Der Dreißigjährige Krieg (1618 bis 1648)

Der Dreißigjährige Krieg galt lange als die schlimmste Katastrophe der deutschen Geschichte. Er erschien als ein Religionskrieg, in den fremde Mächte eintraten und ihn zum europäischen Konflikt ausweiteten. Er wurde als eine Kette von verheerenden Plünderungen, Zerstörungen und Gräueltaten dargestellt, als ein sinnlos barbarischer Krieg, der nur Probleme schuf und keine löste. Ein weithin entvölkertes Land, eine ruinierte Wirtschaft, kulturelle Verödung und moralischer Niedergang wurden als seine Begleitumstände und Folgen angesehen. So haben ihn auch die Schriftsteller von Grimmelshausen bis Brecht geschildert. So ist er ins Bewusstsein des geschichtlich interessierten Deutschen eingegangen. Die historische Wirklichkeit ist jedoch anders; sie ist vielschichtiger und komplizierter. Der »Dreißigjährige Krieg« oder besser das Dutzend kleinerer und größerer Kriegszüge, das in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts auf dem Boden des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation stattfand, war niemals ausschließlich eine deutsche Angelegenheit, sondern war fest mit den religiösen und politischen Problemen der Zeit und den Auseinandersetzungen zwischen den europäischen Mächten verbunden. Und die Zeit zwischen dem vorwiegend konfessionellen, also von Religion und Kirche bestimmten 16. Jahrhundert und dem aufklärerischen, sich aus dieser Bevormundung lösenden 18. Jahrhundert war in der Tat voller Probleme, die auf eine Lösung hin drängten. Europa am Vorabend des Krieges
Der wichtigste Gegensatz, der die europäische Politik beherrschte, war der Gegensatz zwischen den Dynastien Bourbon und Habsburg. Seit der Heirat Maximilians, des späteren Kaisers Maximilian I., und Marias von Burgund im Jahre 1477 war die französische Nord- und Ostgrenze mit einer Kette von habsburgischen Ländern und Stützpunkten von der Nordsee über Luxemburg bis zur Freigrafschaft Burgund umgeben. Als nun Kaiser Maximilians I. Enkel Karl nach dem Tode seines Großvaters mütterlicherseits Spanien und dessen riesige Besitzungen in Übersee und Europa erbte und 1519 zum Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation gewählt wurde, musste sich Frankreich eingekreist und bedroht fühlen, zumal auch die Königreiche Sardinien, Neapel und Sizilien und seit 1535 das Herzogtum Mailand spanisches Herrschaftsgebiet waren. Vier Kriege hatte Franz I. von Frankreich geführt, um die »habsburgische Zange« zu zerbrechen; aber erst ein Jahrhundert später sollte dieser Kampf um die Vorherrschaft in Europa entschieden werden, und zwar hauptsächlich auf deutschem Boden in den Kriegen, die wir als »Dreißigjähriger Krieg« zusammenzufassen gewohnt sind. Ein zweiter Konflikt war zeitweise eng mit dem Kriegsgeschehen in Deutschland verbunden und wurde 1648 mit dem Westfälischen Frieden beendet: der Unabhängigkeitskampf der Niederlande. Der nördliche Teil der Niederlande, die nach der Abdankung Kaiser Karls V. an dessen Sohn Philipp II. von Spanien gekommen waren, musste einen »Achtzigjährigen Krieg« führen, bis 1648 die sieben nördlichen Provinzen als »Generalstaaten« oder »Vereinigte Niederlande« als selbstständiger Staat anerkannt wurden. In diesem Kampf war die Verteidigung alter ständischer Rechte untrennbar mit der Verteidigung des calvinistischen Bekenntnisses gegenüber dem katholischen Spanien verbunden. Ähnlich war die Lage später in Böhmen. In Italien fühlten sich drei Mächte von der habsburgischen Übermacht bedrängt: Venedig, der Kirchenstaat und Savoyen-Piemont. Sie verbanden sich – zumindest zeitweise – mit den protestantischen Gegnern der Habsburger. An der Südostgrenze des Reiches bedrängte Bethlen Gabor, der Fürst von Siebenbürgen, den Kaiser und versuchte, seine Macht und seinen Einfluss auf Kosten der Habsburger zu vergrößern. Spanien dagegen versuchte, die Landbrücke zwischen Italien und den spanisch gebliebenen südlichen Niederlanden zu vervollständigen. Das wichtigste Stück, das in dieser Landbrücke noch fehlte, war das Veltlin, ein Tal der Republik Graubünden, das im Kräftespiel der europäischen Mächte höchst wichtig werden sollte. Das Deutsche Reich im Spannungsfeld der Religionen
Strategien der Gegenreformation

Die innenpolitischen und religiösen Gegensätze innerhalb des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation waren nicht weniger problematisch als die außenpolitische Konstellation. Der uralte Antagonismus, der bekannte Gegensatz zwischen Kaiser und Fürsten, hatte seit Jahrhunderten die deutsche Geschichte bestimmt. Seit der Kirchenspaltung differenzierte sich das Problem noch mehr, da den katholischen Kaisern nun protestantische und katholische Fürsten gegenüberstanden. Zum politisch-wirtschaftlichen Konflikt war eine religiöse Komponente hinzugekommen. Zwar hatte der Augsburger Religionsfriede im Jahre 1555 eine reichsrechtliche Regelung religiöser Streitfragen festgelegt, aber die Mächtigen hielten sich nicht an die Abmachungen. Im Norden des Reiches wählten zahlreiche Domkapitel protestantische Fürsten zu »Administratoren«, obwohl nach dem »geistlichen Vorbehalt« kein Protestant ein geistliches Territorium beherrschen sollte. Erst im letzten Viertel des Jahrhunderts beendete die Gegenreformation die weitere Ausbreitung des lutherischen und calvinistischen Bekenntnisses. Zentrum des wieder erstarkenden Katholizismus war Baiern unter Herzog Albrecht V. Ihm gelang es, seinen Sohn Ernst zum Bischof von Freising, Hildesheim, Lüttich, Münster – und nach offenem Krieg gegen den zum Protestantismus übergetretenen Erzbischof von Köln – auch zum Herren dieses Erzbistums zu machen. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts brach der religiöse Konflikt in voller Schärfe aus. Der Katholizismus hatte an Schulen und Universitäten sowie an Fürstenhöfen Fuß gefasst und versuchte nun, die verlorenen Positionen wieder zurückzugewinnen, während die Protestanten untereinander höchst uneinig waren, und die Lutheraner den kämpferisch-aktiven Calvinisten misstrauten. In der kleinen reichsfreien Stadt Donauwörth traten die religiösen Gegensätze offen zutage. Um 1600 gab es dort nur mehr wenige katholische Familien, die von dem Benediktinerkloster Zum Heiligen Kreuz geistlich betreut wurden. Die Mönche waren vom Geist der Gegenreformation erfüllt und trugen bei einer Prozession die Kirchenfahne nicht mehr wie früher eingerollt, sondern im Winde flatternd über städtisches Gebiet. Die Protestanten fühlten sich herausgefordert, jagten die Prozession auseinander und zerrissen die Fahnen. Nachdem sich die protestantischen Bürger einem Spruch des obersten Reichsgerichts, des Reichshofrats in Wien, nicht beugten, verhängte der katholische Kaiser über die Stadt die Reichsacht und beauftragte den katholischen Herzog von Baiern mit der Exekution. Herzog Maximilian I. zog mit einer Armee von 5000 Mann vor die Stadt, die sich unterwarf. Er behielt sie als Pfand für die entstandenen Kriegskosten und verleibte sie kurz darauf seinem Herzogtum ein. Dieser Vorfall hatte Signalwirkung. Die benachbarten Reichsstädte und die protestantischen Fürsten sahen darin eine Verletzung des garantierten Landes- und Religionsfriedens. Die militärischen Bündnisse der protestantischen »Union« (1608 unter der Führung des Kurfürsten Friedrich IV. von der Pfalz gegründet) und der katholischen »Liga« (1609 auf Initiative des Baiernherzogs Maximilian geschlossen) waren die unmittelbare Folge. Ein weiterer Konflikt wurde zwischen den Ständevertretungen und den Landesherren ausgetragen. In den meisten europäischen Ländern trat ein ähnlicher Dualismus auf und drängte zur Lösung. In den habsburgischen Erblanden, besonders in Böhmen, prägte er die ersten Jahrzehnte des 17. Jahrhunderts und zündete auch die Lunte, die das Pulverfass der vielfältigen Spannungen zur Explosion brachte. Noch im Jahre 1609 hatten die böhmischen Stände im »Majestätsbrief« Kaiser Rudolf II. Religionsfreiheit und das Recht der Königswahl abgetrotzt. Die Stände hatten »Defensoren«, d. h. Verteidiger des evangelischen Glaubens gewählt, die über die Einhaltung der verbrieften Rechte wachen sollten. Die Defensoren beanspruchten auch das Recht, Landtage einzuberufen. Auch in den anderen habsburgischen Erblanden waren die Stände Träger des protestantischen Glaubens. Sie mussten in Gegensatz zu ihren Landesherren geraten, wenn diese im Zuge der Gegenreformation die Glaubensfreiheit und die ständischen Freiheiten ihrer Untertanen antasten wollten. Und die Anzeichen eines solchen Konfliktes mehrten sich. Der kinderlose Kaiser Matthias wollte seinem Vetter, dem streng katholisch und gegenreformatorisch gesinnten Erzherzog Ferdinand von Steiermark die Nachfolge in Böhmen, Ungarn und im Reich sichern. Die böhmischen Stände stimmten der »vorzeitigen Annahme« Ferdinands zu, denn er versprach, sich an die Bestimmungen des Majestätsbriefs zu halten. Weil auch der spanische Habsburger Philipp III. als Enkel Kaiser Maximilians II. Erbansprüche erhob, schloss der Kaiser mit Spanien den nach dem spanischen Unterhändler Graf Onate benannten Vertrag (1617), demzufolge Spanien für die Zustimmung zu Ferdinands Nachfolge habsburgische Besitzungen im Elsass sowie die Anwartschaft auf einige strategisch wichtige Reichslehen in Italien erhalten sollte. Frankreich musste diese Festsetzung Spaniens im Westen und Südwesten als Bedrohung und Herausforderung empfinden! Der Fenstersturz in Prag und die Folgen
In Böhmen mehrten sich die Streitfälle zwischen der königlichen Regierung und den evangelischen Ständen. In Braunau und in Klostergrab hatten die Protestanten auf geistlichen Territorien neue Kirchen errichtet. Die Regierung ließ daraufhin Braunauer Bürger verhaften und die Klostergraber Kirche niederreißen. Die Defensoren beriefen einen evangelischen »Landtag« im März 1618 nach Prag ein. Dieser richtete eine Beschwerde an den Kaiser und verabredete ein erneutes Treffen für den 21. Mai. Überraschend schnell kam die Antwort aus Wien. Sie bestritt eine Verletzung des Majestätsbriefs und verbot unter Strafandrohung weitere Tagungen der Protestanten. Damit war der Fehdehandschuh geworfen. Die Protestanten hoben ihn auf. Der berühmte Astronom Johannes Kepler hatte in seinem »Prognosticon Astrologicum«, einem astrologischen Kalender, für den Mai des Jahres 1618 unheildrohende Ereignisse vorausgesagt. Tatsächlich wurde der 23. Mai zu einem Markstein der europäischen Geschichte, dessen Bedeutung und Folgen wohl kaum einer der Beteiligten vorausgeahnt hatte. Trotz des kaiserlichen Verbots trafen sich die Führer der böhmischen Stände wie verabredet in Prag. Die Extremisten unter ihnen planten die Ermordung der verhassten kaiserlichen Statthalter, und zwar nach altböhmischer Sitte durch Sturz aus dem Fenster. FenstersturzDer Prager Fenstersturz. Den Beginn des Dreißigjährigen Krieges vermeldet die »Wahrhaftige Zeitung aus Prag« mit einem eindrucksvollen Holzschnitt. Die treibende Kraft war Graf Matthias Thurn, der die Rekatholisierung der Steiermark durch Erzherzog Ferdinand miterlebt hatte und ähnliches für Böhmen fürchtete. Am 23. Mai begaben sich die Mitglieder des Protestantentags bewaffnet auf den Hradschin, um dort ihre Beschwerden vorzubringen. Ihre Führer beschuldigten die beiden Statthalter Jaroslav von Martinitz und Oberstlandrichter Wilhelm Slawada von Chlum, Urheber der kaiserlichen Drohschrift zu sein. Die beiden beteuerten vergeblich ihre Unschuld. Rede und Gegenrede wurden hitziger. Die Aufrührer erklärten die kaiserlichen Beamten zu Feinden des Majestätsbriefs und der Freiheit des Vaterlandes und stürzten die vor Angst Zitternden und um einen Beichtvater Flehenden durch das Fenster in den Burggraben. Gleichsam als Zugabe bereiteten sie dem Sekretär Philipp Fabrizius das gleiche Schicksal. Wider Erwarten wurde keiner der Gestürzten trotz der Tiefe des Grabens von über 15 Metern auch nur ernsthaft verletzt; ein Kehrichthaufen hatte ihren Fall gemildert. Auch die Schüsse, die man den Fliehenden nachschickte, trafen nicht. Graf Matthias Thurn, der Regisseur des ganzen Auftritts, konnte zufrieden sein. Alles sah nach einer spontanen Reaktion ungerecht Behandelter auf die Willkür kaiserlicher Beamter aus. Der Fenstersturz hatte aber die Brücken zu einer friedlichen Regelung der Streitfragen zwischen Protestanten und Katholiken abgebrochen. Nun galt Gewalt statt Recht. Darüber waren sich die Aufständischen durchaus im klaren. Sie hielten den Augenblick für einen Schlag gegen die stände- und protestantenfeindliche Politik der Habsburger für günstig und setzten 30 Direktoren ein, die als Regierung die Verteidigung der Landesrechte organisieren sollten. Die Jesuiten wurden ausgewiesen, die Güter der Kaisertreuen konfisziert. Graf Thurn sollte eine Armee aufstellen. Die Stände wussten aber auch, dass sie sich ohne Hilfe von Verbündeten nicht gegen das Haus Habsburg behaupten konnten. Sie schlossen daher Bündnisse mit den Ständen in Schlesien, in der Lausitz, in Mähren sowie in Ober- und Niederösterreich; aber es gelang ihnen nicht, eine der großen europäischen Mächte – die Niederlande, England, Frankreich oder Schweden – zu gewinnen. Nur Herzog Karl Emanuel von Savoyen sandte ein Söldnerregiment unter dem Grafen Ernst von Mansfeld nach Böhmen. Die (niederländischen) Generalstaaten schickten geringe Subsidien (Hilfsgelder) und einige Regimenter Reiter und Fußvolk. Die protestantische Union nahm Böhmen auf und gestattete die Werbung von Söldnern auf ihrem Gebiet. Auf diplomatischer Bühne versuchten der Kaiser und die Aufständischen immer noch, den beginnenden Konflikt beizulegen, während sich im Lande bereits ein regelrechter Kleinkrieg zwischen den böhmischen und kaiserlichen Truppen abspielte. Ein Vorstoß Thurns bis an die Mauern Wiens war ebenso erfolglos wie die Verwüstung von Städten und Dörfern in Böhmen durch den kaiserlichen General Buquoy. Da starb im Frühjahr 1619 der alte Kaiser Matthias. Ferdinand – zum Nachfolger ausersehen – hatte schon als Landesherr in der Steiermark bewiesen, dass er leidenschaftlich und kompromisslos für die Gegenreformation und die uneingeschränkte Macht des Herrschers eintrat. Er war auf der Hochschule der Jesuiten in Ingolstadt erzogen worden; er bevorzugte Jesuitenpatres als Ratgeber, und sein Ziel war die Wiederherstellung des katholischen Glaubens in allen habsburgischen Ländern. Die böhmischen Stände weigerten sich nun trotz ihrer »vorzeitigen Annahme«, Ferdinand zum König von Böhmen zu wählen. Sie entschieden sich, statt seiner den Führer der protestantischen Union, den calvinistischen Kurfürsten Friedrich V. von der Pfalz, zum König zu wählen. Eine unglücklichere Wahl hätten sie wohl kaum treffen können, denn ihm fehlte jede staatsmännische Größe. Genusssucht und Leichtsinn wurden ihm schon von den Zeitgenossen nachgesagt. Die Gegenpartei traf langsam aber überlegt die nötigen Maßnahmen zur Unterwerfung des böhmischen Aufstandes. Der Kaiser wusste genau, dass es um mehr als um die Herrschaft in Böhmen ging. Mit der Wahl eines Protestanten zum König von Böhmen hätten die Protestanten über eine Mehrheit im Kurfürstenkollegium verfügt; dies hätte das Ende der Habsburger Herrschaft im Deutschen Reich und ein protestantisches Kaisertum bedeuten können. Daher musste der neu gewählte Kaiser Ferdinand II. alles tun, um diese Entwicklung rechtzeitig aufzuhalten. Da seine militärischen Machtmittel für eine Entscheidung im Felde nicht ausreichten, sicherte er Herzog Maximilian von Baiern die pfälzische Kurfürstenwürde zu; dafür stellte ihm dieser das Heer der katholischen Liga unter der Führung des erfahrenen Brabanter Generals Johann Tserclaes Graf von Tilly zur Niederwerfung der Rebellion zur Verfügung. Philipp III. ließ spanische Truppen unter dem General Ambrosio Spinola in die Rheinpfalz einfallen. Der protestantische Kurfürst Johann Georg von Sachsen schlug sich auf die Seite des Kaisers und unterdrückte die Unruhen in Schlesien und in der Lausitz. Dagegen waren die Stände auf sich allein gestellt. Entscheidungsschlacht am Weißen Berg
Brutale Folgen für die böhmischen Protestanten

Nachdem man knapp zwei Jahre lang mit allen Mitteln (Raub, Mord, Plünderung, Brandschatzung) das Land mit Krieg überzogen hatte, fiel am nebligen Morgen des 8. November 1620 die militärische Entscheidung. Das zahlenmäßig überlegene Heer der Liga stürmte gegen die Stellungen der Böhmen und Pfälzer auf dem Weißen Berg vor der Stadt Prag mit dem Feldgeschrei »Sancta Maria« an. Es gelang den Angreifern, den linken Flügel der Böhmen aufzurollen und Verwirrung bei den Verteidigern zu stiften. Vergeblich trug der junge Fürst von Anhalt einen Reiterangriff tief in die Reihen der Feinde vor; vergeblich war der zähe Widerstand des mährisch-österreichischen Regiments. Der Großteil des protestantischen Heeres suchte sein Heil in wilder Flucht. »Nicht Alexander, nicht Caesar, nicht Karl der Große hätte dieses Volk wieder zum Stehen bringen können« schrieb ein zeitgenössischer Beobachter. Der Böhmenkönig tafelte während der Schlacht mit dem englischen Gesandten, und als er mit 500 Reitern auf das Schlachtfeld eilen wollte, kamen ihm schon die Fliehenden entgegen. Da ergriff auch die böhmisch-pfälzische Führung Panik. Sie wagte nicht die Verteidigung der Stadt Prag, sondern floh in Richtung Schlesien. Der glücklose Friedrich V. erhielt den Spottnamen »Winterkönig«. Am Tag nach der Schlacht rückten die Sieger in Prag ein und plünderten die Stadt. Dabei fiel ihnen unter vielen Kunstschätzen auch die Wenzelskrone sowie die gesamte Kanzlei der Gegner in die Hände. In den folgenden Monaten wurden Böhmen und Mähren besetzt und die Verlierer entsprechend behandelt. Zwar hatte Kurfürst Maximilian den Ständen Unversehrtheit an Leib und Leben zugesichert, aber der Kaiser hielt sich nicht daran. Bald begann eine große Verhaftungswelle. Ein Gerichtshof unter dem Vorsitz des kaiserlichen Kommissars, des Fürsten Karl von Liechtenstein, führte einen Hochverratsprozess gegen die Führer des Aufstands durch. In der Prager Burg, in der die Rebellion gegen den Kaiser mit dem Fenstersturz begonnen hatte, wurden die Urteile verkündet. Am 21. Juni 1621 bestiegen 24 zum Tode verurteilte Adelige und Bürger das Blutgerüst auf dem Altstädter Ring und wurden enthauptet, drei weitere wurden gehenkt. Dem berühmten Arzt Dr. Jessenius wurde vor der Enthauptung die Zunge herausgeschnitten, den vier bedeutendsten Delinquenten die rechte Hand abgehauen. Bis zum Jahre 1631 steckten die Köpfe von zwölf Hingerichteten auf dem Altstädter Brückenturm als Abschreckung und Mahnung an den Zusammenbruch der böhmischen Erhebung. Viele böhmische Protestanten waren rechtzeitig geflohen, meist nach Sachsen, Franken, Norddeutschland oder in die Niederlande. Die Güter der Hingerichteten und Geflohenen wurden beschlagnahmt und weit unter ihrem tatsächlichen Wert an kaisertreue Böhmen oder landfremde Adelige verschleudert. So gelangte der kaiserliche Statthalter Fürst Liechtenstein zu ungeheurem Reichtum. Albrecht von Wallenstein, der zur Zeit des Aufstandes nach Wien geflohen war, raffte über 50 Güter zusammen und wurde zum reichsten Großgrundbesitzer des Landes. Der alte böhmische Adel wurde auf diese Weise weitgehend beseitigt, und das Land geriet in die Hände von wenigen Großgrundbesitzern. Mit der Veränderung der Besitzverhältnisse einher ging die Ausrottung der protestantischen Bekenntnisse. Ob mährische Brüder, Calvinisten oder Lutheraner – wer nicht zur katholischen Kirche konvertierte, musste das Land verlassen. Die alten ständischen Freiheiten wurden den Böhmen genommen. Das Recht der Königswahl wurde beseitigt; die Krone wurde erblich. Gesetzgebung, Verwaltung und Gericht wurden dem Herrscher übertragen. Dem Landtag verblieb zwar das Recht, Steuern zu bewilligen, aber er durfte sie nicht an politische Bedingungen knüpfen. Die »Erneuerte Landesordnung für Böhmen« schloss 1627 diese Entwicklung ab. So bedeutete die Entscheidung am Weißen Berg bei Prag den Sieg der Gegenreformation über den Geist der Reformation und zugleich den Sieg des absolutistischen Fürstenstaates über die Idee des ständisch-aristokratischen Staates. Nun banden den Herrscher keine alten Privilegien und Freiheiten der Stände mehr. Er war im Sinne des französischen Staatstheoretikers Jean Bodin (1530-1596) absoluter Herr. So legte der Zusammenbruch des böhmischen Aufstandes den Grund für das Werden des einheitlichen, katholischen Habsburger Staates, wie er drei Jahrhunderte europäischer Geschichte mitgestaltete. Schreckliche Verwüstungen – Elsass und Pfalz
Der Krieg war aber durch die Eroberung Böhmens durch die Liga und den Kaiser noch nicht zu Ende. Noch hatte der Söldnerführer Ernst von Mansfeld eine Armee für Friedrich V. unter seinen Fahnen. Tilly gelang es, ihn aus der Oberpfalz zu verdrängen und diese für Baiern zu besetzen. Mansfeld zog an den Rhein, wo die Spanier bereits Teile der Pfalz besetzt hatten. Die Erfolge der habsburgisch-katholischen Partei hatten einige protestantische Fürsten beunruhigt. So hatte Markgraf Georg Friedrich von Baden eine beachtliche, wohlausgerüstete Streitmacht gesammelt; aber er unterlag im Mai 1622 dem Heer der Liga, das durch spanische Truppen verstärkt war. Noch ein zweiter Fürst, Christian von Braunschweig-Wolfenbüttel, der Administrator des Bistums von Halberstadt, war mit einem Heer bis an den Main gezogen. In einer Schlacht bei Höchst allerdings war er Tilly unterlegen. Mansfeld und Christian vereinigten ihre Truppen und zogen einige Wochen durch das Elsass, wo sie eine Stadt und dreißig Dörfer niederbrannten. Der »Winterkönig«, der mit dem Heer zog, schrieb: »Ich glaube, sie sind vom Teufel besessen und machen sich ein Vergnügen daraus, alles in Brand zu stecken.« Danach zogen die beiden Heerführer nach Norden, wo der Freiheitskampf der Niederlande gegen die Spanier nach zwölfjährigem Waffenstillstand wieder entbrannt war. Tilly eroberte Mannheim und Heidelberg. Die Bibliothek der Universität Heidelberg – die sogenannte Palatina, eine Bücher- und Handschriftensammlung von unschätzbarem Wert – schenkte Maximilian I. dem Papst. Die linksrheinische Pfalz wurde von spanischen, die rechtsrheinische von baierischen Truppen besetzt. TillyDer Feldherr Tilly, sieggewohnt. Tilly zu Pferde im vollen Galopp vor der von ihm 1631 belagerten Stadt Magdeburg. Kupferstich von Matthäus Merian. Text der Zeit
Die Schlacht am Weißen Berg

Nachdem Herzog Maximilian [von Baiern] den Grafen von Boucquoy ermahnt hatte, herbeizueilen, ehe sich der Feind in seinem Lager auf dem Gipfel des Weißen Berges verschanzt hätte, stellte er sein Kriegsvolk in drei Schlachtordnungen auf. [...] Wie einige melden, ist die kayserliche Armee nicht über 12000 Mann stark gewesen, indem sich bei 6000 Mann zu Fuß und 2000 Reiter unter dem von Marradas und Wallenstein nach Proviant abwesend befunden. Nunmehr beratschlagte man sich, wie die Böhmische Armee am füglichsten anzugreifen stünde. Der Graf von Boucquoy hielt dafür, man sollte sich auf der anderen Seite gegen Prag wenden, um den Feind aus seinem Vorteil zu locken. Da aber der la Motta, welcher die Lage der Böhmen in Augenschein genommen, die Versicherung gab, dass die Schanzen der Feinde noch nicht genugsam befestigt seien, auch ihr Geschütz ihnen nicht viel helfen könnte, so fasste man den Schluss, ohne Zeitverlust einen Angriff zu tun, wozu aus jeder Armee zwei Haufen zu Fuß bestimmt und mit Reiterei versehen wurden. Herzog Maximilian gab zur Losung Sancta Maria, weil in der Hauptfahnen der Heiligen Jungfrau Bildnis gemacht war. Das Baierische Kriegsheer führte der von Tilly, das Kaiserliche der Freiherr von Teuffenbach. Die Kaiserlichen waren zur Rechten und die Baierischen zur Linken. Drei Haufen wurden zurückgeordert, dass sie, an welchen Orten es von Nöten, Hilfe tun sollten. Nachdem nun alles das bestellt, geschah endlich zwischen zwölf und ein Uhr der Angriff und zwar beiderseits mit großem Ernst und Tapferkeit und ist das Geschütz mit großem Krachen und Donner untereinander abgegangen. Eine halbe Stunde lang ist die Schlacht auf einem zweifelhaften Ausgang bestanden, und haben beide Teile mit großem Grimm und Standhaftigkeit gegeneinander gestritten. Hierauf begann das Kaiserliche Volk zu wanken, weil der älteste Prinz von Anhalt mit seiner Reiterei mit solchem Ernst in sie gesetzt, dass sie länger nicht widerstehen konnten. Daher dann die nächsten Regimenter in Schrecken kamen und anfingen, in eine Unordnung zu geraten. Bei Erblickung dieser Gefahr schickte General Tilly den Obristen Kratz mit 500 Reitern jenen zu Hilfe, auch sind Fürst Maximilian von Liechenstein und der Obrist Bauer mit ihren Haufen auf die Böhmen gerückt. Hierdurch geschah es, dass des Prinzen von Anhalt Reiterei geschlagen und getrennt, er selber vom Pferd geschlagen, mit vielen Wunden verletzt und gefangen wurde. Wie die Ungarn diese Niederlage gewahr geworden, sind sie darüber erschrocken und haben angefangen, den Berg hinab zu fliehen. Daher dann die übrigen böhmischen Regimenter auch in Unordnung geraten und ein jeder sich mit der Flucht zu retten unterstanden. Als aber unterdessen Herzog Maximilian und Graf Boucquoy mit ihrem Volk in großem Ernst nachsetzten und in das böhmische Lager einbrachen, ist die ganze böhmische Armada geschlagen und zertrennt worden. Die Schlacht hat nicht über eine Stunde gewährt. [...] Hierauf befand Herzog Maximilian für gut, die Stadt Prag sofort anzugreifen. Der Graf von Hohenlohe und der Graf von Thurn, so sich, wie sie vermerkt, dass ihre Sache einen unglücklichen Ausgang gewinnen würde, aus der Schlacht nach Prag begeben hatten, haben den König Friedrich [den Winterkönig] dahin vermocht, dass er eilends einen Abgesandten an den Herzog von Baiern geschickt und nur 24 Stunden um einen Aufstand gebeten hat. Der Herzog aber gab ihm nur acht Stunden Frist, um sich zu erklären, ob er weichen und sich aller Ansprüche auf das Königreich Böhmen und inkorporierter Länder auf ewig begeben wollte. Darauf dann weiter keine Erklärung vom König erfolgt, sondern er hat sich selbigen Abend aus dem Schloss in die alte Stadt begeben und folgenden Tags mit seiner Gemahlin und allem, so in der Eile fortzubringen war, aus Prag nach Breslau salviert. [...] Einige Kriegsvölker, so nach der Schlacht sich in die beim Strahover Kloster angefangenen Schanzen gelegt, zogen am andern Tag mit zwei im Schloss gelegenen Kompanien in die Altstadt auf den Ring, von da sie dem Herzog Vorschläge tun ließen. Unter diesem Verlauf ergab sich die Kleine Seite von Prag an den Kaiser mit der Bitte, sie vor der Soldaten Mutwillen zu schützen. Da nun der Herzog zur Verhütung allen Unfugs sich selbst dahin begab, kamen die Abgeordneten der Alt- und Neustadt zu ihm und begehrten drei Tage Aufschub, sie erhielten aber nicht drei Stunden, sondern den Bescheid, sie sollten sich alsobald ergeben.
Aus: Theatrum Europaeum Band I. Das »Theatrum Europaeum« war eine historisch politische Zeitschrift mit Nachrichten aus den Jahren 1617-1718. Sie erschien in Frankfurt am Main. Die drei Geißeln der Menschheit: Hunger, Pest und Krieg
Der erste Akt des Dramas vom Großen Krieg war damit beendet. Die katholisch-habsburgisch-absolutistische Partei hatte einen klaren und eindeutigen Sieg über die ständisch-protestantische Bewegung davongetragen. Sieger waren der Kaiser und Maximilian I. von Baiern, der auch sogleich seine Rechnung der Kriegskosten präsentierte. Trotz des Widerstandes anderer Reichsfürsten erhielt er die pfälzische Kurwürde und die Oberpfalz als Pfandbesitz übertragen. Die Leidtragenden des Krieges waren aber nicht nur die protestantischen Fürsten und Stände, sondern vor allem die Bewohner der Länder, die von den verschiedenen Heeren durchzogen worden waren, ganz gleich welchem Bekenntnis sie angehörten. Da das gesamte Nachschub-, Quartier- und Verpflegungswesen noch sehr unterentwickelt war, mussten die Heerführer häufig alles Nötige in dem jeweiligen Land requirieren – also meist plündern. So wurden den Bauern der Wintervorrat, das Futter, das Schlacht- und Zugvieh weggenommen, Geldforderungen oder Einquartierungen auferlegt. Die Soldaten erhielten ihren Sold oft verspätet oder überhaupt nicht und verschafften sich daher das Notwendige durch Raub und Plünderung. Während die größeren Städte durch ihre Mauern, Bastionen und Gräben relativ sicher waren, waren die Bauern und Kleinstädter fast völlig schutzlos den Plündernden preisgegeben. Um vergrabenes Geld oder versteckte Nahrungsmittel herauszupressen, wurden beispiellose Akte von Grausamkeit verübt. Bauern und Soldaten wurden zu Todfeinden. Oft genug mussten die Bauern mit geringer beweglicher Habe vor den Plünderern in die Wälder oder in nahegelegene Städte fliehen. Wenn sie zurückkamen, fanden sie meist verwüstete Felder und verbrannte Häuser und Stallungen vor. Der Graf von Mansfeld, der erste Söldnerführer auf dem deutschen Kriegsschauplatz, schrieb darüber treffend: »In Summa, da ist kein Unwesen zu erdenken, das sie nicht anstiften. Da schonen sie keiner Person, sie sei wes Standes oder Würden sie wolle. Es ist ihnen kein Ort frei noch heilig: die Kirchen, die Altäre, die Gräber, ja die toten Körper sind vor ihren dieb- und räuberischen Gewalttaten nicht sicher.« So war der Krieg nicht nur eine Auseinandersetzung zwischen Staaten, Dynastien oder Ständen und Religionsparteien, sondern auch ein Krieg zwischen Bauern und Soldaten, der mit beispielloser Grausamkeit geführt wurde. Hungersnöte waren oft die Folgen der Ausplünderung und Verwüstung. Die geschwächten Überlebenden wurden Opfer der Pest und anderer Seuchen, die während der Kriegszüge reichen Nährboden fanden. Das Sprichwort der Zeit »Einen Krieg kann man nicht in einem Sack über das Land führen« bestätigte sich tausendfach. Wo sich Landesherren an den Kämpfen beteiligten, wo Heere durchzogen, wo marodierende Banden von entlassenen Landsknechten sengend und mordend durch das Land zogen, zeigten sich die vielfältigen, verheerenden Folgen dieser Geißel der Menschheit. »Krieg, Hunger und Pest sind die drei Reiter, durch die Gott die Menschen züchtigen lässt«, sagt ein anderes Sprichwort dieser Zeit. Wenn allerdings eine größere Stadt, wie z. B. Prag, ihre Tore dem siegreichen Heer öffnen musste, dann winkte reiche Beute. Viele adlige Herren hatten vor der Schlacht am Weißen Berg ihre wertvollste Habe in die vermeintlich sichere Stadt gebracht. Als das kaiserlich-ligistische Heer einrückte, begann eine wahre Plünderungsorgie, die weder Patrizierpalast noch Bürgerhaus verschonte. Die Hoffnung auf reiche Beute hielt die Heere oft stärker zusammen als die Strafgewalt der Offiziere oder gar die Überzeugung, für eine gerechte Sache zu kämpfen. Lagerleben: Frauen, Kinder und SoldatenLagerleben. Der idyllische Schein trügt: obwohl Frauen und Kinder das Heer begleiten, waren die Lebensbedingungen für die Soldaten schlecht. Ölgemälde von Sebastian Bourdon. Kassel, Staatliche Kunstsammlungen. Zweite Etappe im Großen Krieg: Aus dem deutschen wird ein europäischer Konflikt
Der Zug der geschlagenen Heere des Grafen von Mansfeld und Christians von Braunschweig nach dem Norden bewog den Kaiser und die Liga, den SO erfolgreich begonnenen Krieg gegen die protestantische Partei im Reich fortzusetzen. Auch Spanien versuchte unter dem leitenden Minister Herzog von Olivarez, den Krieg gegen die abtrünnigen Niederlande siegreich zum Abschluss zu bringen. Gegen eine solche Ausweitung der habsburgischen Macht verbündeten sich 1624 die aufgebrachten Generalstaaten mit England und Frankreich. England, Dänemark, Friedrich von der Pfalz und die Generalstaaten vereinbarten mit der Zustimmung Frankreichs und des Fürsten Bethlen Gabor von Siebenbürgen eine gemeinsame Aktion gegen die kaiserliche Partei. Christian von Dänemark, der als Herzog von Holstein zugleich Oberst des niedersächsischen Kreises war, sollte Niedersachsen von den gegnerischen Truppen befreien; Christian von Braunschweig sollte die Wittelsbachischen Bistümer am Niederrhein und in Westfalen angreifen; Ernst von Mansfeld sollte Böhmen und Mähren befreien, und Bethlen Gabor sollte in Österreich einfallen und sich mit Mansfelds Heer vereinigen. Erstmals stand der kaiserlich-ligistischen Partei nun eine Koalition europäischer Mächte mit einem gemeinsamen Feldzugsplan gegenüber. Tolle ChristianStreiter für den Protestanismus. Der »tolle Christian«, Herzog von Braunschweig, porträtiert von Paulus Moreelse. Braunschweig, Herzog Anton Ulrich-Museum. Inzwischen hatte sich aber auch die militärische Position des Kaisers wesentlich verstärkt. Albrecht von Wallenstein, der durch die Enteignung und Vertreibung der Protestanten zum reichsten Grundbesitzer in Böhmen geworden war und der bereits die Titel »Oberst von Prag« und »Gubernator des Königreichs Böhmen« trug, bot dem Kaiser an, auf seine eigenen Kosten ein Heer von 24000 Mann anzuwerben. Der Kaiser nahm das Angebot, das ihn von seiner Abhängigkeit von Maximilian von Baiern und der Liga befreite, mit Freuden an und ernannte Wallenstein 1625 zum Generalissimus aller kaiserlichen Truppen und zum Herzog von Friedland. Wallenstein hatte aus seinen riesigen, gut verwalteten Ländereien in Nordböhmen ein Arsenal für Waffen, Ausrüstung und Truppenrekrutierung gemacht. Sein Finanzagent, der holländische Calvinist Jan de Witte, hatte großen Anteil an der musterhaften Ordnung im Finanzkräftigen Herzogtum Friedland. Wallenstein marschierte mit seinem Heer von Eger nach Norden und besetzte die protestantischen Bistümer Magdeburg und Halberstadt. An der Dessauer Eibbrücke zwang er Mansfeld 1626 zur Schlacht, die ihm seinen ersten Sieg einbrachte. Einen ähnlichen Erfolg errang auch Tilly gegen Christian IV. von Dänemark, dem er bei Lutter am Barenberge eine schlimme Niederlage beibrachte. Christian von Braunschweig und Mansfeld starben kurz hintereinander; der Dänenkönig bat um Frieden; ganz Norddeutschland war in der Hand des Kaisers. Als Dank für die geleistete Hilfe belehnte er Wallenstein mit dem Herzogtum Mecklenburg, dessen angestammte Herren wegen ihrer Parteinahme für König Christian IV. geächtet worden waren. Dadurch kam der Friedländer Herzog in den Reichsfürstenstand. Als Generalissimus wurde ihm das Recht zur Werbung und Entlassung von Truppen sowie der Ernennung und Beförderung aller Offiziere bis zum Oberst übertragen. Gleichzeitig erhielt er den klangvollen Titel »General des ozeanischen und baltischen Meeres«. Der Kaiser verfolgte mit all diesen Auszeichnungen seines Heerführers weitreichende Pläne. Die Hansestädte, teils Nachbarn des Herzogtums Mecklenburg, sollten unter kaiserlichem Schutz eine Gesellschaft für den Spanienhandel errichten und die Holländer möglichst vom Ostseehandel fernhalten. Doch keiner der Pläne konnte verwirklicht werden. Wallenstein gelang es nicht, die wichtige Hafenstadt Stralsund einzunehmen, weil er über keine Flotte verfügte und die Stadt von der See aus versorgt wurde. Elf Jahre nach Kriegsbeginn -im Jahre 1629 – kam es dann zum Frieden von Lübeck. Christian IV. von Dänemark behielt sein Land und das Herzogtum Holstein, musste aber auf jede Einmischung im Reich verzichten. Der Kaiser verspielt den Sieg
Damit war der zweite Akt des blutigen Dramas beendet. Die Protestanten waren trotz der Unterstützung durch den Dänenkönig und durch englische und niederländische Hilfsgelder geschlagen. Weite Gebiete Norddeutschlands waren verwüstet. Sieger auf der ganzen Linie war der Kaiser. Seine Truppen waren bis an die Ostsee vorgedrungen. Im ganzen Reich war kein ernsthafter militärischer Gegner mehr vorhanden. Seit Jahrhunderten hatte kein Kaiser im Reich mehr eine derartige Machtstellung innegehabt. Ferdinand II. gedachte, die Gunst der Stunde zu nützen. Am 6. März 1629 ließ er das »Restitutionsedikt« (lat.: restituere = wieder einsetzen) verkünden. Nach diesem Edikt sollten alle geistlichen Besitzungen, die seit dem Passauer Vertrag im Jahre 1552 der katholischen Kirche genommen worden waren, unverzüglich zurückerstattet werden. Allein in Norddeutschland wären davon zwei Erzbistümer, zwölf Bistümer und über hundert Abteien betroffen gewesen. Durchführen sollten diese Maßnahmen kaiserliche Kommissare mit Hilfe von Tillys Armee. Mit dieser unerbittlich harten, verhängnisvollen Politik war – wie der Historiker Leopold von Ranke im 19. Jahrhundert treffend bemerkte – die Axt an die Wurzeln der Reformation gelegt. Die Ausführung der Bestimmungen dieses Edikts hätte nicht nur die Rekatholisierung weiter Teile des Reiches gebracht, Besitzstand- und Konfessionswechsel für Hunderttausende, verbunden mit der Wiederherstellung der katholisch-kirchlichen Organisation, sondern auch eine ungeheuere Steigerung der Kaisermacht im Reich. Mit den wieder zurückgewonnenen Territorien konnte der Kaiser Familienmitglieder oder treue Anhänger belehnen. So verschaffte er seinem jüngeren Sohn, dem Erzherzog Leopold Wilhelm, der bereits Bischof von Passau und Straßburg war, noch das Bistum Halberstadt und die Erzbistümer Bremen und Magdeburg. Innerhalb von zehn Jahren hatten sich die Verhältnisse grundlegend gewandelt. 1619 befanden sich Böhmen, Österreich und Schlesien im Aufstand, und von den Fenstern der Wiener Hofburg konnte der Kaiser die feindliche Armee erblicken, die seine Stadt belagerte; 1629 hatten seine siegreichen Armeen alle Gegner niedergeworfen, und durch Reichsgesetz und Waffengewalt schien die Rückführung großer Teile des Reiches zum katholischen Glauben und eine beispiellose Steigerung der Kaisermacht in greifbare Nähe gerückt. Doch das Glücksrad stand nicht still, zumal der Kaiser mit seiner starren Politik einen Ausgleich zwischen den Parteien erschwert hatte. Der Umschwung begann auf dem Kurfürstentag zu Regensburg im Sommer 1630. Die Fürsten hatten die Machtsteigerung des Kaisers seit langem mit Argwohn betrachtet. Er hatte einem aus ihren Reihen die Kurwürde genommen und einem anderen übertragen. Er hatte die Herzöge von Mecklenburg, Wolfenbüttel und Calenberg ihrer Länder beraubt und hatte einen böhmischen Emporkömmling in den Reichsfürstenstand erhoben und damit den alten Dynastien gleichgestellt. Dies alles war möglich geworden, weil eben dieser Friedländer dem Kaiser große finanzielle und militärische Machtmittel zur Verfügung gestellt hatte. Gegen ihn richtete sich der Zorn der Kurfürsten. Grund zu Beschwerden über ihn war reichlich vorhanden. Wallenstein war nach dem Grundsatz verfahren, dass der Krieg den Krieg ernähren müsse, d. h. er hatte stets die Gebiete zum Unterhalt seiner Truppen herangezogen, in denen er sich gerade aufgehalten hatte, ganz gleich, ob es sich um gegnerische, neutrale oder verbündete Territorien gehandelt hatte. Außerdem erschien der Generalissimus in religiösen Fragen gänzlich gleichgültig. Unter ihm dienten sogar zahlreiche Protestanten als höhere Offiziere. Die massiven Beschwerden der Kurfürsten gegen den kaiserlichen Oberbefehlshaber hatten Erfolg. Der Kaiser enthob ihn seiner Kommandogewalt und unterstellte seine Armee Tilly. Sicherlich war an dieser Entscheidung der einflussreiche Beichtvater des Kaisers, der Jesuitenpater Lamormain, nicht unbeteiligt. Sie erscheint trotzdem fast unbegreiflich, denn dem Kaiser war bekannt, dass der Schwedenkönig Gustav II. Adolf mit einem Heer in Pommern gelandet war. Anscheinend unterschätzte der Kaiser die Gefahr, die ihm von dem »Schneekönig« aus dem Norden drohte. Dritter Akt: Der König von Schweden mischt sich ein
Der schwedische König Gustav II. Adolf war in vieler Hinsicht eine außergewöhnliche Persönlichkeit. Er war mit 17 Jahren auf den Thron gelangt und hatte sich als Heerführer wie als Politiker die Achtung seiner Zeitgenossen erworben. Er führte ein kraftvolles Regiment in seinem Lande, das er in wenigen Jahren zu einer starken Militärmacht entwickelt hatte. Als überzeugter lutherischer Christ achtete er auf Disziplin in seinem Heer, in dem Gebet und Gottesdienst ebenso wichtig wie Exerzieren genommen wurden. Die Gründe für seine Beteiligung am Krieg gegen Habsburg sind von den Historikern ausführlich diskutiert worden. Die Protestanten unter ihnen sahen in ihm den uneigennützigen Streiter für die evangelische Sache. Hatte er nicht selbst geschrieben, dass ihm Augen und Herz bluten, wenn er an das Elend seiner Glaubensbrüder in Deutschland denke? Aber im gleichen Brief an den schwedischen Reichsrat verwies er auch darauf, dass die Gegner an der Ostsee Fuß gefasst, alle Häfen in Mecklenburg und Pommern eingenommen und im Begriff stünden, eine Flotte zu bauen, um den schwedischen Handel zu stören und schließlich Schweden durch eine Invasion zu bedrohen. Sicherlich sah der König im Interesse der Habsburger an der Ostsee eine ernste Bedrohung der schwedischen Machtsphäre; denn er selbst hatte bereits die baltisch-preußische Küste erobert und erstrebte für sein Land die Vorherrschaft im Ostseeraum. Gustav II. AdiolfGustav II. Adolf machte Schweden zur Großmacht: Kriege, Heeresreform und Maßnahmen zur Belebung der wirtschaftlichen Entwicklung. Ölgemälde von Antonis van Dyck. München, Bayerische Staatsgemäldesammlungen. Der Drang, wichtige Gebiete zu erobern, d. h. das schwedische Territorium zu vergrößern, und das Bestreben, seine Glaubensgenossen gegen die habsburgische Gegenreformation zu schützen, waren untrennbar miteinander verbunden. Es entspräche nicht dem Geist der Zeit, wollte man beide Motive voneinander trennen. Der Schutz der Protestanten war eben nur durch expansive Politik und Sieg auf dem Schlachtfeld zu erreichen. Allerdings gelang es der schwedischen Propaganda, stets die religiösen Motive in den Vordergrund zu stellen. Auf der anderen Seite schloss Gustav II. Adolf 1631 mit Frankreich, vertreten von Kardinal Richelieu, einen Bündnisvertrag, in dem er sich verpflichtete, ein Heer von 30000 Fußsoldaten und 6000 Reitern in Deutschland zu unterhalten, wofür er jährlich eine Million Livres als Subsidien erhalten sollte. So viel war Frankreich ein tatkräftiger Kämpfer gegen die habsburgische Machtstellung in Europa wert! Die Zerstörung Magdeburgs
Bei den deutschen protestantischen Fürsten fand das Erscheinen des Schwedenkönigs keinen ungeteilten Beifall. Die geächteten Herzöge von Mecklenburg und der protestantische Administrator des Erzbistums Magdeburg hofften durch ihn ihren Besitz wieder zu gewinnen, während Kursachsen und die Hansestädte lieber neutral sein wollten und Brandenburg eine dauernde Festsetzung der Schweden an der deutschen Küste fürchtete. Während Gustav II. Adolf noch mit den Fürsten verhandelte, wurde Magdeburg von Tillys Truppen erstürmt. Dabei ging die Stadt in Flammen auf, und ein großer Teil der Bewohner fand den Tod. Wer die Schuld für dieses »Hiroshima« des 17. Jahrhunderts trug, ist nie ganz geklärt worden. Die Protestanten schoben Tilly die Schuld zu, die Katholiken behaupteten, die Magdeburger hätten selbst ihre Pulvermagazine gesprengt und ihre Häuser angezündet, da sie vorzogen, lieber unter den Trümmern begraben zu sein, als unter katholischer Herrschaft weiterzuleben. Beides ist unwahrscheinlich. Tilly hätte die reiche und wohlbefestigte Stadt mehr genützt, als rauchende Trümmer; die Protestanten konnten durch einen Wechsel des Kriegsglücks auf Befreiung hoffen. Man wird wohl annehmen können, dass die in die Stadt eindringenden kaiserlichen Soldaten an verschiedenen Stellen Feuer gelegt hatten, um den Widerstand in den Straßen der Stadt zu brechen. Dass unter den gegebenen Verhältnissen niemand mehr der Flammen Herr geworden ist, ist kaum verwunderlich. Das Blatt wendet sich: Niederlage des Kaisers bei Breitenfeld
Die Katastrophe von Magdeburg führte den protestantischen Fürsten den Ernst der Lage vor Augen. Gustav II. Adolf rückte mit seinen durch deutsche Söldner verstärkten Truppen in die Mark Brandenburg ein und drängte den Kurfürsten zum Anschluss. Sachsen – von Tilly teilweise verwüstet – schlug sich ebenfalls auf die schwedische Seite. Der Siegeslauf der Schweden durch Deutschland konnte beginnen. Im Herbst 1631 besiegte Gustav II. Adolf bei Breitenfeld nördlich von Leipzig das kaiserliche Heer unter Tilly, der von seiner Armee von etwa 36000 Mann 7000 Gefallene, ebenso viele Gefangene, 5000 Deserteure sowie den Verlust seiner gesamten Artillerie und seiner Kriegskasse zu beklagen hatte. Eine Ursache des schwedischen Siegs war die bewegliche Taktik des Heeres. Die Schweden zogen weiter durch Thüringen und Franken und überwinterten in Mainz. Die eroberten Gebiete unterstellten sie der schwedischen Verwaltung, die damit die Finanzierung des Heeres sicherte. Die geistlichen Territorien der Bischöfe von Würzburg und Bamberg, deren Herren geflohen waren, erhielt Bernhard von Weimar, der tüchtigste deutsche Mitkämpfer des Schwedenkönigs, als Herzogtum Franken zu Lehen. Triumphator Gustav II.Der Schwedenkönig als Triumphator. Allegorischer Flugblatt-Kupferstich auf den siegreichen Herrscher (1632). Im Frühjahr 1632 setzte Gustav II. Adolf seinen Vormarsch fort. Bei Rain am Lech schlug er das kaiserlich-ligistische Heer vernichtend. Tilly selbst wurde in der Schlacht so schwer verwundet, dass er wenige Tage später starb. Damit war Baiern schutzlos dem Sieger preisgegeben. Die Schweden zogen in München ein und forderten 200000 Taler als Kriegskontribution. Das Glücksrad hatte sich wieder gedreht. Die Lage der kaiserlich-katholischen Partei schien verzweifelt, nachdem auch noch französische Truppen die Erzbistümer Trier und Köln besetzt hatten. Kaiser Ferdinand II. hatte schon nach der schweren Niederlage seiner Truppen bei Breitenfeld mit Wallenstein, der sich auf seine böhmischen Besitzungen zurückgezogen hatte, über die Neuaufstellung eines Heeres verhandelt. Der Friedländer allerdings forderte einen hohen Preis: Als »General-Oberst-Feldhauptmann« sollte ihm die gesamte Kriegsführung unterstehen; nur die Truppen der Liga und Spaniens waren hiervon ausgenommen. Er verlangte Vollmacht, mit den Sachsen Frieden zu schließen und mit den Gegnern zu verhandeln. Die Ratifikation aller Vereinbarungen sollte allerdings dem Kaiser vorbehalten bleiben. Vom Kaiser und von Spanien sollte er Zuschüsse zum Unterhalt seiner Truppen erhalten. Als Ersatz für das verlorene Mecklenburg verlangte er das Fürstentum Glogau als Pfand. Im Frühjahr 1632 vertrieb Wallenstein mit seinem neu aufgestellten Heer von etwa 30000 Mann die Sachsen aus Böhmen. In der Nähe von Nürnberg traf sein Heer auf das des Schwedenkönigs. Dieser bezog ein befestigtes Lager in der Ebene, Wallenstein und Maximilian verschanzten sich auf dem Hügel der Alten Veste. Maximilian I. wollte mit den zahlenmäßig überlegenen Truppen eine Entscheidungsschlacht wagen, aber der Friedländer hielt ihn zurück. Nach Wochen der Untätigkeit versuchte Gustav II. Adolf die feindlichen Stellungen im Sturm zu nehmen, aber er wurde unter großen Verlusten zurückgeschlagen. Daraufhin zogen die Schweden nach Süden und die Kaiserlichen nach Norden ab. Als Wallenstein in Sachsen einfiel, eilte ihm Gustav II. Adolf nach und stellte ihn bei Lützen zur Schlacht. Der erbitterte Kampf endete mit einem Sieg der Protestanten, der allerdings teuer erkauft war: Gustav II. Adolf war gefallen. An der Spitze einer Reiterabteilung war er im Nahkampf von mehreren Kugeln tödlich getroffen worden. Religiöse Überzeugung und politische Interessen bestimmen das Gesetz des Handelns
Der Tod hatte Gustav II. Adolf – sicherlich neben Wallenstein die bedeutendste Gestalt des Großen Krieges – wie kurz darauf seinen großen Gegner ereilt, bevor er seine Absichten und Ziele verwirklichen konnte. Ganz gleich, ob man heute religiöse oder machtpolitische Motive als Triebfeder seines Handelns ansieht, hat er dem deutschen Protestantismus in seiner dunkelsten Stunde aufgeholfen und Mittel- und Norddeutschland vor der Rekatholisierung bewahrt. Seine Ziele mögen mit seinen Erfolgen gewachsen sein. Bei allem ging es ihm um Entschädigung Schwedens für die gebrachten Opfer, d. h. Landerwerb an der deutschen Ostseeküste und Sicherheit für die deutschen Protestanten durch einen festen Zusammenschluss unter schwedischem Schutz. Dass er nach der Kaiserkrone gestrebt habe, ist unwahrscheinlich; eher schwebte ihm wohl die Schaffung eines mächtigen Ostseereiches vor, das Schweden und den protestantischen Norden Deutschlands umfassen sollte. Dass er den Katholizismus in Deutschland mit der finanziellen Unterstützung des katholischen Frankreichs bekämpfte und Frankreich so mit seinen Hilfsgeldern die deutschen Protestanten vor der Gegenreformation bewahrte, zeigt, dass Religion und Machtpolitik im Widerspruch standen. Gustav II. Adolfs Tod bedeutete keineswegs den Rückzug Schwedens aus Deutschland. An seine Stelle trat der tatkräftige und diplomatisch geschickte Kanzler Graf Axel von Oxenstjerna (1583-1654), der mit den vier oberdeutschen Reichskreisen in Heilbronn im April 1633 ein Bündnis schloss. Die Kreise verpflichteten sich zum Unterhalt einer Armee, die für die Erringung günstiger Friedensbedingungen und eine gebührende Entschädigung Schwedens sorgen sollte. Eine einheitliche militärische Führung allerdings fehlte; der schwedische General Horn und Herzog Bernhard von Weimar sollten sich im Oberbefehl abwechseln. Wallenstein zog sich nach der Schlacht von Lützen nach Böhmen ins Winterquartier zurück. Er knüpfte Friedensverhandlungen mit Sachsen und Brandenburg an, wozu er nach seiner Vereinbarung mit dem Kaiser wohl berechtigt war. Das ganze folgende Jahr hielt er sich militärisch sehr zurück und verhandelte dafür mit allen gegnerischen Parteien. Vielleicht verfolgte er dabei die Absicht, den Zustand von 1618 wiederherzustellen, weil er die Bestimmungen des Restitutionsedikts für überzogen hielt. Vielleicht leitete ihn auch Rachsucht gegen den Kaiser und die Fürsten, die ihn drei Jahre vorher um die Früchte seiner Siege gebracht und die Demütigung seiner Entlassung bereitet hatten; er könnte sich auch Hoffnung auf die Krone Böhmens gemacht haben, ermutigt von böhmischen Emigranten; es könnte aber auch die Erkenntnis gewesen sein, dass die Probleme, die hinter dem Krieg standen, nicht auf dem Schlachtfeld, sondern nur durch Verhandlungen zu lösen waren. Auch sein Glaube an die Wirkung der Konstellation der Sterne auf das menschliche Schicksal und sein angegriffener Gesundheitszustand könnten einiges erklären. Vielleicht war es eine Mischung vieler Beweggründe, die für ihn selbst undurchschaubar war und ihn in seiner Entschlusskraft hemmte. Seine zaudernde Kriegsführung und seine vielfältigen Verhandlungen, seine ungenauen und mehrdeutigen Berichte an den Wiener Hof sowie seine offensichtliche Abneigung gegen Jesuiten und andere religiöse Eiferer weckten in Wien Verdacht. Text der Zeit
Zeitgenössischer anonymer Bericht über die Wurtzener Kreuz- und Marterwoche

Am 4. April 1637, Dienstag vor Ostern, ist eine rechte Marterwoche zu Wurtzen angangen und die Passion mit derselben gespielt worden, indem gegen zwei Uhren vormittag von beyden Kirchthürmen etliche starcke Troppen Reuter, geschwind und eilfertig, zur Stadt zu eilende gesehen und dem Bürgermeister angemeldet worden. Als die Bürger, so die Wach bestellet, gefraget, was ihr Begehr sey, haben sie geantwortet, sie wolten futtern; ehe man aber die Schlüssel zum Schlage erlanget, haben sie selbst mit einer Axt den Schlag geöffnet und hinein nach der Stadt zu gesprenget. Hierauf seynd die Raubvögel von beyden Thoren häuffig zugeflogen, dass gleich in einem Augenblick der Marck voller Reuter gewesen, welche mit Loßschießung und bloßen Degen in den Händen führend in die Gassen sich ausgetheilet, über die massen furiosisch sich erzeiget, und jedermann grausame Furcht und Schrecken eingejaget. In der ersten Furi seynd ihrer nicht wenig auf den Dom geeilet, daselbsten Thür und Thor, wie auch die Kirch-Thüren und die Sacristey mit Gewalt zerhauen, zerschlagen und erbrochen, den Leuten, ohn Unterscheid der Person, geistliches und weltliches Standes, Edel und Unedel, vornehmen Beambten, Manns- und Weibs-Personen, die Kleider von dem Halse erab gerissen, bloße Degen, wie auch gespannete Rohr auf die Brust und an das Haupt gesetzt, dergleichen von andern in und vor der Stadt allenthalben geschehen, die Leute genöthiget zu bekennen, wo sie das Geld und die besten Sachen verwahret und vergraben hätten, da denn andere außen am Domberge und anderswo aufgewartet, diejenigen, so zu den Hinderthüren heimlich davon gewolt, wiederum zurück getrieben, über die maßen geängstiget, auch do etlich, der Tyrannen zu entrinnen, durch den engen Molden-Strom bey der Stadt-Mühlen sich gewaget, grimmiger Weiß nachgesetzet und ergriffen. [...] Denn da sind die Räuberischen Soldaten durch alle Gemach, Stuben und Kammern, Küchen und Keller, Gewölb und Boden, Ställ und alle heimliche Winckel gelauffen, alles durchsuchet und nochmahls durchgraben, Kisten und Kästen aufgehauen und zerschlagen, und was sie funden oder sonst erforschet und verkundschafft an Geld und Baarschaft, Geräthe, Haußrath, Victualien, Kleidung, Bett und Bettgewand, Metall und allerhand Fahrniß, so ihnen gefallen, mit sich genommen, zu hauffe getragen und hernach Pferde und Wägen damit beladen. Hierbey haben sie mit den Leuten über Barbarischer Weiß umgangen, sie gepeinigt, übel geschlagen, geprügelt, geschraubet, gerädelt, gestochen, verwundet, die Arm auf den Rücken gebunden, niemals geschonet, auch der Krancken, Schwangern und kleinen Kinder nicht. Mannes-Personen haben sie mit härinnen Strik-ken umfasset, Schweffei auf den bloßen Leib getreuffelt, höltzerne Pflöcklein zwischen die Nägel an Händen und Füssen geschlagen, die Fußsolen creutzweiß aufgeschnitten, Saltz und Gersten-Körner hinein gestreuet, welche gequollen, und überaus große Schmertzen verursachet, und auf andere unerhörte Weise, so nicht zu beschreiben, die Leute grausam gemartert, dass auch der Scharffrichter bekennet, er hätte auf Befehl der Obrigkeit gegen die Übelthäter nicht so arg verfahren können, alles zu dem Ende, damit durch solche Marter alles ausgepresset, bekennet und in ihre Klauen übergeben würde. Der Schwedische Trunk, also genennet, ist sehr gemein gewesen, indem ihrer vielen unreinen Seyffen- und Pfützen- Wasser oder Mistjauch in den mit einen Spanner oder Röhrlöffel ausgespreitzten Mund, so viel als hinein zu bringen gewesen, gefüllet, über eine Weile hernacher auf ihren Leib gesprungen, und die hinein gegossene Jauche heraus getrieben worden, dadurch ihrer viel um ihre Gesundheit gebracht, dass sie es die Zeit ihres Lebens nicht verwinden, mehrer theils sind schon davon gestorben. Als diese grausame Tragoedi biß um Vesper-Zeit agiret, ist anderweit Schwedisch Volck etlich hundert starck in Wurtzen eingefallen, welches die Plünderer, in Meynung, es wäre ihr Feind, in etwas perturbiret, dass sie zu Pferde geblasen, bald als vermercket, dass es ihr Volck wäre, und ihr voriges Rauben continuiret. Das neuankommende Volck hat vorgeben, die Ersten hätten hierzu kein Ordre gehabt, Sie aber wären der Futteragi halber außcommandiert worden. Ihr Obr. Leutenant hat selbst und durch einen zu mehrenmahlen in derselben Nacht abgefertigten Hauptmann, den Herrn Superintendenten und die Raths-Personen sich davon zu machen und außzugehen ermahnet, mit Erwehnung, dass es je länger je ärger werden würde, auch do man etwas geseumet, bald mit anbrechendem Tag drey Reuter vor die Pfarrwohnung zu einer Convon geschickt, darauff denn etliche hundert Personen zugleich mit ausgegangen und elendiglich den Domberg herab nach der Fähre an die Mulda gewandert. Ein elend Spectakel und Wanderschafft war da zu sehen, als das Volck häuffig ohne Unterschied und durch einander, Mann und Weib, Kind, Gesind, Jung und Alt, Bürger, Bauer, Adel, Priester, Arm und Reich usw. nach der Mulda zugeeilet und eines das andere fort getrecket und sonderlich die Eltern mit den Kindern sich getragen und geschleppet, wiewol derselben auch viel zurück geblieben, so in dem plötzlichen Einfall, Schrecken und Tumult der Feinde hin und wieder verscheucht und verjaget worden, theils auch kranck gelegen, und nicht gerettet werden können. Und also Eltern und Kinder, Mann und Weib, Bruder und Schwester von einander getrennet worden. [...] Diesen Tag, den 5. Aprilis, wie auch folgenden 6. und 7. ist alles Viehe, groß und klein auß der Stadt hinweg nach Torgau und Eulenburg getrieben worden, und weil täglich neue Parteyen mit Roß und Wagen ankommen, haben sie auch mit der Plünderung, so wol als Peinigung und Marter der Leute desto grimmiger fortgefahren, alle Häuser und Keller durchsucht und durchgraben, und sonderlich in der Kirchen alles, was eines Mannes tieff vergraben, eingespündet, mit übergesetzten Ziegeln verwahret, außgekundschaffet, die Leichensteine auffgehoben und über die massen gefrevelt, bis Charfreytags die Passion vollend gespielet, und der garauß mit der Stadt gemacht worden, indem Vormittag zwischen neun und zehn Uhr die gantze Stadt im Feuer auffgangen und erbärmlich eingeäschert worden.
Aus: Ch. Schöttgen, Historie der chursächsischen Stadt Wurtzen. Wallensteins Ende
Am Hofe war eine Koalition von alten und neuen Feinden am Werk, die seinen Sturz betrieb. Als er dann noch einige in seine Gefangenschaft geratenen schwedischen Generale – darunter den Grafen Thurn, den Anführer der böhmischen Rebellion – freiließ, und die Eroberung Regensburgs durch Bernhard von Weimar nicht verhinderte oder zumindest rächte, konnten seine Gegner den Kaiser überzeugen, dass er es mit einem Verräter zu tun habe. Wallenstein selbst hatte sich im Netz seiner undurchsichtigen und widerspruchsvollen Aktionen verfangen. Sein Zaudern und seine stets zweideutige Haltung weckten auch bei den Protestanten Misstrauen. Sie sahen Fallstricke in seinen Friedensangeboten. Im Januar 1634 spürte er das über ihn hereinbrechende Verhängnis und versuchte, sich durch die Drohung seines Rücktritts im sogenannten »Pilsener Reverse« die unbedingte Treue seiner Offiziere zu sichern. Gerade dies schien in Wien ein Beweis seines Hochverrats zu sein. Rechtzeitig hatte sich der Kaiser die Ergebenheit der höchsten Kommandeure in Wallensteins Heer gesichert. Nun erklärte er Wallenstein für abgesetzt und erteilte den Grafen Gallas, Piccolomini und Aldringen zunächst geheim den Befehl, »das Haupt und die vornehmsten Mitverschworenen«, wenn irgend möglich, gefangen zu nehmen und nach Wien zu bringen oder als überführte Schuldige zu töten. Im Proskriptionspatent vom Februar 1634 wurde der Feldherr dann öffentlich als Hochverräter bezeichnet, seine Offiziere des Eides entbunden und der Pilsener Reverse für ungültig erklärt. Noch glaubte Wallenstein an die Möglichkeit eines ehrenvollen Rücktritts. Er ließ seine Offiziere in einem zweiten Revers versichern, dass die Verpflichtung auf ihn niemals gegen Kaiser und Religion gerichtet sei und bot in Wien seinen Rücktritt an. Gleichzeitig aber forderte er Schweden und Sachsen auf, Truppen an die böhmische Grenze zu entsenden. Mit der öffentlichen Verurteilung setzte ein Massenabfall ein. Kommandeure zogen ihre Regimenter ab, so dass er sich schließlich mit dem Rest seiner Getreuen und einigen Verrätern nach Eger begab. Hier, im äußersten Westen Böhmens, glaubte er sich sicher. Johann Gordon, dem schottischen Festungskommandanten, hatte er viel Gutes erwiesen. Hier gedachte er, die protestantischen Truppen zu erwarten, in deren Schutz er sich begeben wollte. Aber Bernhard von Weimar sagte, dass er für den Herzog von Friedland nicht einen Hund satteln lassen werde. Nun konnte niemand mehr das Verhängnis aufhalten. Von Eger war er zweimal ausgezogen, um seinem Kaiser »die wacklige Krone wieder fest aufs Haupt zu setzen«; in Eger ereilte den Geächteten der kaiserliche Mordbefehl. Von seinem einstmals furchterregenden Heer war ihm nur ein kleiner Trupp gefolgt, insgesamt vielleicht 1400 Mann. Auf dem Wege hatte sich noch der irische Oberst Walter Butler mit seinem Dragonerregiment angeschlossen. Butler, Gordon und der schottische Oberstwachtmeister Leslie, dieses verräterische Trio, heuchelte dem Feldherrn Ergebenheit und bereitete die Exekution vor. Sie luden die letzten Anhänger Wallensteins, die Grafen Trcka, Ilow und Kinsky sowie den Rittmeister Niemann zu einem fröhlichen Umtrunk in die Festung ein und machten die Nichtsahnenden kurzerhand nieder. Dann begab sich Butler mit einigen eingeweihten Offizieren in die Stadt, wo der Herzog Quartier genommen hatte. Es war stockdunkel, und der Sturm peitschte durch die Gassen. Mit der Ausführung der Tat beauftragte Butler den Hauptmann Deveroux. Dieser drang mit sechs Bewaffneten in das Pachelbelsche Haus ein, in dem Wallenstein wohnte. Sie sprengten die Türen auf und fanden den Herzog in seinem Zimmer an einen Tisch gelehnt. »Du schlimmer, meineidiger, alter, rebellischer Schelm!« soll Deveroux geschrien haben, bevor er sein Opfer mit einer Partisane durchbohrte. »Ah, Quartier…«, die Gnadenbitte des Soldaten, soll das letzte Wort des Friedländers gewesen sein. Die Tat erregte ungeheueres Aufsehen. Diejenigen, die auf seiner Seite gekämpft hatten und die ihm Reichtum, Ruhm und Ansehen verdankten, versuchten sich und das Ihre zu retten. Sie schmähten den Toten und krochen vor dem Kaiser. Das Mördertrio stritt sich, weil jeder den Ruhm der Tat für sich allein beanspruchte. Wie die Geier stürzten sich diejenigen, die rechtzeitig das sinkende Schiff des Friedländers verlassen hatten, auf die Güter und Reichtümer der Exekutierten. Aber es gab auch andere Stimmen, die behaupteten, der Ermordete sei unschuldig; alles sei nur eine Intrige, die die Spanier ersonnen und andere Ausländer ausgeführt hätten. Es wurde der Vorwurf erhoben, dass man Wallenstein nicht ohne ein ordentliches Gerichtsverfahren hätte hinrichten dürfen. Die Beteiligten rechtfertigten ihre Tat mit dem Hinweis, dass die protestantischen Truppen schon unweit von Eger standen. Richtiger ist wohl, dass sie jedes Risiko vermeiden wollten. Noch standen die Trckaschen Kürassiere und einige andere Kompanien treu zu ihrem Feldherrn. Nur wenn er tot war, waren sie ungefährlich. Und wer hätte wohl den Mann gefangen und nach Wien gebracht, der sein Heer so oft zum Sieg geführt hatte? Und ein toter Wallenstein konnte auch vor Gericht keine unangenehmen Enthüllungen machen und darauf verweisen, dass andere ihm bedenkenlos gefolgt waren, so lange Aussicht auf Ruhm und Beute bestand. So war der Mord die sicherste Lösung. EgerMordnacht zu Eger. Dem Überfall der abtrünnigen auf die ergebenen Offiziere Wallensteins folgt der zweite Akt: Hauptmann Deveroux ersticht den Feldherrn in seinem Schlafzimmer im Pachelbel-Haus mit der Partisane. Ein wahrer publizistischer Sturm folgte. Streitschriften wurden verbreitet, Gedichte liefen um. Man sprach von einer »meuchelmörderischen Schandtat, davor sich Sonne und Mond, ja das ganze Firmament billig entsetzt«, man sprach aber auch von dem schändlichen Verrat am Kaiser und an der katholischen Religion. Beweise für einen Verrat Wallensteins fanden sich jedoch nicht. Hätte sie es gegeben, so wären sie sicherlich von denen vernichtet worden, die dadurch belastet worden wären. Nach Wallensteins Tod gewann die kaiserliche Partei die militärische Initiative zurück. Regensburg wurde zurückerobert, Nördlingen belagert, und das protestantische Heer unter Bernhard von Weimar und General Horn, das zum Entsatz herbeieilte, wurde von den kaiserlichen und spanischen Truppen in einer zweitägigen, außerordentlich verlustreichen Schlacht fast völlig vernichtet. Dadurch fiel fast ganz Süddeutschland wieder in die Hand des Kaisers. Sachsen trennte sich daraufhin von Schweden und schloss mit dem Kaiser im Mai 1635 den Frieden von Prag, dem die meisten Reichsstände beitraten. Darin verzichtete der Kaiser auf die Durchführung des Restitutionsedikts und beließ die Besitzverhältnisse der geistlichen Territorien, wie sie 1627 gewesen waren. Die Reichsstände durften weder Truppen unterhalten noch Bündnisse schließen. Sogar die katholische Liga sollte aufgelöst werden. Eine Reichsarmee unter kaiserlichem Oberbefehl sollte die Durchführung des Friedens gewährleisten. Damit hatte der Kaiser einen großen Erfolg errungen. Er hatte zwar auf die Rekatholisierung und Wiederherstellung der säkularisierten geistlichen Besitzungen verzichtet; aber er hatte seine Position gegenüber den Ständen so sehr verbessert, dass man tatsächlich sagen kann, er habe »das Reich in eine Monarchie verwandelt«. Es lohnt sich kaum, das verwirrende Hin und Her der verschiedenen Armeen zu verfolgen. Viele Truppenbewegungen werden nur verständlich, wenn man berücksichtigt, dass die Heere aus einem geplünderten und verwüsteten Land abziehen mussten, um an einem anderen Ort wieder Nahrung zu finden. Nach 1640 waren die schwedisch-französischen Heere meist erfolgreich, während die Macht der Habsburger ständig sank. Die Kriegsmüdigkeit erfasste wohl auch die Herrschenden, die früher oder später erkennen mussten, dass die Probleme der Zeit nicht auf dem Schlachtfeld gelöst werden konnten. So sind die letzten Kriegsjahre von dauernden Verhandlungen über die Gestaltung des künftigen Friedens begleitet. Die Kämpfe wurden eigentlich nur weitergeführt, um durch militärische Erfolge die Verhandlungsposition zu stärken. Endlich – nach vier Jahren intensiver Friedensgespräche – wurde im katholischen Münster der Vertrag mit Frankreich und im protestantischen Osnabrück der Vertrag mit Schweden geschlossen – der Krieg war nach 30 Jahren zu Ende. Nach dem Westfälischen Frieden: Das Reich – ein Monstrum?
Der Friede war nicht nur ein »ewiges und allgemeines Reichsgrundgesetz«, sondern zugleich ein Religions- und Völkerfriede, der das Zeitalter der Reformation und Gegenreformation und der spanischen Vormachtstellung abschloss und die Epoche des Absolutismus heraufführte, in der das »Konzert der Mächte« unter der Leitung Frankreichs die europäische Bühne beherrschte. Das deutsche Reich spielte dabei nur eine zweitrangige Rolle. Von der Machtfülle des Kaisers, die er im Frieden von Lübeck oder auch noch im Frieden von Prag besessen hatte, war kaum mehr als ein Schatten geblieben. Diese letzten Versuche des Kaisertums, eine zentralistische Gewalt zu errichten, waren gescheitert. Die staatliche Entwicklung vollzog sich für mehr als zwei Jahrhunderte in den großen deutschen Territorien, die als Sieger aus dem Krieg hervorgingen. Schwierig gestaltete sich die Entschädigung der am Kriege beteiligten auswärtigen Mächte. Schweden erhielt Vorpommern, die Insel Rügen, Wismar, Verden, Bremen und fünf Millionen Taler. Mit diesen Besitzungen waren Sitz und Stimme im deutschen Reichstag verbunden. Frankreich erhielt die habsburgischen Besitztitel im Elsass, die zum Sprungbrett für die fast hundertjährige Offensive der »Reunionen« wurden. Wenn auch der endgültige Niedergang der spanischen Macht erst im Pyrenäenfrieden – 1659 zwischen Frankreich und Spanien geschlossen – offenbar wurde, so hatte Frankreich doch schon 1648 die »habsburgische Zange« aufgebrochen und ging nun von der Defensive zur Offensive über. Frankreich und Schweden waren als Garantiemächte des Friedens stets in der Lage, sich in die inneren Verhältnisse des Reiches einzumischen. Die religiösen Streitigkeiten wurden so beigelegt, wie es der Augsburger Religionsfriede 1555 vorgesehen hatte; allerdings wurde nun auch der Calvinismus reichsrechtlich anerkannt. Für den Besitzstand der Konfessionen sollte 1624 das »Normaljahr« sein. Jeder Ort blieb also bei der Konfession, zu der er sich in diesem Jahr bekannt hatte. Die habsburgischen Erblande sowie die Oberpfalz waren davon jedoch ausgenommen. Alle Reichsorgane sollten paritätisch besetzt werden. In Religionsangelegenheiten sollten beide Konfessionen als geschlossene Körperschaften im Reichstag beschließen, wobei nur bei völliger Übereinstimmung der Beschluss wirksam würde. Das Vertragswerk von 1648 ist häufig als der »tiefste Punkt in der deutschen Geschichte« bezeichnet worden. Man hat die »Aushöhlung der Reichsgewalt durch Übertreibung der Libertät« gescholten und Hufendorf zitiert, der das Reich als einen »monstrumähnlichen Körper« bezeichnet oder auf Voltaire verwiesen, der gesagt hat, es sei weder heilig noch römisch noch überhaupt ein Reich. Diesem negativen Urteil wird heute nicht mehr ganz beigestimmt. Sicher: der Kaiser konnte die Politik der großen Territorien nicht mehr beeinflussen; Österreich und im Laufe der Zeit auch Brandenburg-Preußen wuchsen immer mehr über den Reichsverband hinaus. Aber das Reich war immer noch der Rahmen, in dem die große Zahl der mittleren, kleinen und kleinsten Reichsglieder eineinhalb Jahrhunderte ihre politische Heimat hatte. Hier entwickelte sich die unendlich vielfältige Welt des Barock, hier sorgte der Kaiser für Recht und Frieden. Nur wer die Macht eines Staates zum alleinigen Kriterium der Beurteilung macht, kann übersehen, dass das Reich immer noch ein lebendiger Organismus war, der seinen Gliedern ein Höchstmaß an Individualismus zubilligte, und in dem seine Bewohner bestimmt nicht unglücklicher gelebt haben, als in Staaten, deren Macht eine expansive Politik erlaubte. Dass das Reich in Stunden der Gefahr auch noch zu militärischen Leistungen fähig war, beweist nicht zuletzt die Befreiung Wiens von den Türken, an der Reichstruppen einen wesentlichen Anteil hatten. Der Dreißigjährige Krieg hatte – ebenso wie alle vorhergehenden und nachfolgenden – großes Leid und Elend über viele Beteiligte oder Betroffene gebracht. Er war begleitet von Konfiskation, Einquartierung, Kontributionen und anderen drückenden Lasten, von Zerstörung, Verwüstung, Plünderung, Mord, Hunger und Seuchen. Dass die zeitgenössischen Berichterstatter in ihm ein beispielloses Ereignis sahen, ist verständlich. Lange haben die Geschichtsschreiber die erschütternden Einzelberichte der Chronisten verallgemeinert, und so entstand das herkömmliche Bild dieses Krieges, dem angeblich die Hälfte der deutschen Bevölkerung zum Opfer gefallen sein und der einen totalen wirtschaftlichen, kulturellen und moralischen Verfall mit sich gebracht haben soll. Beim Fehlen umfassender zeitgenössischer Statistiken ist es natürlich sehr schwer, einigermaßen zutreffende Aussagen über das Ausmaß der Schäden und Verluste an Mensch, Vieh und Besitz zu machen. Überdies schwankte der Grad der Betroffenheit von Ort zu Ort sehr stark. Es gab Gegenden, die immer wieder verwüstet wurden -z. B. die Rheinübergänge bei Breisach und Wesel, die Ebenen von Brabant und Leipzig, die großen Heerstraßen an Donau, Main und Rhein – aber es gab auch weite Gebiete, die selten oder kaum von Kriegshandlungen betroffen wurden. Zudem waren die Heere relativ klein, und während des Winters herrschte häufig Waffenruhe. Die Verluste auf dem Schlachtfeld waren zahlenmäßig gering. Teile der unterlegenen Truppen wurden häufig von den Siegern in ihre Dienste genommen. Schlimmer waren die Verluste durch Seuchen – Beulenpest, Typhus, Geschlechtskrankheiten -, aber diese epidemisch auftretenden Krankheiten hatten auch in früheren Jahrhunderten regelmäßig das Land heimgesucht und zu keinem nachhaltigen Bevölkerungsrückgang geführt. Wenn ganze Landstriche verödet erschienen, so war oft die Flucht der Bevölkerung in die sicheren Städte die Ursache. Agrarhistoriker konnten nachweisen, dass viele Wüstungen, für die man früher den Krieg verantwortlich gemacht hatte, schon auf das 14. oder 15. Jahrhundert zurückgehen. Auch nach dem Krieg verödeten noch Dörfer, weil ihre Bewohner in die Städte zogen, die ihnen wesentlich bessere wirtschaftliche Möglichkeiten boten. Die meisten Großstädte hatten während des Krieges nie einen feindlichen Soldaten innerhalb ihrer Mauern gesehen. Hamburg war um die Mitte des 17. Jahrhunderts die wohlhabendste deutsche Stadt; andere Nord- und Ostseehäfen konnten wenigstens zeitweise ihren Handel stark ausweiten. Nürnberg gründete 1621 den »Banco Publico«, handelte trotz Krieg erfolgreich mit Musikinstrumenten, Uhren und Spielzeug und besaß mit dem Verlagshaus Endter die größte Druckerfirma im Reich. Selbst in den Zentren des Kriegsgeschehens können wir erstaunliche Beweise des Lebenswillens und der Tüchtigkeit der Bevölkerung erkennen. Leipzig wurde 1631 von Tilly geplündert, 1632 von Wallenstein besetzt, 1633 von General Holk beschossen, 1637 von Banér belagert und 1642 bis 1650 von den Schweden besetzt gehalten. Drei große Schlachten wurden in unmittelbarer Nähe geschlagen: 1631 und 1642 bei Breitenfeld und 1632 bei Lützen. Überdies wurde 1637 die Stadt von einer verheerenden Pestepidemie heimgesucht, und trotzdem geht Leipzig aus dem Krieg als das deutsche Handelszentrum schlechthin hervor, wo sich alljährlich zweimal bei den Messen Groß- und Einzelhändler aus ganz Europa treffen. Auch das Verschwinden renommierter alter Handelshäuser und eine Häufung von Konkursen ist noch kein Beweis für einen allgemeinen wirtschaftlichen Niedergang. Heereslieferanten, Spekulanten und Generäle hatten dafür ungeheuere Gewinne gemacht. Neben der Zerstörung ist eine grundlegende Umschichtung des Besitzes offensichtlich. Während die kleinen und mittleren Bauern oft heftig zu leiden gehabt hatten, konnten Großgrundbesitzer ihren Besitz auf deren Kosten vergrößern. Die teils etwas übertriebenen Hinweise auf kulturellen und moralischen Niedergang lassen sich am Beispiel des literarischen und künstlerischen Schaffens am ehesten widerlegen. In einer Reihe von Städten entstanden Sprachgesellschaften, die sich um die Pflege der deutschen Sprache und Dichtung bemühten; Martin Opitz verfasste 1624 das »Buch von der Deutschen Poeterey«; bedeutende Lyriker, wie Georg Rudolf Weckherlin, Simon Dach, Paul Gerhardt, Friedrich von Spee und die Dichter der schlesischen Dichterschule bezeugen reges literarisches Leben. 1627 komponierte der Dresdner Hofkomponist Heinrich Schütz, ein Schüler Claudio Monteverdis, die erste deutsche Oper. In Frankfurt schuf der Kupferstecher Matthäus Merian seine »Topographia Germaniae« und begründete das »Theatrum Europaeum«, ein Jahrbuch für anspruchsvolle Leser. Diese Beispiele sollen die negativen Folgen des Krieges keineswegs verkleinern; dafür aber eine differenzierte Betrachtung der äußerst vielschichtigen und zeitlich wie örtlich in ihren Auswirkungen höchst unterschiedlich wirkenden Ereignisse ermöglichen. FriedenBrief und Siegel auf den Frieden. Die beiden letzten Seiten des Friedensdokuments mit den Unterschriften der Gesandten. Wien, Österreichische Nationalbibliothek. Der Dreißigjährige Krieg in Daten
1618-1623 Böhmisch-pfälzischer Krieg
1618 Prager Fenstersturz
1619 Wahl Friedrichs V. von der Pfalz zum böhmischen König
1620 Schlacht am Weißen Berg bei Prag: Sieg der kaiserlichen Truppen
1621 Strafgericht in Böhmen
1622 Tilly in der Rheinpfalz
1623 Tilly besiegt Christian von Braunschweig
1625-1629 Dänisch-niedersächsischer Krieg
1625 König Christian von Dänemark greift in den Krieg ein Wallenstein erhält den Oberbefehl über die kaiserlichen Truppen
1626 Wallenstein siegt bei Dessau über Ernst von Mansfeld Tilly siegt bei Lutter am Barenberg über den Dänenkönig
1627 Tilly und Wallenstein unterwerfen gemeinsam Norddeutschland
1628 Wallenstein belagert vergeblich Stralsund
1629 Friede von Lübeck zwischen Kaiser Ferdinand II. und Christian von Dänemark Restitutionsedikt
1630 Kurfürstentag von Regensburg Entlassung Wallensteins
1630-1635 Schwedischer Krieg
1630 König Gustav II. Adolf von Schweden landet in Pommern
1631 Tilly erobert Magdeburg; er wird von Gustav Adolf bei Breitenfeld besiegt
1632 Tilly wird bei Rain am Lech tödlich verwundet, Neue Berufung Wallensteins, Schlacht bei Lützen, Gustav Adolf fällt
1633 Herzog Bernhard von Sachsen-Weimar erobert Regensburg
1634 Wallenstein ermordet, Niederlage der Schweden bei Nördlingen
1635 Friede zu Prag zwischen dem Kaiser und Sachsen, Konfessionspolitische Regelungen
1635-1648 Schwedisch-französischer Krieg
1635 Frankreich greift an der Seite Schwedens in den Krieg ein
1636 Sieg der Schweden bei Wittstock
1637 Ferdinand III. wird römisch-deutscher Kaiser
1638 Bernhard von Sachsen-Weimar erobert Breisach Schweden vor Prag
1640 Reichstag zu Regensburg
1641 Schweden und Franzosen vor Regensburg
1642 Sieg der Schweden bei Breitenfeld
1644 Eröffnung der Friedensverhandlungen
1645 Sieg der Schweden über die Kaiserlichen in Böhmen
1646 Schweden und Franzosen in Baiern
1648 Friedensschlüsse in Münster und Osnabrück
DiplomatenAbgesandte aus Frankreich, Spanien, den Generalstaaten, Schweden und dem Deutschen Reich in Münster. Nach langwierigen, vierjährigen Verhandlungen konnte die Friedensdelegation endlich in Münster einziehen. Mit Liebe zum Detail zeigt Gerhard Terborch die anreisenden Diplomaten zu Pferd und in Kutschen. Münster, Landesmuseum für Kunst- und Kulturgeschichte.
Friedensabkommen»So help ons Godt«. Die schwarz gekleideten Gesandten fallen in die Schwurformel ein, die der Vertreter der Generalstaaten vorliest. Ausschnitt aus dem Ölgemälde von Gerhard Terborch. London, National Gallery.