Ritter – Verwaltung und Kultur

In der staufischen Zeit waren die Ritter bereits zu einer in sich fest gefügten Klasse geworden, der die Ministerialen, die nichtadeligen Freien und der niedere und höhere Adel angehörten, soweit sie eben Kriegsdienste leisteten. Sie zeichneten sich durch ein entsprechendes Zusammengehörigkeitsgefühl aus, betonten aber auch ihren elitären Charakter und besaßen einen Tugend- und Ehrenkodex, der sich besonders eindrucksvoll in den zeitgenössischen Dichtungen spiegelt, z. B. in den Werken Hartmanns von Aue oder Wolframs von Eschenbach. Gleichzeitig wurden sie zu Trägern einer Kultur, die das ganze Abendland nachhaltig beeinflusste. Drei Ideale bestimmten die Lebenswelt dieser Ritter: der Dienst für den Herrn, der Dienst für die Kirche und der »Frauendienst«. Herrendienst war geradezu Selbstverständlichkeit. In ihm verbanden sich reale, aus der Lehnsverpflichtung erwachsene Aufgaben und die traditionsbedingten Idealvorstellungen von Treue. Der Vasall leistete ja seinem Herrn den Treueid, den er in Krieg und Frieden gleichermaßen halten musste. »Was soll ich über die Ritter anderes sagen, als dass sie in treuem Dienst für ihre Herren und vor allem für die Verwalter des Reiches kämpfen müssen«, betonte Benizo von Sutri um 1100 und forderte sie auf, auch mutig ihr Leben einzusetzen. So gehören Treue und Mut als ritterliche Tugenden gleichermaßen eng zusammen und schließen als drittes »ritterliches« Verhalten im Kampf ein. Das zweite Ideal war der Dienst für Kirche und Christenheit. Zwar stand die Kirche ursprünglich dem Waffengebrauch verständlicherweise ablehnend gegenüber, aber schon seit Beginn des frühen Mittelalters suchte sie in Notfällen Unterstützung bei den weltlichen Mächten. Solches aus der Not geborene Zusammengehen vertiefte sich in zunehmendem Maß und führte schließlich seit dem 10. Jahrhundert nicht nur zu Billigung, sondern sogar zur Unterstützung der Krieger und zur Segnung ihrer Waffen. Zugleich aber suchte die Kirche die sich bildende Kriegerkaste in ihrem Sinne zu beeinflussen. Was sie sich dabei erhoffte, spricht wohl am deutlichsten im 12. Jahrhundert Johann von Salisbury aus: »Wozu dient die Ritterschaft? Die Kirche zu schützen, Treulosigkeit zu bekämpfen, das Priesteramt zu ehren, Ungerechtigkeit gegenüber den Armen zu beseitigen, dem Land den Frieden zu bringen, für seine Brüder das Blut zu vergießen und, wenn es nötig ist, das Leben hinzugeben.« Zu den Armen, die vor Ungerechtigkeit zu schützen waren, zählten vor allem auch die Witwen und Waisen, deren Schutz und Unterstützung in staufischer Zeit zu den vornehmsten Pflichten der Ritter gerechnet wurden. Das erste und das zweite Ideal verschmolzen in der Auffassung, dass Christus der oberste Lehnsherr bei der Rückgewinnung seines »Erbgutes« Palästina aus der Hand der Heiden forderte. Damit aber war die Kreuzzugsidee verpflichtend motiviert. Ungelöstes Rätsel – Die Minne
Das dritte Ideal, das für den ersten Augenblick wenig mit den beiden andern vereinbar erscheint, ist der »Frauendienst«. Um ihn verstehen zu können, dürfen wir nicht von heutigen Vorstellungen ausgehen und vor allem den Begriff der »ritterlichen Minne« nicht mit ›Liebe‹ in unserem Sinn gleichsetzen. Der Ritter wählte sich eine adelige Dame, die er offen verehrte, der er dienen wollte und deren Farben er beim Turnier trug. Die Dame ihrerseits nahm solche Verehrung huldvoll zur Kenntnis – doch war dies auch schon alles. Fast mutet der ganze »Frauendienst« wie ein Spiel an, dessen feste Regeln von beiden Mitspielern, dem Ritter wie der Dame, stets mit dem geziemenden Ernst eingehalten wurden und das nichts Oberflächliches oder Leichtfertiges an sich hatte. Nur so ist es zu erklären, dass sogar ein Hofkaplan in einer Schrift »Über die Liebe« erklärt: »Eine Ehe ist keine echte Entschuldigung dafür, nicht zu lieben«. Im Gegenteil: gerade weil durch die Ehe feste Grenzen gesetzt waren, die höfische Minne nicht überschreiten durfte und wollte, konnte ihr irrealer, geradezu mystischer Charakter um so eindringlicher betont und die »Geliebte« zu einem unerreichbaren Wesen gestempelt werden. Deshalb durfte diese Art von Minne auch nie unverheirateten Mädchen entgegengebracht werden. Der »Frauendienst« war in der südfranzösischen Provence aufgekommen und hatte von da nach Deutschland übergegriffen. Seine schönste Ausprägung fand er in der Minnedichtung der staufischen Zeit, aber auch in den großen ritterlichen Epen ist immer wieder von Minne und Minnedienst die Rede. Allerdings schmücken die Dichter das Thema auch besonders aus und dürften daher nur wenig mit der Wirklichkeit übereinstimmen. Während der Dienst für den Herrn und der Dienst für die Kirche eine Angelegenheit aller Ritter war, beschränkte sich der Minnedienst doch auf gewisse höfische Kreise, wo man Langeweile und dementsprechend auch genug Zeit hatte, um das Spiel richtig auszukosten. So verlangte der Dienst für die Frau auch höfische Lebensart und die Fähigkeit des Dichtens und Singens, wie sie gewiss nicht allen Rittern eigen war. Denn wenn diese auch bis zum 12. Jahrhundert mehr und mehr zu einer geschlossenen Klasse zusammenwuchsen, so gab es doch nicht nur die schon aufgezählten Standesunterschiede, sondern innerhalb der Stände auch wieder soziale Gegensätze. Es war keineswegs so, dass alle Ritter auf machtvollen, stolzen Burgen lebten. Viele von ihnen besaßen nicht mehr als ein einfaches Steinhaus mit einem Stück Land dazu, andere lebten ohne eigenen Besitz an den größeren Höfen, und vom Spätmittelalter an konnten sich die Reicheren auch Häuser in den Städten leisten, wenn das auch eine Ausnahme darstellte. Viele Ritter waren in Friedenszeiten nichts anderes als Bauern und bevorzugten dementsprechend auch eine bäuerliche Lebensweise, die nur durch die Kriegszüge unterbrochen wurde. Rittererziehung und Schwertleite
Die Ritterwürde war keineswegs erblich. Um Nachwuchs musste man aber nicht besorgt sein, als einzige Einschränkung galt in staufischer Zeit das Verbot einer Aufnahme der Söhne von Bauern und Geistlichen. Mit der Zeit bildete sich für die Aufnahme in die Ritterschaft ein gewisses Zeremoniell heraus, das – so wird heute vermutet – als »Schwertleite« zuerst beim Adel aufgekommen war und die feierliche Aufnahme des Jünglings in den Kreis der waffenfähigen Männer und damit in die Gesellschaft darstellte. Allmählich wurde dieses Zeremoniell des Adels dann allgemein von den Rittern übernommen, auch wenn sie erst seit kurzem aus dem unfreien Dienstmannenstand aufgestiegen waren. Der junge Mann hatte vor der »Schwertleite« schon einen gewissen Bildungs- oder, besser gesagt, Ausbildungsgang durchlaufen. Bis zu seinem siebten Lebensjahr war er im Kreis der Familie aufgewachsen, umhegt, betreut von den Frauen und mitunter von diesen im Lesen und Schreiben unterwiesen. Dann setzte die Erziehung zum Waffenhandwerk ein. Mit zwölf Jahren konnte der Knabe schon als »Knappe« einem Ritter dienen und musste notfalls sogar mit in den Krieg ziehen. Zwar durfte er in der Schlacht noch nicht mit dem Schwert kämpfen, sondern erhielt als Waffe nur eine eisenbeschlagene Keule, das Risiko aber durfte er schon mit den Männern teilen. So fiel beispielsweise der spätere baierische Ritter Hans Schiltenberger als sechzehnjähriger Knappe 1396 in der Schlacht bei Nikopolis in die Hände der Türken und entging nur durch einen glücklichen Zufall der Hinrichtung. Die »Schwertleite« erfolgte im allgemeinen zwischen dem fünfzehnten und zwanzigsten Lebensjahr. Dann umgürtete ein älterer Adeliger, später ganz allgemein ein Ritter, den Knappen mit dem Wehrgehänge einschließlich Schwert und legte ihm die Sporen an. Auch hier bleiben einige Unklarheiten. Die Quellen sprechen seit dem 12. Jahrhundert davon, dass der junge Mann »zum Ritter geschlagen« wurde, in der wissenschaftlichen Literatur ist meistens von einer »Ritterpromotion« (lat. promovere: befördern) die Rede. Wir nehmen heute an, dass die alte adelige Sitte ursprünglich nur einen einfachen Akt der Wehrhaftmachung darstellte und erst mit der Zeit einen feierlichen Charakter bekam. Eine solche Ritterpromotion konnte für einzelne Knappen erfolgen, aber auch gleichzeitig für ganze Gruppen. Sie konnte bei festlichen Gelegenheiten im Frieden, aber auch im Krieg vorgenommen werden, vor einer Schlacht im Angesicht des Feindes oder nach dem Kampf noch unmittelbar auf dem Schlachtfeld sozusagen als eine Art Tapferkeitsauszeichnung. Auch die Kirche gewann zunehmend Einfluss, indem Priester die Waffen der zu promovierenden Ritter vor der Übergabe feierlich segneten. Die berühmteste Schwertleite fand zu Pfingsten 1184 statt, als die beiden ältesten Söhne Kaiser Friedrich Barbarossas in Mainz zusammen mit zahlreichen anderen jungen Männern die Ritterwürde erhielten. Wenn zeitgenössische Quellen berichten, dass an diesem Fest siebzigtausend Ritter teilnahmen, so dürfte die Zahl allerdings etwas übertrieben sein. 1222 hören wir, dass Herzog Leopold von Österreich gleichzeitig zweihundertfünfzig Knappen in den Kreis der Ritter aufnahm. Wenn einer der Beteiligten davon sprach, dass dies »fürstlich getan« war, so meinte er damit weniger den feierlichen Akt an sich, sondern vielmehr den äußeren Rahmen, denn der Fürst musste auch tief in die Tasche greifen und den neuen Rittern und den Gästen reiche Geschenke machen: »Fünftausend Ritter oder mehr aßen dort das Brot des Fürsten«. Der sogenannte Ritterschlag, wie er etwa heute noch in Großbritannien bei der zeremoniellen Aufnahme in den Hosenbandorden gebräuchlich ist, kam von Frankreich her in Deutschland erst im 14. Jahrhundert auf. Damals wurde es üblich, dass der ordinierende Ritter oder Fürst den vor ihm knienden Knappen mit der flachen Schwertklinge im Nacken berührte und ihn so »zum Ritter schlug«.

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Info 23.11.2017 19:24
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