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Handel und Gewerbe im 16. Jahrhundert

Am 3. August 1492 segelten drei Karavellen aus dem spanischen Hafen Palos mit westlichem Kurs in den Atlantischen Ozean. Sie starteten zur Suche eines Seeweges in das Goldland Indien. Die Fahrt dauerte länger, als der Kapitän Kolumbus angenommen hatte. Am 12. Oktober landete er auf der Insel Guanahani und entdeckte Amerika. Am 8. Juli 1497 verließ Vasco da Gama Lissabon, umsegelte als erster das Südkap von Afrika und erreichte am 20. Mai 1498 den indischen Hafen Kalikut. Zwei einschneidende Ereignisse, die Einfluss auf die weitere soziale und wirtschaftliche Entwicklung Europas hatten. Die Entdeckung Amerikas und des Seeweges nach Ostindien eröffnete langfristig dem Welthandel neue, ungeahnte Möglichkeiten. Aber die spanischen Konquistadoren kamen nicht als Händler, sondern als Eroberer. Hernando Cortés zerschlug das Reich der Azteken in Mexiko, Francisco Pizarro das der Inka in Peru. Nachdem das geraubte Gold und Silber schnell verbraucht waren, begannen die Spanier mit der Ausbeutung der Bodenschätze. Um 1550 entdeckten sie in Bolivien die reichsten Silbervorkommen der Welt, die von indianischen Zwangsarbeitern und später Negersklaven abgebaut werden mussten. Im Gegensatz zu den spanischen Eroberern traten die Portugiesen im Fernen Osten als Händler auf. Schon lange verfolgte das übrige Europa mit Neid die Geschäfte italienischer Kaufleute, die von Genua, Pisa und Venedig aus den Handel mit Konstantinopel beherrschten, dem Zentrum des Orienthandels. Nun orientierten sich die Kaufleute nach Lissabon. Drehscheibe des überseeischen Handels wurde Antwerpen, denn von hier steuerte ein Faktor des portugiesischen Königs die Warenmenge und Preise des Asiengeschäftes. Der Wirtschaftsschwerpunkt verlagerte sich allmählich zum atlantischen Raum. Die Ausweitung des Seehandels kam vor allem Portugal und Spanien, später den Niederlanden, England und Frankreich zugute. Im Ostseeraum verdrängten Engländer, Niederländer und Schweden die deutsche Hanse. Der Anteil der Deutschen an den Entdeckungen und deren wirtschaftlichen Ausbeutung blieb gering. Der Orient – wichtig für den Handel mit Luxusgütern
Aus dem Orient kamen vor allem Gewürze wie Pfeffer, Muskat und Safran. Man aß viel und würzte stark, wenn man es sich leisten konnte. HändlerHändler mit Karren, 1513. Illustration, Nürnberg Stadtbibliothek. Ein Pfund Safran hatte den Wert eines guten Reitpferdes, ein Pfund Muskatnuss kostete soviel wie 50 Meter Leinwand. Eine der Sensationen, die Kolumbus aus der Neuen Welt mitbrachte, war der Tabak. Als 1533 die Kartoffel zum ersten Mal aus Südamerika nach Europa kam, wurde sie als Zierpflanze viel bestaunt. Auf die Idee, ihre Knollen zu verspeisen, kam man erst ein Jahrhundert später, als auch Kaffee aus Ägypten und der Türkei, Tee aus China und Kakao aus Südamerika den europäischen Markt eroberten. Bürger im 16. Jahrhundert›Sich im Grünen ergehende Bürger‹ der Stadt Wismar. Kupferstich aus Braun – Hogenbergs »Civitates orbis terrarum«, Köln 1572-1618. München, Bayerische Staatsbibliothek/Kartensammlung. Damals wie heute ein Problem: die Inflation
Eine große Bedeutung erlangte rasch das amerikanische Silber, das über Spanien nach Europa strömte. Zwischen 1500 und 1600 verlor in Deutschland das Geld rund drei Viertel seines Wertes. In den letzten Jahren haben wir uns an Inflationsraten gewöhnen müssen, die nicht weit von den damaligen entfernt liegen. Seit 1948 sank die Kaufkraft der Deutschen Mark um die Hälfte. Und doch macht es einen Unterschied, wenn wir von Inflation damals und heute sprechen. Wir wissen heute, dass die Preise u. a. steigen, wenn der Geldvermehrung nicht eine entsprechende Vergrößerung der Produktion und des Güterangebotes entspricht; wir wissen, dass übermäßige Rüstung und Außenhandelsdefizite für die Gesamtwirtschaft und den einzelnen eine entscheidende Rolle spielen. Die Menschen damals kannten diese Zusammenhänge nicht. Sie waren verbittert, glaubten an »Teufelswerk« und wandten sich in ohnmächtiger Wut gegen diejenigen, die vordergründig betrachtet die Schuldigen an Preissteigerungen und Geldverfall waren: die reichen Grundherren und Großkaufleute. Über die Ursachen des Preisverfalls lässt sich streiten. Eine Voraussetzung war sicher auch der Bevölkerungsanstieg. Von 1470 bis 1618 vermehrte sich z. B. die Bevölkerung in Deutschland von ca. 10 Millionen auf ca. 17 Millionen. Die Nachfrage nach Gütern in Europa stieg, ohne dass die Produktion und Warenangebot mitwuchsen. Die Nachfrage wurde zusätzlich durch die explosionsartige Vermehrung des umlaufenden Geldes angeheizt. Die spanischen Silberflotten brachten in Jahrzehnten mehr Gold und Silber nach Europa, als in Jahrhunderten zuvor auf der ganzen Welt gefördert wurden. Von 1550 bis 1600 stieg die Einfuhr von Silber aus Amerika um das Fünfzehnfache auf 270 Tonnen jährlich. Zwar floss ein Teil des Silbers für Gewürzkäufe in den Orient, ein anderer Teil wurde gehortet. Der weitaus größte Teil aber wurde zu Münzen geprägt. Eine weitere schwer abschätzbare Vermehrung des Geldumlaufs fand durch die Ausdehnung des bargeldlosen Zahlungsverkehrs statt. Aus Italien kam der Wechsel. Handelsreisen waren bei der ausufernden Straßenräuberei immer ein Abenteuer. Um nicht größere Geldbeträge mitführen zu müssen, aber auch zur Geldüberweisung an ferne Handelspartner und als Möglichkeit des Kredits verschaffte man sich beim Geldwechsler Schuldverschreibungen, die an einem bestimmten Ort und zu einem bestimmten Zeitpunkt fällig wurden. Auch das Indossament, die Übertragung von Wechseln an Geschäftspartner, bürgerte sich ein. Der frühkapitalistische Unternehmer: ideenreich und mächtig durch erkaufte Privilegien
In Deutschland hatten nur die großen Handelshäuser wie die Fugger, Paumgärtner, Manlich, Imhof, Hochstetter oder Welser die Chance, das aufblühende Bankwesen wirklich an sich zu ziehen. Sie verfügten über ein Netz von Filialen, damals Faktoreien genannt, das ganz Europa verband. 1525 ließ sich Matthäus Schwarz, Hauptbuchhalter des Jakob Fugger, mit seinem Firmenchef am Arbeitsplatz porträtieren. Die Schilder am Schrank im Hintergrund nennen einige Orte, in denen die Fugger eigene Niederlassungen hatten: Rom, Venedig, Ofen (Budapest), Craca (Krakau), Mailand, Innsbruck, Nürnberg, Antorff (Antwerpen), Lissabon. Schwarz ist der Verfasser eines der ersten Lehrbücher über die doppelte Buchführung. Jeder Geschäftsvorgang wird auf zwei Konten, einmal im Soll als Belastung, einmal im Haben als Gutschrift verrechnet. Saldo heißt der Unterschiedsbetrag beider Konten, der jederzeit einen Überblick verschafft, ob die Firma Gewinn oder Verlust macht. Eine bahnbrechende Neuerung! HandelsverkehrReiches Angebot und reger Handelsverkehr: Marktbetrieb in einer Stadt Mitte des 16. Jhs. Gemälde (Ausschnitt) von Pieter Aertsen. München, Alte Pinakothek. Zentrum der deutschen Handelshäuser war Augsburg. Von hier regierten die Handelsfamilien der Fugger und Welser ihre Wirtschaftsimperien, die vom Bergbau über den Handel mit Tuchen, Seide, Gewürzen und Metallen bis zum Bankgeschäft reichten. Oberdeutsche Kaufleute waren an der Finanzierung der ersten Indienfahrten der Portugiesen beteiligt. 1528 erhielten die Welser von Kaiser Karl V. Venezuela, wo sie allerdings vergeblich nach dem sagenhaften Goldland Dorado suchten. Tanz PatrizierfamilienPatrizische Vergnügungen. Tanz von Angehörigen Nürnberger Patrizierfamilien im großen Rathaussaal. Mitte 16. Jh. – Nürnberg, Stadtgeschichtliche Museen der Stadt. Das Bankgeschäft erfuhr durch die großen Anleihen der Fürsten einen gewaltigen Aufschwung, wobei die Gläubiger eigentlich davon ausgehen mussten, dass die Gelder nicht zurückgezahlt werden konnten. Aber man nahm dies in Kauf, um sich durch Privilegien, vor allem Vorrechte in Bergbau und Handel, entschädigen zu lassen. Die Fugger erlangten so das Recht, als einzige Firma das Tiroler Silber zu verkaufen. Der Aderlass durch fürstliche Schuldner zehrte jedoch oft das Vermögen der Unternehmer wieder auf. König Philipp II. hatte so viel Schulden, dass sie drei Viertel des Fuggerschen Vermögen ausmachten. Als er 1575 den Staatsbankrott in Spanien erklärte, mussten die meisten großen Handelshäuser in Deutschland und Italien ihre Zahlungsunfähigkeit erklären. Nur die Fugger und einige Nürnberger Familien konnten ihre in der Renaissancezeit erworbenen Vermögen in die Neuzeit hinüberretten. Ihre Gewinne legten sie in Immobilien, vor allem Landgütern, an, die damals wie heute krisenfest waren. 1514 wurden die Fugger zu Grafen und 1803 zu Fürsten erhoben. Frühkapitalismus (lat./it. capitalis = hauptsächlich, vorzüglich. capitalis pars debiti = Hauptsächlicher Teil eines Schuldbetrages)
Mit dem Aufkommen einer freien Erwerbswirtschaft, die anstelle von Zunftzwang und Standeseinschränkungen die Gewerbefreiheit und den freien Arbeitsvertrag setzt und die eine individuelle, durch Geschick, Wagemut und Können bestimmte Persönlichkeit fordert, verbreitete sich auch die auf Konkurrenz und Erringung von Privilegien beruhende Geld- und Kreditwirtschaft, die den Beginn des Frühkapitalismus kennzeichnet.
Chancengleichheit war dennoch für die Menschen nicht gegeben, da die weit überwiegende Mehrheit der Bevölkerung mit einem Existenzminimum in die neue Zeit startete, aus jahrhundertelang vorgegebenen Normen und Lebensumständen kommend, ohne Möglichkeit der Einflussnahme im politischen Raum, abhängig und mit geringen oder sogar geschmälerten Rechten. Wagemut und Persönlichkeit einsetzen konnten nur die schon immer privilegierten Oberschichten und vereinzelt Handwerksmeister.
Während wenige in diesem ›Spiel der freien Kräfte‹, das oft an die politischen Interessen von Kaiser und Territorialherren gebunden war, dank Privilegien, → Monopolen, Gewinnen aus Fernhandel und → Verlagsgeschäften, durch Kreditgabe und Gesellschaftsgründungen zu Reichtum kamen, sanken Handwerker, Gesellen und viele ›landflüchtige‹ Bauern zu abhängigen Lohnarbeitern ab, die sich, da sich aus Städten und vom Land genügend Bewerber fanden, mit niedrigen Löhnen zufriedengeben mussten. → Kapitalgesellschaften schaffen in dieser frühkapitalistischen Zeit das notwendige Kapital für die exportorientierten Handelsunternehmen, für die metall- oder textilverarbeitenden Manufakturen und die Produktionen im → Verlagssystem. Auch das Geld für den Warentransport (Seeschifffahrt und Überlandtransport mit Begleitmannschaften) und ausländische Kontore (Faktoreien), die den Außenhandel kontrollieren, kommt von hier. Der vermehrte Geldumlauf mit seiner Geldentwertung trifft die Lohnarbeiter wieder am härtesten, ebenso aber die Arbeitskräfte auf dem Land, wo durch Zerbrechen patriarchalischer Führungsformen, Spezialisierung der Produktion und neue Gutsherrschaften mit Fronarbeit, ebenfalls Sozialprobleme entstehen. Handwerker-, Arbeiter- und Bauernaufstände in ganz Europa signalisieren für Jahrzehnte, ja Jahrhunderte diese Phase des wirtschaftlichen und sozialen Umbruchs.
Ein neuer Wirtschaftsfaktor: Bücher
Eine neue Rolle übernahmen in dieser Zeit die altbewährten Messen, allen voran die von Frankfurt und Leipzig. Damals begründete Frankfurt seinen Ruf als liberale, geistig lebendige Handelsmetropole, indem es ähnlich wie Leipzig seine Messe auch Waren öffnete, die andernorts vielfach unter dem Warentisch verkauft werden mussten: Bücher, deren Siegeszug den Unwillen der Obrigkeit erregte. Die Bücherzensur ist so alt wie die Kunst des Buchdrucks. Die Bedeutung des neuen Mediums für die frühe Neuzeit liegt auf der Hand: Die neuen Ideen des Humanismus und der Reformation fanden über den Druck eine schnelle und weite Verbreitung. Um 1500 existierten in Europa bereits 1120 Druckereien. Man schätzt, dass bis zu diesem Zeitpunkt 27000 Werke mit einer Gesamtauflage von rund 10 Millionen Exemplaren gedruckt wurden. Bis 1600 stieg die Buchproduktion auf 520000 verschiedene Titel an! Luthers Übersetzung des Neuen Testaments erschien 1522 in 5000 Exemplaren, nach 15 Jahren waren es 200000. Sie kam zum Preis von 1½ Gulden auf den Markt. Die von Gutenberg gedruckte Bibel (1455) kostete ca. 42 Gulden (Gegenwert: 14 Ochsen), eine handgeschriebene Bibel 300 Gulden (Gegenwert: ein Bauerngut). Neben Luthers Schriften waren vor allem die Werke der Humanisten (Erasmus von Rotterdam, Ulrich von Hutten) Bestseller. Große Auflagen erzielte auch die Schwankliteratur. Ihr bekanntester Vertreter ist das »Narrenschiff« (1494), auf dem der Straßburger Sebastian Brant die Torheiten und Narren dieser Welt versammelt. Der Erfolg dieser Werke erklärt sich nicht zuletzt aus der geschickten Verknüpfung von Texten mit Holzschnitten. Das Buch sprach so auch die breite Masse der Analphabeten an. Man schätzt, dass damals nur jeder 10. Deutsche lesen konnte. Neue Erzeugnisse: Brillen, Mikroskope, Uhren
Berühmt geworden sind die Holzschnitte aus dem »Ständebuch« (1568) des Züricher Jost Amman, zu denen Hans Sachs Verse schrieb. Erstaunen ruft die bunte Vielfalt der Handwerkerberufe hervor. Seit 1535 traten in Nürnberg die »Parillenmacher«, nämlich die Brillenmacher, als Zunft auf. Das Wort Brille stammt vom Namen des Bergkristalls »Beryll«, aus dem die Linsen hergestellt wurden. Man kannte bereits Gläser für Weit- und Kurzsichtigkeit, die meist als »Nasenquetscher« oder als »Stirnfortsatzbrille«, also mit Nasenklemmer oder mit Lederriemen um den Kopf, getragen wurden; die »Ohrenbrille« kam erst viel später auf. Bader und Schriftgießer - 16. JahrhundertCharakteristische Berufe der Zeit: Links ein Bader, der Schröpfköpfe ansetzt, rechts ein Schriftgießer bei der Arbeit. Aus Hans Sachs: »Beschreibung aller Stendt auf Erden«, Illustrationen von Jost Amman. Durch die Erfindung von Mikroskop und Fernrohr nahmen die optischen Werkstätten einen starken Aufschwung. 1510 erfand der Nürnberger Peter Henlein die Uhr mit Unruh und Stahlfeder, sodass man auf Pendel als Regulativ und Gewichtsteine als Antrieb verzichten konnte. Das war die Geburt der Taschenuhr. Das Werk steckte in einer Metalldose von zylindrischer Form, dem man später die Form eines Eies verlieh. Die »Nürnberger Eier« wurden zum Verkaufsschlager der Hormacher, Orlemacher, also Uhrmacher. Erfindergeist und Handwerkskunst machten vor allem Nürnberg zu einem Zentrum des aufblühenden Gewerbes. Die fränkische Reichsstadt war aber auch als »Waffenschmiede des Reiches« bekannt. Geschütze, eiserne Kanonenkugeln und Panzerhemden festigten Nürnbergs Stellung auf dem Weltmarkt. ApothekerApotheker, 1514. Illustration, Nürnberg Stadtbibliothek. Neue Techniken in Bergbau und Textilgewerbe
Karl V. nannte im Jahr 1525 die Bergwerke »die größte Gabe und Nutzbarkeit, die der Allmächtige dem deutschen Lande gegeben hat«. Bis zur Entdeckung der Neuen Welt war Deutschland das metallreichste Land gewesen. Blei gewann man in der Eifel, Quecksilber in der Pfalz, Zink im Erzgebirge, das für die Messingindustrie wichtige Galmei vor allem am Alten Berg bei Aachen. Silber und Kupfer wurden meist zusammen gefördert und die Erze durch Zusammenschmelzen mit Blei verhüttet. Die Hauptfundstätten waren der Harz, Sachsen, Tirol und Oberungarn, wo ebenso wie in Böhmen deutsche Bergleute ansiedelten. Gold gab es vor allem in Tirol, Schlesien und Böhmen, aber die Gold- und Silbergewinnung erlahmte rasch, als die billige und reichlichere amerikanische Konkurrenz den europäischen Markt überschwemmte. Bergbau Technik - 16. JahrhundertNeue Technologien auch im Bergbau. Belüftungssystem für ein Bergwerk in einer zeitgenössischen Darstellung nach dem Werk »De re metallica«, 1556, des Arztes und Mineralogen Georgius Agricola. Die deutschen Mittelgebirge, vor allem das Rheinische Schiefergebirge und die Oberpfalz, waren reich an Eisenerzen. Da die leichter zugänglichen Vorkommen bereits erschöpft waren, musste man, um die begehrten Erze ans Tageslicht zu heben, jetzt Stollen und Schächte in größere Tiefen treiben. Das bedeutete zunehmende Schwierigkeiten: Vor allem mit dem Problem, das Sicker- oder Quellwasser zu beseitigen, war man im Mittelalter nie recht fertiggeworden. Wenn beim Arbeiten eine Wasserader zugeschlagen wurde, blieb den Bergleuten oft keine Möglichkeit zur Flucht. Tausende müssen auf diese Weise ertrunken sein. Und! Solange die Erzblöcke nur mit Menschenkraft zutage gefördert wurden, blieb die Förderleistung gering. Der »Bergsegen«, aber auch der Zwang sich gegen ausländische Konkurrenz zu behaupten, verlangte so nicht nur immer größere Abbautiefen, sondern forderte zu Ingenieurleistungen heraus, die deutsche Berg- und Hüttenleute schließlich auch im Ausland berühmt machten. Der Chemnitzer Stadtarzt und Bürgermeister Georg Bauer, der seinen Namen nach der Sitte der Zeit in Georgius Agricola latinisierte, schrieb 1556 das zu seiner Zeit gefragteste Werk über Bergbau und Hüttenwesen (»De re metallica«). Die 292 Holzschnitte, die nach Agricolas Angaben gefertigt wurden, illustrieren eine Vielzahl von Erfindungen, z. B. den Einsatz von Blasebälgen zur Bewetterung, also zur Zufuhr von Frischluft in Schachtanlagen. Den Transport der gewonnenen Erze übernehmen Grubenwagen, »Hunde« genannt, die auf hölzernen Schienen durch einen Stift geführt werden, sodass sie nicht entgleisen können. Besonders interessant ist das Kehrrad, eine Fördermaschine mit Wasserantrieb, die z. B. in Schwaz (Tirol) in Betrieb war. Durchmesser des Wasserrades 11 Meter! Es weist zwei Beschaufelungen für Links- und Rechtslauf auf. Durch Umstellung der Wasserschützen schlägt das Betriebswasser abwechselnd auf die eine oder andere Radhälfte auf, sodass man das Rad vorwärts- und rückwärtslaufen lassen und die Geschwindigkeit regulieren kann. Die Arbeit der Bergleute war hart und gefährlich. Von einer Grube in St. Andreasberg (Harz) wissen wir, dass der Arbeitstag eines Bergmanns 14 Stunden betrug. Um in die bis zu 800 Meter tiefen Stollen einzufahren, musste der Hauer 1½ Stunden auf rutschigen Leitern absteigen. Mit Schlegel und Pickel konnte er den Stollen in einem Arbeitsjahr um 3 Meter vorwärtstreiben. Gesamtlänge der Stollen in St. Andreasberg: 300 Kilometer. Auch im Textilgewerbe kam es zu Verbesserungen der Produktionstechnik. Hier stellte das Flügelspinnrad, um 1480 erfunden, einen ersten wichtigen Fortschritt dar. Die mit Flügel versehenen Spinnräder spulen den gesponnenen Faden während der Arbeit fortlaufend auf. Hinzu kam der Fußantrieb. Auf wieviel Widerstand fortschrittliche Techniken stießen, die eine höhere Produktivität ermöglichen, demonstriert die Sage vom Danziger Anton Möller, der angeblich 1586 den Bandwebstuhl erfand. Seine Maschine soll von einer wütenden Volksmenge verbrannt, er selbst in der Weichsel ertränkt worden sein. Die Zünfte kämpften für die Handarbeit und gegen die Mechanisierung der Produktion. Dennoch verminderte sich die Zahl der je Webstuhl erforderlichen Arbeitskräfte im 16. Jahrhundert von etwa 6 auf wenig mehr als 3 Personen. Die klassische Formulierung für die fortschrittsfeindliche Haltung der Zünfte findet sich in einer Thorner Zunftordnung von 1523: »Kein Handwerker soll etwas Neues erdenken oder erfinden oder gebrauchen!« Stuttgarter Schlossgarten - 16. JahrhundertFußturnier im Stuttgarter Schlossgarten anlässlich der Taufe des jüngeren Bruders von Herzog August zu Braunschweig und Lüneburg. Miniatur zum Stammbucheintrag von 1597. Herzog August Bibliothek. Neue Unternehmensformen: Kapitalgesellschaften, Monopole
Im Spätmittelalter war der Bergbau in »Gewerken«, Genossenschaften von freien Bergleuten und Hüttenarbeitern, erfolgt. Diese hatten eigenhändig und zu gemeinsamem Gewinn oder Verlust geschürft und geschmelzt. Jetzt mussten die Gewerkanteile in Teilen, dann oft ganz an bergbaufremde Geldgeber verkauft werden. Die Anlage neuer Schächte und Stollen verschlang Unsummen, die durch die Ausgabe von Anteilscheinen, sogenannte Kuxen, finanziert wurde. Anfangs konnten auch kleine Leute in das Geschäft mit dem »Bergsegen« einsteigen. Luthers Vater, von Herkunft Bauer, kaufte sich in ein Mansfelder Gewerke ein, arbeitete selbst als Hauer mit und schwang sich durch äußerste Sparsamkeit zum Mitbesitzer von sechs Schächten und zwei Hütten auf. Als die Gruben immer größer und kostspieliger wurden, traten Kapitalgesellschaften auf, die im allgemeinen nicht in der Region heimisch waren. Bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts hatten die Augsburger Fugger die Kupfer- und Silberminen in Tirol und Ungarn fest in Händen, auch Thüringen, Sachsen, Böhmen und Schlesien hatten oberdeutsche Unternehmer, allen voran die Welser, eine führende Rolle. Diese bemühten sich zunächst nur um den Handel mit Erzen, wobei sie, um die Preise hochzuhalten, das Recht des Alleinverkaufs, das Monopol anstrebten. Schließlich erwarben sie die Gruben und Hüttenwerke selbst und kontrollierten so die Montanindustrie vom Abbau über die Verhüttung und Verarbeitung bis zum Handel. Kapitalgesellschaft
Zusammenführung von Geldgebern unterschiedlichster Herkunft mit dem Ziel, einem Unternehmen oder einer Handelsgesellschaft eine größtmögliche Menge Kapital zu schaffen, ohne dass die Geldgeber (Gesellschafter) eine direkte Rolle in dem Unternehmen oder dessen Leitung spielen müssten oder könnten.
Monopol (griech./lat. = Vorrecht, alleiniger Anspruch)
Vereinigung einer gesamten Produktion, eines gesamten Warenangebots oder eines gesamten Rohstoffes in einer Hand, mit dem Ziel, jeglichen Wettbewerb auf dem Markt auszuschalten, sodass es für den Monopolinhaber möglich ist, Angebot und Nachfrage zu beeinflussen und so die Preise nach seinen Vorstellungen zu gestalten. Das Monopol ermöglicht höhere Gewinne als der vom Wettbewerb bestimmte Markt. Jedes Monopol entwickelt langfristig eine gewisse Militanz, da es bestrebt ist, anderen den Zugang zu seinem Markt oder Rohstoffquellen unmöglich zu machen.
Verschlechterung des Sozialstatus’ – Streiks und Aufstände
Die berufsstolzen Bergleute sahen sich zu Arbeitnehmern, zu Lohnempfängern, herabgedrückt. Zu den »gelernten« Arbeitern, den Bergknappen, kamen die »ungelernten«, die z. B. das Wasser aus den Gruben schöpfen mussten. Oft lebten in einem Revier einige Hundert, vereinzelt einige Tausend Bergleute mit ihren Familien. Im Schwazer Bergbau (Tirol) waren 1550 rund 12000 Arbeitnehmer beschäftigt. Die Wohnungsnot war groß, hinzu trat die ständige Sorge um Arbeit und Brot, denn der Bergbau war krisenanfällig. Frauen- und Kinderarbeit kamen auf. Im großen Bauernkrieg 1525 erhoben sich in Tirol mit den Bauern auch die Bergknappen gegen ihre Herren und Geldgeber. Immer häufiger kam es zu Streiks und sozialen Unruhen. Wie stark das Zusammengehörigkeitsgefühl der Bergknappen war, zeigt die Einrichtung von Hilfs- und Unterstützungskassen, sogenannten Knappschaftskassen, die ein Vorläufer der modernen Kranken- und Rentenversicherung sind. Exekution BergarbeiterExekutionen gegen Not und Armut. Enthauptung eines aufständischen Bergarbeiters in Innsbruck. Illustration der Luzerner Chronik des Diebold Schilling. Luzern, Burgerbibliothek. Textilien in Großproduktion und auf »Verlegerbasis«
Neben Landwirtschaft und Bergbau war das Textilgewerbe der dritte große deutsche Produktionszweig. Die wichtigste Region, für die Wolltücherei fand, sich am Niederrhein, vor allem mit den Zentren Aachen, Köln und Krefeld. In Franken war Nürnberg, in Baiern München ein Zentrum, in Ulm saß die Lodenweberei, Seiden- und Brokatgewebe kamen vor allem aus Köln und Straßburg. Am Bodensee, in Westfalen und im östlichen Mitteldeutschland blühte die Leinenherstellung auf. Wir dürfen vermuten, dass der Besitz von zwei Kitteln (also einen für den Werktag und einen für den Sonntag) bei breiten Bevölkerungsschichten bereits Luxus bedeutete. Tuche wurden verwendet, bis die letzte Faser zerfiel, denn ihr Preis war hoch. Und doch sorgte der Wohlstand der städtischen Oberschicht und deren Freude an Prunk und Aufwand für ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Mode und Tracht. Dies zeigt sich u. a. in der Vielzahl von Trachtenbüchern und Kleiderverordnungen, die sich mit diesem Thema beschäftigten. Produzenten und Händler erkannten auch die Chancen einer steigenden Nachfrage nach preiswerter Kleidung und versuchten, ihre Produktion umzustellen. Neben den alten, schweren Wolltuchen kamen leichtere, billigere Stoffe auf den Markt, die man »Zeuge« nannte. Man verzichtete auf den langen, kostenintensiven Prozess des Kämmens und Walkens und beschränkte sich auf Streichgarn. Im Angebot waren auch Halbstoffe aus Wolle und Seide bzw. Baumwolle und Leinen. Ähnlich wie im Bergbau drängten Fernkaufleute in das Textilgewerbe, die mit höheren Stückzahlen und geringeren Kosten durch Einsatz neuer Produktionsmethoden das Warenangebot steigerten. Das »Verlagswesen« breitete sich aus. Das Wort »Verlag« leitet sich von Vorlage ab. Den Kaufmann, der mit Rohstoffen mittellosen Handwerkern unter die Arme griff oder Darlehen zur Erweiterung der Betriebe gewährte, vorschoss, also in »Vorlage« trat, nannte und nennt man »Verleger«. Der Handwerker musste sich verpflichten, dem »Verleger« seine Erzeugnisse ganz oder zum Teil zum Vertrieb zu überlassen. Die Preise konnte der »Verleger« bestimmen, denn er besaß ja das alleinige Verkaufsrecht. »Verleger« legten Fertigungsverfahren und Qualitätsnormen fest, zwangen Betriebe zur Umstellung auf ein oder wenige Produkte und brachten so viele Meister, ja ganze Zünfte in ihre Abhängigkeit. Weil ihnen das traditionelle Handwerk zu unflexibel und kostenintensiv erschien, vergaben »Verleger« einzelne Aufträge in Heimarbeit an meist ländliche, billige Arbeitskräfte. Vor- und Nachteile des Verlagswesens waren ungleich verteilt. Der Verbraucher konnte jetzt aus einem größeren, billigeren Warenangebot auswählen, mit dem Umsatz stiegen die Gewinne der Verleger, während sich das Handwerk seiner Selbstständigkeit beraubt sah. Bilanz der Epoche: Wettstreit individueller Leistung und organisierter Großproduktion
Es ist sinnvoll, sich rückblickend noch einmal zu vergegenwärtigen, welche Leistungen Handel und Gewerbe hervorbrachten, ehe die Katastrophe des Dreißigjährigen Krieges eintrat. Zwar dürfen die Auswirkungen der Entdeckungsfahrten, zumal auf den mitteleuropäischen Wirtschaftsraum, nicht überschätzt werden: Nicht nur, dass sich die Schifffahrt nach Afrika, Asien und Amerika jährlich auf einige Dutzend Schiffe beschränkte, während auf Nord- und Ostsee sowie im Mittelmeer Hunderte von Schiffen unterwegs waren – der transatlantische Handel zog sogar Aktivitäten aus Mitteleuropa ab und führte zu neuen Handelszentren an der Küste. Aber die Entdeckungen und Erfindungen sowie internationale Kontakte und Verflechtungen beflügelten die Fantasie der Menschen auch dort, wo jahrhundertelang die Tradition am stärksten war: in der Organisation der menschlichen Arbeit. Unter dem Einfluss der Renaissance, die ja das selbstständig handelnde Individuum neu entdeckt hatte, trat das private Erfolgs- und Gewinnstreben, die Möglichkeit, auch Macht als Ergebnis wirtschaftlichen Erfolgs zu besitzen, als Beweggrund wirtschaftlichen Handelns stärker in den Vordergrund als das Familien-, Gemeinde- oder Zunftbezogene Denken in vorgegebenen gesellschaftlichen Normen. Jakob Fugger soll auf den Rat, sich zur Ruhe zu setzen und seinen Reichtum zu genießen, geantwortet haben: »Er hätte ganz anderes im Sinn, er wolle soviel gewinnen, wie möglich sei.« Aber nicht Geld allein, auch das Abenteuer riskanter Geschäfte und der Aufbau weitverzweigter, straff organisierter Wirtschaftsimperien muss die Handelsherren dieser Epoche fasziniert haben. Eigenart und Bedeutung des frühen Unternehmertums zeigen sich am augenfälligsten in den berühmten Kupferstichen des Nürnberger Geschlechterbuches von 1610. Bedenken wir, dass es nicht Staatsmänner, sondern Großkaufleute sind, die uns hier, reich geschmückt mit den Symbolen von Macht und vornehmer Herkunft, entgegentreten! Auch im Handwerk wird jetzt die individuelle Leistung stärker betont. Während auf der einen Seite das Handwerk niedergeht, Zünfte ihr Gewicht verlieren, Gesellen zu Lohnarbeiten, Familienbetriebe zu Manufakturen mit Massenware werden, gewinnt auf der anderen Seite die Schöpfung des einzelnen Gewicht. Seit der Renaissance verbinden wir mit Kunstwerken Lebensschicksale und individuellen Gestaltungswillen, wo zuvor der Künstler meist anonym blieb. Im Mittelalter waren Kunstschmiede, Maler und Bildhauer Handwerker wie andere Handwerker, Schuster, Bäcker oder Maurer, gewesen. Jetzt verbinden wir mit den Namen der großen Künstlerpersönlichkeiten Tilman Riemenschneider, Adam Kraft, Peter Vischer der Ältere oder Albrecht Dürer Handwerkskunst und Kultur einer Epoche.

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