Deutschland in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts

Die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts – genauer: die Zeit zwischen 1555 und 1618 – ist eine in vielen Geschichtsbüchern sozusagen ›vergessene Epoche‹. Und doch ist dies eine Zeit voller Brisanz, voller Umwälzungen und Bedeutungen für das folgende Jahrhundert. Sie führt vom Religionsfrieden über lokal begrenzte Konflikte schließlich in den großen europäischen Krieg. Karl V. und sein Nachfolger Ferdinand I.
Mit Karls V. Abdanken in Raten war ein Stück Mittelalter zu Ende gegangen. Als einzigem Herrscher war es ihm vergönnt gewesen, den Traum vom universalen Kaisertum der mittelalterlichen Könige und Kaiser in einem Weltreich auf politisch-religiöser Basis zu verwirklichen. Aber sein Scheitern war vorgegeben, seit sich sowohl der Papst aus politischen Interessen als auch die deutschen Fürsten aus Angst um den Verlust ihrer »Libertät« (Adelsfreiheit) Karls V. Reichsidee widersetzt hatten. Karl V. hatte zwar geglaubt, dass in seinem Reich die Sonne nicht untergeht, aber spätestens nach seiner Abdankung waren ihre Strahlen dunkler geworden und beschienen zudem nicht mehr ein Weltreich. Die Erbteilung in eine habsburgisch-spanische und habsburgisch-österreichische Linie unter seinem Bruder Ferdinand I. (1503-64) brachte zwar nicht den Verlust der habsburgischen Länder, aber das Ausscheren eines bedeutenden Kräftepotentials, nämlich der habsburgischen Erblande und des deutschen Reiches aus dem Universalverband und somit eine belastende Schwächung. Spanien sollte die Bürde seines Weltreichsanspruches schnell genug zu spüren bekommen. Die langen militärischen Auseinandersetzungen mit Frankreich konnten erst 1598, mit England gar erst 1603 beigelegt werden. Dem Deutschen Reich hatte Karls V. Abdankung Vor- und Nachteile beschert: Mit der Teilung war das Reich aus der Reihe der bislang führenden europäischen Mächte wieder ausgeschieden, allerdings nicht ohne erstaunlichen Gewinn: inmitten der europäischen Kriege zwischen Spanien, Frankreich, England und den Generalstaaten blieb Deutschland eine Insel des Friedens. Das hartumkämpfte Ziel aller mittelalterlichen Herrscher, Italien, war als Hemmschuh weggefallen, Mailand und Neapel gingen an Philipp II. von Spanien, Karls V. Sohn. Einen gewissen Ausgleich schuf die Mitgift, die Ferdinand I. einbrachte. Er war zugleich König von Ungarn und Böhmen mit den Nebenländern Mähren, Schlesien und der Lausitz. Diesem drei Jahre jüngeren Bruder hatte Karl V. von Anfang an die Rolle seines ersten Helfers zugewiesen, die er auch über dreißig Jahre in dem ererbten Habsburgerbesitz und in Deutschland zur Zufriedenheit ausfüllte. Erst gegen Ende der Regierungszeit Karls V. trat eine Entfremdung ein. Schuld daran waren sowohl dynastische Sonderinteressen Ferdinands I. als auch die Zumutung Karls V., seinem Sohn Philipp II. die Nachfolge in Deutschland zu vermachen, ein Plan, den Ferdinand I. zu vereiteln wusste. Völlig abgelehnt hat Ferdinand I. die Religionspolitik seines Bruders. Nur seiner in Glaubenssachen versöhnlichen Haltung war es zuzuschreiben, dass 1552 der »Passauer Stillstand« zustande gekommen war, dem sich Karl V. bis zuletzt widersetzt hat. Als er sich aus Deutschland seit 1553 zurückgezogen hatte, überließ er Ferdinand I. die Regierung im Reich und die Durchführung des Augsburger Reichstages 1555 mitsamt der Verkündigung des »Augsburger Religionsfriedens«. Machtgrundlagen und Gefährdungen in Ferdinands I. Regierungszeit
Die Ferdinand durch die Erbteilung Karls V. 1521 und 1525 zugewiesenen Länder, die fünf Herzogtümer Österreich unter und ob der Enns, Steiermark, Kärnten und Krain, außerdem die Grafschaft Tirol und Vorderösterreich mit Sund- und Breisgau, bildeten die Basis seiner Hausmacht. Durch seine Heirat mit Anna, der einzigen Schwester König Ludwigs II. von Böhmen und Ungarn, hatte sich Ferdinand I. aber auch das Anrecht auf eben diese Länder erworben, in denen er nach dem Tod seines Schwagers durch die Parlamente gewählt wurde. Insgesamt besaß Ferdinand I. ein machtvolles Gebiet, weitgehend in sich zusammenhängend und relativ abgerundet. Die 1531 erfolgte Wahl zum römischen König eröffnete auch die Aussichten auf die Nachfolge im Kaisertum, das er 1558, nach der Wahl durch die Kurfürsten und der Krönung in Frankfurt, antrat, nachdem Karl V. den Gedanken, Philipp II. zum Nachfolger zu erheben, hatte fallen lassen müssen. Für Ferdinand I. bedeutet die neue Würde zweifellos eine Vermehrung seines Ansehens und die Verantwortlichkeit über die zum Deutschen Reich gehörigen Länder. Aber die wirkliche Macht war viel geringer, als man dies aufgrund solcher Häufung von Machtpositionen vermuten sollte. Schwierigkeiten gab es genug. In den eigenen Erblanden gelang es Ferdinand I. zeitlebens nicht, die partikularen Bestrebungen des Adels zurückzudrängen. Mehr, als ihm lieb sein konnte, hatte der Protestantismus vor allem auf dem Land die Position der katholischen Kirche untergraben und das einigende Band der Religion durchschnitten. In Böhmen gab es einen selbstbewussten Adel, der nur noch von dem Ungarns übertroffen wurde. Ressentiments hatte Ferdinand schon vor seiner Wahl zum ungarischen König zu spüren bekommen. Um ihre Unabhängigkeit zu bewahren, schreckten die Ungarn nicht einmal davor zurück, Verbindung zu den Türken zu suchen, dem bedrohlichsten Gegner Habsburgs. In Deutschland stellte sich die Situation nicht anders dar. Der Religionsfriede von 1555 war weder im Wortlaut noch in seiner Rechtsgültigkeit eindeutig formuliert und brachte nur ein Atemholen, kein Ende der religiösen Streitpunkte. Dass sieben Zehntel Deutschlands mittlerweile lutherisch waren, machte die Regierung für den katholischen Ferdinand noch schwieriger. Politisch und religiös war alles im Fluss, und es ist einleuchtend, dass die weitere Ordnung der staatlich-kirchlichen Verhältnisse und die Festigung des Konfessionsfriedens die Hauptaufgaben Ferdinands I. und seiner Nachfolger, Maximilians II. (1564-1576), Rudolfs II. (1576-1612), Matthias’ (1612-1619) und Ferdinands II. (1619-1634) blieben. Fünf Kaiser zwischen Frieden und Krieg
Diesen Kaisern fehlt der Glanz, den viele mittelalterliche Herrscher um sich verbreitet haben, ihren Taten geht alles Spektakuläre, Außerordentliche ab, keine Sage rankt sich um ihre Namen. Die moderne Geschichtsschreibung hat wenig von ihnen zu berichten, und das wohlwollendste Urteil lautet: »Durchschnitt«. Grob betrachtet mag das stimmen. Aber man darf nicht vergessen, dass die Zeit gegen diese Kaiser arbeitete. Ihre verfassungsmäßige Stellung als Kaiser war stark eingeschränkt, die Territorialfürsten trieben eine egoistische Politik ohne Rücksicht auf Reichsinteressen, und das einigende Band des Glaubens war durch die Reformation für immer zerrissen. So regierten sie notgedrungen mehr als habsburgische Territorialherren denn als Kaiser und: Bei aller Kritik ist nicht zu übersehen, dass ihre Toleranz und ihr Wille zum religiösen Ausgleich Deutschland die längste Friedenszeit seiner Geschichte beschert haben, mag dieser Friede auch eher auf dem Vorsichherschieben ungelöster Probleme beruht haben als auf dem sicheren Fundament eines von Katholiken und Protestanten akzeptierten Ausgleichs. Nach den gängigen Quellen entsprach Ferdinand I. ganz und gar nicht dem Klischeebild eines Deutschen. Von seiner Mutter her, Johanna der Wahnsinnigen, war er Spanier, spanisch erzogen und unterrichtet, klein und zart gebaut, dabei lebhaft im Sprechen, schlicht in seinen Lebensgewohnheiten und völlig unspanisch im Repräsentieren. Der älteste Sohn Ferdinands, sein Nachfolger Maximilian II., in Wien geboren und aufgewachsen, war ein sprachbegabter, leutseliger Mann, dessen zweideutiges Lavieren in religiösen Fragen bis heute keine klare Aussage darüber zulässt, ob er im Herzen Katholik oder Lutheraner war. Rudolf II., sein Sohn, beherrschte neben der Muttersprache fließend Latein, Spanisch, Französisch, Italienisch und leidlich das Tschechische. Aber er widmete sich mehr wissenschaftlichen Studien als den Regierungsgeschäften, sehr zum Nachteil des Reiches. Im Laufe seiner langen Regierungszeit verschlimmerte sich eine von der Mutter ererbte Geisteskrankheit. Seit 1582 lebte er dauernd auf dem Hradschin in Prag, erschien 1594 zum letzten Mal auf einem Reichstag. Im Herbst 1598 brach die Krankheit voll aus. Von Verfolgungswahn getrieben, misshandelte er unterschiedslos Kämmerer und Minister, wollte keine Bittgesandte oder Freunde mehr sehen. Da er kinderlos blieb und die Erbfolge in den Ländern seines Hauses unsicher war, beschloss der habsburgische Familienrat seine Absetzung und ernannte seinen Bruder Matthias zum Oberhaupt. Verwickelte Auseinandersetzungen gingen voraus, ehe Matthias Rudolf II. durch die Besetzung Prags 1611 zur Abdankung zwang. Als Matthias ebenfalls ohne Thronerben blieb, war Ferdinand von der Steiermark Anwärter auf das Gesamterbe und die Kaiserwürde. Den spanischen angeblichen Anspruch auf das Gesamterbe befriedigte er im sogenannten »Onate-Vertrag«, der die Abtretung des Elsass an Spanien aus strategischen Gründen vorsah. Der Nachfolge stand somit nichts mehr im Wege. Da aber Ferdinand II. wenig von der konfessionellen Versöhnlichkeit seiner Vorgänger besaß und die Gegenreformation in den Erblanden beschleunigte, löste er die offene Revolte der Böhmen aus. Sie nahm mit dem Fenstersturz der königlichen Beamten Slawata, Martinitz und Fabricius aus dem Hradschin in Prag am 23. Mai 1618 ihren Anfang und führte durch Ferdinands II. Unnachgiebigkeit direkt in den böhmisch-pfälzischen Krieg, den ersten Abschnitt des dreißigjährigen Kriegsgeschehens. Die fünf Habsburger Kaiser im Bann der Erbteilungsprobleme
Die Geschichte der fünf Habsburger ist nicht nur wegen ihrer Kaiserwürde eng mit dem Deutschen Reich verknüpft, sondern auch, weil die Probleme ihrer eigenen Länder denen des Reiches glichen, ja identisch waren, weil ihre außenpolitischen Aktivitäten ins Reich zurückwirkten und weil die Schwierigkeiten der Habsburger auch die Reichspolitik entscheidend hemmen konnten. In jeder Generation neu stand das Problem der Erbfolge und damit der Teilung der Länder an, eine Schwierigkeit, der sich auch Karl V. nicht hatte entziehen können. Seinem Bruder Ferdinand I. musste er die deutschen Erblande überlassen, was die Spaltung der Linien zur Folge hatte. Mit gegenseitigen Rücksichten trieben sie fortan eine eigenständige Politik. Karl V. hatte in Voraussicht dieser Entwicklung vorgehabt, nach Ferdinand I. die Kaiserwürde auf seinen Sohn Philipp II. zu übertragen und dann abwechselnd zwischen beiden Linien hin- und hergehen zu lassen, aber das Vorhaben scheiterte am Bruder, der die universale Kaiseridee Karls schon längst aufgegeben hatte. In seinem Herrschaftsbereich stand Ferdinand I. nun vor dem gleichen Nachfolgeproblem und löste es nicht anders als Karl: Die österreichische Hauptlinie spaltete sich in mehrere Nebenlinien auf. Dem ältesten Sohn Maximilian gab er Ober- und Niederösterreich und sicherte ihm noch vor dem Tod die Königswürde Böhmens (1548), Ungarns (1563) und die Kaiserwürde des Deutschen Reiches (1564). Der zweite Sohn, Erzherzog Ferdinand, bekam Tirol und Vorderösterreich, (also die alemannischen Gebiete an Hoch- und Oberrhein), der jüngste, Erzherzog Karl, Innerösterreich, d. h. Steiermark, Kärnten und Krain. Maximilian II. hatte es später, ausgestattet nur mit einem verhältnismäßig kleinen Eigenterritorium, schwer, seine Kaiserautorität durchzusetzen. Er beendete daher das Prinzip ständiger Erbteilung. Sein ältester Sohn Rudolf wurde zum Nachfolger bestimmt, die übrigen Söhne mit einem Jahresgehalt von 25 000 Gulden abgefunden. Rudolf II. war damit Herrscher über eine Ländermasse, die neben Deutschland die Erzherzogtümer Ober- und Niederösterreich, die Königreiche Ungarn und Böhmen mit Mähren, Schlesien und der Lausitz und seit 1595 durch Heimfall Tirol und Vorderösterreich umfasste. Durch die Kinderlosigkeit sowohl Rudolfs II. als auch Matthias’ konnte Ferdinand II. mehr zufällig als geplant die Gesamterbschaft übernehmen. Das leidige Problem ständiger Erbteilung stellte sich damit, wenigstens seit Maximilian II., nicht mehr. Die Hypothek der Türkengefahr
Die Königsherrschaft in Böhmen und Ungarn hatte den Habsburgern seit Ferdinand I. zwar eine territoriale Erweiterung gebracht, sie – und damit auch das Reich – aber gleichzeitig mit der lebensbedrohenden Hypothek der Türkenexpansion belastet. Ferdinand I. hatte schon 1529 der türkischen Invasion unter Suleiman II. nicht widerstehen können. Sie überflutete Ungarn und brandete vor Wiens Tore. Nach dreiwöchiger Belagerung musste Suleiman II. sich zwar zurückziehen, ließ aber zum Ärger Ferdinands I. den ungarischen Gegenkönig, Zapolya von Siebenbürgen, als türkischen ›Vorposten ‹und ›Statthalten‹ zurück. 1532 brachen die Türken erneut in Ungarn ein, ein mühevoller Kompromiss kam zustande, der Zapolya die Hälfte Ungarns zusicherte und Habsburgs Ohnmacht bloßlegte. Nicht einmal ein Reichsheer unter dem Befehl des Brandenburger Kurfürsten erzielte zehn Jahre später gegen einen Türkeneinfall wenigstens Kleinerfolge, und als nach fünfjährigem Waffenstillstand und seinem mehrfachen Bruch 1562 endlich ein Friede geschlossen wurde, erkannten zwar die Türken Ferdinands I. Herrschaft über Ungarn an, aber nur gegen jährliche, erniedrigende Tributzahlungen. Die Türkengefahr gehörte fortan zum festen Bestandteil des Erbes, das die Kaiser ihren Nachfolgern hinterließen. 1566 musste sich Maximilian II. mit ihnen herumplagen, als Suleiman II. Österreich mit der nächsten Invasion drohte. Nach Suleimans Tod beließ der achtjährige Waffenstillstand von 1568 alles beim alten. Trotz dieser 1576 nochmals um acht und 1584 von Rudolf II. um neun Jahre verlängerten Waffenruhe gab es ständige Grenzkonflikte und schreckliche Kleinkriege. 1593 erklärte Sultan Murad III. erneut den Krieg, der erst im November 1606 mit dem Frieden von Zsitva-Torok ein Ende fand. Es war nicht mehr Rudolf II., der ihn unterzeichnete, sondern schon der neue Chef des Hauses Habsburg, Matthias, der im April gleichen Jahres seinem Bruder die Vollmacht über Krieg und Frieden im Einverständnis mit den anderen Angehörigen abgerungen hatte. Österreich musste auf Siebenbürgen und den größten Teil Ungarns verzichten und dem ihm verbliebenen Restungarn Religionsfreiheit, Ständeherrschaft und Beendigung jeder »Habsburgisierung« zusichern. Mit der Zahlung einer einmaligen Entschädigungssumme hörten endlich die jährlichen Tribute auf, und für über 50 Jahre herrschte fortan an der Türkenfront Ruhe. Sie enthob den Kaiser der Gefahr, für die ständige Bewilligung von »Türkengeldern« durch den Reichstag immer weitgehendere innenpolitische und religiöse Zugeständnisse an die Reichsfürsten machen zu müssen. Als Rudolf II. den von Matthias unterschriebenen Vertrag zu hintertreiben suchte, provozierte er den Angriff auf Prag, der ihn zur Abdankung zwingen sollte. In seiner Not wandte sich Rudolf II. an die böhmischen Stände und erklärte sich im »Böhmischen Majestätsbrief« vom 9. Juli 1609 zu religiösen Zugeständnissen bereit. Dass ständische Interessen, nicht nur die Böhmens, immer wieder auf konfessionelle Freiheiten oder territorialen Eigennutz ausgerichtet waren, gehörte zu den Grundtatsachen in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Konfession und Territorium waren die entscheidenden Wirkkräfte, deren Wechselbeziehungen auf die Dauer weder das Reich noch der Kaiser entflechten und unter Kontrolle bringen konnten. Kaiser und Reich in Abhängigkeit der Reichsstände und Territorialinteressen
Das seit dem frühen Mittelalter einsetzende Kräftemessen zwischen einer um Anerkennung ringenden Zentralgewalt und den partikularen Gegenkräften ging eindeutig zugunsten der Landesfürsten aus. Der Weg in eine Vielzahl von Territorialstaaten war nicht aufzuhalten. Die Kaiser zogen es vor, sich mehr auf eine starke Hausmacht als auf einen Titel zu verlassen, der zwar noch guten Klang besaß, in der handfesten Politik aber nur mehr eine lockere Oberherrschaft über die deutschen Territorien signalisierte. Der in den Urkunden dieser Zeit verwendete Titel »Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation« zeigt deutlich die Beschränkung der Herrschaft auf das nationale Teilkönigreich Deutschland, die Gewichtsverlagerung auf die Nation, die diesem Reich dort die Grenze setzte, wo die deutsche Sprache nicht mehr gesprochen wurde. Nur folgerichtig war es, wenn seit Ferdinand I. die deutschen Könige nicht mehr in Rom und nicht vom Papst zu Kaisern gekrönt wurden, sondern nach Wahl und Krönung seit Maximilian I. den Titel trugen »Erwählter römischer Kaiser«. Seit Karl V. mit dem Versuch, das Reich als ein Erbreich seiner Dynastie weiterzugeben, gescheitert war, blieb das König- und Kaisertum weiter ein Wahlkönigtum, wenn auch die Habsburger bis 1806 die Kaiser stellten. Diese Kontinuität war nur dadurch möglich, dass das regierende Haupt des Reiches noch zu Lebzeiten meist den ältesten Sohn zum Nachfolger bestimmte und zum »König der Römer« wählen ließ. Freilich, die Fürsten ließen sich das bezahlen. Jeder Herrscher musste vor seiner oder seines Nachfolgers Wahl eine »Wahlkapitulation« unterzeichnen, in der seine theoretisch große Macht in der Praxis zugunsten von Reichsständen und Reichstag eingeschränkt wurde, sodass er nur noch in Übereinstimmung mit ihnen erfolgreiche Politik betreiben konnte. Die drei geistlichen Kurfürsten, die Erzbischöfe von Köln, Mainz und Trier und die vier weltlichen, der Pfalzgraf bei Rhein, der Markgraf von Brandenburg, der Kurfürst von Sachsen und der König von Böhmen, hatten sich als eigene Gruppe bald aus dem »Reichsfürstenstand« herausgesondert, der etwa 100 geistliche und weltliche Fürsten des Reiches umfasste, ungefähr 2500 »Reichsritter« und die 66 »reichsfreien Städte«. Sie alle besaßen die »Reichsunmittelbarkeit«, unterstanden also unmittelbar dem König, keinem Landesherrn. Mit Ausnahme der Reichsritter bildeten diese Gruppen die »Reichsstände«, denen die »Reichsstandschaft«, d. h. Sitz und Einzelstimme im »Reichstag«, zustand. Kurfürsten, Reichsfürsten und Reichsstädte waren in diesem Gremium die drei Kollegien, die getrennt berieten und auch getrennt Beschlüsse fassten, für deren Rechtsgültigkeit die Übereinstimmung der beiden ersten Kollegien und die Zustimmung (Ratifikation) des Kaisers erforderlich waren. Man kann gewiss nicht behaupten, dass die Zusammenarbeit zwischen Reichstag und Kaiser zum Besten des Reiches war. Wo es um Geld und seine Bewilligung ging, wie in den Türkenkriegen, drehte der Reichstag schnell den Hahn zu, falls sich der Kaiser politisch-territorialen und religiösen Gegenleistungen versperrte. In den beiden ersten Jahrzehnten nach dem Augsburger Religionsfrieden war das Verhältnis Reichstag – Kaiser immerhin noch von Kompromissbereitschaft und Zurückhaltung geprägt, weil weder Ferdinand I. noch sein Sohn Maximilian II. einen Konfrontationskurs steuerten, zumal sie noch persönlich mit vielen auch protestantischen Fürsten befreundet waren. Unter ihnen betrieb vor allem der lutherische Kurfürst von Sachsen eine prokaiserliche Politik, während die militanten Kräfte mit der »reformierten« calvinistischen Pfalz konsequent antikaiserlich handelten. Religion und Politik waren zu einem Knäuel geworden, das nur mit der gegenseitigen Bereitschaft, den »Reichsabschied« von 1555 mit den Verfügungen des »Religionsfriedens« und der »Reichsreform« einzuhalten, mühsam entwirrt werden konnte. Jede Störung der Balance, ob territorial oder religiös, musste das Reichsgefüge zum Wanken bringen und lähmend seine Teile treffen. Maximilian II. hatte die Verschärfung deutlich auf dem Reichstag zu Speyer 1570 zu spüren bekommen, als sein Vorschlag, in einer Reform des Reichskriegswesens die Truppen dem Kaiser zu unterstellen, vom Reichstag glatt abgelehnt wurde. Als Rudolf II. unmittelbar nach dem Reichstag zu Regensburg 1576 die Nachfolge seines Vaters antrat, war die Entspannung vor allem der religiösen Gegensätze immer unwahrscheinlicher geworden. Der Grund lag weniger in Rudolfs II. eindeutiger Stellungnahme für den Katholizismus – im Gegensatz zu seinem Vater – als vielmehr in der erstarkenden katholischen Kirche, die im Zuge der Gegenreformation in Köln, Straßburg und Jülich-Kleve wichtigen Boden wiedergutmachen konnte. Außerdem hatte zunehmend das Ausland, hatten Spanien und Frankreich in die innerdeutschen Positionskämpfe aufseiten der Katholiken und Lutheraner eingegriffen, sodass die Fronten sich mehr und mehr verhärteten. Desolate Rechtsprechungsverhältnisse im Reich Visitationskammer und »Vierklosterstreit«
Im Jahre 1582 kam es zum ersten Eklat, der eine sich über Jahre hinziehende Kettenreaktion auslöste, an deren Ende im Jahre 1612, dem Todesjahr Rudolfs II., die wichtigsten Reichsorgane lahmgelegt waren, und der Reichstag handlungsunfähig dahintagte: In Magdeburg residierte ohne kaiserliche Zustimmung als evangelischer Administrator (Verwalter) des Erzbistums Joachim Friedrich von Brandenburg. 1582 hatte er auf dem Reichstag zu Augsburg den Antrag gestellt, ihn mit Sitz und Stimme in den Reichsfürstenstand aufzunehmen. Die katholischen Stände mussten das ablehnen, wenn sie nicht selber einen Präzedenzfall schaffen und den ihnen nützlichen »Geistlichen Vorbehalt« aus dem »Religionsfrieden« zu Fall bringen wollten, nach dessen Bestimmung ein Bischof oder Abt, der zum Luthertum wechselte, auf Territorium und Amt verzichten musste. Joachim Friedrich fand keine Mehrheit, weil die katholischen Stände mit dem Auszug aus dem Reichstag drohten. Als sechs Jahre später Magdeburg, d. h. Joachim Friedrich, turnusgemäß den Vorsitz in der »Visitationskammer«, einer dem »Reichskammergericht« übergeordneten Revisionskommission, zu übernehmen hatte und keine Einigung zustande kam, suspendierte Rudolf II. kurzerhand die Kommission. Es gab damit keine Revisionsinstanz mehr gegen Urteile des Reichskammergerichtes. Der Rechtsprechung im Reich war ein schwerer Schlag versetzt. Rudolf II. kam die Entwicklung sicher nicht ungelegen, weil nun dem »Reichshofgericht« als dem kaiserhörigen Gegengewicht zum reichsständischen Reichskammergericht erhöhte Bedeutung zukam. Peinlich war nur, dass beim Fehlen jeder Revisionsmöglichkeit die Vollstreckung der Urteile in der Luft hing. Wohin konnte man sich mit einer Urteilsanfechtung überhaupt wenden? Diese Frage wurde im »Vierklosterstreit« rasch akut. Trotz des 1555 ausgesprochenen Säkularisationsverbotes hatten bislang protestantische Stände Klöster und Stifte in Württemberg, der Pfalz, Baden, Hessen-Kassel und weiteren Gebieten Süd- und Nordwestdeutschlands eingezogen. Als vier betroffene Klöster Klage beim Reichskammergericht einlegten, gab es ihnen recht und verurteilte den Grafen von Oettingen, die Reichsritter von Hirschhorn, die Reichsstadt Straßburg und den Markgraf von Baden zur Rückgabe widerrechtlich angeeigneter Klöster. Es waren an sich, gemessen an den großen Konflikten, unbedeutende, immer wieder erfolgte Fälle, die aber in ihrer Häufung jetzt nicht mehr unbeachtet bleiben konnten und vor allem für Norddeutschland erhebliche Folgen haben mussten. Denn die Machtbasis der Protestanten beruhte dort weitgehend auf den ehemaligen Reichsbistümern (Bremen, Verden, Minden, Lübeck, Magdeburg, Hildesheim, Ratzeburg, Schwerin), die man durch Unterstellung unter evangelische Administratoren wie im Falle Magdeburgs praktisch säkularisiert (verweltlicht) hatte. Als die vier zur Herausgabe verurteilten Herren in die Revision gingen, die Visitationskommission aber aufgelöst war, setzte der Reichstag 1598 extra einen »Deputationstag« ein, der mit den 7 Kurfürsten, 10 katholischen und 4 protestantischen Fürsten eine klare katholische Mehrheit besaß. Doch eine Überprüfung des »Vierklosterstreits« kam nicht zustande, weil die Kurpfalz aus politischen Gründen den Frankfurter Deputationstag 1601 sprengte und gemeinsam mit Kurbrandenburg und Braunschweig-Wolfenbüttel behauptete, nur der Reichstag könne über Revisionen, die den »Augsburger Religionsfrieden« betreffen, zuständig sein. Der Deputationstag trat nun nie mehr zusammen, die Reichsrechtsprechung war endgültig zusammengebrochen, und es wuchs die Gefahr, dass sich jeder erneut auf eigene Faust außerhalb der Legalität sein Recht verschaffte. Handlungsunfähigkeit des Reichstages
Zeitlich gleichlaufend hatte auch die andere Reichsinstitution, der Reichstag, zunehmend unter dem Druck der calvinistischen Kurpfalz zu leiden, die immer offener die partikularistische Umwandlung des Reiches und den Abbau aller zentralen kaiserlichen Rechte forderte. Zwangsläufig musste der Reichstag als letzte Klammer des Zusammengehörigkeitsbewusstseins stark eingeschränkt weiterarbeiten oder seine Bedeutung völlig verlieren. Dass trotz wiederholter Versuche der Kurpfalz, die Mehrheitsbeschlüsse des Reichstages anzuzweifeln, das Gremium arbeitsfähig geblieben war, lag am gemäßigten Verhalten des kursächsischen Kontrahenten. Schon auf dem Reichstag in Regensburg 1594, einberufen wegen der Türkenhilfe, hatte die Kurpfalz Bündnispartner dadurch gewonnen, dass sie behauptete, Mehrheitsbeschlüsse des Reichstages seien unverbindlich und die Reichsstände müssten nur so viel an Steuern und Abgaben zahlen, wie jeder einzelne bewilligt habe. Als sie nicht durchdrang, setzte sie den Hebel zunächst am »Deputationstag« 1601 an und legte die Rechtsprechung lahm. 1603 in Regensburg erhob sie die weitergehende Forderung, dass alle Religionsstreitigkeiten – wie etwa der »Vierklosterstreit« – nicht durch Mehrheitsbeschlüsse des Reichstages oder des »Deputationstages« gelöst werden können, sondern nur durch gütliche Einigung. 1607, als Rudolf II. gegen den erklärten Willen seines Bruders den Türkenkrieg wieder aufnehmen wollte und erneut eine Geldbewilligung einbrachte, suchte die Kurpfalz wiederum, daraus politisches Kapital zu schlagen, diesmal mit größeren Erfolgsaussichten. Sie wusste nämlich die protestantischen Stände, auch Kursachsen, hinter sich, die über die ihrer Meinung nach rechtlich zweifelhafte Verhängung der Reichsacht über die Reichsstadt Donauwörth durch den Kaiser im gleichen Jahr erbittert waren und den Religionsfrieden katholischerseits als gebrochen ansahen. Nachdrücklich forderten sie daher die Sicherung ihrer seither erweiterten Machtstellung für die Bewilligung der Türkenhilfe. Die Katholiken erklärten sich dazu bereit, wenn sich beide Parteien ihren seit dem »Augsburger Religionsfrieden« vertragswidrig angeeigneten Besitz zurückgeben würden. Gerade das mochten die Lutheraner nicht, weil sie – das hatte der »Vierklosterstreit« deutlich gemacht – im Erwerb geistlicher Fürstentümer vor allem in Norddeutschland ein territoriales und damit religiöses Übergewicht besaßen. Obwohl Kursachsen auch jetzt noch zu vermitteln suchte, verließen die Kurpfalz und ihre Anhänger den Reichstag wegen »Nichtbestätigung ihrer Auffassung des ›Augsburger Religionsfriedens‹«. Kursachsen und die gemäßigten Protestanten blieben zwar, aber eine Einigung kam im Reichstag nicht mehr zustande. Damit war die letzte Einheitsklammer zwischen Reich und Kaiser gebrochen, der Reichstag hatte sich selbst mattgesetzt. Alle wesentlichen Reichsorgane funktionierten nicht mehr. So gingen die Reichsstände dazu über, außerhalb des Reichstages nach Konfessionen getrennte, selbstständige Parteien zu bilden, die, wie könnte es anders sein, bald militärischen Charakter annahmen und politisch-militärische Verwicklungen heraufbeschworen. Eskalation: Protestantische »Union« und katholische »Liga«
Der Dreißigjährige Krieg kündigte sich von Ferne an, als am 14. Mai 1608 die Kurpfalz mit den Lutheranern in Württemberg, Baden, Brandenburg-Ansbach, Brandenburg-Kulmbach und Pfalz-Neuburg, zu denen später Anhalt, Oettingen und die Reichsstädte Ulm, Straßburg und Nürnberg stießen, in Auhausen bei Dinkelsbühl die »Union« gründeten und Maximilian von Baiern am 10. Juli 1609 in München die meisten katholischen Reichsstände in der »Liga« vereinigte. Durch die jeweiligen Verbindungen zu Frankreich und den protestantischen Ständen in Böhmen, Mähren und Ungarn einerseits und die Fäden zum katholischen Spanien andererseits war das Ausland an die beiden Gruppierungen und die politisch-konfessionellen Auseinandersetzungen des Reiches angekoppelt und verlieh dem 1618 ausbrechenden Krieg bald europäische Dimensionen. Vorzeichen des Krieges – Konflikte der unlösbaren politisch-religiösen Verflechtung
Bei allen Vorgängen, die zur Lähmung der Reichsorgane führten, fällt immer wieder auf, wie wenig Politik und Religion zu trennen waren, ja wie der Augsburger Religionsfriede diese enge Verbindung geradezu gefordert hat in seiner knappen Entscheidungsformel für die Religionszugehörigkeit der Untertanen: »Cuius regio, eius religio« – »Wessen Gebiet einer zugehört, dessen Religion muss er annehmen.« Da die protestantischen Fürsten nicht nur Territorialherren ihrer Gebiete, sondern zugleich höchste Instanz ihrer Landeskirche waren, fällt es schwer, in ihren Entscheidungen den politischen oder religiösen Beweggründen den Vorzug zu geben. Das gleiche gilt für die Katholiken: sie trieben über die Religion Politik und suchten mithilfe der Politik religiöse Vorteile und Einengung des anderen Bekenntnisses. Territorial-konfessionelle Konflikte in Österreich
In den österreichischen und böhmischen Erblanden und in Ungarn war um etwa 1560 das Luthertum vor allem im Adel, aber auch bei den Bauern, weniger in den Städten, stark verbreitet. Ferdinand I. blieb aber in der Freistellung des Bekenntnisses gegenüber seinen Landständen ebenso unnachgiebig wie auch im Reich gegenüber jedem Drängen auf Abänderung etwa des »Geistlichen Vorbehaltes« oder der »Declaratio Ferdinandea«, die den protestantischen Landständen in einem katholischen geistlichen Fürstentum freie Religionsausübung beließ. Die Bewahrung des Katholizismus in den Erblanden durch Berufung der Jesuiten (Petrus Canisius) und im Reich war Ferdinand I. ein großes Anliegen, das er auch über politische Kompromisse zu erreichen suchte. Doch seine Vorstellungen von einem »religiösen Vergleich« im Reich erfüllten sich nicht, weder auf dem Reichstag 1556-1557 in Regensburg noch beim Religionsgespräch in Worms 1557. Auch sein Einsatz für die Aufhebung der Ehelosigkeit der Priester und die Freistellung des »Laienkelches« hatte keinen Erfolg. Maximilian II. sympathisierte von Anfang an mit der neuen Religion, sodass es zu einer schweren Krise mit dem Vater um die Nachfolge kam. Hin- und hergerissen zwischen innerer Neigung und Staatsräson, begünstigte er bald die eine, bald die andere Seite. 1568 versprach er dem Adel Ober- und Niederösterreichs, sich aller Eingriffe in ihren Glauben zu enthalten, sehr zum Missfallen der katholischen Mächte und des Papstes. Die Phase der Toleranz ging schnell zu Ende, als Rudolf II. die Regierung antrat. Neben seiner katholischen Erziehung in Spanien mag die Erhaltung der eigenen Macht Rudolf II. veranlasst haben, das Selbstbewusstsein der protestantischen Stände zu beugen und die Gegenreformation in Österreich voranzutreiben. Zunächst in einem langsamen Durchdringungsprozess brachte er zuverlässige Katholiken in wichtige Positionen, in leitende Hofstellen und städtische Ämter. Eine direkte Bekämpfung der Protestanten wurde erst ab etwa 1600 spürbar, als sein Bruder Matthias in Ober- und Niederösterreich unter dem Einfluss seines Kanzlers, des späteren Bischofs von Wien, Melchior Klesl, lutherische Prediger und Lehrer verjagte und Rudolf II. zu einer härteren Gangart ermutigte. Verbote in Ungarn, Böhmen, Mähren, Schlesien und der Lausitz bedrohten das Luthertum mit völliger Vernichtung. Doch die politischen Ereignisse gaben den religiösen Vorhaben eine ganz andere Wendung. Seit Bischof Klesl 1605 in Linz die Erzherzöge gegen Rudolf II. vereint und Matthias 1608 als vorgesehener Nachfolger ein Bündnis mit den ungarischen und österreichischen Ständen unter Anschluss Mährens geschlossen hatte und nach Prag marschierte, konnte sich Rudolf II. in Böhmen nur halten, indem er den Ständen die freie Religionsausübung in Aussicht stellte und unter Druck am 9. Juli 1609 verkündete. Dieser »Böhmische Majestätsbrief« sicherte allen Böhmen ohne Unterschied des Standes volle Religionsfreiheit zu und gewährte dem Adel, Rittern und königlichen Städten das Recht, Kirchen und Schulen zu errichten. So hatte sich am Ende der Entwicklung Rudolfs II. ursprüngliches Wollen ins Gegenteil verkehrt: Der Protestantismus hatte seine Position auf Kosten des Katholizismus ausgedehnt und gestärkt, die Stände waren gegenüber dem Landesfürsten erstarkt. Die konfessionellen Zustände und Spannungen im Reich
Rudolf II. hatte hier u. a. als Ergebnis gegenreformatorischer Politik ebenso mit wachsender Erbitterung der lutherischen Stände zu rechnen, von der calvinistischen Kurpfalz einmal ganz abgesehen. Wie alle Vorgänger stand er vor dem gleichen Problem, religiöse Konflikte politisch und politische religiös lösen zu müssen. Die Unterstützung war gering. Unter den weltlichen bedeutenden Fürsten waren nur die Herzöge von Baiern und Jülich-Kleve katholisch geblieben. Selbst die geistlichen Fürstentümer bildeten keine zuverlässige Stütze für die katholischen Habsburger. Die Bistümer im Norden lagen eingekeilt in protestantischen Territorien, und es war nur eine Frage der Zeit, wann sie, mit evangelischen Administratoren besetzt, die sich um Bestätigung durch Kaiser oder Papst gar nicht kümmerten, voll in die weltlichen protestantischen Gebiete integriert würden. Das Erzbistum Magdeburg etwa oder das Bistum Halberstadt waren zu Beginn der 60er Jahre evangelisch geworden und gerieten in der Folgezeit wie die Nachbarbistümer Bremen, Verden, Minden, Osnabrück oder Lübeck völlig unter die Kontrolle der umliegenden lutherischen Territorialherren, sodass ihre Säkularisierung und ihr Aufgehen in den Ländern Brandenburg, Braunschweig und Holstein nicht zu vermeiden waren. Nicht ganz so trostlos waren die Verhältnisse für den Katholizismus in der Mitte Deutschlands. Im Rhein- und Frankenland lagen seine wichtigsten geistlichen Territorien, die Erzbistümer Köln, Mainz, Trier. Zusammen mit dem habsburgischen König von Böhmen bildeten die drei Erzbischöfe im Gremium der sieben Kurfürsten mit vier Sitzen die katholische Mehrheit, aber der Verlust auch nur eines Erzbistums an die Protestanten musste verheerende Folgen haben; nicht einmal die
Wahrscheinlichkeit eines lutherischen Kaisers war dann auszuschalten. Im Süden hatte eigentlich nur Baiern die Gegenreformation streng durchgeführt und alle Ansätze der Stände in Richtung Glaubensfreiheit im Keim erstickt, während der Südwesten Deutschlands teils lutherisch, teils calvinistisch war. Seit 1559 hatte der Calvinismus die Kurpfalz erobert, sich nach Hessen-Nassau ausgedehnt und dann am Niederrhein durch Flüchtlinge aus Frankreich und den Niederlanden Boden gewonnen. Der tiefe Riss, der bislang den Protestantismus in die »Altlutheraner« und »Melanchthonisten« spaltete, wurde jetzt um das Problem der »Reformierten«, der Calvinisten, erweitert. Die anfängliche Reserviertheit der Protestanten ihnen gegenüber schlug bald in offene Feindschaft um, sodass man lieber katholisch als calvinistisch-reformiert sein wollte. Ganz auf dieser harten Linie ging der Kurfürst von Sachsen gegen die »Kryptocalvinisten« (Anhänger einer Idee der Verbindung von Luthertum und Calvinismus) unter seinen Räten vor und suchte in der »Konkordienformel« von 1577-1580 die Lutheraner auf eine einheitliche, an Melanchthon orientierte Lehre auszurichten, die in scharfem Gegensatz zum Calvinismus stand. Nicht Protestanten, sondern Calvinisten forderten in der Folgezeit immer wieder Kaiser und Reich heraus, bis sie tatsächlich um die Jahrhundertwende Reichskammergericht und Reichstag lahmgelegt hatten. Die Ohnmacht der Reichsinstitutionen aufzuzeigen, langten einfache Mittel. Beispiel territorial-konfessioneller Brisanz – Die »Grumbachschen Händel«
Ein Beispiel für die Unfähigkeit des Reiches, Streitpunkte im Keim zu ersticken, liefern die »Grumbachschen Händel«. Schauplatz war Mainfranken. Die Bischöfe von Würzburg und Bamberg hatten größte Mühe gehabt, sich gegen den ungestümen Markgrafen Albrecht Alcibiades von Brandenburg-Kulmbach zu behaupten; nur dessen früher Tod 1557 verhinderte letztlich die Begründung eines abgerundeten Fürstentums auf Territorialkosten der Bischöfe. In seinem Gefolge hatte sich der fränkische Ritter Wilhelm von Grumbach (nahe Würzburg) befunden, der sich jetzt nach einem anderen Auftraggeber umsah und in den Dienst des Herzogs von Sachsen-Weimar, Johann Friedrich II. († 1595), trat. Hoffte dieser, mit Grumbachs Söldnern und französischen Geldern seinen Cousin, den Kurfürsten von Sachsen verjagen, und selbst die Kurfürstenwürde gewinnen zu können, so ging es Grumbach darum, mit des Herzogs Hilfe die fränkischen Reichsritter gegen die Fürsten und die Reichsverfassung zu mobilisieren und sich an seinem Intimfeind, Bischof Melchior von Zobel aus Würzburg, zu rächen. Letzteres gelang ihm gründlich, denn beim Versuch, den Bischof in Würzburg auf seinem Ritt von der Stadt zur Feste Marienberg hinter der alten Mainbrücke als Geisel zu fangen, wurde Melchior im Handgemenge erschlagen. Die nachsichtige Haltung Ferdinands I. bestärkte Grumbach nur noch in seinem Kampf »ums Recht«. 1563 überfiel er mit Billigung seines Patrons Johann Friedrich II. erneut Würzburg. Das Maß war voll, der Kaiser verhängte die Reichsacht, aber kein Fürst fand sich bereit, sie durchzuführen. Vier Jahre lang konnte Grumbach ungestört weiter sein Unwesen treiben und die Ohnmacht des Reiches verspotten, ehe 1567 Kurfürst August von Sachsen die Reichsexekution aus Gründen der eigenen Gefährdung durchführte. Nach der Erstürmung der Feste Grimmenstein in Gotha, wo Johann Friedrich II. residierte, wurde Grumbach gevierteilt, die Feste geschleift und Herzog Johann Friedrich II. nach Wiener Neustadt in die Verbannung geschickt. Dort ist er gestorben. Landgericht WürzburgRecht der Herren und Geistlichen: »Landgericht zu Würzburg« 1520 unter Fürstbischof von Thüngen, mit Landrichter W. von Grumbach und sieben ritterbürtigen ›Urteilern‹. Berlin, Kunstbibliothek Preuß. Kulturerbes. Der »Klosterkonflikt« von Fulda
Auch in einem anderen Streitfall spielte das Reich mit seinen Institutionen eine klägliche Rolle. Der Adel des Reichsstiftes Fulda hatte sich während der Reformation der neuen Lehre geöffnet. Die Mönche selbst benahmen sich mehr lutherisch als katholisch, wählten 1570 Balthasar von Dernbach, dem man offene Sympathien für den Protestantismus nachsagte, zum Abt. Aber die Enttäuschung war riesengroß, denn der Neugewählte berief 1571 die Jesuiten zur Gründung eines Kollegs, und das hieß »Gegenreformation«. Balthasar wurde abgesetzt und suchte nun Anschluss beim Herzog von Baiern, während der lutherische Adel Hilfe bei den umliegenden protestantischen Fürsten erbat. Für einen Moment sah es so aus, als ob ein harmloser Anlass die ganze Antipathie der Religionsgegner in einem größeren Krieg zur Entladung brächte. Dass er verhindert wurde, verdankte man nicht Kaiser Rudolf II., sondern der maßvollen Haltung des Kurfürsten von Sachsen und der Intervention des Papstes. Da nahm der Gang der Dinge eine pikante Wendung. Anstelle Balthasars war mittlerweile Julius Echter von Mespelbrunn (1545-1617) zum neuen Abt gewählt worden, der 1573 in Würzburg die Nachfolge des Fürstbischofs Friedrich von Wirsberg († 1573) antrat und zu einem eifrigen Förderer der Gegenreformation nicht nur in seinem Bistum, sondern auch in der Diözese Bamberg wurde. Dieser zwang mithilfe des protestantischen Adels Abt Balthasar 1576 auch zum förmlichen Verzicht auf seine Stellung und lieferte so ein weiteres Beispiel, wie sehr sich im Reich territoriale und konfessionelle Ansprüche vermengt hatten und wie wenig aus taktischen Interessen auf religiöse Gegensätze Rücksicht genommen wurde. Der vertriebene Balthasar appellierte an den Kaiser und das Reichskammergericht. Erst nach sich über 25 Jahre hinziehenden Prozessen war das sowieso schon schwer angeschlagene Gericht in der Lage, 1602 Balthasars Absetzung für rechtlos zu erklären. Zwischenzeitlich hatte Julius Echter gegen den erklärten Willen des Adels die Gegenreformation in Fulda durchgeführt. Um dieses Zieles willen hatte der Bischof sich nicht gescheut, mit dem lutherischen Adel gegen seinen eigenen Glaubensgenossen Balthasar vorzugehen. Der Kampf um die Behauptung vor allem der geistlichen Stifte und Fürstentümer durch die Katholiken oder um die Säkularisierung durch die Protestanten war mittlerweile für beide Seiten zu einer Schicksalsfrage geworden. Der »Kölner Krieg«
Die nächsten Streitigkeiten um ein geistliches Fürstentum brachen in einer Zone höchst labiler konfessioneller Verhältnisse aus, am Niederrhein, wo sich die Interessensphären von Lutheranern, Calvinisten und Katholiken kreuzten. In Köln versuchte der dortige Erzbischof und Kurfürst Gebhard Truchsess von Waldburg, sein Kurfürstentum 1582 entgegen dem »Geistlichen Vorbehalt« des »Religionsfriedens« zu verweltlichen. Ein Erfolg hätte katastrophale Folgen für die Katholiken gehabt. Es wäre in Nordwestdeutschland nämlich nicht nur ein Eckpfeiler des Katholizismus auseinandergebrochen, es stand auch zu erwarten, dass der Sturz die schwankenden westfälischen Bistümer und das katholische Herzogtum Jülich-Kleve mit sich reißen und Deutschland in einen protestantischen Norden und einen katholischen Süden spalten würde. Außerdem hätte Gebhards Übertritt dem Kurfürstenkollegium zur evangelischen Stimmenmehrheit verholfen – mit allen Folgen für eine künftige Kaiserwahl. Zu viele Interessen standen auf dem Spiel, als dass Kaiser Rudolf II. tatenlos hätte zusehen können. Der katholische Teil des Reiches, Spanien und der Papst formierten ihre Truppen, und als auf der Gegenseite Pfalzgraf Johann Casimir mit 7000 Mann dem abgesetzten Gebhard aushalf, war der Krieg um das Kurfürstentum unvermeidlich. Es konnte nur noch darum gehen, den Konflikt lokal begrenzt zu halten. Den neu erwählten Erzbischof Ernst von Baiern, bislang Bischof von Freising und Hildesheim und seit 1581 auch von Lüttich, unterstützten sein Bruder, Herzog Wilhelm von Baiern und spanische Truppen aus den Niederlanden. Gebhard, hoffnungslos unterlegen, weil die Hilfe der gemäßigteren Protestanten ausblieb, wich 1584 in die Niederlande aus. Der »Kölner Krieg« hörte deswegen noch lange nicht auf. Unter furchtbaren Verwüstungen hausten Niederländer und Spanier und genossen die ›Gastfreundschaft‹ des ohnmächtigen Reiches. Etwa zur gleichen Zeit, 1592, war es in Straßburg zu einer Bischofs-Doppelwahl des evangelischen Johann Georg von Brandenburg und des katholischen Kardinals von Lothringen gekommen. Auch hier behaupteten sich nach harten bis 1604 dauernden Kämpfen die katholischen Kräfte. Vor allem der Ausgang in Köln markierte einen Wendepunkt im Kampf um die geistlichen Fürstentümer. Die Katholiken hatten nicht nur ihre Stellung gehalten, sie konnten auch auf eine weitere Konsolidierung in den Bistümern Münster, Paderborn, Osnabrück und Minden hoffen. Tatsächlich machte dort die Gegenreformation große Fortschritte. Zusammen mit dem katholischen weltlichen Fürstentum Jülich-Kleve, das mit dem katholischen Brüssel verbunden war, hatte man in die ansonsten gänzlich protestantischen Territorien Norddeutschlands einen katholischen Keil hineingetrieben. Der »Jülich-Klevische Erbfolgestreit«
Ausgerechnet in Jülich-Kleve flammten 1609 religiös-territoriale Erbstreitigkeiten auf, mit größerer Gefährlichkeit diesmal als in Köln oder Fulda. Denn Protestanten und Katholiken besaßen mittlerweile in der »Union« und »Liga« ihre militärische Organisationsform, und Kaiser und Ausland waren eingeschaltet. Die Holländer wünschten einen Sieg der lutherischen Seite, die spanischen Niederlande favorisierten die katholischen Kräfte, Frankreich wollte mithilfe der evangelischen Reichsfürsten Habsburg in diesen Teil Deutschlands zurückdrängen, Habsburg konnte auf dieses katholische Bollwerk in protestantischer Umgebung nicht verzichten. Höchst beunruhigend war vor allem das erneute Eingreifen des Auslandes in eine innerdeutsche Streitfrage. Fünf Jahre dauerten die verwickelten Erbstreitigkeiten, als der letzte Fürst kinderlos gestorben war, dann einigten sich unter Vermittlung des Auslandes, nämlich Frankreichs und Englands (nicht mehr des Kaisers oder der Reichsfürsten), die beiden übriggebliebenen Kontrahenten im Vertrag von Xanten 1614. Der zum Katholizismus übergetretene Pfalzgraf der Neuburger Linie, Wolfgang Wilhelm, erhielt das vereinigte Herzogtum Jülich-Berg, der zum Calvinismus gewechselte Kurfürst Johann Sigismund von Brandenburg bekam Kleve mit den Grafschaften Mark und Ravensberg. Der Dreißigjährige Krieg wirft seine Schatten voraus
Am Vorabend des Dreißigjährigen Krieges war Deutschland durch die immer erbitterter ausgetragenen konfessionellen Gegensätze auch politisch zerbröckelt. Die Reichsorgane waren gelähmt, die Autorität des Kaisers war durch den Bruderzwist im Hause Habsburg zwischen Rudolf II. und Matthias untergraben. England und Frankreich übten schon mehr Einfluss auf die deutsche Politik aus als die auf ihren Vorteil erpichten Reichsfürsten. Es fehlte eine einigende Klammer, ein einheitliches, starkes Nationalgefühl, das das Staatswohl höher als die eigenen Interessen gestellt hätte, die nur auf Gebietsvergrößerung und Sicherung der Herrschaft ausgerichtet waren. So suchte man leichten Gewissens die Bündnispartner, wo man sie fand, im religiös andersdenkenden Lager oder im Ausland. Kaiser – Fürsten – Katholiken – Protestanten – Calvinisten: Jeder stand gegen jeden, das Reich als ein Gesamtwert ging darüber verloren. »Union« und »Liga« standen Gewehr bei Fuß. Ein neuerlicher kleiner Streitfall konnte genügen, einen Krieg zu entzünden, der durch das Vertragsnetz mit dem Ausland schnell europäische Dimensionen annehmen konnte. 16. JahrhundertDas Weltbild des 16. Jahrhunderts auf einer Tischplatte. Der Straßburger Goldschmied Erasmus Stedelin gab diese 1533 entstandene Platte in Auftrag, die in einer Kombination antiken und christlichen Wissens astrologische, alchimistische und ethische Vorstellungen verbindet. Die allegorischen Gruppen der sieben Tugenden und freien Künste werden von dem zentralen Gestirn als Symbol des Göttlichen beschienen. Auf der Platte finden sich u. a.: Ptolemäus mit Globus als Vertreter antiker Wissenschaft; die Grammatik mit aufgeschlagenem Buch; der Glaube mit einem Kruzifix; die Arithmetik mit einer Rechentafel. Mars lenkt die Rosse seines Wagens und Merkur symbolisiert die Liebe. Da ist die Geometrie mit ihrem Zirkel, die Mäßigkeit, die den Wein mit Wasser verdünnt. Venus und Amor fahren im Himmelswagen. Die Frau mit Schlange und Armillarsphäre symbolisiert die Klugheit. Kassel, Staatliche Kunstsammlungen. Der »Augsburger Religionsfriede« hatte nur ein Atemholen erlaubt, nicht mehr. Unversöhnlicher denn je standen sich katholische und protestantische Herrscher gegenüber. Der geringe Wille zu gegenseitiger Verständigung ermöglichte die folgenden Schrecknisse des Dreißigjährigen Krieges.

Forum (Kommentare)

Info 18.01.2018 05:11
Noch keine Kommentare zu diesem Artikel vorhanden.