Die Reformation in der Schweiz

Am Vorabend der Reformation war die Schweiz ein territorial geschlossener, auf der Verbindung von Städten und Landgemeinden beruhender Staatenbund. Rechtlich stand der Bund der Eidgenossen noch unter der Oberhoheit des Deutschen Kaisers, faktisch hatte er sich aber weitgehend aus dem Reich gelöst und handelte unabhängig. Die Staatsorganisation der Eidgenossenschaft
Als staatliches Gebilde bestand die Eidgenossenschaft zu Beginn des 16. Jahrhunderts aus drei Kategorien von Territorien: 1. aus den 13 »Orten« – praktisch gleichberechtigte Teilstaaten; 2. aus den »Zugewandten Orten« – an den politischen Entscheidungen nicht beteiligte Bundesglieder; 3. aus den »Gemeinen Herrschaften« – Untertanengebiete, die von den vollberechtigten Teilstaaten gemeinsam verwaltet wurden. Regierungsorgan des Bundes war die »Tagsatzung«, d. h. die regelmäßige Zusammenkunft der Gesandten aus den dreizehn regierungsberechtigten Bundesgliedern. Sie behandelte alle den Bund betreffenden Geschäfte, konnte aber keine für die einzelnen Orte (Teilstaaten) verbindlichen Beschlüsse fassen. Zu den dreizehn Orten (spätere Kantone des schweizerischen Bundesstaates) gehörten die sechs »Landsgemeindedemokratien« Uri, Schwyz, Unterwaiden, Zug, Glarus und Appenzell, in welchen die alljährlich einmal zusammentretende Versammlung der vollberechtigten Bürger (Landsgemeinde) die wichtigsten politischen Fragen entschied, sowie die sieben Städte Zürich, Bern, Luzern, Basel, Freiburg, Solothurn und Schaffhausen, wo der Kleine und Große Rat als Vertretung der Bürgerschaft die oberste Gewalt darstellten. Wie die regierungsberechtigten Teilstaaten (Orte) waren auch die meisten Zugewandten Orte (Bundesglieder ohne politisches Mitbestimmungsrecht) meist Gemeindebünde oder Städte, so St. Gallen, Biel, Genf, Mühlhausen, das Wallis oder Graubünden, aber es befanden sich darunter auch weltliche und geistliche Reichsfürsten, wie der Fürstabt von St. Gallen, der Fürstbischof von Basel und der Graf von Neuenburg. Zu den Untertanengebieten (Herrschaften), über welche die Gesamtheit der regierungsberechtigten Bundesstaaten (Orte) die Landeshoheit ausübte, gehörten vor allem das Tessin, der Thurgau, das Rheintal und Teile des späteren Kantons Aargau. Söldner, Soldunternehmen, »Pensionen« – Faktoren der Volkswirtschaft
Vom Beginn des 15. bis Mitte des 16. Jahrhunderts nahm die Bevölkerung der Schweiz von 600 000 auf 800 000 Einwohner zu. Die wirtschaftliche Existenz der wachsenden Bevölkerung beruhte im Wesentlichen auf Landwirtschaft, Handwerk, Textilverlagsindustrie und Solddienst. Von besonderer Bedeutung im gesamten wirtschaftlichen, sozialen und politischen Leben der Eidgenossenschaft war der Kriegsdienst in fremden Heeren (Reisläuferei). An der Wende zum 16. Jahrhundert verfügte die Schweiz über ein hervorragendes Söldnerpotential, dessen Gewicht auf dem Primat der Infanterietechnik in der damaligen Kriegsführung beruhte. Der Solddienst, der sich bis zum Abschluss des ersten Soldbündnisses mit Frankreich 1474 auf privater Basis abspielte, wurde im letzten Viertel des 15. Jahrhunderts von der Regierung in die Hand genommen. Die Eidgenossenschaft stellte nun die einheimischen Qualitätssöldner gegen eine Reihe von Gegenleistungen (Geldzahlungen, Handelsprivilegien) den Großmächten zur Verfügung. Die Anwerbung von Söldnern auf eidgenössischem Territorium war also von einer speziellen Bewilligung der Obrigkeit abhängig, und es war den Untertanen auch verboten, in den Dienst einer anderen Macht zu treten. Durch diese Politik geriet die Schweiz einerseits in zunehmende Abhängigkeit von den Großmächten, andererseits konnte sie aber dank ihrer Monopolstellung als Söldnerlieferant auch ein Wort in der Politik der Großmächte mitreden und spielte in der Auseinandersetzung um Italien eine wichtige Rolle. Die Anwerbung der Krieger erfolgte durch meist der regierungsberechtigten Oberschicht angehörende Soldunternehmer, die von der Obrigkeit eine Lizenz erwarben, und dann selbstständig den Kriegsdienst führten. Die Soldunternehmer erhielten von kriegführenden Mächten einerseits private Zuwendungen, andererseits für ihre Dienste einen festen Geldbetrag. Da sie für den festen Betrag verpflichtet waren, eine bestimmte Menge kriegstüchtiger Söldner zu stellen, hing es nun von ihrem unternehmerischen Können ab, wie hoch ihre Gewinne ausfielen. Die gewöhnlichen Krieger, die in den Kompanien der rasch reich werdenden Soldunternehmer Dienst taten, stammten ausnahmslos aus dem städtischen und ländlichen Proletariat, wobei der Zustrom aus den armseligen und kargen Alpenregionen besonders groß war. Der Hauptgrund für den Eintritt in den Solddienst lag in der wirtschaftlichen Not der armen und besitzlosen Bevölkerung. Das obrigkeitlich kanalisierte und monopolisierte Soldunternehmertum und die daraus erwachsenden Zahlungen fremder Mächte (sogenannte »Pensionen«) nahmen eine zentrale Stellung in der schweizerischen Volkswirtschaft ein, denn nur durch sie war es möglich, den permanenten Bevölkerungsdruck abzubauen und die absolut notwendigen Importe von Salz und Getreide zu finanzieren. Einfluss des Soldwesens auf die Reformation
Das Sold- und Pensionenwesen, welches das gesamte politische und soziale Leben der Schweiz zu Beginn des 16. Jahrhunderts beherrschte, spielte auch eine entscheidende Rolle für Entstehung und Verlauf der Reformation. Als weitere Voraussetzungen für die Reformbestrebungen kamen die Missstände in der spätmittelalterlichen Kirchenorganisation (Verleihung von Pfründen gegen Geld, Missbrauch des Ablasses, mangelhafte Bildung der Geistlichen etc.), die Wiederentdeckung der Bibel als Quelle des evangelischen Glaubens und die Kritik der Humanisten am äußerlichen Kirchenbetrieb (Werkfrömmigkeit) hinzu. Huldrych Zwingli – Begründer der Schweizer Reformation
Zum Begründer der Reformation in der Eidgenossenschaft wurde der in Wildhaus (Kanton St. Gallen) als Sohn einer reichen Bauernfamilie geborene Huldrych (Ulrich) Zwingli (1484-1531). Nach Studien in Wien und Basel übernahm Zwingli 1506 eine Pfarrstelle in Glarus. Als Feldprediger der Glarner beteiligte er sich 1512-1515 an den Kriegszügen in Italien, wo er aus nächster Nähe die Kämpfe der mit Kaiser und Papst verbündeten Eidgenossen um das auch von Frankreich beanspruchte Mailand erlebte. Einen besonders tiefen Eindruck hinterließ bei ihm die vernichtende Niederlage, welche die zahlen- und rüstungsmäßig unterlegenen Schweizer 1515 bei Marignano gegen die Franzosen erlitten. Die Konfrontation mit dem Solddienst auf dem Schlachtfeld und die gleichzeitige Auseinandersetzung mit diesem Phänomen aus der Sicht des humanistischen Pazifismus (Erasmus von Rotterdam), leiteten als entscheidende Faktoren die allgemeinen reformatorischen Bestrebungen Zwinglis ein. Zwingli blieb zeitlebens ein engagierter Kämpfer gegen Solddienst und Pensionenwesen. In den Pensionenherren, die er als »Blutsauger« bezeichnete, sah er auch die schärfsten Gegner des Evangeliums. Als Gegner der Sold-Allianz, die sich 1516 zwischen den Eidgenossen und Frankreich abzuzeichnen begann, verließ Zwingli seine Glarner Pfarrei. Er wurde Leutpriester in Einsiedeln, wo er sich in einem umfangreichen Studium der Humanisten, der Bibel und der Kirchenväter ein eigenständiges Bibelverständnis erarbeitete. Überzeugt von der Notwendigkeit der inneren und äußeren Erneuerung der Eidgenossenschaft ließ sich Zwingli 1519 als Leutpriester nach Zürich wählen. Seine Berufung wurde wesentlich durch die breite Opposition gegen den Solddienst, die sich nach den verlorenen Kriegszügen vor allem in den Handwerkszünften und der Landschaft bemerkbar machte, gefördert. Glaube und Gnade – Heilige Schrift und Gemeinschaft der Gläubigen
Mit der Wahl nach Zürich setzte Zwinglis reformatorisches Wirken ein, wobei er in den ersten drei Jahren der Predigtarbeit sein wichtigstes Gedankengut entwickelte. Im Mittelpunkt der religiösen Überzeugung Zwinglis stand, ähnlich wie bei Luther, die Rechtfertigung im Glauben an die sündenvergebende Gnade Gottes. Die Möglichkeit, sich durch gute Werke die Gnade Gottes zu erarbeiten, fiel damit weg. Quelle des Glaubens war allein die Bibel. Die Kirche bestand nach Zwingli in der unsichtbaren Gemeinschaft aller Gläubigen, als deren Haupt Christus galt. Der besondere Priesterstand verlor seine Stellung. Da jeder Christ aufgrund der Heiligen Schrift urteilsfähig war, besaß die Gemeinde die volle Kirchengewalt, sie wählte den Pfarrer und beaufsichtigte die Verkündigung des Evangeliums. Eng verknüpft mit den kirchlichen Reformen verlangte Zwingli die Erneuerung des sittlichen und politischen Lebens. Dass Zürich 1521 auf sein Betreiben als einziger Ort der Eidgenossenschaft das Soldbündnis mit Frankreich ausschlug, war ein erster Schritt in diese Richtung. Zwinglis neue Ideen fanden vor allem bei den zünftischen Handwerkern, die unter den ökonomischen Folgen der Solddienste litten, großen Anhang. Zu den Gegnern gehörten die Pensionenherren, die eine Einschränkung des Solddienstes befürchten mussten, sowie Teile der Geistlichkeit. Unter den Einwirkungen von Zwinglis Predigt setzten die Handwerker, die im Rat großes Gewicht besaßen, 1523 durch, dass sich der Reformator vor versammeltem Rat und einer bischöflichen Gesandtschaft rechtfertigen durfte (»Erste Zürcher Disputation«). Nach der Disputation beschloss der Rat, dass Meister Huldrych Zwingli mit der Verkündigung des Evangeliums fortfahren solle. Dies bedeutete den Durchbruch der Reformation in Zürich: Die Obrigkeit hielt sich für befugt, in kirchlich-religiösen Dingen zu entscheiden, wozu sie nach geltendem Kirchenrecht nicht ermächtigt war. Rat der Stadt Augsburg im jahre 1545Tagung des Augsburger Rats. »Wappenstube eines ehrbaren Rates der Stadt Augsburg. Ehrenkleinod«. Sogenanntes Vogtbuch 1545. München, Bayerisches Nationalmuseum. Die Reformation in Zürich
Schritt für Schritt setzte Zwingli in den folgenden zwei Jahren, unterstützt vom Rat, die kirchlichen und sozialen Reformen durch. Noch im selben Jahr gestattete die Obrigkeit den Austritt aus dem Kloster und erlaubte die Priesterehe. Die Grundlagen zu einer evangelisch-theologischen Fakultät wurden gelegt. 1524 folgte die Aufhebung von Fasten, Palmsonntagsprozession und unbiblischen Feiertagen. Die äußeren kultischen Dinge, wie Bilder, Altäre, Kirchengewänder etc., die Zwingli im Unterschied zu Luther ablehnte, weil sie vom wiederentdeckten Kern des Glaubens ablenkten, wurden aus den Kirchen entfernt. Im Dezember hob der Rat Klöster und Stifte auf. Die beiden letzten Bausteine in der neuen Ordnung bildeten die Abschaffung der Messe und ihre Ersetzung durch die evangelische Abendmahlsfeier (Ostern 1525) sowie die Einsetzung des Ehegerichtes. Ehesachen lagen bis zur Reformation ausschließlich in der Kompetenz des bischöflichen Gerichts. Nun ging die Behandlung von Ehestreitigkeiten an die aus Ratsmitgliedern und Geistlichen gebildete Behörde über. 1526 wurde das Ehegericht zum Sittengericht erweitert, dem die Kontrolle des gesamten kirchlichen und sozialen Lebens in der Gemeinde oblag. Vertreter der Kirche und des Staates sollten gemeinsam darüber wachen, dass niemand im zürcherischen Herrschaftsgebiet seinen Aufwand an Speise und Trank, Kleidung, Festen, Bauten und Gefährt über »die unscheinbare, gleichförmige Wohlanständigkeit hinausschraubte«. Verurteilte die strenge sittliche Ordnung jede Lustbarkeit, jeden Luxus und jeden Müßiggang, so erhielt demgegenüber die Arbeit einen um so größeren Stellenwert im Leben der Menschen. Die neue Kirche senkte ins Volk den Glauben an den Wert ernster wirtschaftlicher Arbeit für das ewige Heil. Die Bewährung im wirtschaftlichen Bereich gab fortan recht vor Gott und Ansehen vor den Menschen. Das protestantische Arbeitsethos wurde zu einem bestimmenden Faktor für die weitere wirtschaftliche und soziale Entwicklung der Schweiz und Westeuropas. Kampf gegen die »Täufer« – Kampf gegen Änderung der Sozialordnung
Bis zu diesem Zeitpunkt hatte sich die Reformation in Zürich mit der Unterstützung des Rates ohne größere Schwierigkeiten durchgesetzt. Die ebenfalls aus der Bibel abgeleiteten Sozialrevolutionären Forderungen der sogenannten »Täufer« oder »Wiedertäufer« und Bauern führten nun zu schwerwiegenden Auseinandersetzungen. Die Täufer, die mit Bezug auf die Bergpredigt die Kindertaufe ablehnten, traten für eine freie religiöse Gemeinschaft ohne Hierarchie und ohne Standesunterschiede ein. Wie Thomas Müntzer in Deutschland verlangten sie nach 1524 die Beseitigung aller Abgaben (Zinsen, Zehnten) und verweigerten Staatstreue und Kriegsdienst. In konsequenter Weise verneinten die Täufer mit Berufung auf den urchristlichen Kommunismus die Rechtmäßigkeit jeder weltlichen Obrigkeit und forderten die Herstellung absoluter Gütergemeinschaft. Das Ziel der Wiedertäufer war somit nicht nur eine religiöse Reform, sondern die Schaffung einer neuen Eigentums- und Sozialordnung, die nach der Beseitigung der Besitz- und Standesunterschiede, sowie des obrigkeitlichen Herrschaftsapparates auf der Gleichheit aller beruhen sollte. Mit ihren Postulaten nach Abschaffung der kirchlichen und weltlichen Abgaben und der Überführung des Eigentums in Kollektivbesitz fanden die Wiedertäufer vor allem Anhänger unter den von hohen Zinsen und Zehnten betroffenen Bauern und dem ländlichen bzw. städtischen Proletariat. Umgekehrt stießen die Forderungen nach einer egalitären, herrschaftsfreien Gesellschaft auf den entschiedenen Widerstand der Stadtbürger und besonders der Besitzenden. Es bestand deshalb die Gefahr, dass jene sozialen Gruppen, welche bis jetzt die Reformation gestützt hatten, sich von ihr abwandten und damit sämtliche Reformen rückgängig gemacht würden. Zwingli, der diese Gefahr erkannte und die Reformation durch die sozialen Postulate der Täufer gefährdet sah, stellte sich nach anfänglichem Entgegenkommen entschlossen auf die Seite der Herrschenden. In Anlehnung an den Römerbrief der Bibel bestätigte er die Rechtmäßigkeit der Zinsen und Zehnten und betonte die Notwendigkeit des Gehorsams gegen die Obrigkeit und ihre Verordnungen. Der zürcherische Rat, der durch die Täufer die gegebene Eigentums- und Sozialordnung gefährdet sah, begann daraufhin, die Täuferbewegung hart zu verfolgen. Der Bestand des Eigentums und der staatlichen Macht sollte unter allen Umständen gewahrt bleiben. Nachdem Bußen und Gefängnisstrafen nichts fruchteten, ließ man viele überzeugte Täufer ertränken. Trotz obrigkeitlicher Repression breitete sich die Bewegung auch in anderen Gebieten der Schweiz, besonders in den ländlich-bäuerlichen Untertanengebieten der Städte aus und lebte in der Illegalität, zum Teil bis heute, weiter. Die Bauern fordern Freiheit und Rechte
Die Frage nach der Rechtmäßigkeit obrigkeitlicher Abgaben stand auch in den Bauernunruhen des Jahres 1525 im Vordergrund. Die Reformation lieferte den Bauern, die sich über Jahrhunderte hinweg gegen das zunehmende Eingreifen der Obrigkeit in die gemeindliche Selbstverwaltung und damit gegen die Durchsetzung des modernen Territorialstaates zur Wehr setzten, eine neue, religiöse Begründung. Unter dem Einfluss der großen Bauernaufstände in Süddeutschland gärte es auch in den eidgenössischen Untertanengebieten. Mit Berufung auf das Evangelium verlangten die Bauern die Aufhebung der Leibeigenschaft, die Reduktion der Zehnten und Zinsen, freie Jagd und Fischfang, freie Pfarrwahl und das Recht, eigene Landsgemeinden einzuberufen. Zwingli, der sich 1523 noch bereit erklärt hatte, über Zinsen und Zehnten zu sprechen, stellte sich nun unter dem Eindruck der bäuerlichen Bewegung ebenso entschlossen wie Luther auf die Seite der herrschenden Schichten. In seinem Gutachten hob er hervor, dass Christus gebiete, der Obrigkeit gehorsam zu sein, und betonte die Rechtmäßigkeit von Zehnten und Zinsen. Allerdings sollte der Zürcher Rat die Leibeigenen aus ihren Verpflichtungen entlassen. Durch Hinhalten und partielles Nachgeben gelang es der Obrigkeit, Ruhe und Ordnung im Lande wiederherzustellen. Die staatlichen Machtträger gingen gestärkt aus diesen religiös-sozialen Konflikten hervor. Die Obrigkeit ordnete von nun an – entgegen dem von Zwingli ursprünglich vertretenen Gemeindeprinzip – auch die kirchlichen Dinge bis in alle Einzelheiten. Der Besuch auswärtiger Messen wurde verboten und die Teilnahme am Gottesdienst zur Pflicht gemacht. Widerstand der altgläubigen alten Orte
Die in Zürich zwischen 1519 und 1525 weitgehend unabhängig von Luther vollzogene Reform von Kirche und Staat bildete Ausgangspunkt und Vorbild für die Reformation in der übrigen Schweiz. Obwohl sich auch in anderen Orten Anfänge einer Glaubensreform abzeichneten, blieb Zürich zunächst der einzige reformierte Gliedstaat der Eidgenossenschaft. Zu den Hauptgegnern der religiösen Neuerungen wurden 1522/23 die fünf Orte (Teilstaaten) Uri, Schwyz, Unterwaiden, Zug und Luzern. In diesen fünf »alten« oder »Inneren« Orten spielte das von Zwingli bekämpfte Sold- und Pensionenwesen eine entscheidende wirtschaftliche Rolle. Außerdem waren die staatskirchlichen Ansprüche in den ländlichen Orten der Innerschweiz bereits weitgehend befriedigt und die Säkularisation des wenigen Klostergutes hätte kaum Gewinne für den Staatshaushalt erbracht. 1524 beschlossen die fünf Orte auf einer Sondertagsatzung (der Zusammenkunft ihrer Gesandten) am alten Glauben festzuhalten und jede Neuerung zu bekämpfen. Durch entsprechende Mehrheitsbeschlüsse der allgemeinen Tagsatzung der 13 eidgenössischen Teilstaaten versuchten sie daraufhin, den neuen Glauben wieder zu beseitigen bzw. auf Zürich einzugrenzen. Nach der »Badener Disputation« von 1526 erreichten sie mit der Zustimmung von neun Orten (Teilstaaten) eine formelle Verurteilung Zürichs und des neuen Glaubens. Über Zwingli und seine Anhänger wurde der Bann ausgesprochen (»Badener Beschlüsse«). Dennoch gewann die Reformbewegung schließlich vor allem in den Stadtstaaten – gestützt auf die Handwerker, die sich einen verstärkten politisch-sozialen und wirtschaftlichen Einfluss erhofften – zunehmend an Gewicht. Reformation in Bern – Zunehmende Militanz Zwinglis
Als wichtiger Schritt für die Reformationsbewegung in der Schweiz erwies sich der Umschwung im mächtigen Stadtstaat Bern. Nach langem Widerstand musste die altgläubig gesinnte Oberschicht dem zunehmenden Druck der Handwerker nachgeben. Nach der im Januar 1528 mit der Beteiligung Zwinglis durchgeführten »Berner Disputation« entschied sich die Obrigkeit für die Reformation, die sie nun mit autoritativer Entschlossenheit im ganzen Herrschaftsgebiet durchsetzte. Der Übertritt Berns verlieh der reformierten Partei innerhalb der Eidgenossenschaft das Übergewicht. In rascher Folge setzte sich in den Jahren 1528/29 die Reformation in St. Gallen, Basel, Schaffhausen und Glarus durch. Ähnlich wie die Altgläubigen zuvor versucht hatten, die Reformation in Zürich zu beseitigen, versuchte Zürich nun den neuen Glauben in der ganzen Eidgenossenschaft zu verbreiten. Zu diesem Zwecke dehnte es das 1527 noch in isolierter Position mit Konstanz geschlossene »Christliche Burgrecht« (ein Schutzbündnis) auf Bern, Basel, Mühlhausen, St. Gallen und Schaffhausen aus. Die katholischen fünf Orte, die zuvor schon gemeinsam gehandelt hatten, schlössen daraufhin ein Hilfsbündnis mit Österreich. Beide Bündnisse besaßen in erster Linie defensiven Charakter. Die Auseinandersetzung zwischen den beiden Parteien verschärfte sich nun zusehends. Zürich und Bern verlangten, dass in den Gemeinen Herrschaften (Untertanenland) der Entscheid über den Glauben jeder Gemeinde zu überlassen sei, während die katholischen Orte darauf beharrten, dass die Mehrheit der regierenden Orte über Glaubenssachen bestimme. Um die Zulassung der freien Predigt und das Verbot des Pensionenwesens durchzusetzen, plante Zwingli schließlich einen Angriff auf die Inneren Orte. Im Juni 1529 ließ Zürich sein Heer bei Kappel (Grenze Zürich/Zug) aufmarschieren. Im letzten Augenblick kam aber ein für die Reformierten günstiger Verhandlungsfrieden zustande, da Bern, das vor allem Expansionspläne in der Westschweiz hegte, für eine zurückhaltende Politik eintrat. Anstatt sich zu schlagen, aßen die feindlichen Heere auf der Grenze eine gemeinsam angerichtete Milchsuppe (die »Kappeler Milchsuppe« ist deshalb bis heute ein Symbol für Kompromisse in der schweizerischen Politik geblieben). Fortschritte im »Ersten Kappeler Landfrieden« – Niederlage im Zweiten ›Treffen‹ von Kappel
Der »Erste Kappeler Landfriede« überließ die Entscheidung in Glaubenssachen jedem einzelnen Gliedstaat und sah in den Untertanengebieten (Gemeine Herrschaften) den Mehrheitsbeschluss der einzelnen Kirchgemeinden vor. Das Bündnis der fünf Orte mit Österreich wurde aufgelöst. Für Zwingli und Zürich war der Konflikt damit aber nur aufgeschoben. Sie entfalteten in den folgenden zwei Jahren eine fieberhafte innen- und außenpolitische Aktivität, suchten Bündnisse mit Hessen und anderen deutschen Fürsten, Kontakte zu Venedig und Frankreich und setzten die Reformation in allen ostschweizerischen Untertanengebieten durch. In diesem Zusammenhang traf sich Zwingli 1529 mit Luther zu den Marburger Religionsgesprächen, welche die Überwindung der Gegensätze mit den deutschen Protestanten einleiten sollten. Eine Einigung im wichtigsten Streitpunkt, der Abendmahlsfrage, konnte aber nicht erreicht werden: Zwingli lehnte Luthers Verständnis der unerklärlichen, realen leiblichen Gegenwart Christi im Abendmahl ab und hielt an seinem Verständnis des Abendmahls als eines Gedächtnismahles, das an den Tod Christi erinnerte, fest. Durch die bisherigen Erfolge ermutigt, drängte Zwingli, der 1531 das revolutionäre Konzept einer einheitlich evangelischen Schweiz unter der Führung von Bern und Zürich entwarf, auf einen neuen Waffengang gegen die Altgläubigen. Die mit Zürich verbündeten »Burgrechtsstädte« standen einer Intervention aber zögernd oder ablehnend gegenüber. In der gleichen Zeit wuchs auch der Widerstand im Stadtstaat Zürich gegen Zwinglis ›Theokratisches Regierungssystem‹. Trotz dieser internen Probleme beschlossen die »Burgrechtsstädte« eine Proviantsperre, welche die auf Getreide- und Salzimporte angewiesenen fünf Inneren Orte in die Knie zwingen sollte. Die Altgläubigen rüsteten daraufhin zum Waffengang und marschierten im Oktober 1531 gegen Zürich. In der Schlacht bei Kappel wurden die zahlenmäßig unterlegenen und schlecht geführten Zürcher völlig geschlagen. In vorderster Front mitkämpfend war auch Zwingli unter den Gefallenen. Zweiter Kappeler Landfrieden
Im »Zweiten Kappeler Landfrieden« nutzten die katholischen Orte ihren Sieg nur überaus vorsichtig aus. Sie beließen Zürich und seinen Verbündeten den neuen Glauben, doch mussten sie auch den Glauben der anderen respektieren. In den Untertanengebieten durften die reformierten Gemeinden ihren Glauben behalten. Den katholischen Minderheiten wurde erlaubt, einen eigenen Gottesdienst zu verlangen, während dies den Reformierten verboten wurde. Damit konnte sich der alte Glaube wieder ausdehnen, nicht aber der neue. Das Sonderbündnis des christlichen Burgrechts mussten die Reformierten auflösen. Der »Kappeler Landfriede«, der bis ins 18. Jahrhundert die Grundlage für die Machtverteilung in der Schweiz darstellte, beendete die Ausdehnung der Reformation in der deutschen Schweiz. Jeder offizielle Einfluss der Gesamteidgenossenschaft oder der Mehrheit ihrer Glieder auf den Glauben der einzelnen Orte – wie er in der Phase der Auseinandersetzung immer wieder versucht wurde – war damit beseitigt. Praktisch galt wie später im Deutschen Reich der Grundsatz: »Cuius regio, eius religio«. Farels Reformation der Westschweiz – Expansion Berns
Die Reformation in der Westschweiz, die im Wesentlichen erst nach dem Abschluss der Glaubenskämpfe in der deutschen Schweiz einsetzte, war eng mit dem politischen Streben Berns verflochten, seine Herrschaft in das von Savoyen beherrschte französischsprachige Waadtland auszudehnen. Die Anfänge der bernischen Eroberung im Westen reichten allerdings in die Zeit vor der Glaubensspaltung zurück. Sie beschränkten sich aber auf wenige Stützpunkte. Die Reformation gab Bern die Mittel in die Hand, seine Expansionspläne zu verwirklichen. Seit 1529 verbreitete der aus Frankreich vertriebene Protestant Wilhelm Farel mit der entschlossenen Unterstützung Berns die neue Lehre in Neuenburg und den Juratälern. Bereits strebte der kühne Agitator nach der Bischofsstadt Genf, die eben im Begriff stand, sich von dem seine Selbstständigkeit bedrohenden Haus Savoyen loszureißen. 1526 hatte sich im wirtschaftlich aufstrebenden Genf die eidgenossenfreundliche Freiheitspartei gegen die Partei des Herzogs von Savoyen durchgesetzt und ein Burgrecht (Schutzbündnis) mit den eidgenössischen Stadtstaaten Bern und Freiburg geschlossen. Als der savoyische Herzog daraufhin eine Offensive gegen die Stadt eröffnete, unternahm Bern mit seinen Verbündeten einen Feldzug nach Genf. Im Frieden von St. Julien verpflichtete sich der Herzog, Genf in keiner Weise mehr zu belästigen. Wichtiges Ergebnis des Vertrages war vor allem: Bern und Freiburg durften beim geringsten Verstoß gegen diese Verpflichtung das Waadtland besetzen. Damit waren die Kämpfe jedoch keineswegs abgeschlossen. Als Wilhelm Farel als Werkzeug Berns 1532 seine reformatorische Tätigkeit in Genf aufnahm, stieß er auf den entschiedensten Widerstand der Altgläubigen und musste die Stadt wieder verlassen. Der Bernische Rat erklärte daraufhin, das Burgrecht nur anzuerkennen, wenn Genf die freie Predigt des Evangeliums gestatte. Damit entschied Bern den Übertritt Genfs zum neuen Glauben. Farel und seine Gefährten kehrten in die Stadt zurück, wo man 1535/36 Bilder und Messe aufhob und die bischöflichen Rechte abschaffte. Zur gleichen Zeit besetzte Bern unter Berufung auf den Vertrag von St. Julien das Waadtland. Sitzung des »Inneren Rates«Selbstverwaltung der Städte. Sitzung des »Inneren Rates« der Stadt Regensburg (rechts Mitte Albrecht Altdorfer). Miniatur von H. Mielich im Freheitenbuch der Stadt Regensburg. Museum der Stadt. Johannes Calvin – Reformation in Genf
Im gleichen Jahr, da Bern die Waadt einverleibte, erschien im verbündeten Genf der Mann, dessen Lehre von grundlegender Bedeutung für die Organisation und Ausbreitung des Protestantismus werden sollte: Johannes Calvin (1509-1564). Calvin, Sohn eines bischöflichen Beamten aus der Picardie, trat 1533/34 nach umfangreichen theologischen, juristischen und humanistischen Studien zum evangelischen Glauben über. Als in Frankreich verfolgter Ketzer kam er 1534 nach Basel, wo er sein Hauptwerk, die »Institutio christianae religionis« (Lehrbuch der christlichen Religion) schrieb. Darin fasste er die von Luther und Zwingli erarbeitete Glaubenslehre logisch zusammen. Das Werk enthielt bereits alle wesentlichen Elemente des calvinistischen Bekenntnisses: die strenge Konsequenz und Systematik, die Lehre von der Prädestination (Vorbestimmung) und die Beugung auch des gesamten bürgerlichen Lebens unter die kirchliche Disziplin mit der Androhung des Bannes gegen Widerspenstige. 1536 kam Calvin auf der Durchreise zufällig nach Genf und wurde von Farel, dem Genfer Reformator, zum Bleiben bewogen. Der gemeinsame Versuch von Calvin und Farel, der Stadt eine neue Kirchenordnung aufzulegen, scheiterte aber zunächst, und 1538 wurden beide in die Verbannung geschickt. Nachdem in den innerstädtischen Parteikämpfen aber die Strenggläubigen siegten, kehrte Calvin 1541 nach Genf zurück. Noch im selben Jahr hieß die Bürgerversammlung die »ordonnances ecclesiastiques« gut. Diese neue Kirchenverfassung ergab sich aus Calvins Prädestinationslehre. Danach durfte auf Gnade hoffen, wer durch strengste Pflichterfüllung – der Allmacht Gottes dienend und seiner Bestimmung gerecht werdend – sein Leben zu heiligen vermochte. Grundlage der Kirche bildete demnach die Sittenzucht, welche durch das dem Zürcher Ehegericht verwandte Konsistorium, bestehend aus Geistlichen und Laienältesten, gehandhabt wurde. Predigtbesuch und Teilnahme am Abendmahl waren Pflicht, Unwürdige schloss man vom Abendmahl aus (Exkommunikation). Jeder Luxus und alle weltlichen Vergnügungen wurden verboten. In den folgenden Jahren bis zu seinem Tode 1564 übte Calvin eine unumschränkte, beinahe theokratische Herrschaft über Genf aus. Innerhalb der Stadtgemeinde führte er einen rücksichtslosen Kampf gegen alle, die sich nicht seiner eisernen Sittenkontrolle unterwerfen wollten. So ließ er einen widerspenstigen Ratsherrn barhäuptig, in bloßem Hemd, mit einer Fackel durch die Stadt marschieren und kniend um Verzeihung bitten. 1553 wurde der spanische Arzt Michel Servet, der die Trinitätslehre leugnete, auf Betreiben Calvins in Genf gefangengenommen und verbrannt. Als zwei Jahre später ein Aufruhr gegen das Kirchenregiment scheiterte, verurteilte man die Anführer zum Tode. Mit eiserner Härte erzwang Calvin Prinzipien wie Bescheidenheit und Sparsamkeit, Arbeitsdisziplin und Erwerbsstreben, die zu prägenden Elementen des Alltags wurden. Durch seine neuen sozialen Wert- und Verhaltensmuster trug der Calvinismus wesentlich zur Entstehung einer zweckrational gewinnorientierten Wirtschaftsgesinnung bei – ein wichtiger Faktor in der weiteren ökonomischen Entwicklung. Die Umgestaltung der Kirchenverfassung machte Calvin in vieler Hinsicht zum Erben Zwinglis, dem er auch in der Abendmahlsfrage wesentlich näher stand als Luther. Nachdem Bullinger, der Nachfolger Zwinglis, und Calvin 1549 einen Vergleich in dieser Frage geschlossen hatten, fiel die Scheidewand zwischen Zwinglianismus und Calvinismus weitgehend weg. In internationalen Dimensionen gesehen, gehörten die Schweizer Kirchen zum calvinistisch-reformierten Protestantismus, der sich neben dem Katholizismus vor allem auch gegenüber der lutherischen Kirche Deutschlands abgrenzte. Als besonders bedeutsam erwies sich die von Calvin 1559 in Genf gegründete Akademie. Als Pflanzschule des kämpferischen Protestantismus gewann sie internationale Bedeutung. Von Genf ausgehend konnte der Calvinismus in Frankreich, Schottland, den Niederlanden, aber auch in Deutschland, Ungarn, Polen und später in Nordamerika Fuß fassen.

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Info 26.09.2017 - 00:09
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