Schwärmer und Täufer

Die Kirche des Mittelalters kannte nur die eine, ›rechte‹ Lehre; jede Abweichung davon war Ketzerei und wurde mit dem Tode auf dem Scheiterhaufen bestraft. So geschah es dem tschechischen Reformator Johannes Hus wie dem Florentiner Bußprediger Girolamo Savonarola. Luther hatte nun unter Berufung auf die Heilige Schrift und insbesondere das Evangelium diese Lehrautorität der Kirche und des Papstes bestritten und eine Reihe ihrer Dogmen als unbiblisch abgelehnt. Seine Lehre vom allgemeinen Priestertum und die Betonung der Freiheit eines Christenmenschen fand weithin begeisterte Zustimmung und ermutigte zugleich andere, ihre eigene religiöse Überzeugung öffentlich zu vertreten. So wurden aus manchen Anhängern Luthers Kritiker und sogar Gegner. Das gleiche Bild bot sich auch in Zürich, wo Zwingli wirkte. Die Kritiker stimmten mit dem Reformator zwar in der Ablehnung der alten Kirche überein, waren aber mit dem Verlauf der reformatorischen Erneuerung unzufrieden. So interpretierten sie gewisse Bibelstellen anders und forderten eine Reformation nach dem Vorbild der urchristlichen Gemeinde. Ihre Kirche sollte eine Gemeinschaft der Heiligen und die Erwachsenentaufe das äußere Zeichen der Zugehörigkeit sein. Andere Gruppen wieder achteten die Bibel und alle Theologie gering und beriefen sich auf eine unmittelbare Offenbarung in Visionen, Träumen oder Gesprächen mit Gott. Der ›linke Flügel‹ der Reformation
Luther bezeichnete alle, die nicht mit seinem Verständnis der Bibel und seiner Lehre übereinstimmten, als »Schwärmer« oder »Schwarmgeister«. Er sah in ihnen Kräfte, die das reine Evangelium verfälschten und lehnte sie und ihre Lehren leidenschaftlich in Predigt und Schriften ab. Aber auch die Obrigkeiten verfolgten sie, wo sie ihrer habhaft werden konnten. So ist der Weg der Schwärmer und Täufer durch Vertreibung, Folter, Kerker und Scheiterhaufen gekennzeichnet. Die Darstellung dieser »nebenkirchlichen Strömungen« durch protestantische wie katholische Kirchenhistoriker war lange Zeit sehr negativ. Erst in der jüngsten Vergangenheit hat man diesen »Stiefkindern der Reformation« Gerechtigkeit zuteil werden lassen und ihre Anliegen kritisch gewürdigt. Schwärmer und Täufer hatten ebenso wie Luther und Zwingli für sich in Anspruch genommen, ihre religiöse Überzeugung in Wort und in Lebensführung so zu vertreten, wie sie die christliche Botschaft verstanden. Die vielfältigen Gruppen stellten an ihre Mitglieder meist sehr hohe ethische Anforderungen, und die Zeit der frühen Christenheit und der Märtyrer war für viele Vorbild. Aber: Sie wollten weder mit einer kirchlichen noch mit der staatlichen Obrigkeit Kompromisse in Fragen des Glaubens und der Lebensführung eingehen. Dieser ethische Radikalismus hat Historiker dazu bewogen, diese Gemeinschaften unter der Bezeichnung »linker Flügel der Reformation« oder »radikale Reformation« zusammenzufassen. Die Wittenberger ohne Luther
Auf dem Reichstag zu Worms 1521 war über den gebannten Luther die Reichsacht verhängt worden. Sein Landesherr, Kurfürst Friedrich der Weise von Sachsen, ließ ihn heimlich auf die Wartburg bringen, um ihm Schutz und Sicherheit zu gewähren. Damit war aber der reformatorischen Bewegung gerade in dem Zeitpunkt der Führer genommen, zu dem sie ihn am dringendsten gebraucht hätte. Zwar hatte Luther in seinen reformatorischen Schriften die Grundzüge seiner Lehre von Rechtfertigung und Gnade und von den Sakramenten dargestellt, aber die praktische Durchführung von Reformen stand noch aus. Der Reformator, eben noch im Blickpunkt der Nation, war nun als Junker Jörg in die Abgeschiedenheit einer Burgstube verbannt. Die Anhänger Luthers ließen sich allerdings weder durch das »Wormser Edikt«, das auch ihnen die Acht androhte, noch durch das plötzliche Verschwinden des Reformators einschüchtern. Sie wollten aus Luthers Worten und Schriften über die Rechtfertigung des Sünders vor Gott, über den Missbrauch von Messe und Ablass, über Mönchsgelübde und Zölibat, praktische Konsequenzen ziehen. Der Wittenberger Konventsprediger der Augustiner Gabriel Zwilling, den seine Zeitgenossen als »zweiten Martinus« bezeichneten, war ihr wortgewaltiger Sprecher. Er legte die Mönchskutte ab und predigte im Studentenrock gegen Mönchtum und Ehelosigkeit der Priester sowie gegen die Wirksamkeit aller sogenannten »guten Werke«, wie Messen, Beten, Fasten, Almosengeben usw. Viele Mönche und Nonnen folgten seinem Beispiel und verließen ihre Klöster. Sie ergriffen meist bürgerliche Berufe und heirateten. Geistliche, die am alten Kult festhielten, wurden verhöhnt, von den Altären vertrieben oder mit Kot und Steinen beworfen. Auch die meist sehr prunkvolle Ausstattung der Kirchen erregte das Missfallen Zwillings und seiner Anhänger. Sie drangen in die Kirchen ein und zerschlugen Altäre, Heiligenstatuen, Monstranzen und Marienbilder. Während der fast einjährigen Abwesenheit Luthers rückte auch sein enger Mitstreiter Dr. Andreas Bodenstein (1480-1541), der nach seinem Geburtsort in Mainfranken Karlstadt genannt wurde, immer mehr in den Vordergrund. Er hatte mit Luther an der Leipziger Disputation gegen Eck teilgenommen und wollte nun Luthers Werk in Wittenberg weiterführen. Ihm ging es hauptsächlich um die Abschaffung der Messe und um die Neugestaltung des Gottesdienstes. Am Weihnachtsfest des Jahres 1521 feierte er mit etwa 2000 Gläubigen eine »deutsche Messe«, d. h. er trug weltliche Kleidung, sprach die Einsetzungsworte deutsch und spendete die Kommunion in beiderlei Gestalt, indem er die Hostie und den Kelch den Kommunikanten in die Hand gab. Dies war der erste öffentliche evangelische Abendmahlsgottesdienst in deutscher Sprache. Die »Zwickauer Propheten« und der Wittenberger Kirchensturm
Gegen Ende des Jahres 1521 tauchten in Wittenberg die ersten »Zwickauer Propheten« auf. Der Tuchmacher Nikolaus Storch und der Literat Marcus Stübner – beide Anhänger von Thomas Müntzer – waren die Sprecher. Sie behaupteten, unmittelbar von Gott erleuchtet zu sein und prophezeiten den nahen Weltuntergang und die Errichtung des Gottesreiches auf Erden. Sie behaupteten weiter, ein Christ brauche weder Bibel noch Unterweisung, denn der Buchstabe töte, nur der Geist mache lebendig. So lehnten sie den geistlichen Stand und alle kirchlichen Zeremonien ab. Sie verwarfen die Kindertaufe, weil Christus auch erst als Erwachsener getauft worden war. Ihr Auftreten muss sehr beeindruckend gewesen sein, denn Karlstadt schloss sich ihnen an, und Melanchthon schrieb an Luther: »Wunderbares ist es, was sie von sich behaupten; nämlich dass sie durch den offenkundigen Ruf Gottes gesandt sind, um zu lehren; dass sie vertrauliche Gespräche mit Gott haben; dass sie das Zukünftige sehen, kurzum, dass sie prophetische und apostolische Männer sind.« Diese Bewegung hatte bald Folgen. Die leidenschaftliche und schwärmerische Predigt dieser Propheten riss die aufgeputschte Menge zu neuen Gewalttaten hin. Heiligenfiguren und Kruzifixe wurden zerschlagen, Altäre wurden zerstört. Der Rat der Stadt wusste nicht, wie er dem Treiben Einhalt gebieten sollte und wandte sich an Luther. Der gebannte Reformator ritt eilends von der Wartburg nach Wittenberg – ohne Rücksicht auf seine persönliche Sicherheit. Er hielt an acht aufeinanderfolgenden Tagen seine berühmten »Invocavit-Predigten« und stellte damit die Ruhe in der Stadt wieder her. Karlstadt zog sich grollend zurück; die Propheten verließen die Stadt. Damit waren die Schwarmgeister in Wittenberg gebannt. Die Täuferbewegung von Zürich
Das Zentrum der Täuferbewegung war Zürich. Dort hatte der Rat im Jahre 1523 die Reformation nach den Vorstellungen Zwinglis durchgeführt. Einige Freunde des Reformators, besonders der junge Patrizier Konrad Grebel und der Gelehrte Felix Manz wandten sich gegen die Mitbestimmung der weltlichen Obrigkeit in Glaubensfragen. Ihrer Auffassung nach sollte die Kirche eine freiwillige Gemeinschaft der Gläubigen sein. Daher erschien es ihnen auch sinnvoll, nur Erwachsene, die sich zu Christus bekannten, zu taufen. Von ihren Gegnern wurden sie »Wiedertäufer« genannt. Sie selbst lehnten diese Bezeichnung ab, denn die Kindertaufe war für sie keine Taufe im Sinne der Schrift. Sie bezeichneten sich schlicht als »Brüder und Schwestern«. Ihre Ideale waren die urchristliche Gemeinde, die Nachfolge Christi, praktische Nächstenliebe und Ablehnung jeglicher Waffengewalt. Mit Zwingli führten sie eine Reihe von Disputationen, ohne dass es zu einer Einigung kam. Der Rat der Stadt wies daraufhin die Befürworter der »Glaubenstaufe« außer Landes. Dies bewirkte, dass die Täufer umherzogen und eine rege Missionstätigkeit entwickelten. In der Schweiz, in Süddeutschland, am Rhein, in Tirol und Österreich gründeten sie an zahlreichen Orten Brüdergemeinden. Fast überall aber wurden sie auch als Ketzer und Umstürzler von den Obrigkeiten verfolgt. Als man Felix Manz auf Züricher Gebiet aufgriff, wurde er Anfang des Jahres 1527 als erster Märtyrer der Täuferbewegung in der Limmat ertränkt. Wenige Monate später kam es in Franken zu einer Parallele: Der Rat der Reichsstadt Nürnberg ließ den Eltersdorfer Pfarrer verhaften und als ersten Täufer im Reich zum Tode verurteilen. In der Urteilsbegründung wurden ihm nicht nur die Verbreitung täuferischer Irrlehren, sondern auch »Verbündnisse wider alle Obrigkeit« zur Last gelegt. Die »Brüderliche Vereinigung« der Täufer
Durch die Verfolgungen drängte man die Täuferbewegung immer mehr in den Untergrund. Im Februar 1527 trafen sich Vertreter der süddeutschen Täufer in Schleitheim bei Schaffhausen und grenzten ihre Lehre in der »Brüderlichen Vereinigung« gegen Schwärmer, Altgläubige und Reformierte ab. Fast alle Beteiligten dieser »Märtyrersynode der Täufer« wurden in den nächsten Jahren Opfer der Verfolgung. Der Verfasser der »Vereinigung«, der ehemalige Prior des Benediktinerklosters St. Peter im Schwarzwald, Michael Sattler, wurde in Rottenburg am Neckar auf dem Scheiterhaufen verbrannt. In dem Prozess, der der Exekution vorausging, lastete man ihm neben Irrlehren über Taufe und Abendmahl auch an, dass er jeden Kriegsdienst – selbst gegen die Türken – ablehnte und dass er sagte: »Es steht geschrieben, Du sollst nicht töten. Wir sollen uns des Türken und anderer Verfolger nicht erwehren, sondern in strengem Gebet zu Gott anhalten, dass Er wehre und Widerstand leiste.« Hier wird deutlich, dass auch der zivile Ungehorsam gegenüber der weltlichen Obrigkeit ein Grund für die grausame Behandlung der Täufer war. Man sah in ihnen eben nicht nur Ketzer und Verbreiter von Irrlehren, sondern Aufrührer gegen die Staatsgewalt. Daher wurde auch auf mehreren Reichstagen die Todesstrafe für Wiedertäufer festgesetzt. Die »Böhmischen Brüder« und die »Hutterer«
Nur in Mähren fanden die Täufer ein toleranteres Klima. Aus Süddeutschland und besonders aus Tirol zogen viele Täufer dorthin, um der Verfolgung zu entgehen und ein Leben in der Nachfolge Christi zu führen. Dort entwickelten sie unter der Führung Jakob Hutters nach dem Vorbild der frühen Christen und durch die gemeinsame Not und Verfolgung eine besondere Form des Zusammenlebens. Sie verzichteten auf jeden privaten Besitz und betrieben auf sogenannten »Bruderhöfen« Landwirtschaft. Die »Bruderhöfe« umfassten jeweils eine Anzahl von Familien unter der Leitung eines Predigers. Jeder hatte seinen zugewiesenen Platz in der Gemeinschaft. Unter Verzicht auf alle weltliche Lust lebten sie einfach und streng nach dem Wort der Bibel. Als Jakob Hutter 1536 den Märtyrertod starb, waren die »Mährischen Brüder« bereits ein gefestigter Bund von Gemeinden, der alle Verfolgungen und Vertreibungen der folgenden Jahrhunderte überdauerte. Noch heute leben in abgelegenen Gegenden der USA und Kanadas einige Tausend Hutterer in Brüdergemeinden in fast den gleichen Lebensformen wie vor 450 Jahren. Das Täuferreich zu Münster
Der schwäbische Kürschnergeselle Melchior Hofmann, der in Straßburg Anhänger der Täufer geworden war, verbreitete diese Lehre als Wanderprediger in den Niederlanden mit großem Erfolg. Er verkündete die baldige Wiederkunft Christi, den Triumph der 144000 Gläubigen (nach der Offenbarung des Johannes) und den Untergang aller Ungläubigen. Während Hofmann bei einem Besuch in Straßburg eingekerkert wurde, setzte sich Jan Matthys, ein Bäcker aus Haarlem, an die Spitze der Bewegung. Er riss seine Anhänger – meist verarmte Handwerker und Händler – zu einem schwärmerischen Aktivismus hin. Nicht Leiden und Gewaltlosigkeit war sein Prinzip, sondern Kampf gegen die »Gottlosen« und die Vorbereitung des Reiches Christi. Die Stadt Münster wurde als »Neues Jerusalem« ausersehen. Dort war es nicht nur zu sozialen Spannungen zwischen Bürgern und Kirche gekommen – die Frauenklöster unterboten mit ihren billiger produzierten Webwaren das Angebot der freien Handwerker -, dort hatten gerade auch die Bürger gegen den Widerstand des Bischofs die lutherische Reformation durchgeführt. Der Münsteraner Prediger Bernd Rothmann zeigte sich gegenüber täuferischen Ideen zugänglich, und immer mehr niederländische Täufer wanderten in die Stadt ein. Schließlich übernahmen die Täufer das Stadtregiment und stellten mit dem Tuchhändler Bernd Knipperdolling den Bürgermeister. Jan Matthys zog selbst nach Münster und wurde zum eigentlichen Führer. Er schlug die Tötung aller »Ungläubigen« vor; allerdings kam es dann nur zu deren Vertreibung. Er führte die Gütergemeinschaft unter den Bürgern ein und prophezeite für Ostern 1534 das Weltende. Bernhard KnipperdollingWiedertäufer in Münster. ›Herrscherporträt‹ des zum Bürgermeister ernannten Bernhard Knipperdolling. Porträt (1536) von Heinrich Aldegrever. Inzwischen hatte der vertriebene Bischof von Münster die Stadt mit Truppen eingeschlossen, aber die Belagerten verteidigten sich erfolgreich. Als Jan Matthys im Kampf umgekommen war, wurde der Schneider Jan Bockelson von Leiden sein Nachfolger. Unter ihm erreichte die Täuferherrschaft ihren grausig-grotesken Höhepunkt. Er ernannte sich unter Berufung auf göttlichen Auftrag zum König aller Täufer und aller Christen und ließ verkünden: »Der König soll herrschen über alle Kaiser, Könige, Fürsten und Gewaltige in der Welt. Er wird den Thron seines Vaters David einnehmen, bis Gott das Reich von ihm zurücknehmen wird.« Er umgab sich mit einem Hofstaat von 135 Personen und schwelgte in Prunk. Jeder Privatbesitz wurde eingezogen; Privilegien, Urkunden und Schuldscheine wurden vernichtet. Schließlich führte er die Polygamie ein. Wegen des starken Frauenüberschusses – von den 11000 Einwohnern sollen 7-8000 Frauen gewesen sein – sollte ein Mann zwei bis drei Frauen heiraten. Der König selbst nahm 16 Frauen, von denen er später zwei wegen Ungehorsams enthauptete. Jan BockelsonKönig der Wiedertäufer: Johann Beuckels von Leyden, genannt Jan Bockelson, unter dessen Herrschaft Terror, Prunksucht, sozialistische Ideen und Polygamie eine kuriose Verbindung eingingen. Während die Verteidiger Münsters immer mehr Hunger litten, erhielt der Bischof von katholischen und protestantischen Fürsten im Reich Unterstützung. Nach einer fast eineinhalbjährigen Belagerung fiel die Stadt durch Verrat. Die Eroberer richteten unter den Täufern ein furchtbares Blutbad an. Jan von Leiden und Knipperdolling wurden mit glühenden Zangen zu Tode gemartert und ihre Leichen in eisernen Käfigen am Turm der Lambertikirche zur Schau gestellt. Text der Zeit
Die Täufer in Münster 1534
Nach dem Sturm [der bischöflichen Truppen auf die belagerte Stadt Münster] ist Johann von Leiden eine große Offenbarung gekommen, dass er solle König sein über Neu-Israel und die ganze Welt und solle der nächste nach Gott sein. [...] Diese Offenbarung verkündete er dem gemeinen Volke. Die Leute in der ganzen Stadt schwiegen dazu. Der eine glaubte an die Offenbarung, der andere nicht. Die obersten Wiedertäufer, die Prädikanten mit Knipperdolling, Tilebeke, Bernd und Heinrich Knechting, machten Johann zum König, und er sprach: »Gott hat mich zum König erwählt über die ganze Welt, aber ich sage euch, liebe Brüder und Schwestern, ich wollte lieber ein Schweinehirte sein, als dass ich König wäre. Aber was ich tue, das muss ich tun, denn Gott hat mich dazu auserkoren. Liebe Brüder und Schwestern, das lasst uns Gott danken!« Da jubelten ihm alle zu und sangen den deutschen Psalm: Allein Gott in der Höh sei Ehr! Darnach ging ein jeder wieder in sein Haus. Der König aber hat gleich die zwölf Ältesten abgesetzt, dafür ernannte er Knipperdollingk zu seinem Statthalter und Tilebeke zum Hofmeister. Darnach umgab er sich mit einem Hofstaat wie ein Landesherr. Er hatte auch Trabanten, Köche und Schließer. Alle Ämter hatte er besetzt außer dem Scharfrichter. Dieses Amt behielt er mit Knipperdollingk selbst. Als nun der König merkte, dass die Lebensmittel zu Ende gingen, kam er in große Sorge. Den besten Wein und das beste Bier, das in der Stadt war, ließ er in sein Haus führen, dazu auch Fleisch und Korn genug, sodass er sich mit seinem Hofgesinde wohl ein halbes Jahr erhalten konnte. [...] Der Hunger kam so stark, dass viele Leute bei Nacht aus der Stadt gingen und ließen sich lieber von den Feinden totschlagen, als dass sie Hungers starben. Der König mit seinem Anhang aber wollte die Stadt nicht aufgeben. Sie sagten, sie wollten eher zu Tode schmachten, ehe sie der Menschen Gnade begehrten. Die aber in der Stadt geblieben waren, mussten sich jämmerlich behelfen. Sie aßen allerlei Tiere von Land und Wasser, alles das, was Leben hatte. Zuerst aßen sie Pferde, sogar das Haupt, die Füße, Leber und Lunge. Dann kamen Katzen, Hunde, Mäuse, Ratten, Muscheln, Frösche und Gras. Ihr Brot war Moos. Solange sie Salz hatten, war das ihr Fett. Zuletzt aßen sie auch Ochsenhäute. Alte Schuhe weichten sie ein und verzehrten sie. Ein Teil Leute sagten, sie hätten auch Kinder gegessen. Wieviel daran wahr ist, weiß ich nicht [...]. Die Kinder starben vor Hunger, es starben auch die Alten. Das gemeine Volk lief in Scharen aus der Stadt bei Tag und Nacht, ob der König Urlaub gab oder nicht. Wenn der König einen wahrnahm, der davonlaufen wollte, so hieb er ihm den Kopf ab oder ließ ihn an die Linde im Domhof hängen. [...] Als nun die Stadt gefallen war, sind die Landsknechte in alle Häuser gelaufen und haben die Wiedertäufer gesucht in den Kellern und allerorten. Sie haben auch viele gefunden und an den Haaren aus den Häusern auf die Straße gezogen und totgeschlagen. So zornig waren die Landsknechte, dass sie keine Gnade gaben. Als nun mein gnädiger Herr von Münster [Bischof Franz von Waldeck] in die Stadt kam und den König sah, fragte er ihn: »Bist du ein König?« Da soll der König gesagt haben: »Bist du ein Bischof?« Darnach ließ mein gnädiger Herr alle Wiedertäufer, die noch in der Stadt waren, auf den Domhof bringen. Die Weiber, die die obersten der Wiedertäuferischen waren, wurden aus dem Haufen genommen und gerichtet. Sie wollten aber nicht von der Wiedertaufe lassen und bei ihrem Glauben bleiben. Den König, Knipperdollingk und noch etliche mehr ließ er aus der Stadt bringen und hielt sie in einem Schloss gefangen bis zu der Zeit, da sie gerichtet wurden. Der König und Knipperdollingk hatten ein Halsband mit einer eisernen Kette um den Hals. So liefen sie neben den Pferden her, als sie aus der Stadt gebracht wurden. Wo die Königin und ihre Mitfrauen geblieben sind, davon kann ich nichts schreiben.
Aus: Meister Heinrich Gresbecks Bericht von der Wiedertaufe in Münster. Abgedr. in Geschichtsquellen des Bistums Münster. Bd. II. (Der Verfasser war ein einfacher Bürger aus Münster, der sich nur gezwungen der Bewegung angeschlossen hatte und sehr farbig darüber berichtet.) Die Mennoniten
Die Schreckensherrschaft von Münster hatte dem Ruf der Täufer nachhaltig geschadet. Doch dem Prediger Menno Simons gelang es, die niederdeutschen Täufergemeinden neu zu organisieren und zu einem schlichten, praktischen Christentum zurückzuführen. Die nach ihrem Prediger benannten Mennoniten sind heute eine der bedeutenden Freikirchen. Sie lehnen Krieg, Eidesleistung und staatlichen Zwang ab und bekennen sich zur Wehrlosigkeit und bedingungslosen Feindesliebe. Jede Gemeinde ist autonom; gemeinsame Fragen werden auf Konferenzen behandelt. Die Prediger üben meist weltliche Berufe aus. Von den etwa 500000 Mennoniten insgesamt lebt der größte Teil in den USA.