Bildungswesen und Bildungsstätten im Deutschland des Spätmittelalters und der Reformationszeit

Friedrich Paulsen, einer der bedeutendsten Geschichtsschreiber des deutschen Bildungswesens, hat die europäische Kulturgeschichte einmal in drei große Epochen unterschieden und gesagt, das Altertum habe das Individuum für den Staat, das Mittelalter für die Kirche, die Neuzeit für sich selbst gebildet. Bei aller Vorsicht, die man solch groben Periodisierungen und solch einseitigen Zuspitzungen entgegenbringen muss, scheint mit dieser Dreiteilung doch der entscheidende Wandel getroffen zu sein, der sich zwischen Mittelalter und Neuzeit vollzieht und der sich in der Reformation deutlich sichtbar manifestiert. Im Mittelalter ist die Kirche nicht nur politisch die umfassende und beherrschende Form des geschichtlichen Lebens, sondern auch pädagogisch fällt ihr – wie selbstverständlich – die Aufgabe zu, die Heranwachsenden in das kirchlich-religiöse Leben einzubeziehen und sie auf ihren höchsten und letzten Zweck vorzubereiten: Bürger des ewigen Gottesreiches zu werden. Dementsprechend stehen im Vordergrund der mittelalterlichen Bildung nicht Wissen und Kenntnisse, sondern die Formung des inneren Menschen zu Glauben und Gehorsam, auch wenn – äußerlich gesehen – Auswendiglernen und »Behören« neben der Gewöhnung die hervorstechenden Merkmale von Lehre, Unterricht und Erziehung darstellen. Spätmittelalterliches Bildungsideal: die Vernunft
Am einprägsamsten lässt sich diese Grundtendenz mittelalterlicher Bildung an der gegen Ende des 13. Jahrhunderts von dem Augustinereremiten und späteren Ordensgeneral Aegidius Romanus (1247-1316) verfassten Erziehungslehre (»De regimine principum«) ablesen, die im ausgehenden Mittelalter die größte literarische Verbreitung unter dem gesamten pädagogischen Schrifttum erreichte. Bezeichnend für diese Erziehungslehre ist zuallererst, dass sich ihr Autor nahezu ausschließlich auf jenen Philosophen beruft, der im Spätmittelalter zu der Autorität schlechthin wurde: auf Aristoteles. Echt aristotelisch ist dabei vor allem die zugrunde liegende Anthropologie: das Wesen des Menschen, d. h. seine ureigenste Natur, liegt in seiner Bindung an die Vernunft. »Der Mensch besteht nämlich nach der Ansicht des Philosophen [gemeint ist Aristoteles], wie er sie im 9. Buch seiner [Nikomachischen] Ethik äußert, vor allem aus Verstand und Vernunft. Wo nun die Vernunft nicht über alle Kräfte im Menschen dominiert, da herrscht und befiehlt der Mensch auch nicht über sich selbst und hat sich nicht wirklich in der Hand.« Da die menschliche Vernunft als Teil einer übergreifenden Vernunft und Gott selbst als die höchste Vernunft angesehen werden, gibt es nur einen einzigen Weg zu Gott: Wer ihn erreichen will, muss der Weisung seiner Vernunft folgen und Tugend aufweisen. Da die Erziehung aus der (natürlichen) Liebe des Vaters zu seinem Kind heraus begründet wird – genauer aus der natürlichen Eigenschaft der Liebe, für das Geliebte zu sorgen -, ergibt sich als herausragende pädagogische Maxime die Pflicht des Sohnes, dem Vater zu gehorchen, »da jeder denen gehorchen muss, von denen er weiß, dass sie ihn sehr lieben und nichts anderes als sein Bestes wollen«. So wie der Mensch sich dem liebenden Gottvater, der Untergebene dem treusorgenden Monarchen unterwirft, so hat sich das Kind dem leiblichen Vater in ergebendem Gehorsam zu unterwerfen. Die menschliche Vernunft ist im Kind jedoch zunächst nur als Potenz angelegt und wird erst in einem späteren Entwicklungsstadium (für Aegidius nach dem 15. Lebensjahr) aktiviert; bis zu diesem Schritt ist es notwendig, das Kind streng zu führen und an das Gute und Vernünftige zu gewöhnen: auch hier ganz aristotelisch argumentierend, wird die Gewöhnung zur quasi zweiten Natur des Menschen erklärt. Zu dieser Gewöhnung treten später jene Fächer hinzu (nicht an ihre Stelle!), die geeignet sind, den Verstand des Kindes zu erhellen; das sind neben den traditionellen sieben freien Künsten Theologie, Metaphysik, Naturphilosophie und moralische Wissenschaften. Ihr Studium setzt den Heranwachsenden instand, mit 21, spätestens 27 Jahren das typische Kriterium menschlicher Reife, d. h. die Herrschaft der Vernunft, zu erreichen: die Selbstbeherrschung. Dem Leser der Aegidischen Erziehungslehre muss auffallen, dass von Mädchen nicht die Rede ist und erst gegen Schluss des Traktats nur beiläufig erwähnt wird, dass aus einer Ehe auch Töchter hervorgehen können. Diese Geringschätzung beruht auf der einseitig rationalen Anthropologie (Menschenkunde), nach der Frauen und erst recht Mädchen weit weniger als der Mann zur Vernunft fähig sind und entsprechend leichter zum (unvernünftigen) Bösen neigen. Aus der beschränkten Vernunftfähigkeit folgt dann fast zwangsläufig eine beschränkte Erziehung und eine Beschränkung der Frau auf den engen Kreis des Hauses, auf ihre Gefolgschaft gegenüber dem Mann und die Zurückdrängung der Mutter von der Aufgabe der Kindererziehung. LehrerStrenge und Züchtigung trotz ›freiheitlicher‹ Ideen. Mehrere Lehrer unterrichten verschiedene Zirkel von Schülern im gleichen Schulraum. Holzschnitt von 1592. Vorbild und Gewissen – auch sie Gaben der Vernunft
Im Laufe des Spätmittelalters treten andere Erziehungslehren an die Seite jener des Aegidius Romanus. So hat beispielsweise der langjährige Kanzler der Pariser Universität, Johannes Gerson (1363-1429), in seiner pädagogischen Abhandlung »De parvulis trahendis ad Christum« (1409-1412) neben Aristoteles die Heilige Schrift sowie die kirchliche und antike Tradition als weitere Autoritäten ins Feld geführt und neben der Gewöhnung das Vorbild als pädagogisches Prinzip vertreten; bei genauerem Zusehen beruht seine Erziehungstheorie aber ebenfalls auf aristotelischem Denkmuster; die Erziehung hat an den unversehrten natürlichen Gaben des vernünftigen Menschen anzusetzen und sie durch einen immer schon praktizierten bloßen Appell (an die Vernunft) zu aktivieren; Christus wird für das pädagogische Geschehen zum »Gesetzgeber« und »Vorbild« und seine Nachfolge zu einer sittlich-moralischen Nachahmung verkürzt. Eine andere und in ganz Europa wirksame Erziehungslehre entsteht im Umkreis der holländischen »Brüder vom gemeinsamen Leben«. Ihr Initiator, Geert Groote aus Deventer, arbeitet ab 1379 im Bistum Utrecht als Buß- und Erweckungsprediger. Von seinem Aufruf zu Gebet, Fasten und Werken der Barmherzigkeit erfasst, scharen sich »bekehrte« Priester, Ordensleute und Laien zu einem frommen Leben zusammen, das man später »devotio moderna« nennen wird. Groote erweitert den pädagogischen Gesichtskreis des Aegidius beträchtlich: So dehnt er die Erziehungsaufgabe nicht nur vom Vater auf beide Elternteile und auf die ganze Familiengemeinschaft aus, sondern begründet über das Argument, dass Ehelosigkeit nicht notwendig pädagogische Enthaltsamkeit nach sich ziehen müsse, die außerfamiliäre Erziehung als subsidiäre (aushilfsweise) Ergänzung zur Familienerziehung. Diese Konkretisierung eines ursprünglich schon auf Augustinus zurückgehenden Gedankens wird dann zum Leitbild für die pädagogische Tätigkeit der Brüdergemeinde, erst in Privathäusern, dann in Konvikten und Internaten, dabei immer ausgerichtet auf die Betreuung armer, elternloser und gefährdeter Schüler und Jugendlicher. Neu an Grootes Erziehungsauftrag erscheint vor allem seine Berufung auf das menschliche Gewissen. Ausgehend von der Annahme, dass Gottes Ruf zum Dienst in allen vernunftbegabten Geschöpfen zu vernehmen sei, stellt er das Zeugnis des Gewissens als innere Stimme neben das äußere Zeugnis der Schöpfung. Das Gewissen ist aber, ganz im Sinn der aristotelischen Tradition, nichts anderes als der Funken höchster Vernunft. Über der Bedeutung dieser Erziehungslehren darf freilich nicht vergessen werden, dass das ganze Mittelalter hindurch die öffentliche Bildung und Erziehung auf einen Stand beschränkt bleibt: den der Kleriker; lediglich Kloster- und Weltgeistliche erhalten und erteilen eine eigentliche Berufsbildung. Laien genießen allenfalls Gastrecht in den klerikalen Anstalten und haben sich ihren Zuchtvorschriften und Lehrformen zu beugen. Der zweite Stand, der der weltlichen Herren, erscheint dem Mittelalter einer speziellen schulmäßigen Ausbildung nicht zu bedürfen; es sei, dass die Kunst der Kriegführung und das Regieren weniger in Schulen gelernt werden können als das »Handwerkszeug« des Priesters und Lehrers, jedenfalls wird auch die nach den Kreuzzügen sich ausformende Bildung des Ritterstandes, von der die höfische Literatur so beredtes Zeugnis gibt, nicht in Ritterschulen oder Ritterakademien vermittelt, sondern am Hofe eines Fürsten und Landesherren durch Einleben und Einüben erworben. Das Gesagte gilt in noch stärkerem Maße für die Berufsausbildung im Bauern- und Bürgerstand. Der Bauernjunge wie der Sohn des Handwerkers und Kaufmanns lernen die Fertigkeiten, die sie für ihr späteres Leben brauchen, im Elternhause oder als Lehrlinge in Werkstatt und Geschäft eines Meisters; sofern sie Grundfertigkeiten im Lesen, Schreiben und Rechnen benötigen, erwerben sie diese in einer Kloster oder Pfarrschule. Erst gegen Ende des Mittelalters, als Handel und Gewerbe einen vorher nicht gekannten Aufschwung nehmen, wächst das Bedürfnis – vor allem in den Städten – nach vom kirchlichen Angebot unabhängigen Schulen, den sogenannten Stadtschulen. Die Universitäten des Spätmittelalters
Die herausragende Bildungsinstitution, die in der zweiten Hälfte des Mittelalters (also rund zwischen 1200 und 1500) entsteht, ist die Universität. In mehrfacher Hinsicht spiegelt sie die Prinzipien mittelalterlicher Erziehung wider, und gleichzeitig weist sie über das Mittelalter hinaus. Italien (Bologna, Padua, Salerno), Frankreich (Paris, Montpellier), England (Oxford, Cambridge), Spanien (Salamanca) gehen mit ihren Universitätsgründungen seit dem 12. Jahrhundert voran; auf dem Boden des Deutschen Reiches folgen – besonders dem Pariser Vorbild – in einer ersten Gründungswelle Prag (1348), Wien (1365), Heidelberg (1385), Köln (1388), Erfurt (1392), Leipzig (1409), Rostock (1419) und in einer zweiten Welle Greifswald (1456), Freiburg (1457), Basel (1459), Ingolstadt (1472), Trier (1473), Mainz (1477), Tübingen (1477), Wittenberg (1504) und Frankfurt an der Oder (1506). Diese Universitäten gehen aus freien, aber öffentlich anerkannten Gelehrtenkorporationen hervor; ihrer Verfassung nach sind sie ursprünglich freie, mit bestimmten Privilegien ausgestattete Körperschaften von Lehrenden und Lernenden. Die ihnen von der geistlichen und weltlichen Macht zugestandenen Vorrechte sind erstens das Recht zu lehren, Prüfungen abzuhalten und die akademischen Grade eines baccalarius, magister und doctor zu verleihen; zweitens das Recht, sich selbst Statuten und Ordnungen zu geben; drittens das Recht auf eigene Gerichtsbarkeit. UniUniversität des Spätmittelalters. Vorlesung an einer Universität (Ausschnitt). Miniatur aus den Statua Collegii Sapientiae, 1497. Freiburg, Univesitätsbibliothek. Die Verwaltung von Lehre und Prüfungen liegt in der Hand von Fakultäten (von lat. facultas = Möglichkeiten) mit einem gewählten Dekan an der Spitze; den drei (oberen) fachwissenschaftlichen Fakultäten der Theologie, des Rechts und der Medizin ist die (untere) allgemeinwissenschaftliche Artistenfakultät der freien Künste, die facultas artium, vorgelagert und nimmt eine Art Mittelstellung zwischen den Schulen, die ihren Unterricht immer mehr auf die lateinische Sprache einschränkten, und den berufsvorbereitenden Studien ein. Der Magister- (magister artium) und Doktortitel geben in der Regel das Recht, in der betreffenden Fakultät zu lehren. An der Spitze der Gesamtuniversität steht ein gewählter Rektor – nicht selten ein wohlhabender Student aus vornehmer Familie, der die Ehre des Amtes genießt und dafür einen Großteil der Ausgaben bestreitet. Universität mit scholastischen Prinzipien – lectio und auctores
Weist auch die Organisation der Universitäten in die Zukunft, so bewegt sich doch der Lehrbetrieb der mittelalterlichen Universitäten weiterhin in ganz starren Formen, wobei die Inhalte der Lehre ebenso feststehen wie die Methoden. Zu Recht ist gesagt worden, die gesamte mittelalterliche Pädagogik gründe auf dem Lesen der Texte, und die Scholastik in den Universitäten habe dieses Verfahren nur »institutionalisiert« und ein wenig erweitert. Scholastisch ist diese Lehrform insofern, als die Erziehung dieser »Schulen« sich auf das Lesen von Büchern stützt, denen eine bestimmte Autorität zugesprochen wird, und die Aufgabe der Lehre (und der Lehrer) darin gesehen wird, diese Texte zu erklären und auszulegen. Nicht nur erschöpft sich die wissenschaftliche Produktion über einige Hundert Jahre hinweg im Hervorbringen immer neuer »Lesarten« und »Kommentare« zu einigen wenigen kanonisierten Lehrbüchern, sondern – und das muss wohl als viel gravierender angesehen werden – das Ziel des Wissens ist nicht zuerst die Bildung und geistige Freisetzung des Menschen, vielmehr die Aneignung und oft recht spitzfindige Anwendung geistiger Techniken (von den Humanisten werden diese Techniken später freilich als geistlos verunglimpft). Noch ein Wort zu den vorherrschenden Formen des scholastischen Unterrichts: lectio (lat. = Lesung) und auctores (lat. = Urheber). Die lectio dient nicht, wie etwa die heutige Vorlesung, dem systematischen Vortrag einer Wissenschaft, auch nicht dem Vorlesen oder Diktieren eines Textes; ihre Aufgabe besteht dagegen in der erklärenden und zusammenfassenden Auslegung eines in den Händen der Schüler befindlichen Textes bzw. Textbuches. Diese Texte stammen von den sogenannten auctores; solche »Autoritäten« sind in der medizinischen Fakultät etwa Hippokrates und Galenus, in der Philosophie allen voran Aristoteles. Mögen diese Autoritäten gelegentlich auch abgelöst und ausgetauscht werden, gemeinsam ist ihnen stets eine Art juristischer Anerkennung, und ihre Schriften tragen das nicht zu brechende Siegel der Erhabenheit und Würde. Wie einmal gesagt wurde, scheint das Charakteristische des scholastischen Unterrichts zu sein, dass die Autoren die eigenen Lehren zum Ausdruck bringen, während die Lehrer die Lehren anderer auslegen. So lässt sich verstehen, dass jede Universität ihre Liste der verbindlichen Textbücher festlegt und einen genau umrissenen Stufengang von Kursen vorschreibt: Nur das Anhören einer Reihe von Vorlesungen und die Teilnahme an einer bestimmten Anzahl von Disputationen – Übungen im Angreifen und Verteidigen von Sätzen – berechtigen zur Meldung für Prüfungen. Diese Prüfungen sind ausschließlich akademischer Natur, und sie geben keinerlei Berechtigung oder Anwartschaft auf Anstellungen. Dabei ist zu bemerken, dass die große Masse der Studenten über die untere Fakultät ohnehin nicht hinauskommt, und auch hier erreicht nur eine Minderheit den baccalarius artium. Basis der Universität: christliche Heilslehre, Universalität, Internationalität
Schließlich sind noch zwei Merkmale der mittelalterlichen Universität zu nennen, die sie mit der Kirche teilt und die deshalb die enge Verwandtschaft beider Lebensformen und Einrichtungen deutlich machen: Universalität und Internationalität. Die deutsche Universität erwächst aus und auf dem Boden der Kirche; ihre Lehre bemisst sich aus der Lehre der Kirche (selbst keiner der späteren Humanisten wäre auf den Gedanken gekommen, die Wahrheit der christlichen Heilslehre anzuzweifeln); die Kirchensprache wird zur Gelehrtensprache; die Angehörigen der Universitätskorporation sind mehr oder weniger eng mit kirchlichen Ämtern verbunden, und handele es sich nur um die Bezahlung der Lehrstühle aus kirchlichen Pfründen. Die Internationalität schlägt sich sichtbar vor allem in der Wanderlust der Gelehrten und Studenten nieder; nicht nur werden die italienischen und französischen Universitäten von ganzen Wogen deutscher Studenten überspült, ein auch hierzulande von Stadt zu Stadt vagabundierendes Studentenproletariat wird zeitweise fast zu einer Landplage. Bürgertum – Stadtschulen – Privatschulen
Neben den Universitäten bringt das späte Mittelalter noch eine andere neue Bildungsinstitution hervor: die sogenannten Stadtschulen. Im Gegensatz zu den älteren Klosterschulen stehen diese unter der Verwaltung und Aufsicht der Städte: der Rat der Stadt ernennt und entlässt die Lehrer, er stellt die Gebäude bereit und trägt einen Teil der Kosten. Der Lehrplan dieser Schulen weicht zunächst nicht von dem der kirchlichen Schulen ab; an großen Stadtschulen, z. B. in Nürnberg, Ulm, Hagenau, erstreckt sich der Unterricht aber bald über die elementaren Künste des Lesens, Schreibens und Rechnens und der lateinischen Sprache hinaus und umfasst auch die Anfangsgründe der Artistenfakultät. Eine scharfe Grenze zwischen Schule und Universität wird in Deutschland erst im 19. Jahrhundert gezogen. Diese Stadtschulen gehen in den meisten Fällen aus Pfarrschulen hervor – Schulen, die jeder Pfarrherr bei seiner Kirche zu unterhalten verpflichtet war. Ihre Ausweitung und Ausbreitung verdanken sie freilich der fortschreitenden Entwicklung von Handel und Gewerbe, welche das Bedürfnis nach Schulkenntnissen vor allem aufseiten der Bürgersöhne rasch anwachsen lässt. Der Aufstieg der Stadtschulen – gegen Ende des 15. Jahrhunderts hat nahezu jede Stadt ihre eigene Schule, und auch in größeren Dörfern sind »Stadtschulen« keine Seltenheit mehr – führt häufig zu einem Absinken der Kloster- und Stiftschulen, und zwar sowohl zahlenmäßig als auch in ihrer Bedeutung. Dafür beginnt sich neben den öffentlichen Schulen allmählich auch ein Privatschulwesen zu entwickeln: deutsche Lese- und Schreibschulen, die im Unterschied zu den gelehrten Schulen auf Latein verzichten, ihren Schwerpunkt auf die elementaren Fertigkeiten legen und damit als der eigentliche Vorläufer der deutschen Volksschule anzusehen sind. Bildung zu Beginn der Reformationszeit
Dieses Schulwesen sorgt dafür, dass gegen Ende des Mittelalters der Großteil wenigstens der Stadtbevölkerung Lesen und Schreiben beherrscht – zusammen mit der Erfindung des Buchdrucks eine wichtige Voraussetzung dafür, dass sich die geistigen Bewegungen des Humanismus und der Reformation am Anfang des 16. Jahrhunderts so rasch ausbreiten können (man denke an die Bedeutung der Flugschriften von Luther und Hutten). Die Disziplin dieser Schulen bleibt hart, und die Rute ist das typische Attribut des Lehrers, auch in den Stadt- und Privatschulen. Rechtlich (z. B. in der Verfassung der Universitäten) und inhaltlich zeigt sich insgesamt eine aus der Umklammerung durch die Kirche herausstrebende Tendenz zur Verweltlichung. Renaissance – Humanismus – Reformation: Geändertes Weltbild – Erweiterter Bildungshorizont
Den Erweiterungen des geografischen Horizonts, den die Entdeckungen und Weltumsegelungen mit sich bringen, und den durchgreifenden politischen und sozialen Veränderungen korrespondieren ein neues Weltbild und ein neues Selbstverständnis des Menschen, für das sich die bunt schillernden Begriffe »Renaissance«, »Humanismus« und »Reformation« eingebürgert haben. Die damit bezeichneten geistigen Bewegungen stehen – ganz besonders auf pädagogischem Gebiet – in einem wechselseitigen, wenngleich spannungsreichen Zusammenhang. Dabei ist der von Grund auf christliche Charakter dieser Bewegungen deutlich zu unterstreichen, und wenn diese energisch gegen das »christliche« Mittelalter Front machen, so kann das nur heißen, dass Renaissance, Humanismus und Reformation ein ursprünglicheres und authentischeres Verständnis des Christentums »erneuern« und gegen seine rationalen Erstarrungen und Verkrustungen durchsetzen wollen. Gemeint ist die Erklärung der Welt als Schöpfung eines personalen Gottes, der den Menschen als Krone der Schöpfung nach seinem Ebenbilde geformt hat, und das heißt: ihn damit ebenfalls zum Schöpfer, wenigstens zum Mitschöpfer der Welt gemacht hat. Der Mensch – autonomes Ebenbild Gottes
Der humanistische Gedanke von der Autonomie der menschlichen Person, vom Menschen als dem Autor seiner eigenen Geschichte und vom personalen Gewissen als der höchsten richterlichen Instanz über sein Handeln wird zum tragenden Fundament des »neuen« Erziehungsdenkens und der bald einsetzenden Bildungsreform. Die scharfen Gegensätze, die nun zwischen herkömmlicher Schule und der neuen Bildung aufbrechen, hat kaum jemand plastischer darzustellen vermocht als der sarkastische Rabelais in seinem »Gargantua und Pantagruel«. Worauf es ankommt, ist nicht mehr, sich mehr oder weniger umfangreiche Kenntnisse anzueignen, sondern ein klares Bewusstsein seiner selbst und von seiner eigenen Freiheit zu erwerben, um seinen Platz als Mensch unter Menschen zu finden und die höchste menschliche Freude zu genießen: frei und ungleich zu sein. Bildungsinhalte: Poesie, Literatur, Geschichte
Die Wiederbelebung der Antike wird als Rückkehr zu den wahren Lehrmeistern des menschlichen Lebens und Handelns verstanden, denn als wirkliche Lehrer gelten nicht mehr diejenigen, die uns mit totem Wissen füttern, uns mit Definitionen abspeisen oder uns Begriffe von Gut und Böse geben; wirkliche Lehrer sind – so betont es jedenfalls mit allem Nachdruck Petrarca – vielmehr jene, die uns »nicht nur belehren über das, was das Laster ist und was die Tugend, indem sie uns mit diesem oder jenem Begriff unablässig in den Ohren liegen, sondern in der Brust eines jeden Liebe und Sehnsucht nach dem Guten und Hass und Verachtung des Bösen entzünden«. Nicht Begriffe und Definitionen also, vielmehr Bilder und Beispiele soll uns die Schule darbieten; deshalb der Rückgriff auf die Poesie, die Literatur, die Geschichte und deshalb die Verurteilung der Grammatik und der rationalen Philosophie. Luthers Bildungsidee – Der freie Christenmensch
Auch Luthers Bildungsidee wird von dem Prinzip der persönlichen Autonomie und dem theologischen Postulat nach der »Freiheit des Christenmenschen« getragen. Während Renaissance und Humanismus aber den ästhetisch-literarischen Inhalten den Vorrang in Schule und Bildung einräumen und den Menschen auf sich selber stellen wollen, geht es dem Reformator um die Entfaltung der menschlichen Persönlichkeit auf sittlich-religiöser Grundlage und aus evangelischer Verantwortung heraus. Der Christenmensch Luthers ist grundsätzlich »Herr über alle Dinge und niemand Untertan«, er muss deshalb aus der Bevormundung durch die Institution Kirche befreit werden; der Boden, auf dem er sein religiöses Leben und seine Bildung zu gründen hat, sind sein persönlicher Glaube und sein eigenes Gewissen. Dieser pädagogische Gedanke wird noch verstärkt, indem Luther betont, dass Lehre und Unterricht den einzelnen instandzusetzen haben, seine eigene Glaubens- und Gewissensentscheidung zu treffen und sie in der christlichen Gemeinde zu bewähren. Schule und Erziehung haben aus Kindern solche freien Christenmenschen zu machen, die geeignet und voll befähigt sind zu christlicher und weltlicher Führung instand und Beruf. Verfall der Bildung und Bildungsstätten
Es gehört zu den Merkwürdigkeiten der Geschichte, dass dieser eigentlich auf pädagogische Reform drängende Impetus zunächst zu einem erschreckenden Rückgang im Bildungswesen führt, der den großen Humanisten Erasmus von Rotterdam bald darüber klagen lässt, dass, wo das Luthertum herrsche, die Wissenschaften zugrunde gehen. Luthers Kritik an den mittelalterlichen Universitäten und an der scholastischen Bildung konzentriert sich auf zwei Vorwürfe: erstens, dass sie in Sachen der Philosophie und Theologie der Vernunft zuviel Einfluss gegeben und die Lehre des »verdammten, hochmütigen, schalkhaften Heiden« Aristoteles mit der christlichen der Schrift vermengt und von Tugend und Verdienst, statt von Sünde und Gnade geredet habe; und zweitens, dass das mittelalterliche Schul- und Bildungswesen mit seiner Tendenz auf Versorgung in kirchlichen Ämtern und Stellungen »nur auf den Bauch gerichtet« gewesen sei und im Grunde ein unchristliches Wesen getrieben habe. Die Auflösung der Stifte und Klöster zieht den Verlust der von ihnen getragenen Schulen nach sich. Da die Reformation das Volk in seiner Muttersprache anredet, erscheint das Studium der lateinischen Sprache überflüssig. Religiöse Schwärmer setzen die Idee in die Welt, nur dem Ungelehrten werde die Erleuchtung zuteil. Im Umkreis dieser Gedanken erfahren die Universitäten einen geradezu katastrophalen Verfall. So hat beispielsweise die Universität Wien 1530 noch ganze 30 Studenten, in Heidelberg gibt es mehr Professoren als Studenten, die Universität Basel schließt ihre Pforten, und selbst die Universität Wittenberg fristet nach 1522 ein kümmerliches Dasein. Dieser Niedergang des Bildungswesens veranlasst schließlich Luther selbst, an die Bürgermeister und Ratsherren aller Städte in deutschen Landen zu appellieren, »dass sie christliche Schulen aufrichten und halten sollen«. Dieser Appell kann freilich nicht verhindern bzw. kommt zu spät, als dass sich die Führer des Humanismus – Erasmus, Reuchlin, Mutian – vom Luthertum abwenden und der alten Kirche mehr vertrauen, weil sie der humanistisch-ästhetischen Bildung und dem rationalistischen Wissenschaftsbetrieb wohlgesonnener erscheint als der Moralismus und strenge Gläubigkeit der Reformation. Impulse der Humanisten – Altsprachliche Schulen und Universitätsreform
Vonseiten der Humanisten entstehen nicht nur zahlreiche Schriften pädagogischen und didaktisch-methodischen Inhalts, sondern Erasmus und Reuchlin werden durch ihre Hochschätzung der griechischen Sprache zu Begründern und Vorläufern des althumanistischen Schulbetriebs. Auch die Reform der Universitäten ist den Humanisten zu verdanken: die Einbeziehung der poetischen und rhetorischen Literatur in den Lehrkanon, die Einführung des klassischen Lateins anstelle des mittelalterlichen Lateins, die Schaffung von Professuren für das Griechische. Auch in den niederen Schulen kommt es schrittweise zur Abschaffung des scholastischen Grammatikpaukbetriebs und zur Lektüre klassischer Autoren. Praxisbezogenes protestantisches Schulwesen
Schien die Reformation zunächst bildungsfeindlich zu sein, so zeigt sich doch bald, dass von ihr entscheidende Impulse für die Erneuerung des Bildungswesens ausgehen. Die grundsätzliche Weltzugewandtheit der lutherischen Reform führt zu der Forderung, die Kinder nicht nur »seliglich«, sondern auch »nützlich« zu erziehen, d. h. sie nicht nur »zu Gottes Dienst« vorzubereiten, sondern sie auch »feine geschickte Leute« für den Dienst an den weltlichen Ordnungen werden zu lassen. Wenn Luther in das Zentrum der Religion die Schrift stellt, so ergibt sich zwangsläufig, dass die sprachlichen Studien für die Erkenntnis der Schrift und damit für die Erhaltung des Evangeliums unentbehrlich sind; wenn Luther den Dienst an den weltlichen Ordnungen betont, so ergibt sich zwangsläufig sein Aufruf an die Obrigkeiten, notfalls mit Zwang und auf öffentliche Kosten zu den Studien anzuhalten, um taugliche Männer für die öffentlichen Ämter heranzubilden. Melanchthon: Gelehrtenschulen und neue Universitäten
Während sich Luther auf diese Appelle beschränkt und nur allgemeine Richtlinien aufzeigt, wird Philipp Melanchthon (1497-1560) zum eigentlichen Baumeister eines protestantischen Schulwesens. Unter seiner aktiven Mitwirkung werden 1521-1526 neue Gelehrtenschulen in Magdeburg, Eisleben und Nürnberg errichtet; seiner Initiative sind die Universitätsneugründungen in Marburg (1527), Königsberg (1544), Jena (1558) und Helmstedt (1576) zu verdanken. Reformiert werden die Universitäten Wittenberg, Tübingen, Leipzig, Greifswald, Rostock, Heidelberg. 1528 wird die erste allgemeine Schulordnung für das Kurfürstentum zu Sachsen erlassen, der eine lange Reihe weiterer Schulordnungen folgt: Braunschweig (1528), Hamburg (1529), Schleswig-Holstein (1542), Mecklenburg (1552), Kurpfalz (1556). Die landesherrlichen Schulen Ende des 16. Jahrhunderts
Wenn wir uns ein grobes Bild vom Bildungswesen um 1600, also nach den reformierenden Auswirkungen von Humanismus und Reformation, machen wollen, dann sind folgende Linien nachzuzeichnen: Unter dem Einfluss der Kirchenspaltung verlieren die Universitäten nicht nur ihren universalistischen, sondern auch ihren internationalen Charakter; an ihre Stelle tritt das Territorialprinzip, und die Neugründungen im 16. und 17. Jahrhundert lassen sich deutlich in protestantische und katholische Universitäten unterscheiden. Verfassung und Fakultätsgliederung der Universitäten bleiben im Wesentlichen unverändert, wenngleich die Bedeutung der (unteren) philosophischen Fakultät allmählich zu steigen beginnt, bis sie dann in der neuhumanistischen Universitätsreform Humboldts zu Beginn des 19. Jahrhunderts ihre dominierende Stellung gewinnt. Während in der mittelalterlichen Universität jeder Magister bzw. Doktor über alle Fächer – genauer: über alle approbierten Textbücher der Fakultät – zu lesen hatte, entstehen allmählich feste Lehrstühle für die einzelnen Fächer. Der Universitätsunterricht behält zwar noch den Charakter des Schulmäßigen, und die Lektionen werden stundenplanartig festgelegt, aber an ihre Seite treten zunehmend Übungen und die Einführung der Studenten in die wissenschaftliche Forschung. Nach der Reformation bestehen im protestantischen Deutschland Stadt- und Staatsschulen nebeneinander. Die Stadtschulen setzen die Tradition der gleichnamigen Anstalten des Mittelalters fort; die Staatsschulen dagegen – auch Fürsten-, Landes- oder Klosterschulen genannt – stellen eine neue Einrichtung der Reformation dar. Sie haben die Aufgabe, begabte Kinder (männlichen Geschlechts) auf öffentliche Kosten für den Landesdienst vorzubereiten. Die ersten dieser ganz offensichtlich der Forderung Luthers an die weltliche Obrigkeit Folge leistenden Anstalten werden 1543 durch Moritz von Sachsen gegründet, und zwar die später berühmten sächsischen Fürstenschulen zu Pforta, Meißen und Grimma. Die Errichtung dieser Staats- oder Landesschulen nimmt die schon im Mittelalter aufgetretene Tendenz zur Verweltlichung des Schulwesens auf, verstärkt sie und wird zu einem entscheidenden Schritt zum gelehrten Schulwesen überhaupt, aber auch vom mittelalterlichen Staat zum modernen Kulturstaat. Aus heutiger Sicht bemerkenswert erscheint die stufige Gliederung dieser Schulen: die Elementarstufe vermittelt Lesen und Schreiben, die Mittelstufe führt in die lateinische Grammatik ein, die Oberstufe konzentriert sich auf die klassische Lektüre und die rhetorische Imitation. Inhaltlich stützen sich diese Schulen auf die beiden Säulen Sprachen und Glaubenslehre; gegenüber der mittelalterlichen Betonung der Grammatik gewinnen die Rhetorik und Poetik sowie Vorbilder und Nachahmung der klassischen Autoren zunehmend an Bedeutung. Der Religionsunterricht geht zum großen Teil auf die Reformation zurück; die Einführung in den Kult und in die Sakramente werden abgelöst durch die Einübung in die rechte Lehre; immer wieder betonen die Reformatoren, dass ihre Gegner keinen Katechismusunterricht kennen. Auf dem Weg zur deutschen Volksschule
Es wäre sicherlich falsch, in Luther den Vater der deutschen Volksschule sehen zu wollen, und doch erfährt das Volksschulwesen entscheidende Anregungen aus der Reformation. Das Bemühen, die Schrift als Quelle der Wahrheit allen Christgläubigen zugänglich zu machen, lässt es notwendig erscheinen, allen Mitgliedern der Kirche das Lesen zu lehren, um ihnen so einen unmittelbaren Zugang zum Wort Gottes zu eröffnen. Da sich aber bald zeigt, dass ungeleitetes Schriftstudium oft zu Fehlinterpretationen und zu falschem Verständnis führt, muss der Leseunterricht durch den Katechismusunterricht ergänzt werden. Sosehr die Reformatoren diese beiden Grundsteine für die protestantische Volksschule auch gelegt haben mögen, bedarf es noch langer Zeit, ehe sich die »deutsche Schule« als eine besondere Form des öffentlichen Schulwesens neben der Latein- bzw. Gelehrtenschule etablieren kann. Selbst in der Württembergischen Schulordnung des Herzogs Christoph (1559) und auch noch in der kursächsischen (1580) taucht die deutsche Schule noch mehr oder weniger als Notbehelf für kleine Dörfer auf. Wo sie eingeführt wird, erteilt in der Regel der Küster den Unterricht, und dieser beschränkt sich auf Lesen, Schreiben, Katechismus und Gesang. Erst im 17. Jahrhundert kommt es zur Ausbreitung der Volksschule in Deutschland. Bis dahin haben sich, quasi am Rande der offiziellen Schulordnungen, die alten deutschen Lese- und Schreibschulen erhalten. Über dieser äußeren Reform des Bildungswesens darf freilich nicht übersehen werden, dass Zucht und Disziplin lange Zeit noch die Strenge und Härte des Mittelalters beibehalten. Auch nach Humanismus und Reformation bleibt die Rute das Allheilmittel der Erziehung und des Unterrichts; Auswendiglernen und Gehorchen sind weiterhin in den Schulen gang und gäbe. Dass Schule und Unterricht, wie sie durch Humanismus und Reformation geprägt werden, bis gegen Ende des 18. Jahrhunderts fast unverändert erhalten bleiben, mag darauf zurückzuführen sein, dass sie jene beiden großen Bildungsmächte zu vereinigen vermögen: Christentum und Antike. Erst zu Anfang des 19. Jahrhunderts werden jene neuen Bildungselemente Eingang in das öffentliche Schulwesen finden, die das 17. und 18. Jahrhundert hervorbringen: die modernen Wissenschaften und die neuen Sprachen. Die Gegenreformation – Die pädagogische Erneuerung durch die Jesuiten
Obwohl die Auswirkungen der Reformation weit über die Kirche hinausgingen und zu politischen, kulturellen und geistigen Veränderungen großen Ausmaßes führten, haben sie doch auch innerhalb der katholischen Kirche selbst Erneuerungen hervorgerufen. Die sogenannte Gegenreformation hat auf pädagogischem Gebiet zu einer Reform des katholischen Bildungswesens geführt, die zwar einerseits als eine Wiederbelebung der mittelalterlich-katholischen Frömmigkeit und Kirchengebundenheit angesehen werden kann, andererseits aber ebenso wie die protestantische Reform als eine dem Geist des Renaissance-Humanismus verpflichtete Bewegung erscheinen muss. Diese pädagogische Erneuerung ging nicht so sehr von der Kirche als Institution aus, sondern wurde maßgeblich von den kirchlichen Orden, allen voran dem Jesuitenorden, getragen. In den von seinem Gründer Ignatius von Loyola (1491-1556) noch selbst verfassten Satzungen wird als pädagogisches Ziel leitmotivisch angegeben, »der eigenen Seele und den Seelen der Nächsten zur Erreichung des Endzweckes, für den sie geschaffen sind, zu helfen«. Kennzeichnend ist die von den Jesuiten eingeführte geistige Übung der Exerzitien, bei denen die Renaissance-Idee der bewussten Selbstgestaltung des Menschen mit dem mittelalterlichen Gedanken der demütigen Selbstverleugnung auf fruchtbarste Weise verschmolzen wurde. Das Konzil von Trient hatte die Wiederbelebung der Dom- und Klosterschulen gefordert, unentgeltlichen Grammatikunterricht verlangt und vor allem die Errichtung von Seminarien zur Ausbildung der Kleriker für nötig erachtet. Der Jesuitenorden richtete in der Folgezeit nicht nur Kollegien und Seminarien für die Klerikerausbildung ein, sondern nahm bald das gesamte (höhere) Bildungswesen des katholischen Europa in die Hand. Die organisatorische und pädagogische Grundlage lieferte die 1599 erlassene umfassende Studienordnung, die das Erziehungs- und Unterrichtssystem, die Lehrpläne und Lehrbücher, die Unterrichtsinhalte, die Stundenverteilung, die Unterrichtsmethode und die Prüfungen bis ins einzelne regelte. Diese Unterrichtsordnung blieb in den Kollegien bis 1832 unverändert in Kraft. So haben – grob gesehen – Reformation und Gegenreformation gemeinsam und zugleich auf unterschiedliche Weise versucht, die beiden großen Bildungsmächte Christentum und Antike miteinander zu vereinigen, und damit die pädagogische Kultur Europas auf Jahrhunderte hinaus entscheidend geprägt.

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Info 22.11.2017 17:42
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