jahre Bürgermeister von Stralsund, wo er † 1603 starb.) Der Gegenschlag der protestantischen Fürsten
Dieser Plan, auch »spanische Sukzession« genannt, sollte durch die bald folgenden Ereignisse rasch gegenstandslos werden. Im Reich wuchs die Unzufriedenheit mit den Beschlüssen des Kaisers, und im Norden schlossen sich insgeheim die protestantischen Fürsten zu einem Bündnis zusammen. Zu ihnen zählten die Herzöge von Mecklenburg und Albrecht von Preußen und Wilhelm von Hessen, der Markgraf Alcibiades von Brandenburg und der Markgraf Hans von Küstrin, eine Liste klangvoller Namen. Sie wollten die »teutsche Libertät«, d. h. die Freiheit des Adels und den Glauben Luthers verteidigen, auch planten sie, den gefangenen Landgrafen von Hessen, der seit 1547 in den Kerkern des Kaisers schmachtete, zu befreien. Vorsichtig knüpften sie erste Kontakte mit Heinrich II. von Frankreich (1547-1559), dem Sohn Franz’ I. In einem Vertrag versprach Frankreich Hilfsgelder für die bedrohten Fürsten, dafür wollten diese dem französischen König die Festungen Metz, Toul und Verdun überlassen. Ein Gewitter zog auf am deutschen Himmel, ohne dass Karl V. dies bemerkte. Die Misserfolge in der Durchführung der Augsburger Beschlüsse, der Streit mit seinen Verwandten, erneute Gichtanfälle und Müdigkeit des Alters scheinen ihn blind gemacht zu haben gegenüber den Vorgängen im Reich. Und wiederum spielte Moritz von Sachsen eine Schlüsselrolle: Das widerspenstige Magdeburg, das sich dem »Augsburger Interim« nicht beugen wollte, sollte bestraft werden. Moritz führte im Auftrag des Kaisers Truppen gen Magdeburg, verbündete sich aber mit der Stadt und den Gegnern des Kaisers. Zu spät erkannte dieser die wahre Lage und das Doppelspiel von Moritz. Frankreich erklärte im Herbst 1551 den Krieg und stieß bis zum Rhein vor. Die Truppen der aufständischen Fürsten eroberten schnell die süddeutschen, noch kaisertreuen Städte und drangen im März 1552 nach Tirol vor. Der Kaiser floh von Innsbruck nach Villach, um dort neue Truppen zu sammeln. Währenddessen verhandelte sein Bruder Ferdinand mit Moritz von Sachsen und den protestantischen Fürsten. In Passau schlossen beide Parteien 1552 den »Passauer Vertrag«: Die aufständischen Fürsten gaben ihr Bündnis mit Frankreich auf, die Kaiserlichen ließen ihre Gefangenen frei. In der Glaubensfrage gelangte man zu einer Kompromissformel, die auch Grundlage für die Beratungen des Augsburger Reichstages werden sollte. Das »Augsburger Interim« wurde aufgehoben. Der Augsburger Religionsfriede – Sieg der Territorialherren
Drei Jahre später kamen in Augsburg die Fürsten und Stände unter dem Vorsitz Ferdinands zusammen, um den in Passau vereinbarten Reichstag abzuhalten. Die Fürsten formulierten hier nicht mehr eine religiöse, sondern eine politische Kompromissformel, der beide Seiten zustimmen konnten: Wer das Land regiere, solle den Glauben bestimmen. Lateinisch heißt das: »cuius regio, eius religio«. Das bedeutete aber nicht religiöse Freiheit der Untertanen oder gar Toleranz, sondern Freiheit der Fürsten, ihre Religion zu wählen. Sie verwirklichten die Einheit der Religion, das große Ziel Karls V., nicht im großen, sondern im kleinen, im Rahmen ihres Territoriums. Dies war der Sieg der Territorialherren über das Reich, der Sieg der fürstlichen »Libertät« über die Zentralgewalt, der Sieg über die Idee des universalen christlichen Kaisertums. Verbittert über seine Niederlage hatte sich Karl V. mit rasch zusammengerafften Truppen gegen Frankreich gewandt. Vergeblich versuchte er in diesem fünften Krieg mit Frankreich die lothringischen Festungen zurückzuerobern. Metz, das Tor zum Reich, blieb in französischer Hand. Karl V. war gescheitert – im Kampf mit Frankreich, im Kampf mit den Fürsten. Alte TestamentDie bedeutendste bildliche Darstellung der evangelischen Lehre, von Lucas Cranach d. Ä. 1529 in Zusammenarbeit mit Luther selbst gestaltet. Links die Seite des Alten Testamentes, des Gesetzes (Moses mit den Gesetzestafeln), des Todes, der Sünde und des unerbittlichen, in den Wolken thronenden Weltenrichters. Neue TestamentEvangelium statt Gesetz, Erlösung statt Sündenfall: Die Seite des Neuen Testaments und Evangeliums rechts verheißt durch den Opfertod Christi Gnade, Erlösung, Überwindung des Todes. Johannes der Täufer ist Vermittler zwischen Altem und Neuem Testament. Der Lebensbaum ist hier grün, dort verdorrt. Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum. Die wichtigsten Beschlüsse des »Augsburger Religionsfriedens«
Die beiden Konfessionen, die lutherische und die katholische, sind gleichberechtigt. Andere Konfessionen sind von dieser Vereinbarung ausgeschlossen. Den Reichsstädten steht die Wahl des Bekenntnisses frei. Dort sollen beide Konfessionen einander dulden. Die Landesherren bestimmen die Religion der Untertanen. Andersgläubige Untertanen dürfen aber auswandern (»Cuius regio, eius religio«). Die säkularisierten Kirchengüter bleiben in der Hand der lutherischen Fürsten und Stände. Dagegen verlieren geistliche Fürsten, die zum Luthertum übertreten, ihr Amt und ihren Besitz. Letzteres wurde »Geistlicher Vorbehalt« genannt und von den Lutheranern nicht anerkannt. Die Abdankung
In Brüssel schien die Welt für kurze Zeit still zu stehen, als der Kaiser vor der Versammlung der Großen seiner Reiche seinen Sohn Philipp mit der Führung Spaniens betraute. Verbittert und erschöpft sagte er: »Ich habe immer meine Unfähigkeit erkannt; heute aber fühle ich mich ganz nutzlos, und dieses mein Leben, das Gott mir mit solcher Trübsal erfüllt, dient mehr zur Buße für meine Sünden als zum Leben.« Er ließ sein Siegel zerbrechen, schied aus den Niederlanden und begab sich nach Spanien. Im Kloster San Yuste verbrachte er die letzten Tage seines Lebens, bis er am 21. September 1558, vom Malariafieber niedergeworfen, starb. Der Abdankung in Brüssel war noch 1558 der offizielle Verzicht auf die kaiserliche Würde zugunsten Ferdinands gefolgt. Zwischen seinem Sohn Philipp und seinem Bruder Ferdinand wurde auch das Erbe geteilt. Philipp erhielt Spanien, Neapel und Sizilien, Sardinien, Mailand, die Niederlande, die Freigrafschaft Burgund und die Länder in Übersee. Ferdinand blieb Herrscher über die österreichischen Stammlande und Böhmen. Damit spaltete sich die Dynastie der Habsburger in zwei Linien: die deutsche und die spanische. Angesichts des Misserfolges der Hauptpläne Karls V. sollte man dessen historische Leistungen nicht übersehen. Ihm verdankt in dieser Zeit das christliche Europa die Abwehr der türkischen Angriffe; das brachte eine Atempause von rund hundert Jahren, bis erneut ein Bündnis zwischen Frankreich und den Türken Wien vor dem Ansturm der Muselmanen erzittern lässt. Seinem Drängen verdankt der Katholizismus das Trienter Konzil, welches erst eine Reform der kirchlichen Missstände und eine Erneuerung des Katholizismus in Deutschland als bedeutende politische und moralische Kraft ermöglichte.

emu