15. Jahrhundert – Städte und Bürgertum – Wirtschafts- und Sozialprobleme

Im 15. Jahrhundert hatten die Städte eine stürmische Entwicklung genommen. Sowohl ihre wirtschaftliche wie ihre geistige Basis änderte sich grundlegend. Aus dem alten Patriziat und den dynamischen Unternehmerpersönlichkeiten in Fernhandel und Verlag entstand in jener Zeit das neue Bürgertum, das neue Wirtschaftszweige erschloss und große Handelsimperien errichtete. Fugger und Welser sind nur die bedeutendsten Beispiele aus einer großen Zahl. Unter diesen Bürgern herrschte der Geist des Frühkapitalismus. Er nahm keine Rücksicht auf überkommene oder neu entstehende starre Formen, sondern erschloss immer neue Tätigkeitsgebiete in immer weiteren geografischen Räumen. Ein neues Bildungs- und Wirtschaftsbürgertum
Das neue Bürgertum wurde aber nicht nur zum Eigentümer großer Vermögen, sondern neben den Fürstenhöfen zum Träger des aus der Renaissance kommenden Humanismus mit seinem neuen Menschenbild, in dessen Mittelpunkt der Mensch nicht mehr allein als Werkzeug und Geschöpf Gottes, sondern als selbstbewusstes Individuum stand. Bildung und Kultur wurden dadurch immer mehr eine Sache der Städte, während das Land allmählich kulturell zurückblieb. Nur die Fürstenhöfe konnten sich auf diesen Gebieten neben den Städten behaupten. Diese Entwicklung blieb nicht ohne Folgen für die soziale Struktur in den Städten wie für die politische Rolle des Bürgertums. Gegenüber dem neuen Bürgertum fielen die anderen Gesellschaftsschichten in ihrer Bedeutung immer mehr zurück. Das gilt für die Bauern und den Landadel, die unter der Agrarkrise des 15. Jahrhunderts zu leiden hatten ebenso, wie für die Handwerker und die unteren Gesellschaftsschichten in den Städten, die mit der wirtschaftlichen Entwicklung der großen Bürgerhäuser nicht Schritt halten konnten; entweder, weil ihnen der Unternehmergeist fehlte oder weil sie nicht die materiellen Mittel hatten, um die neuen Möglichkeiten nützen zu können. So wurde der Abstand zwischen Armen und Reichen, Gebildeten und Ungebildeten immer größer. Das war die Basis für den weiteren Gang der Dinge in den Städten des 16. Jahrhunderts. Das Bild der Städte wandelt sich
In Deutschland hat sich das Aussehen der Städte im 16. Jahrhundert nicht so radikal gewandelt wie unter der Wirkung der Renaissance z. B. in Italien. Das lag nicht an materiellem Mangel, sondern daran, dass die Reformation viele geistige Kräfte absorbierte, die in Italien in der Architektur ein breites Betätigungsfeld fanden. Wir sehen ja auch in anderen Bereichen der Kunst, dass in Deutschland nach 1530 kaum große Namen zu finden sind. Trotzdem änderte sich das Aussehen unserer Städte nachhaltig. Die Ursachen waren: Ausbau aufgrund steigenden Wohlstands, Wandel der Befestigungstechnik und Änderungen in der Sozialpflege. Der Wohlstand der bürgerlichen Oberschicht stieg besonders stark. Mit ihm wuchs das Selbstbewusstsein. Beides äußerte sich in größer und prächtiger werdenden Bürgerhäusern. Die städtische Selbstverwaltung, meist in den Händen des neuen Bürgertums, schuf sich als politischen und gesellschaftlichen Mittelpunkt prunkvolle Rathäuser. Auch die sozial schwächeren Schichten bauten solider als bisher. Von landschaftlichen Besonderheiten abgesehen, verschwanden Schindel-und Strohdächer, Lehmhütten und Holzhäuser aus den Städten und machten Naturstein- und Ziegelbauten mit Ziegeldächern Platz. Damit wurden die Feuersbrünste seltener. Die Straßen sind nun meist gepflastert und werden vielerorts regelmäßig gereinigt, allerdings nicht von der Stadtverwaltung, sondern von den Anwohnern. Wenn wir vor unseren Häusern den Gehsteig kehren oder Schnee räumen, dann ist das der Rest dieser bürgerlichen Ordnungsdienste, die im 16. Jahrhundert entstehen. Die größeren Straßen haben jetzt oft Beleuchtung, für die ebenfalls die Anwohner zuständig sind, und die allgemeinen hygienischen Bedingungen verbessern sich, da viele Städte die Viehhaltung innerhalb der Mauern verbieten. Auch beginnt man, die Friedhöfe vor die Mauern zu verlegen. Die Ausstattung der Wohnungen wird komfortabler, das Mobiliar reichhaltiger. In vielen Häusern gibt es jetzt Bücher und Uhren. Andererseits bleibt die Heizung oft unzureichend, doch ist Fensterglas jetzt billiges Allgemeingut geworden. Rege Bautätigkeit und wachsende Bevölkerung führen zu Platzmangel. Daher werden die Häuser höher und die Gassen enger, Höfe und Gärten werden kleiner oder verschwinden unter Anbauten. Früher hätte man die Stadt erweitert, nun ist das nur noch unter großen Schwierigkeiten möglich, denn die kostspielig gewordenen Stadtbefestigungen können unter wirtschaftlichen und manchmal auch militärischen Erwägungen nicht einfach versetzt werden. So wird die Enge immer drangvoller, zumal auch die Geldentwertung zu raumsparendem Bauen zwingt, wie in unseren heutigen Städten! Die Mieten steigen, was die sozialen Spannungen erhöht. Die sanitären Verhältnisse verschlechtern sich, denn Wasserversorgung und Abfallprobleme setzen mancher Stadt Wachstumsgrenzen, und schon im 16. Jahrhundert werden viele Klagen über die Verschmutzung von Flüssen durch städtische Abwässer laut, die oft aus Gewerbebetrieben kommen. Neben den Wohn- und Rathausbauten erscheinen im 16. Jahrhundert Sozialbauten, die oft umfangreich und sehr aufwendig sind. Die Reichen werden im 16. Jahrhundert noch reicher, doch die Stadtarmut wächst rapide. Früher hatten Handwerkszünfte und Kaufmannsgilden für die Sozialpflege ihrer Mitglieder gesorgt. Nun sind sie auf dem Abstieg, außerdem gibt es immer mehr Stadtbewohner, die keiner dieser genossenschaftlichen Selbsthilfeorganisationen angehören. In die Lücke stoßen die Stiftungen reicher Bürger. Neben den älteren Spitälern entstehen jetzt erste Altersheime (z. B. die Fuggerei in Augsburg) und, auf Anregung und nach dem Beispiel der Jesuiten, die ersten Findelhäuser, daneben bürgerliche Schulstiftungen und die umfangreichen Kloster- und Kollegienbauten des neuen Jesuitenordens. Alle diese Faktoren verändern im 16. Jahrhundert das Aussehen der Stadt. Auch das Heerwesen und die Artillerie verändern die Städte
Im 15. Jahrhundert begann die Ablösung der ritterlichen Lehensheere durch die Söldnerhaufen der Landsknechte; im 16. Jahrhundert war die Entwicklung abgeschlossen. Diese Umstellung veränderte das Militärwesen vollkommen, denn gegen die disziplinierten und erfahrenen Berufssoldaten hatten Gelegenheitskämpfer keine Chance. Die Bürgermilizen, die die Mauern der Städte verteidigten, waren aber reine Amateure des Kriegshandwerks. Hatten einfache Gräben und Mauern mit Bürgerbesatzungen gegen Ritter, die ja auch nur Gelegenheitskämpfer waren, und meist über nur bescheidene technische Mittel verfügten, ausreichend Schutz geboten, so änderte sich das jetzt. Die Städte mussten Berufssoldaten einstellen. Kleine Städte waren finanziell überfordert und damit ohne ausreichenden Schutz. Große Städte konnten zwar mithalten, doch wurden die Militärlasten von Jahrzehnt zu Jahrzehnt drückender. Eine andere Neuerung belastete die Städte noch mehr: Im 16. Jahrhundert wurde die Artillerie zur kriegsentscheidenden Waffe. Geschütze waren aber sehr kostspielig in der Anschaffung und erforderten teure Fachleute. Außerdem boten die alten Mauern gegen die neue Waffe keinen Schutz. Die Stadtbefestigungen mussten also erneuert werden, und zwar wesentlich aufwendiger als bisher gewohnt. Auch dies belastete die Stadtsäckel, und das zu einer Zeit, als die Stadtverwaltungen gezwungen waren, soziale Lasten für die wachsende Zahl der Armen zu übernehmen. In ihrer Finanznot entwickelten die Städte ein modernes Steuersystem, das von den Territorialfürsten kopiert wurde. Je mehr sich die Territorien festigten und vergrößerten, um so leistungsfähiger wurden die fürstlichen Kassen, während die Wachstumschancen der Städte gering blieben. So entstand aus den Militärlasten allmählich ein Ungleichgewicht der Möglichkeiten, das es vielen Städten unmöglich machte, sich den wachsenden Ansprüchen der Fürsten zu widersetzen. Aus dem bewaffneten Stadtbürger wurde die Spottfigur des »Spießbürgers«. Frau und Mann - 15. JahrhundertSelbstbewusstes Patriziertum. Reich gewandetes und geschmücktes Ehepaar. Kupferstich von Heinrich Aldegrever, 1538. Dresden, Kupferstichkabinett. Text der Zeit
Alltagsleben in Deutschland 1517 – Reisebericht von Antonio de Beatis
Überall findet man bequeme Unterkunft, und obwohl von Trient bis fast an den Rhein keine Weinberge mehr vorkommen, so hat man doch in den Gasthäusern zwei Sorten Wein, weißen und roten, gut und wohlschmeckend, manchmal mit Salbei, Flieder und Rosmarin gewürzt. Das Bier ist in Deutschland wie in Flandern im allgemeinen gut. Es gibt schmackhaftes Kalbfleisch sehr billig, sodass wir an einigen Orten zu viert für einen Golddukaten aßen. Kamine hat man nur in der Küche, sonst überall Öfen. Jeder Ofen ist mit einer Nische versehen, in welcher ein Zinngefäß steht, das als Waschbecken dient. Allgemein sind Federbetten und ebenfalls mit Federn gefüllte Oberdecken in Gebrauch; man spürt darin weder Flöhe noch Wanzen, sowohl wegen der Kälte des Landes, als auch weil sie die Betten mit einer gewissen Mischung bestreichen, die nach Aussage der Deutschen nicht nur gegen [...] Ungeziefer gut ist, sondern auch die Betten auf der Oberfläche so fest macht, dass man auf mit feiner Wolle gefüllten Matratzen zu schlafen glaubt. Wirkliche Matratzen gebrauchen sie aber nur im Sommer. Die erwähnten Betten sind sehr groß und haben große Kopfkissen; an Federn ist ja kein Mangel, da die Gänse so massenhaft gezogen werden, dass ich in Deutschland deren oft gegen 400 beisammen sah. [...] Es gibt viel angebautes Land, Weizen und Gerste ist nicht sehr gebräuchlich, dagegen ernten sie Roggen und Korn in Menge, auch Hülsenfrüchte. [...] Kleine rote Kühe werden in großer Menge gehalten, auch Schafe und Schweine, aber nicht viele. [...] Die Käse sind nicht besonders gut, vor allem deshalb, weil die Deutschen nur faulen Käse lieben; auch einen grünen Käse schätzen sie, der künstlich mit Säften von Kräutern hergestellt wird, den aber, obwohl der pikant schmeckt und riecht, kein Italiener essen würde. An Obst fanden wir gute Weichselkirschen, zahlreiche große Apfel- und Birnenbäume fast überall. [...] Die Frauen halten zwar ihr Geschirr sehr sauber, sie selbst aber sind in der Regel unsauber, alle nach einer Weise in ganz geringe Stoffe gekleidet, sie sind aber schön und anmutig [...], die meisten Frauen [niederen Standes] gehen barfuß, und wenn sie Schuhe haben, so haben sie keine Strümpfe. Sie tragen kurze und enge Röcke, welche die Beine nicht ganz bedecken. Sie tragen Halstücher und auf den in Flechten gewundenen und um den Kopf gebundenen Haaren gefaltete Mützen [...], die großen und reichen Damen tragen gewisse sehr breite Kopftücher und darüber einen weißen und dichten [...] Schleier, der festgemacht und in Falten gelegt ist, sodass sie sehr majestätisch aussehen. [...] Wenn sie Fremde und angesehene Männer, besonders von fremder Nation, vorübergehen sehen, so pflegen sie sich zu erheben und zu verneigen. Die Männer sind in Deutschland in der Regel groß, wohlproportioniert, stark und von gesunder Gesichtsfarbe. Alle tragen von klein auf Waffen, und jede Stadt und jedes Dorf hat seinen Schießplatz, wo man sich an Festtagen im Armbrust- und Büchsenschießen übt, wie in der Handhabung der Piken und jeder anderen Art Waffen. [...] Überall fanden wir unzählige Räder und Galgen, die nicht nur in ihrem Aufbau mit Zier arten versehen waren [...], sondern auch mit gehenkten Menschen, worunter zuweilen justifizierte Frauen waren, sodass man sieht, dass strenge Rechtspflege geübt wird, was ohne Zweifel in diesen Ländern auch sehr nötig ist. Da alle Edelleute außerhalb der Städte in ihren festen Burgen wohnen, wohin sich auch viel Raubgesindel zurückzieht, so könnte man gar nicht existieren, wenn die Rechtspflege nicht so streng wäre. [...] Die Häuser sind zwar meist aus Holz, aber sehr schön und anmutig von außen und im Innern nicht unbequem. Sehr gebräuchlich sind reich verzierte Erker [...], um bequem die Straße beobachten zu können, manchmal ganz bemalt und mit Ziegeln gedeckt, auf denen Wappen und sehr schöne Heiligenfiguren gemalt sind. Die Haustüren [...] sind entweder ganz von Eisen oder aus Holz mit starken Eisenbeschlägen und bald rot, bald grün, blau oder gelb angestrichen. Die Dächer der Häuser wie der Kirchen sind in der Regel verziert und steil ansteigend, diejenigen der Häuser mit Ziegeln gedeckt, diejenigen der Kirchen mit verschiedenfarbigen glänzenden Plättchen aus Ton, sodass sie von Weitem einen sehr schönen Anblick darbieten [...], es gibt kein noch so kleines Dorf, das nicht wenigstens eine schöne Kirche hätte mit so großen, schönen und kunstreichen Glasfenstern, als man sich nur denken kann.
Aus: Reise des Kardinals Luigi d’Aragona von Antonio de Beatis. (Beatis begleitete 1517/18 als Sekretär den Kardinal bei seiner Reise durch Deutschland und führte ein genaues Tagebuch). Deutscher Text bei: L. v. Pastor, Erläuterungen und Ergänzungen zu Janssens Geschichte d. deutschen Volkes Bd. IV, H. 4, S. 48 ff. Kinder am 15. JahrhundertFrauen am 15. JahrhundertFrauen und Kinder in den Städten der Reformationszeit: Oben links: Mit Reifen spielende Kinder. – Oben rechts: Rodelnde und Schneeball werfende Kinder in einer winterlichen Strasse. Beide Bilder stammen aus dem Trachtenbuch des Veit. C. Schwarz, 16. Jh. Braunschweig, Herzog Anton Ulrich-Museum. Bild Rechts: Frauen in Nürnberger Tracht. Zeitgeössische Darstellung. Wirtschaftliche Schwächung der deutschen Städte durch die Entdeckung der Neuen Welt
Bevor die Portugiesen am Ende des 15. Jahrhunderts den Seeweg um Afrika herum nach Indien fanden und die Spanier ihr amerikanisches Kolonialreich erschlossen, lag Deutschland im Mittelpunkt der europäischen Handelswege. Nun verschob sich das Zentrum der Aktivitäten von der Linie Venedig – Nürnberg – Lübeck in die Staaten am Atlantik. Deutschland geriet in eine Randlage. Die wirtschaftliche Zukunft lag auf den Weltmeeren und nicht mehr im Mittelmeer oder in der Ostsee. Und damit lagen auch die deutschen Städte jetzt weit weg von den weltpolitischen Entscheidungen, die nun in Lissabon und Madrid, in Antwerpen und London fielen. Deutschland, ohne starke Zentralgewalt, erschöpfte sich in religiösen und politischen Streitigkeiten der Fürsten mit dem Kaiser und der Territorien und Städte untereinander. Den Bürgern der deutschen Städte fehlte nicht der Unternehmungsgeist. Die wirtschaftliche Bedeutung Amerikas wurde bei uns durchaus erkannt. Mancher Deutsche war an der Erschließung der Neuen Welt oder der Entwicklung des direkten Indienhandels beteiligt. Was fehlte, war die Rückendeckung durch eine starke nationale Politik. Das politische Interesse Karls V. lag aber nicht im Reich, sondern in Spanien und den Niederlanden. Und als er abdankte, wurde die Aufmerksamkeit Habsburgs durch andere Probleme als die der deutschen Städte in Anspruch genommen. Politik wurde jetzt im Weltmaßstab gemacht. Welche Chancen hatten da noch die auf sich allein gestellten deutschen Städte, die sich auch noch der Ausdehnungsversuche der Territorialherren erwehren mussten? Die Nachteile wurden nicht gleich sichtbar. Erst der Dreißigjährige Krieg hat die Strukturschwäche der deutschen Städte schonungslos offengelegt. Vorhanden waren sie aber schon vorher. Manche Städte entwickelten sich zwar stürmisch, weil sie verkehrsmäßig günstig lagen, wie Hamburg und Bremen. Andere verlegten mit Erfolg den Schwerpunkt ihrer Wirtschaft vom Handel auf die gewerbliche Produktion. Der deutsche Binnenhandel wuchs noch bis zum Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges. An den neuen wachstumsträchtigen, weltweiten Entwicklungen hatten die deutschen Städte aber nur wenig oder keinen dauernden Anteil. Ihr Wohlstand stieg noch, aber nicht mehr so schnell wie in anderen Ländern. Die Lage wurde von Jahrzehnt zu Jahrzehnt schwieriger. Die Portugiesen drückten durch ihren Seehandel die Preise im Asiengeschäft. Wollte man nicht ganz aus dem Fernosthandel gedrängt werden, musste man sich für die Güter, die noch auf dem Landweg über den Nahen Osten, Venedig und Genua kamen, mit mageren Gewinnen bei hohem Risiko begnügen. Erschwert wurde für Deutschland die Lage durch die großen Edelmetallmengen, die aus Amerika und den portugiesischen Faktoreien am Golf von Guinea nach Europa kamen: Das führte zu einer Geldentwertung von 60 bis 70 Prozent und zugleich zu einer Geldvermögens-Entwertung, ohne dass deutsche Bürger Anteil an den im Kolonialgeschäft neu erworbenen Vermögen gehabt hätten. Die Metallvorkommen des mitteleuropäischen Bergbaus erschöpften sich im 16. Jahrhundert oder mussten wegen der scharfen amerikanischen Konkurrenz aufgegeben werden. In der Oberpfalz und anderen Regionen gibt es in vielen Orten die Reste der im 16. Jahrhundert aufgelassenen Bergwerke. So beginnt, bei allem äußeren Glanz, der Horizont der deutschen Städte allmählich sich zu verdunkeln. Die Zusammenbrüche großer Handelshäuser, die sich in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts häufen, sind ein Indiz dafür. Geldentwertung, Verlagswirtschaft, Lohnarbeit – Soziale Probleme – Soziale Unruhe und Reformation
Wir haben in den vorhergehenden Abschnitten gesehen, dass sich die Lage in den Städten aus verschiedenen Gründen zuspitzte. Zwar stiegen die versteuerten Vermögen in den meisten Städten noch bis zum Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges. Es waren dies aber vor allem die großen und die mittleren Vermögen, während die Zahl der Armen fortlaufend stieg. Dieses Proletariat erhielt ständig Zuzug vom Land. Die neuen Arbeitskräfte kamen zum Teil in der nicht zunftgebundenen Verlagswirtschaft unter, manche als Gesellen im Handwerk. Viele aber verstärkten die unterste soziale Schicht der Tagelöhner, Hausierhändler usw. Dazu kamen Probleme aus Umstellungsprozessen innerhalb des Handwerks, die teils durch technische Neuerungen, teils durch die Ausweitung der Wirtschaft zur Weltwirtschaft oder durch die Konkurrenz des stärker werdenden Verlagssystems verursacht wurden. Neue Handwerke entstanden nun und alte gingen ein. In den niedergehenden oder bedrohten Gewerben versuchten viele Zünfte die Lage ihrer Mitglieder zu bessern, indem sie den Zugang zur Zunft sperrten. Lehr- und Gesellenzeiten wurden immer länger und die Anforderungen der Meisterprüfungen so hoch, dass es keine Aussicht mehr gab, sie zu bestehen. Flugblatt im 15. Jahrhundert»Klage der drei Hausmägde«. Flugblatt der Reformationszeit. Bisher war der Gesellenstand nur ein Durchgangsstadium zur Meisterschaft gewesen. Jetzt entstand ein lebenslanger Gesellenstand von handwerklichen Lohnarbeitern, die das Stadtproletariat vergrößerten und in den Bruderschaften, in denen sie sich organisierten, einen ständigen Unruheherd bildeten. Die im ganzen 16. Jahrhundert steigenden Mieten und Lebensmittelpreise lieferten dem Missmut des Stadtproletariats genauso Nahrung wie ihr schlechter sozialer Status, der ihnen nicht nur Ansehen versagte, sondern sie auch von jedem Einfluss auf das Stadtregiment ausschloss, das immer mehr zur Sache einer hauchdünnen Oberschicht wurde. Verlagssystem
Eine im Spätmittelalter aufkommende Produktions- und Vertriebsform zwischen dem niedergehenden, familiengebundenen Handwerkerbetrieb und den neuen Manufakturen mit Lohnarbeitern. Prinzip ist wie bei der noch heute bestehenden, problembehafteten Hausindustrie, dass ein Großunternehmer, ein Finanzier oder eine Vertriebsgesellschaft einem Kleinbetrieb (Handwerker, Heimarbeiter) Kapital, Rohstoffe oder Werkzeuge zur Verfügung stellt (vorschießt oder »vorlegt«), wofür dieser eine vom »Verleger« bestimmte Stückzahl innerhalb eines festgelegten Zeitraums zu produzieren hat. Verkauf und Festlegung des Preises liegen beim »Verleger«. Der produzierende Handwerker geriet in eine starke Abhängigkeit und konnte leicht unter existenzbedrohenden Druck gesetzt werden. Bis in die Neuzeit hinein kam es durch dieses System, vor allem bei Krisen, Überproduktionen, starker Konkurrenz zu Problemen der Verschuldung und der Existenzbedrohung. Die Weberaufstände des 19. Jahrhunderts in Schlesien und im Ravensberger Raum waren Ergebnis der Verschuldung von Heimbetrieben an ihre »Verleger« in einer Phase des industriellen Wandels.
Die Reformation als Träger sozialer Probleme und Anlass wirtschaftlicher Schwierigkeiten
Diese sozialen Spannungen fanden z. T. in den reformatorischen Bewegungen ein Ventil. Es ist nicht zu übersehen, dass Sozialrevolutionäre Züge Teile der Reformation prägten oder beeinflussten, z. B. bei den Täufern. Ein anderes Beispiel: Im ersten Abschnitt der Bauernkriege waren auf der Seite der Aufständischen nicht nur Bauern, sondern auch Kleinbürger und Stadtproletarier als Führer wie als einfache Teilnehmer beteiligt. Nicht nur Abenteuerlust trieb damals Vertreter aller sozial benachteiligten Schichten an die Seite der Bauern, sondern auch die Hoffnung auf Besserung ihrer Lage. Vor allem im Jahrzehnt zwischen 1520 und 1530 finden wir in den Städten verbreitet Unruhe, die ihre Wurzeln in einer Mischung aus religiösen und sozialen Problemen hatte. Manche Städte blieben ganz katholisch oder schlossen sich ganz der Reformation an. In anderen wieder lief die konfessionelle Trennungslinie quer durch die Stadtbevölkerung. Dabei ging die Glaubensspaltung manchmal durch alle sozialen Schichten, während in anderen Städten verschiedene soziale Schichten unterschiedliche religiöse Ansichten vertraten. Die Glaubensfrage wurde teilweise zum Mittel sozialer und politischer Positionskämpfe. Die Reformation hat aber nicht nur auf die innere Verfassung der deutschen Städte eingewirkt, sondern auch deren äußere Lage nachhaltig beeinflusst. Jene Städte, die innere Religionsstreitigkeiten austragen mussten, verloren dadurch nach außen hin meist ihre politische wie wirtschaftliche Durchsetzungskraft. Zusätzlich wurden aber auch die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Städten und fürstlichen Territorien unterschiedlicher Konfession tendenziell erschwert. Viele Reformatoren haben den frühkapitalistischen Geist unbewusst dadurch gefördert, dass sie sich für eine Trennung von religiösen und geistlichen Dingen einsetzten. Andererseits entwickelte sich der Protestantismus in den ihm anhängenden fürstlichen Territorien bald zur Staatskirche und zum Mittel der Fürsten, die eigene Stellung gegenüber dem Reich und andersgläubigen Fürsten zu stärken. Entsprechende Tendenzen auf katholischer Seite ließen nicht lange auf sich warten. Besonders jene Städte kamen in Schwierigkeiten, die wie Inseln in geschlossenen fürstlichen Territorien lagen, vor allem wenn sie einer anderen Konfession angehörten. Die lokalen Probleme innerstädtischer Streitigkeiten um Konfession, soziale Fragen und politischen Einfluss sowie der immer stärker werdende Druck der Fürsten auf die Städte, mit dem Ziel, sie ihren Territorien einzuverleiben, beanspruchten so viele Kräfte, dass für weltwirtschaftliche Ambitionen nicht mehr viel Energie übrigblieb. Kritik und Gefährdung der Kredit- und Monopolwirtschaft
Ausgelöst durch reale Missstände wie durch die geistige Unruhe der Reformation, wuchs auch die Kritik an der frühkapitalistischen Entwicklung der städtischen Wirtschaft. Wir kennen Ulrich von Huttens Ausbrüche gegen die Kredit- und Monopolwirtschaft der großen Handelshäuser, die »Fuggerei«, wie er es nennt. Wir kennen Luthers Ansicht, der Fernhandel, vor allem jener nach Übersee, solle verboten werden, da er Deutschland ruiniere. Dem ließen sich noch viele weitere Beispiele anfügen. Die wirklichen Ursachen der auftretenden Schwierigkeiten wurden dabei meist nicht erkannt. So führte man die Preissteigerungen des 16. Jahrhunderts auf die Habgier der Händler zurück und sah nicht, dass sie ihre Quelle in der starken Vermehrung der Edelmetalle und in Strukturänderungen der Wirtschaft hatten. Es blieb nicht bei verbalen Angriffen. So verbot der Reichstag von 1522/23 alle Monopole. Er gebot, dass alle Gesellschaften mit mehr als 50000 Gulden Kapital aufgelöst werden sollten, und er verordnete außerdem Höchstpreise für Waren des Fernhandels. Diese Politik erlitt dasselbe Schicksal wie alle heutigen Versuche, Kartelle und Monopole zu bekämpfen und die Inflation durch Preisstoppverordnungen zu beseitigen. Das lag damals wie heute daran, dass man nicht die Ursachen, sondern die Symptome bekämpfte; auch reichten die Kontrollmöglichkeiten nicht aus, und schließlich kamen Kaiser wie Fürsten nicht ohne die Kreditkraft jener großen Gesellschaften aus, die bekämpft werden sollten. Die Entwicklung der wirtschaftlichen Kräfte war jedenfalls durch moralische Kritik, die oft am Kern der Dinge vorbeiging, nicht aufzuhalten. Der Kreditbedarf von Kaisern und Fürsten stieg im 16. Jahrhundert so schnell, dass er die Wirtschaftskraft einzelner Handelshäuser und Städte überstieg. Aufwendiger werdende Hofhaltung, moderne Verwaltung, Flotten- und Heeresrüstung verschlangen Unsummen. Damit wuchsen die Risiken des Kreditgeschäftes. Als es 1557 in Spanien zu einer Finanzkrise kam, weil die Krone zahlungsunfähig wurde, brachen viele deutsche Bank- und Handelshäuser zusammen, 1575 wiederholte sich der Staatsbankrott in Spanien, und wieder führte er zum Ende vieler großer Häuser. Dies traf nicht nur die städtische Oberschicht, sondern auch die mittleren und unteren sozialen Schichten. Die Kredite wurden nämlich zum Teil durch Depositenbanken aufgebracht, bei denen die kleinen Leute ihr Kapital anlegten. Kreditwirtschaft (lat. creditum = das Anvertraute)
Kreditwirtschaft ermöglicht einem Unternehmer, sich kurzfristig gegen Vergütung – im Frühmerkantilismus häufig Privilegien (Vorteile), heute meist Zinsen – Geld für Investitionen zu besorgen. Auf diese Weise können Produktionsstätten neu eingerichtet oder modernisiert, Handelsreisen, Expeditionen, Bauten, aber auch Kriege finanziert werden. In einer freien Marktwirtschaft werden eine hohe Produktivität und hoher Gewinn hohe Zinsen verheißen, was andererseits dem Unternehmer wieder Kreditwürdigkeit mit leichtem Geldzufluss garantiert. Auf diese Weise reguliert sich der Markt selbst und lenkt Geld in gesunde Unternehmen.
Im Falle von Kreditaufnahmen für Staatsrepräsentation oder kriegerische Unternehmen ist der Kredit nicht produktiv abgedeckt, sodass der Staat aus seiner Substanz zurückzahlen muss oder mit Privilegien. So oder so verschuldet er sich dadurch.
Je stärker die Kreditwirtschaft in wenigen Händen oder in einer Hand (Bankunternehmen) gebündelt ist, um so mehr besteht die Gefahr eines Kreditmonopols, das dann Einfluss auf die Volkswirtschaft eines ganzen Staates nehmen und seine Politik entscheidend beeinflussen kann.
Frühmerkantilismus (lat./it./franz. merkantil = kaufmännisch)
Mit dem Aufkommen landesherrlicher und territorialer Macht wächst deren Bedürfnis, an den Möglichkeiten der Wirtschaft und ihrer Gewinne direkt im Sinne der Macht- und Staatsförderung teilzuhaben. Um die Staatskasse, die durch eigene Söldnerheere, eigene Hofhaltung, schließlich auch durch das aufkommende Beamtentum zunehmend belastet wurde, reichlich zu füllen, galt es alle Unternehmungen zu fördern, die möglichst viel Geld ins Land brachten – also für einen Außenhandelsüberschuss zu sorgen. Systematische Förderung großer im Land ansässiger Handelsherren, Unternehmer, Bankiers durch Ausstattung mit Privilegien war die eine Möglichkeit, direkte Einschaltung über staats-und herrschereigene Unternehmen die andere. Monopole und Manufakturen sicherten eine möglichst große Exportintensität, Sparsamkeit und Armut der Bevölkerung im Inneren konnten helfen, geldabziehende Importe einzudämmen.
Im Hochmerkantilismus späterer absolutistischer Herrscher traten gewinnbringende Zölle und Abschöpfung durch gezielte direkte und indirekte Verbrauchssteuern hinzu, die Staatskasse zu füllen. Auch direkte Einflussnahme auf das Kreditwesen und herrschereigene Exportproduktion in Manufakturen und schließlich Kolonialhandel dienten diesem Zweck.
Übermacht der zukunftsorientierten Territorialstaaten
Im ganzen ausgehenden Mittelalter haben wir in Deutschland drei Bewerber um die politische Führung: Kaiser, Fürsten und Städte. Im 16. Jahrhundert sinkt die Macht des Kaisers, die der Territorialfürsten steigt, und die Städte versuchen, zwischen diesen Mächten ein Eigenleben zu führen. In diesem Kampf wird die Stellung der Städte vor allem durch zwei Faktoren erschwert: Erstens sind sie in der Reichspolitik unzureichend vertreten oder werden von den anderen Ständen überstimmt, deren Interessen anders gelagert sind. Solange das Kaisertum noch relativ stark ist, finden die Städte an ihm einen Rückhalt. Je mehr Zeit verstreicht, um so bedeutungsloser werden aber Schutz und Privilegien, die die Zentralgewalt gewähren kann. Zweitens: Die Fürsten des 16. Jahrhunderts beginnen, systematische Wirtschaftspolitik nach den Ideen des Frühmerkantilismus zu treiben. Sie erkennen, dass die politische Lebensfähigkeit ihrer Territorien von einer starken Wirtschaft und deren Erfassung durch eine straffe Staatsorganisation abhängt. Politische und wirtschaftliche Grenzen sollen sich deshalb decken. Die Fürsten gründen eigene Städte und statten sie für ihre Territorien mit jenen Rechten aus, die sie den autonomen Städten wegnehmen. Territoriale Zollpolitik schirmt begrenzte Wirtschaftsgebiete gegen den städtischen Fernhandel ab. Schon 1618 gab es alleine am Rhein 60 Zollstationen! Die Städte ihrerseits versuchten, sich durch Gründung eigener Territorien einen Lebensraum zu schaffen. Die meisten dieser Versuche scheiterten, und wo sie gelangen, waren die Stadtterritorien zu klein, um den Erfordernissen des Handels zu genügen. Zum Teil haben sich die Städte durch Kurzsichtigkeit und Unfähigkeit ihrer Führungseliten auch selbst Schwierigkeiten gemacht, so durch die unzeitgemäßen Stadtzölle, die den Handel erschwerten. Als Kuriosum haben sie zum Teil Jahrhunderte überlebt. So mussten noch 1939 Reisende, die nach Paris oder Prag fuhren, sich beim Erreichen der Stadtgrenzen oder auf den Bahnhöfen Kontrollen unterziehen und Zoll für die mitgeführten Waren oder Lebensmittel zahlen! Während die Fürsten immer mehr Spezialisten in ihren Dienst zogen und damit die Grundlagen moderner Staaten schufen, blieben Stadtpolitik und -Verwaltung vor allem in den Klein- und Mittelständen meist Aufgabe ehrenamtlicher Dilettanten. Während die Städtebünde unter dem Druck der Fürsten zerfielen und jede Stadt im großen und ganzen alleine durchzukommen versuchte, entstanden außerhalb Deutschlands zentralistische Großmächte, die ihren Unternehmern die Rückendeckung nationaler Wirtschaftspolitik geben konnten. Auch in Deutschland erkannte man, dass sie nötig war. Die Zuständigkeit des Reiches wäre gegeben gewesen, nur fehlte ihm die Kraft, gegen die Einzelinteressen der Territorien jene Maßnahmen durchzusetzen, die als nötig erkannt wurden. So gleichen denn die autonomen Städte immer mehr alten Bäumen, die auf winzigen Grundstücken stehen und deren über die Grundstücksgrenzen reichende Wurzeln und Äste von den Nachbarn immer mehr beschnitten werden, bis sie verkümmern und schließlich eingehen. Zwar bieten sie bis zum Dreißigjährigen Krieg immer noch einen imposanten Anblick, doch spielen sie in der Politik keine Rolle mehr. Die Zukunft gehört den Flächenstaaten der Fürsten.

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Info 22.11.2017 14:03
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