Höfisches Leben im 16. Jahrhundert

Die deutschen Fürstenhöfe des 16. Jahrhunderts lassen sich kaum mit jenen der späteren Barockzeit vergleichen. Sie stellten nämlich noch keineswegs vom gewöhnlichen Untertanen streng getrennte kultisch-sakrale Bezirke dar, in denen ein auf Distanzierung bedachtes Zeremoniell zum vorrangigen Instrument der Herrschaftsdarstellung des Gottesgnadentums gehörte. Vielmehr wiesen die Höfe der Territorialfürsten noch Züge eines ursprünglichen, lebendigen Personenverbandes auf, innerhalb dessen sich die Beziehungen zwischen Fürst und Hofbediensteten, zwischen hoch und niedrig, persönlicher, privater, weil etikettefreier gestalteten. Der patriarchalische Charakter höfischen Lebens wird am ehesten in den Hofordnungen deutlich, die sich in erster Linie mit elementaren Bedürfnissen der Bediensteten beschäftigen, die bekanntlich vom Hof verköstigt und eingekleidet wurden. Hofdienst war damals zugleich Staatsdienst; Hofverwaltung und Staatsverwaltung gingen miteinander einher. So registrierten die Hofordnungen grundsätzlich sämtliche Einrichtungen des Hofstaates gleichrangig, seien es Küche, Keller, Stallungen oder die Ratszimmer, Silberkammer oder die Rentei. Mindestens bis in die späten Jahrzehnte des 16. Jahrhunderts boten sich einem Beobachter höfischen Lebens ähnliche Bilder, ganz gleich, ob er sie am Hofe des Kurfürsten von Sachsen, des Herzogs von Preußen, des Markgrafen von Brandenburg-Ansbach erlebt hätte. Der Tagesablauf am Hof
Betrachten wir einmal den gewöhnlichen Tagesablauf an einem solchen Fürstenhof näher! Je nach Jahreszeit begannen die Hofräte ihre Arbeit um 6 oder 7 Uhr, das Gros der Bediensteten eine Stunde später. Während der Woche erwartete der Landesherr, dass seine Hofbeamten wenigstens einmal den Morgengottesdienst besuchten. Nach dem Kirchgang gab es auf den Zimmern und Amtsstuben die Morgensuppe, dazu, je nach Dienstrang, ein Glas Wein oder Bier. Bereits um 10 Uhr läutete es zur Hauptmahlzeit, für die das Protokoll zwei Stunden veranschlagte. Um 12 Uhr war für die höchsten Beamten das Tagewerk meist schon getan, es sei denn, der Fürst hätte am Nachmittag eine Ratssitzung einberaumt. In der Zeit zwischen 12 und 14 Uhr fanden die Herren Gelegenheit, den Hofdamen einen Besuch abzustatten, freilich unter der Aufsicht der Hofmeisterin, die auf gutes Benehmen und entsprechende Distanz zwischen den Geschlechtern achtete. Wohnkultur im 1600 JahrhundertWohnkultur und – zarte Anspielung auf ein fürstliches Liebesverhältnis. Miniatur für das Stammbuch Herzog Augusts zu Braunschweig und Lüneburg. Um 14 Uhr legte man eine kurze Vesperpause ein, und eine Stunde später war es bereits Zeit, sich an der »Abendtafel« einzufinden, die sich gewöhnlich bis 21 Uhr hinzog. Da schlossen nämlich Keller und Küche ihre Pforten. Wegen der mangelhaften Beleuchtungsverhältnisse empfahl es sich, schon frühzeitig ins Bett zu gehen. Wer nicht im Schloss selbst wohnte, hatte den Hof bis 21 Uhr zu verlassen. Hofadel und höhere Beamte mussten nicht unbedingt im Schloss logieren; sie hatten ihre Wohnungen in der Residenzstadt, die sie ohne Wissen des Hofmarschalls nicht verlassen durften. »Unziemlichkeit« und Maßlosigkeit
Es ist kein Wunder, dass bei einem solchen Tagesablauf die Lautstärke an der Tafel von Stunde zu Stunde zunahm, jedenfalls rügen die zeitgenössischen Quellen den rauen Stil immer wieder. Die Hofordnung Johanns von Küstrin vergleicht das Treiben der Hofstube mit jenem gewöhnlicher Schenken. Die Klagen reißen nicht ab über lautes Fluchen, gottloses Scherzen, das Werfen mit Knochen, weil man Hunde mitgebracht hatte; der Vorwurf der »Unziemlichkeit« betraf übrigens nicht nur das Gesinde, sondern auch »Grafen und Herren«. Es ist kein Zufall, dass das widerlichste Bild, das die deutsche Literatur zur Völlerei überliefert hat, aus der zeitgenössischen Feder eines Hans Sachs stammt. Auch das Memoirenwerk des Ritters Hans von Schweinichen bestätigt jene Auswüchse an Maßlosigkeit, die damals an den Höfen um sich griffen. Nicht grundlos hat es manche Fürstenfamilie in dieser Zeit vorgezogen, erst an der Tafel zu erscheinen, wenn das Gros der Bediensteten bereits verköstigt war. Die Fürstentafel – Speisen und Getränke im Überfluss
An der Fürstentafel saßen oft bis zu 400 Personen. Kein Wunder, wenn ein sächsischer Kurfürst im Blick auf seinen Haushalt klagt, dass ihn die Abspeisung jährlich 100000 Gulden koste! An so einer Tafel, die sich natürlich auf mehrere Räume und Säle verteilte, saßen die unterschiedlichsten Gäste: Der Kanzler und Vizekanzler, die Kammer-, Geheim- und Renteiräte, Hof- und Jägermeister, Hofhandwerker, Pagen und Musikanten, Ritter, Kutscher und Stallknechte, dazu die täglich wechselnden fremden Tafelgäste. Von der Tafel lebten aber auch viele Ungeladene, die sich durch »Abschlepper« mitversorgen ließen. Die Auffassung war ja weit verbreitet: Auf einen Esser mehr oder weniger kommt es nicht an, im übrigen gibt der Landesvater gerne. Höfisches Leben›Entspanntheit‹ gebildeten, höfischen Lebens: krasser Gegensatz zur Not weiter Volkskreise. »Unterhaltung im Freien«, Holzschnitt von Jost Amman, um 1580. Richtig ist, dass die Fürsten stets auch Arme und Kranke mitversorgen ließen. Und ferner trifft es zu, dass niemand am Hofe zu hungern brauchte, denn die Tafel war täglich reich gedeckt, die Zahl der gereichten Gänge lag bei den Hauptmahlzeiten zwischen fünf und neun; je nach Dienstrang standen entsprechend viele »Schüsseln« zu. Täglich gab es gekochtes, gepökeltes, gebratenes oder geräuchertes Fleisch, täglich Wildbret und Fischgerichte aller Art. Hirse, Hafergrütze oder Reis ersetzten die noch unbekannte Kartoffel. Der Hofkeller bot neben verschiedenen Hausbieren edle Rhein- und Neckarweine, dazu den »welschen Roten«. Wenn illustre Gäste bei Hofe weilten, ging es über 21 Uhr hinaus bis in die Nacht hinein an der Tafel hoch her. Ehrenvoll aber fast immer undankbar: das Amt des Hofmarschalls
Dass nur einwandfreies Essen aufgetragen und ungepanschter Wein gereicht wurde, dafür sorgte der Marschall, der die Kontrolle über den Haushalt ausübte, für den Burgfrieden verantwortlich war, die Oberaufsicht im Ratskollegium innehatte und dem Hofgericht vorstand. In den einzelnen Territorien taucht dieses Amt auch unter den Bezeichnungen »Hofmeister«, »Schlosshauptmann« oder »Burggraf« auf. Zog der Fürst mit seinem Gefolge über Land, dann oblag dem Marschall die Zugordnung, übrigens eine undankbare Aufgabe, weil bei solchen Ausritten die Reiter gerne durch die Felder sprengten und dabei mit ihren Hunden unter dem Federvieh der Bauern großen Schaden anrichteten. Es sind daher manche Beschwerden über solche »Unzucht der Höflinge« bekannt geworden. Fürstliche Familienfeste – farbige Schauspiele für Gäste und Bevölkerung
Höhepunkt höfischen Lebens waren natürlich die fürstlichen Familienfeste wie sie anlässlich der Geburt, Taufe oder Eheschließung eines Prinzen oder einer Prinzessin begangen wurden. In diese Feiern bezog man auch die Untertanen außerhalb des Schlosses ein. Da gab es Feiertage mit Dankgottesdiensten, Umzügen, Volksbelustigungen, Tanzvergnügen und – hie und da – kostenlosen Rot- und Weißwein aus einem öffentlich aufgestellten künstlichen Brunnen. Hochzeiten dauerten Tage; vom farbenprächtigen Aufzug des Brautpaares über die kirchliche Vermählung, die Übergabe der Geschenke bis zum sogenannten Beilager verlief alles in beinahe barockem Überschwang. Ausschnitt aus VierjahreszeitenbildFarbenpracht der Kleidung. Vierjahreszeitenbild »April-Mai-Juni« (Ausschnitt) aus der Werkstatt Jörg Breus d. J. nach Jahresscheiben Jörg Breus d. Ä. Schloss Sünching/Oberpfalz und Augsburg, Kunstsammlungen der Stadt. Aus erhaltenen Furier- und Quartierzetteln kann man Rückschlüsse auf die Zahl der Gäste ziehen. So mussten allein bei der Vermählung des Markgrafen Albrecht Achilles mit Anna, der Tochter des Kurfürsten von Sachsen, über 2600 Pferde versorgt werden. Die wohlhabendsten Bürger einer Residenzstadt beehrten sich dann, viele Gäste aus der Equipe der geladenen Fürsten, Bischöfe, Mark- und Landgrafen, Ritter und kaiserlichen Botschafter zu beherbergen. Illuminationen, Wasserspiele, Fackeltänze und Turniere gewährleisteten ein abwechslungsreiches Festprogramm. Bei Fürstenhochzeiten bildete die Zeremonie des Beilagers einen gesellschaftlichen Höhepunkt. Man geleitete nämlich das jungvermählte Paar zum Ehebett und schlug über Braut und Bräutigam eine Decke zusammen, zum Zeichen, dass der Ehebund öffentlich geschlossen sei. Die Schaulust des einfachen Volkes kam auf ihre Rechnung, wenn für die Besten im Rennen, Stechen und Reiten eine Siegerehrung vorgenommen wurde. Da gab es in farbenprächtiger Szenerie außergewöhnliche Trophäen zu bewundern: ein goldenes Schwert, ein kostbares Zaumzeug oder ein prachtvolles Edelsteingehänge. Schon aber wurden bei solchen Festlichkeiten auch erste Anzeichen einer herrschaftlichen Distanzierung gegenüber den Landeskindern erkennbar, so wenn etwa im Jahre 1511 bei der Hochzeit Heinrichs I. von Württemberg mit der Tochter Herzog Albrechts IV. von Baiern der Weg zwischen dem Stuttgarter Schloss und der Kirche mit Schranken versehen wurde, die mit geharnischten Knechten besetzt waren, während noch 1475 bei der Landshuter Hochzeit die Zünfte Spalier gebildet hatten. Text der Zeit
Ein adliger Raufbold 1515
Berlichingen berichtet von seiner Fehde mit dem Erzbischof von Mainz, unter deren Folgen weniger seine Standesgenossen als die einfachen Leute zu leiden hatten:
Nun war ich des Sinnes, diese Gegend ein wenig unsicher zu machen und wollte mein Heil weiter versuchen. Um mich ein wenig zu rächen, brannte ich in einer Nacht in Begleitung von nicht mehr als nur sieben Reitern drei Orte nieder, das waren Ballenberg und Oberndorf [bei Krautheim im Odenwald], sowie das Schafhaus zu Krautheim unter dem Schlossberg. [...] Gern habe ich gleichwohl nicht gebrannt, aber ich hoffte diesmal, dass der Amtmann herausrücken werde, und hielt deshalb auch eine Stunde oder zwei zwischen Krautheim und Neustadt; denn es war eine schneehelle Nacht und ich hoffte auf ein Treffen mit ihm. Aber während ich unten brannte, rief der Amtmann nur von der Mauer herab, ich aber schrie zu ihm hinauf, er solle mich hinten lecken. Doch war hier kein langes Sattelhocken [Zaudern] und ich machte mich wieder davon. Drei Tage danach ergriff ich einen aus Miltenberg, der hieß Reulin, mit drei Geschirren, danach aber wandte ich mich weiter weg in ein fremdes Land. Da erfuhr ich zu meinem Glück, dass sechs Domherren und Räte auf einem Wagen nach Halle in Sachsen zum Bischof von Mainz gefahren waren [der Erzbischof von Mainz war damals gleichzeitig auch Erzbischof von Magdeburg]. Es waren reiche Leute, die vierzehn Pferde bei sich hatten. Ich zog genaue Kundschaft über sie ein und hörte, dass sie schon wieder auf der Heimreise seien. Aber die Sache zog sich noch einen Monat hin, sodass ich viel Zeit verlor. Ich hielt drei Wege besetzt: durch den Thüringer Wald, durch Franken und durch die Buchen [im Stift Fulda]. Und sie wären, welche Straße sie auch zogen, in meine Hände gefallen. Meine Knechte lagen in Hessen und ich befahl ihnen, die Straßen zu besetzen, aber nichts zu unternehmen [...] aber sie hielten sich nicht daran, sondern überfielen zwei Dörfer im Ammelburger Amtsbezirk [in Hessen] und plünderten und brandschatzten sie, wodurch sie meinen Plan vereitelten [...], denn als die Räte hörten, dass man die Orte geplündert hatte, brachen sie in der Nacht wieder auf nahmen frische Pferde und eilten fort.
Aus: Lebensbeschreibung des Ritters Götz von Berlichingen (1480-1562). Übertragen nach der Ausgabe von 1731, S. 169 ff. Mehr abenteuerlicher Exzess als waidmännische Kunst: Die Jagd
Abwechslung in den höfischen Alltag brachten auch die aufwendigen Jagdveranstaltungen, an denen die Damen des Hofes sowie vom Landesherren eingeladene Gäste teilnahmen, die sich ihrerseits mit wertvollen Waffengeschenken revanchierten. Dass manche Treibjagd in blutige Exzesse ausgeartet ist, hängt zusammen mit der Jagdleidenschaft des Zeitalters, mit der langen Dauer solcher Veranstaltungen und nicht zuletzt mit dem Bedürfnis der Fürsten, sich bei waidmännischen Erfolgen wie ein Sieger gefeiert zu sehen. So hat Philipp der Großmütige von Hessen einmal voller Stolz auf eine Strecke von 1000 erlegten Wildschweinen und 150 Hirschen hinweisen können. Dass die außerordentlich aufwendigen Veranstaltungen auch schwere Flurschäden verursachen konnten und eine Sorge und Plage für die Bauern waren, sei nicht vergessen. Die Welt der Prinzen, Prinzessinnen, Fürstinnen und Hofdamen
Manche Mitglieder fürstlicher Familien trieben obskure Dinge. Erinnert sei an die alchemistischen Experimente des Herzogs Albrecht von Preußen, der – wen wundert das im Zeitalter eines Dr. Faust? – mit seltsamen Tinkturen Zeitkrankheiten wie den Schlagfuß zu bekämpfen versuchte. Selbst die Anwendung teuersten Diamantpulvers blieb freilich erfolglos. Zur gründlichen Vorbereitung der fürstlichen Prinzen auf ihre künftige Regierung berief man gerne berühmte Lehrer an die Höfe. Erinnert sei an Namen wie Spalatin, Carion oder Bülow, Persönlichkeiten, die am sächsischen bzw. brandenburgischen Kurfürstenhof erfolgreich wirkten. Den Prinzenerziehern oblag die Unterrichtung in Sprachen, Geschichte, Jurisprudenz und Theologie sowie die Organisation der Universitätsstudien der Prinzen. Bei Hofe lebten selbstverständlich auch immer wieder Söhne und Töchter aus verwandten Fürstenhäusern, um sich in höfische Lebensformen einführen zu lassen und sich für ihre späteren vielfältigen Aufgaben vorzubereiten. Im Vergleich zum Leben der Herren bei Hofe verlief jenes der Damen unauffälliger, abgeschiedener, insgesamt wohl freudloser. Von der Landesfürstin, die dem fürstlichen Privathaushalt vorstand, erwartete man hervorragende frauliche Tugenden. Zwar konnte sie an Ausflugsgesellschaften und Jagdveranstaltungen teilnehmen, die meiste Zeit verbrachte sie allerdings in den Gemächern der Hofdamen, damals »Frauenzimmer« genannt. Da die Frauen für sich kochten, oblag der Fürstin die Küchenaufsicht. Sie erledigte die Lieferantenpost, sorgte beispielsweise dafür, dass der Hofbedarf an Tuchen, Seifen, Gewürzen oder Jagdwaffen gedeckt wurde, und veranlasste bei Abwesenheit des Gemahls wichtige Nachsendungen. Zum täglichen Pflichtpensum gehörte die Einweisung von Näherinnen in Arbeiten zur Erhaltung teurer Leibwäsche; oft führte die Fürstin selbst kunstvolle Stickereien und Perlenarbeiten aus, wobei ihr besonders die jungen Hofdamen Gesellschaft leisteten. Untereinander wetteiferten die Landesfürstinnen im Versand von Geschenken. Schmuckwaren, Stickereien, Schönheitswässerchen, selbst exotische Vögel, Jagdhunde und Pferde wurden über Kurierdienste an befreundete Höfe verschickt. Die Erziehung und Unterrichtung der Töchter lag in den Händen einer reputierten Hofmeisterin. Diese war meist aus adeligem Hause, oft Witwe, jedenfalls gebildet und Meisterin höfischer Umgangsformen. Sie überwachte den Umgang der Hoffräulein mit den Herren, achtete darauf, dass nur Pagen bis zum zwölften Lebensjahr im »Frauenzimmer« Dienst versahen und dass außerhalb der Besuchszeiten nur der Leibarzt oder »Balbirer« hier Zutritt erhielt. Die besondere Sorge der Fürstin galt natürlich der standesgemäßen Verheiratung der Töchter, oft ein Problem im Deutschland der Reformation und Gegenreformation. Besonders umständlich gestalteten sich die Verhandlungen über Ehekontrakte, die man hin und wieder vom Kaiser förmlich bestätigen ließ. Zu einer Fernverlobung kam es, sobald der Bräutigam über seine Delegation, bestehend aus Hofmeister und einigen Räten, die Bestätigung und das Jawort der Braut eingeholt und zum Zeichen der rechtsgültigen Verlobung Brautring und Geschenke an die Brauteltern überreicht hatte. Wandel höfischen Lebens am Ende des 16. Jahrhunderts
Wenn bisher der Versuch unternommen wurde, die durchschnittliche höfische Lebenswirklichkeit umrisshaft zu skizzieren, so muss zum Schluss betont werden, dass sich vor allem gegen Ende des 16. Jahrhunderts ein gewisser Wandel an der höfischen Szenerie erkennen lässt. Die patriarchalisch geprägte, von derber Sinnenhaftigkeit und Renaissancegeist bestimmte Hofatmosphäre weicht rationalistischer Etikette. Im Sinne eines neuen Herrschaftsverständnisses werden Hof und Gesellschaft durchstrukturiert, wobei besonders das formelhaft unpersönliche Zeremoniell und das damit einhergehende Distanzierungsbestreben auffallen. Einflüsse auswärtiger Höfe, vor allem Burgunds, Frankreichs und Spaniens, gewinnen Raum, und das Protokoll verdrängt mehr und mehr die bisher noch bestehenden lebendigen Beziehungen zwischen Fürst und Untertanen. Platzansprüche und Rangordnungen werden zementiert, Hofbedienstete zur »Kultdienerschaft« umfunktioniert. Ballspiel»Ballspiel im Collegium Illustre«, 1597. Stammbuch Herzog Augusts. Die Vergrößerung des landesherrlichen Pflichtenkreises insbesondere im kulturell-religiösen Bereich, die stärkere Bindung des Adels an den Hof, aber auch die zunehmende Kompliziertheit des politischen Lebens haben Veränderungen erwirkt, die erst in der gegenwärtigen Forschung bewusst gemacht werden. Neuesten Untersuchungen zufolge beweisen Hofstaatszeugnisse des ausgehenden 16. Jahrhunderts, dass die patriarchalische Geschlossenheit des Hofstaatsgefüges verlassen wurde; der Fürst wird darin nicht mehr zum Hofverband gezählt, andererseits bleiben die unteren Bedienstetengruppen von der Tafel ausgeschlossen. Die soziale Differenzierung der Hofgesellschaft wird an einer unüberschaubaren Reihe von neuen Titulaturen deutlich, Lohnunterschiede bis zum 33fachen des Eingangsgehalts treten auf. Die sozialen Folgen dieser Entwicklung bedürfen in ihrem Ausmaß noch der näheren Untersuchung. Fest steht, dass der Hof sich für einen kranken oder dienstuntauglich gewordenen Hofdiener nicht mehr verpflichtet fühlt und dies just zu dem Augenblick, als der Fürst zur Ehre des Gottesgnadentums emporgehoben wird. Die Durchgliederung der höfischen Lebenswelt führte jedenfalls über das Zeremoniell zur Festschreibung eines Systems, das mit psychischem Druck eine dünne Gesellschaftsschicht von der Masse der Untertanen abzuheben verstand. In den Hofordnungen des ausgehenden 16. Jahrhunderts kündigt sich unübersehbar ein neues Zeitalter an.

Forum (Kommentare)

kiki miki 23.10.2016 um 16:11:36 Uhr.
Es sollten mehrere Unterüberschrieften geben.