Literatur im Reformationszeitalter (1517-1600)

Humanismus und Reformation, die stärksten geistigen Kräfte des Jahrhunderts, prägen auch weitgehend das Bild der literarischen Produktion dieser Zeit des Umbruchs. Der Humanismus rückt den Menschen in den Mittelpunkt und wird so bahnbrechend für die reformatorische Bewegung, die ja die Ablösung von der Autorität der römischen Kirche und die Stärkung der Stellung des einzelnen »Christenmenschen« auf ihre Fahnen schrieb. Auf der anderen Seite unterscheiden sich aber die Ziele der Reformation grundlegend von denen des Humanismus: Er erstrebt ein an der Antike ausgerichtetes ›freies‹ Menschentum, die Reformation will die verweltlichte Papstkirche in das christliche Weltbild einbetten. Unter den humanistischen Gelehrten war besonders der gebildete und weitgereiste Erasmus von Rotterdam auf Ausgleich und Versöhnung der Gegensätze bedacht. Er versuchte eine Verbindung von christlichem und antik-heidnischem Menschenbild. Der Reformator Luther, der auf Unterstützung durch den berühmten Erasmus gerechnet hatte, musste später enttäuscht zur Kenntnis nehmen, dass der angesehene Humanist der alten Kirche treu blieb. Andere Humanisten dagegen gingen einen Weg, der die Gegensätze erst richtig bloßlegte. Die Reuchlin-Fehde: Literarischer Auftakt der Reformation
Wie ein Wetterleuchten, das kommende Erschütterungen ankündigt, erscheint der sogenannte »Dunkelmännerstreit«: Johannes Pfefferkorn, ein getaufter Jude, verlangte die Einziehung und Verbrennung der jüdischen Schriften, vor allem des Talmud. Seinen Forderungen im »Handspiegel« (1511) trat der Humanist Reuchlin kritisch in seinem Werk »Augenspiegel« entgegen. Reuchlin wurde daraufhin wegen ketzerischer Ansichten belangt, seine Schrift vom Erzbischof von Mainz verboten. Die Auseinandersetzung erfasste schnell weitere Kreise. Reuchlin erhielt von seinen humanistischen Freunden zahlreiche zustimmende Zuschriften, die er 1514 in der Sammlung »Epistolae clarorum virorum« (Briefe berühmter Männer) veröffentlichte. 1515 erschienen dann anonym die »Epistolae obscurorum virorum« (»Dunkelmännerbriefe«), eine zweiteilige Sammlung von erfundenen Briefen der Anhänger Pfefferkorns. Sie sind eine Satire auf die Beschränktheit der ›obskuren‹ konservativen Universitätslehrer, die mit ihrem miserablen Latein und ihren rückständigen Auffassungen der Lächerlichkeit preisgegeben werden. Für den radikaleren zweiten Teil war Ulrich von Hutten der Hauptverfasser: mit bitterer Polemik gießt er seinen Spott über die Andersdenkenden aus. Ulrich HuttenStreitschriften, Kampfansagen an den Papst, Kampf den Fürsten, nationale Reichsreform kennzeichnen das Werk Ulrichs von Hutten: Titelseite von »Herr Ulrichs von Hutten anzoig«. Diese »Dunkelmännerbriefe« erregten sofort ungeheures Aufsehen: ein Beleg dafür, wie brennend die breite Öffentlichkeit an diesen Fragen interessiert war. Durch die »Dunkelmännerbriefe« wurde nicht nur der Boden für die Reformation mit vorbereitet, sondern auch Ulrich von Hutten, der Vertreter eines radikaleren Humanismus, weithin bekannt. Auf den wortgewandten, selbstbewussten Ritter aus Franken, der schon in jungen Jahren, während seines studentischen Wanderlebens, Ideen der verschiedensten Art aufgenommen hatte, wirkte neben dem Humanismus erasmischer Prägung besonders der des nationaler gesinnten Konrad Celtis. Die nationale Haltung Huttens drückt sich auch darin aus, dass er ab 1520 die deutsche Sprache für seine scharfen, oft polemischen Gebrauchstexte benutzte:
»Latein ich vor geschriben hab,
das was eim jeden nit bekandt.
Jetzt schrey ich an das vatterlandt
Teütsch nation in irer sprach.
«
Auch in diesem Punkt war er Luther ähnlich, für dessen Sache er jetzt arbeitete und stritt. Luther – Wegbereiter deutscher Gemein- und Schriftsprache
1517 war Martin Luther in die Arena der Geschichte getreten: Sein Thesenanschlag vom 31. Oktober an der Schlosskirche zu Wittenberg kennzeichnet den Beginn der Reformation in Deutschland. Auch für die Literaturgeschichte ist Luther und die von ihm entfachte Bewegung in mehrfacher Beziehung außerordentlich bedeutsam: Einerseits bestimmten die theologischen Auseinandersetzungen nun einige Jahrzehnte lang weitgehend die literarische Produktion, andererseits wurden die Diskussionen um die Reformationsgesichtspunkte zunehmend in deutscher Volkssprache und nicht mehr in Latein – wie bisher üblich – geführt, um sie allen, auch Rittern, Bürgern, Bauern, verständlich zu machen. So und vor allem durch Luthers Übersetzertalent erhielt die deutsche Schriftsprache einen nachhaltigen Entwicklungsschub: Luther trug entscheidend zur Herausbildung der frühneuhochdeutschen Gemeinsprache bei. Und schließlich gab er dem geistlichen Lied durch Sammlung und Neuschöpfung wichtige Impulse. Die literarischen Veröffentlichungen der beiden ersten Jahrzehnte seit Beginn der Reformation bestanden in erster Linie aus lehrhaftem Tendenzschrifttum; eine Blüte der ›agitatorischen‹ Texte im weitesten Sinn des Worts (wie z. B. Streitschriften, Dialoge, Satiren, Schuldramen) war die Folge. Der Literaturhistoriker Hans Rupprich weist in seinem Beitrag: »Das Zeitalter der Reformation« (Die deutsche Literatur im späten Mittelalter bis zum Barock, München 1973) mit Recht darauf hin, dass die Literaturgeschichte dieses Zeitabschnitts gattungsmäßig nicht darzustellen ist und nur stoffmäßig geordnet werden kann. Flugschriften und Traktate
Zentrale Form der Verbreitung dieser meist für den Tag gedachten Produkte war die oft illustrierte Flugschrift, der sich alle möglichen literarischen Gattungen bedienten. Diese an den Augenblick gebundenen Schriften sind in der Regel keine ›große‹ Literatur. Von Luthers Leistung einmal abgesehen, fehlt es der Zeit weitgehend an bleibenden Werken ursprünglicher Art. Die Lutherbibel allerdings, eigentlich ja ›nur‹ eine Übersetzung, erhielt durch die Kraft ihrer Sprache eine die Zeiten überdauernde auch literarische Bedeutung. Luther hatte sich schon früh, in der Erkenntnis, so seine Glaubensreform am ehesten dem ganzen Volk verständlich zu machen, für die Verwendung seiner Muttersprache als Schriftsprache entschieden. In seinen drei großen Programmschriften »An den christlichen Adel deutscher Nation«, »Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche« und »Von der Freiheit eines Christenmenschen« entwickelt er bereits 1520 die Grundpositionen seiner neuen Haltung. Es sind Schriften von großer sprachlicher Kraft; die dritte enthält die Summe von Luthers Denken: Die Lehre von der Gnade, die allein den Menschen erlöst, und die Auffassung von der zentralen Stellung der Bibel für das christliche Leben. Diese Schriften erregten weithin sehr großes Aufsehen und erzielten für die damaligen Verhältnisse ungeheure Auflagen. Luthers außerordentliche Fähigkeit, schwierige Zusammenhänge knapp und präzise formuliert darzustellen, kam seiner neuen Lehre sehr zugute. Luthers Bibelübersetzung
Die sprachliche Meisterleistung Luthers ist allerdings unstreitig seine Bibelübersetzung (1522 des Neuen Testaments, 1534 der gesamten Bibel). Das Neue an dieser Übersetzung ist zum einen, dass Luther auf die hebräischen und griechischen Urtexte zurückgreift, hierin philologisch exakt im Sinne des Humanismus; zum anderen, dass er sich für die freie Wiedergabe entscheidet, in einer von ihm gewählten Sprachform, die Allgemeinverständlichkeit mit lebendiger Gestaltung verbindet. Die Allgemeinverständlichkeit erreicht er, indem er seiner Übertragung das Ostmitteldeutsche zugrunde legt, so »dass mich beide, Ober- und Niederländer, verstehen mögen. Ich rede nach der sächsischen Kanzlei, welcher nachfolgen alle Fürsten und Könige in Deutschland«. Zugleich bemüht sich Luther, in Wortwahl, Satzbau und Bildwelt »deutsch« zu reden, d. h. so, wie die Leute reden, also in einer gehobenen Umgangssprache. Denn, wie er im »Sendbrief vom Dolmetschen« (1530) sagt, »man soll Deutsch reden, [...] man muss die Mutter im Haus, die Kinder auf der Gassen, den gemeinen Mann auf dem Markt drumb fragen und denselbigen auf das Maul sehen, wie sie reden, und darnach dolmetschen«. Die lebendige Kraft und Schönheit seiner Sprache ist freilich vor allem die Frucht seines überragenden Übersetzertalents und seiner Fähigkeit, den jeweiligen Sinn angemessen ins Deutsche umzusetzen. Kurt Rothmann stellt in »Kleine Geschichte der deutschen Literatur«, Stuttgart 1978, eine Textstelle der Nürnberger Bibelübersetzung von 1483 und eine der Lutherbibel gegenüber; der Vergleich zeigt die Leistung Luthers deutlicher als viele Worte:
Nürnberger Bibel von 1483:
Ob ich red in der zungen der engel und der menschen, aber hab ich der lieb nit, ich bin gemacht als ein glockspeys lautend oder als ein schell klingend.
Luther:
Wenn ich mit Menschen und mit engel zungen redet / und hette der Liebe nicht / So were ich ein donend Ertz oder eine klingende Schelle. Auch wenn man Luthers Rolle als »Schöpfer des Neuhochdeutschen« bisweilen überschätzt hat, hat er doch mit seiner Bibelübertragung der neuhochdeutschen Gemeinsprache entscheidend zum Durchbruch verholfen. Die Lutherbibel wurde das Hausbuch der Protestanten und hat bis heute nichts von ihrer Wirkung und ihrem sprachlichen Reiz eingebüßt. Ähnlich bedeutend war Luthers Stellung für das Kirchenlied; dem hohen Rang, den es jetzt in der Liturgie erhielt, entsprach die Pflege, die der Reformator ihm angedeihen ließ; er veröffentlichte bereits 1524 sein »Sangbüchlein« und dichtete selbst an die 40 geistliche Lieder, von denen einige zum festen Bestand des kirchlichen Liedguts bis heute gehören, etwa das bekannte »Ein feste Burg ist unser Gott« oder »Vom Himmel hoch da komm ich her«. Eindringlich und erschütternd ist auch das Lied »Mitten wir im Leben sind / mit dem Tod umfangen«, in dem noch einmal das mittelalterliche Memento mori-Motiv, das »Gedenke des Todes!« großartig gestaltet wird. Die Reformation im Pro und Contra
Der Aufbau des reformatorischen Lehrgebäudes durch Luther und seine Mitstreiter und die damit verbundenen theologischen, politischen und sozialen Auseinandersetzungen hinterließen bei Freund und Feind literarisch ihre Spuren: von der Flugschrift bis zum Fastnachtspiel, von der Satire bis zum Volkslied ordneten sich nahezu alle literarischen Gattungen in diesen turbulenten Jahrzehnten dem einen großen Thema unter. Ein Beispiel mag das veranschaulichen. Als 1520 Luthers drei große Traktate erschienen waren, antwortete ihm in dem elsässischen Franziskaner Thomas Murner ein Mann, der zunächst die Berechtigung von Luthers Kritik an innerkirchlichen Missständen (etwa bei der Ablasspraxis) durchaus anerkannt hatte. Er richtete noch 1520 mehrere Flugschriften an Luther, u.a. eine »Brüderliche Ermahnung«. Murner und diese Verteidigungsschriften der alten Lehre werden nun im folgenden Jahr in dem anonym erscheinenden Dialog »Karsthans« – der Verfasser war wohl ein Schweizer Humanist – satirisch aufs Korn genommen. Karsthans ist der Vertreter des Bauernstands (Karst = Hacke). Nur mit seinem gesunden Menschenverstand begabt, stellt der Bauersmann in einem Disput mit seinem eigenen Sohn »Studens«, mit dem Gott Mercurius und Murner knifflige Fragen. Als Luther persönlich dazukommt, ergreift Murner die Flucht, und Karsthans hält den Thesen Murners die entsprechenden Bibelstellen entgegen: Auch der scholastisch gebildete Sohn muss sich von seinem einfachen Vater korrigieren lassen. Für den »Karsthans«, der als Flugschrift in kürzester Zeit zehn Auflagen erlebte, ›revanchierte‹ sich Murner 1522 mit der Verssatire »Von dem großen Lutherischen Narren«; er scheut jetzt vor kräftigen Strichen nicht mehr zurück. Luther wird persönlich angegriffen: Bei dem Exorzismus, den Murner an ihm vornimmt, quellen aus Luthers unförmigem Leib alle möglichen Narrenfiguren hervor. Der gestorbene Luther, den Murner in den Abort kippen lässt, wird schließlich unter Katzenmusik ins Grab gesungen, und der Lutherische Narr wird von Murner dem Himmel empfohlen, »darin die größten Narren leben«. Zeitbedingter Grobianismus und tiefe Betroffenheit Murners über Luthers Abfall von der Kirche fließen hier zusammen. Zahlreiche Holzschnitte illustrieren den durch sprühenden Witz ausgezeichneten geistvollen Text und tragen zur Verschärfung des satirischen Charakters bei; das Werk fügt sich in die Kette der Narrenliteratur seit Brants »Narrenschiff« (1494) als ein weiterer Höhepunkt ein. Es versteht sich von selbst, dass es weitere Streitschriften von Anhängern Luthers nach sich zog, die aber seinen literarischen Rang nicht erreichten. Murner war als Satiriker schon vorher produktiv gewesen: Die Narrheit der Welt insgesamt oder in einzelnen Erscheinungsformen (z. B. 1512 in »Der Schelmen Zunft«) sind Gegenstand seines Spotts. Diese Satire mehr unterhaltender Art blühte übrigens auch nach der eigentlichen Reformationszeit als eigenständige Gattung weiter, und zwar bis hinein ins 17. Jahrhundert. Bekannt ist z. B. der »Grobianus« von Friedrich Dedekind (1549), der starke Wirkung zeigte; die Stilrichtung des Grobianismus erhielt von diesem Titel ihren Namen. Literatur der ReformationszeitLiteratur der Reformationszeit – Pro und Contra: Oben links: Murners antilutherische Streitschrift »Von dem großen Lutherischen Narren«, 1522. Oben rechts: »Das Rollwagenbüchlein«, eine Schwanksammlung als Reiseunterhaltung von J. Wickram, 1555. Unten links: Hans Sachsens bedeutende Reformationspoesie »Die Wittenbergisch Nachtigall«, 1523. Unten rechts: Titel des »Faustbuchs«, 1588. Das Schuldrama in reformiertem Gewand
Der Einfluss der kirchlichen Reformbewegung wirkte sich auch auf Gestalt und Stoffe der Dramenliteratur aus: Luther selbst sprach sich dafür aus, biblische Stoffe auf die Verhältnisse der Zeit übertragen darzustellen. Die an den Lateinschulen damals üblichen Aufführungen dramatischer Werke – sie sollten rechtes Verhalten zeigen und gutes Latein fördern – boten sich dafür an. Wie sich zeigte, sollte dieses Schuldrama in seiner erzieherischen Tendenz unüberschätzbare Dienste für die Ausbreitung der reformatorischen Ideen leisten: die zunächst lateinischen Stücke folgten formal den antiken Komödien mit ihrer Akteinteilung, aber die Inhalte wurden der Bibel entnommen. Das Schuldrama trat mehr und mehr an die Stelle des geistlichen Spiels, das die Reformation nicht weiterpflegte. Zu den bedeutendsten Stücken dieser Tendenzliteratur zählt das lateinische »Pammachius« (1538) des Niederbayern Thomas Naogeorg; Naogeorg bezog in diesem schon im Jahr darauf ins Deutsche übersetzten Drama eindeutig Stellung für Luther: der Reformator selbst wird als Theophilus (»Gottesfreund«) eingeführt; die Gegenpartei verkörpert Pammachius, das herrschende Papsttum im Bunde mit dem Bösen. Das Drama geißelt Verfall und Entartung der römischen Kirche. Der fünfte Akt fehlt: das »Spiel« wird erst von Christus beim Jüngsten Gericht zu Ende geführt werden. Im protestantischen Schuldrama, das besonders in Zentren der Reformation wie z. B. Straßburg blühte, wird immer wieder das Motiv des verlorenen Sohnes thematisiert: Luthers Lehre von der Rechtfertigung nur durch die Gnade Gottes, nicht durch die Werkgerechtigkeit, konnte hier augenfällig vorgeführt werden. So wird die biblische Erzählung etwa in der lateinischen Schulkomödie des Holländers Wilhelm Gnaphaeus »Acolastus« schon 1529 dramatisiert. Mit seinem überlegten Aufbau in fünf Akten wird der »Acolastus« zu einem »Modell« des protestantischen Schuldramas, das zahlreiche Auflagen erlebte und bald ebenfalls ins Deutsche übertragen wurde. Fastnachtspiele: moralisch, humorvoll, unterhaltend
Dieses lateinische und bald auch deutsche Schuldrama hatte u. a. die Aufgabe, die weniger gesitteten Fastnachtspiele zu verdrängen, die allerdings gerade in dieser Zeit in Hans Sachs (1494-1576) ihren bedeutendsten Vertreter fanden. Über 80 Stücke dieser Art von dem Nürnberger »Schuhmacher und Poet« haben sich erhalten. Sie sind alle einheitlich aufgebaut, umfassen etwa 350 Verse und spielen zwischen drei bis sechs Personen; ihre Absicht ist eine durchaus moralische, doch macht sie ihr Realismus, ihre humorvolle Gestaltung und die oft »hemdsärmelige« Sprache zu recht unterhaltsamen, gut spielbaren Stücken. Ihre Themen sind allgemein moralischer Art (z. B. zwischenmenschliche Beziehungen) und dem bürgerlichen und bäuerlichen Milieu entnommen. Einige Fastnachtspiele von Hans Sachs sind bis heute lebendig geblieben, so z. B.: »Der fahrend Schüler im Paradeis« von 1550 (die Geschichte von einem wandernden Studenten, der sich bei einer arglosen Bäuerin Mitbringsel für ihren verstorbenen Mann erschleicht, indem er glaubhaft macht, er sei unterwegs zum Paradies), »Das Kälberbrüten« von 1551 (hier steht ein dummer Bauer im Mittelpunkt, der als Strohwitwer das Haus »auf den Kopf stellt« und schließlich gar aus einem Käse Kälber ausbrüten will). Im »Rossdieb zu Fünssing« werden die neunmalklugen Bauern von einem Tagedieb zum besten gehalten. Hans SachsHans Sachs – Schuhmacher und Poet, bedeutender bürgerlicher Dichter der Reformationszeit, Vertreter des Meistersangs und der Fastnachtspiele. Holzschnitt von Hans Brosamer, 1545. Obwohl Hans Sachs Anhänger Luthers war, schlägt der konfessionelle Streit bei ihm kaum durch: sein bürgerlicher Optimismus und sein ständisches Selbstwertgefühl ließen ihn im humorvollen, aber nicht aggressiven Fastnachtspiel und in seinen ebenso zahlreichen Versschwänken die angemessene Form der Aussage finden. Jesuitendrama und englische Schauspieltruppen – Neue Impulse für das Drama
Nach der Reformation wird die volkstümliche Form des Fastnachtspiels allmählich vom Schuldrama verdrängt. Nur Nikodemus Frischlin (1547-1590) versucht, orientiert an Aristophanes, in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts noch, eine Verbindung zwischen dem Schuldrama und dem Volksschauspiel herzustellen. Gegen Ende des Jahrhunderts tritt dann die Gegenreformation, angeführt von den Jesuiten, literarisch stärker auf den Plan. Das Jesuitendrama zieht, um die Zuschauer zu Buße und Umkehr zu bewegen, neben dem gesprochenen Wort alle Register der theatralischen Darstellung. Das bekannteste Beispiel dieser andersartigen dramatischen Kunst, der »Cenodoxus« des Jakob Bidermann (1602), leitet dann bereits in das Barock über. Ähnlich wichtige Anstöße für die zukünftige Entwicklung des Dramas gingen von den englischen Berufsschauspielern aus, die gegen Ende des Jahrhunderts als wandernde Truppen auch in Deutschland antike und vor allem englische Stücke aufführten. Sie vermittelten – wenn auch vergröbert und auf äußere Spannung reduziert – in ihren Darbietungen von Stücken Christopher Marlowes (1564-1593) und William Shakespeares (1564-1616) wenigstens einen Abglanz der großen dramatischen Gestalten dieser Autoren. Der Einfluss dieser »englischen Komödianten« auf die deutschen Dramatiker der Jahrhundertwende, z. B. Herzog Heinrich Julius von Braunschweig (1564-1613) ist unverkennbar. Die Prosa der Volksbücher und Schwänke
Die Faszination, die von den Heldengestalten des Dramas dieser Zeit, z. B. von den Figuren Shakespeares ausging, muss wohl auch die Menschen in Deutschland erfasst haben. In einem Fall allerdings wirkte umgekehrt eine literarische Figur Deutschlands auf die englische Literatur ein: wurde doch das Volksbuch »Historia von D. Johann Fausten / dem weit beschreiten Zauberer und Schwarzkünstler« unmittelbar nach seinem Erscheinen (Frankfurt 1587) von Christopher Marlowe dramatisiert. Dem Johann Faust des Volksbuchs liegt die historische Gestalt eines Georg Faust zugrunde, der, wohl um 1480 in Knittlingen/Württemberg geboren, als gelehrter Scharlatan und weitgereister Zauberkünstler die Menschen stark beeindruckt haben muss. Kurz vor 1540 dürfte er gestorben sein. Das mit der »Schwarzen Kunst« verknüpfte Teufelsmotiv war sicher eine weitere Ursache für die erregende Wirkung, die von dieser Figur ausging. Zählte doch in der religiös aufgewühlten Zeit das fleischgewordene Böse zu den beliebten Mitteln der Glaubenspolemik; in der Schwankliteratur spielte der Teufel ohnedies eine wichtige Rolle. All das machte aus der schillernden Gestalt des historischen Faust bald eine Sagenfigur: er wurde zum Träger der geheimen Wünsche seiner Zeit; so präsentiert ihn das Volksbuch, eines der Lieblingsbücher dieser Jahrzehnte, das immer wieder aufgelegt und erweitert wurde. Es lässt noch kaum künstlerische Gestaltung erkennen, sondern erzählt geradlinig die Lebensgeschichte Fausts vom Teufelspakt bis zum Tod, mit dem er dem Bösen anheimfällt. Faust, der – echt humanistisch – über alles aufgeklärt werden möchte, büßt am Ende für seinen Erkenntnistrieb. Die Moral ist eindeutig, der Konflikt bleibt ungelöst. Im Volksbuch von Johann Faust erreicht die Gattung einen Höhepunkt. Viele andere Volksbücher stellen dagegen nur Reihungen von Schwänken und Anekdoten um einen zentralen Helden (z. B. im weiterhin lebendigen »Till Eulenspiegel«) oder einen zentralen Schauplatz dar. Die berühmteste Sammlung dieser Art ist das »Laiebuch« (1597), vor allem in seiner Bearbeitung unter dem Titel »Die Schildbürger«. Hier vereinigen sich die Vorliebe der Zeit für Spott und Satire mit dem Narrenmotiv zu einem locker verbundenen Bild der kleinbürgerlichen Welt und ihrer Beschränktheit. In das Gewand der mehr lehrhaften satirischen Tierfabel gekleidet ist dagegen Georg Rollenhagens »Froschmeuseler« (1595): Der Krieg zwischen Fröschen und Mäusen als bildhafte Darstellung des bürgerlichen Lebens – gleichfalls ein sehr beliebtes Werk, in vielem den Volksbüchern ähnlich, jedoch in seiner Gelehrsamkeit stark humanistisch beeinflusst. Die Schwänke im engeren Sinn sind allerdings vorwiegend unterhaltende Kurzgeschichten. Sie scheuen auch vor Deftigkeiten nicht zurück – und es gibt sie selbst in der aufgeregten Zeit der Glaubenskämpfe: Schon vor 1530 erscheint von Johannes Pauli die Sammlung »Schimpf und Ernst«! Doch ab der Jahrhundertmitte werden sie deutlich zahlreicher: 1555 kommt Wickrams sehr beliebtes »Rollwagenbüchlein« auf den Markt, eine ziemlich derbe Reiselektüre; ähnlichen Zuschnitts ist der »Wegkürzer« des Martin Montanus, dessen Vorbild Boccaccio war, um nur diese beiden zu nennen. Einen Höhepunkt der Schwankliteratur bildet schließlich Hans Sachs mit seinen moralisch ausgerichteten schwankhaften Erzählungen. Alle diese Texte betrachten die Welt vom Standpunkt des kleinen Mannes und sind für uns -abseits aller literarischen Qualität – wichtige kultur- und sozialgeschichtliche Dokumente. Zwischen Anspruch und Volkstümlichkeit – Die Romane und Fabeln Wickrams und Fischarts
Aus der Masse der zeitgebundenen und vorwiegend auf Unterhaltung und vordergründige Moral abgestellten volkstümlichen Literatur heben sich zwei Einzelgestalten heraus: Johann Fischart (1546-1590) aus Straßburg und Jörg Wickram (um 1505 – etwa 1562) aus Colmar. Dem vielseitig begabten Meistersänger, Verfasser biblischer Dramen und schwankhafter Texte Jörg Wickram gelingt in seinem »Goldfaden« (1557) ebenso wie in »Der jungen Knaben Spiegel« (1554) zum ersten Mal ein eigenständiger, dichterisch durchgestalteter Roman; zwar liegt seine Stärke noch eher in der Einzelszene, aber das Ganze ist doch erkennbar geformt. Er behandelt Stoffe aus dem bürgerlichen Leben, im »Goldfaden« noch verknüpft mit Motiven des Ritterromans. Im »Knabenspiegel« stellt Wickram das Problem der Entwicklung und Erziehung dar – ein erster Versuch im Genre des Bildungs- und Erziehungsromans; Thema des »Goldfadens« ist eine glücklich endende Liebesgeschichte zwischen einem armen braven Hirtensohn und einer Grafentochter: der junge Leufried lässt sich den Goldfaden, den sie ihm geschenkt hat, unterhalb des Herzens ins Fleisch einwachsen, und so gewinnt er endlich die Liebe der Angliana. Beide Romane haben unverkennbar pädagogische Tendenz; bei realistischer Detailtreue arbeitet Wickram bürgerliche Ideale heraus und zeigt die Möglichkeiten und Schwierigkeiten ihrer Verwirklichung. Seine idealistische Konzeption sollte jedoch vorläufig noch keine Nachfolge finden. Von anderer Art ist die Prosa Johann Fischarts, eines humanistisch gebildeten Stadtbürgers. Er ist weniger eigenschöpferisch, vielmehr ein Meister in der Auslegung und Ausgestaltung gegebener Stoffe. Sein bürgerliches Selbstbewusstsein spiegelt sich in der souveränen Art, mit der er die Vorlagen verarbeitet: dabei überwiegt in seinen Schriften bald das belehrende, bald das unterhaltende Moment. Freilich setzt sich Fischart durchaus mit den bestimmenden Mächten seiner Zeit (z. B. mit der Gegenreformation) auseinander, doch die allgemein menschlichen Themen herrschen vor. In einer langen Tradition stehen seine satirischen Verse »Flöh-Hatz« (1573): In dieser Tierdichtung verklagen die Flöhe die Frauen bei Jupiter; sie fühlen sich zu Unrecht verfolgt. Jupiter beraumt eine Gerichtsverhandlung an – und muss schließlich doch den Frauen rechtgeben. Auch Fischarts Hauptwerk, der Roman »Gargantua« (1575), geht auf eine Vorlage (des Franzosen Rabelais) zurück. Hier gelingt ihm ein sprachliches Meisterwerk, in dem er derb-satirisch die Fress- und Trunksucht und sonstige Narrheiten der Menschen aufspießt. Am Modell der Geschichte einer ungefügen Riesenfamilie, die er ins Groteske ausweitet, wird das verrückte Treiben der Welt sichtbar gemacht. Der Originaltitel des Werks sei als anschauliches Beispiel für Fischarts Sprache wörtlich zitiert: »Affenteurliche und Ungeheurliche Geschichtsschrift vom Leben, Rhaten und Thaten der for langen Weilen Vollenwolbeschraiten Helden und Herrn Grandgusier, Gargantoa und Pantagruel, Königen inn Utopien und Ninenreich. Etwan von M. Francisco Rabelais Französisch entworfen: Nun aber uberschrecklich lustig auf den Teutschen Meridian visirt und ungefärlich obenhin, wie man den Grindigen laußt, vertirt durch Huldrich Elloposcler’on Reznem.« – Die zweite erweiterte Auflage, mit dem bekannteren Titel »Geschichtklitterung«, führt diesen ausufernden Stil weiter; hier ertrinkt oft der Ablauf des Geschehens in sprachlicher Manieriertheit. Ist dadurch auch das Verständnis manchmal erschwert, amüsant bleibt die Geschichte doch. Zu Fischarts ungebändigter sprachschöpferischer Kraft, seiner Vorliebe für Lautmalerei und Klangspiele und seinem Sprachwitz haben wir erst im Barock wieder Vergleichbares. Die breite Masse des Publikums – soweit es überhaupt lesen konnte -griff allerdings mit noch größerer Vorliebe gerade im letzten Drittel des Jahrhunderts wieder zu den fantastischen Ritterromanen alten Typs; sie boten neben Belehrung vor allem eine aufregende Lektüre und gaben die Möglichkeit, sich in eine Traumwelt zu versenken. In den letzten Jahrzehnten vor 1600 wurde nach und nach das gesamte »Amadis«-Romanwerk mit seinen ca. 25000 Seiten aus dem Französischen übertragen. Ritterliche Abenteuer, Liebesgeschichten, Kämpfe mit Riesen und Ungeheuern, Zauberwerk, all das bot der »Amadis«. Die Lyrik im »Prokrustesbett« des Meistersangs
Etwas im Schatten steht, vom Kirchenlied einmal abgesehen, die lyrische Dichtung dieser Zeit. Lediglich das Volkslied erlebt eine gewisse Blüte, bleibt allerdings weiterhin den mittelalterlichen Traditionen verhaftet oder wird, von der theologischen und politischen Auseinandersetzung vereinnahmt, zum Kampflied. Der Meistersang, mit seinem Hauptvertreter Hans Sachs, ist die einzige Gattung, die mit einem Kunstanspruch auftrat. Er nahm sich allerdings selbst in seiner formalen Erstarrung zur »Schulkunst« alle Entwicklungsmöglichkeiten, da die rein äußerliche Nachahmung der von den mittelalterlichen Meistern einmal geschaffenen Form sein oberstes Gesetz war. Die Meistersingschulen, im 16. Jahrhundert weit verbreitet, sinken dann auch bald zu Bedeutungslosigkeit ab. Im letzten Viertel des Jahrhunderts machten sich zwar da und dort weiterführende ausländische Einflüsse (aus Frankreich und Italien) bemerkbar, etwa bei Paulus Melissus Schede und Jakob Regnart; aber es bedurfte erst einer gründlichen Besinnung auf das Wesen des deutschen Verses, wie sie in den zahlreichen Poetiken der Folgezeit unternommen wurde, um neuen Ausdrucksmöglichkeiten die der deutschen Sprache angemessenen Gestaltungsformen zu erschließen.

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Info 14.12.2017 16:09
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