Das Turnier von Friesach 1224

Herzog Leopold von Österreich berief eine Versammlung nach Friesach. Eine glänzende Schar von Rittern fand sich dort zusammen, die alle entschlossen waren, um der Frauen willen Ritterschaft und Rittersitte zu pflegen. Sie zogen mit lichten Bannern und wohlgeschmückt heran. Die Herolde liefen hierhin und dorthin, sie schrien: »Wo nun, wo nun, wo ist ein Ritter, der zu tjostieren begehrt, er soll kommen her! Hier schreitet so mancher gute, hochgemute Ritter, der Ehre, Gut und Leib um der schönen Frauen willen wagen will!« Als wir sie hörten, stand unser Wille und Wunsch nach den Pferden, und wir saßen mutig auf. Da erhob sich mancher schöne Streit. Jeder Ritter bemühte sich, den andern niederzustechen, was auch oft geschah. Es waren vierzig oder mehr Kampfplätze da, wo so mancher von ritterlichen Taten Schmerzen leiden musste, denn Ritterschaft bringt Arbeit [im Mittelhochdeutschen im Sinn von »Mühe«], wer sie pflegen will, muss auf Ruhe verzichten. Die Spiele dauerten den ganzen Tag, da wurde nach ritterlicher Sitte so manches Bein entzweigeritten. Oft prallten die Ritter so aneinander, dass beide stürzten und ohnmächtig auf der Erde lagen. Mancher verlor sein Roß, weil er heruntergestochen wurde, der hatte zum Schaden noch den Spott. An diesem Tag fand jeder, was er wollte: Hier turnierten sie, um ihren Mut zu zeigen, dort, um Gut zu erwerben, und so mancher um nichts anderes als um seiner Herrin willen, wieder andere zur Übung und jene dort allein um die Ehre. Viele Splitter bedeckten den Boden, viele Ritter waren gestürzt und mussten der Ruhe pflegen, mancher litt so, dass er die Nacht nicht gerne sah. Am Montag bei Tagesanbruch diente man Gott und hörte die Messen. Dann entstand in den Gassen überall ein großes Gedränge von den Knechten. Der Lärm der Posaunen, Flöten und Hörner war groß. Mit Schall zogen wir aus der Stadt. Jeder Anführer der Rotten bat die Seinen, eifrig achtzugeben. Als die Ritter auf dem Felde waren, bot das einen herrlichen Anblick: Man sah die reichen, lichten Banner, die Speere nach dem Wunsch der Ritter verschieden bemalt, die Helme prächtig geschmückt. Die leuchtenden Farben der Rüstungen wetteiferten mit der Sonne. Da schritten die Rotten aufeinander zu, und als sie kaum Rosselaufes auseinander waren, kam die Zeit für den Kampf. Man gab den Rossen die Sporen, zu kräftigem Stoß sprengten die Ritter aufeinander los, Mann und Roß sah man stürzen. Mächtig krachten die Speere, heftig stießen die Schilde aneinander, davon schwollen die Knie. Beulen und Wunden von den Speeren gab es genug, die Panzerringe bereiteten Schmerzen, und manches Glied war verrenkt. Die Ritter drängten hin und her und versuchten, den Gegner zu Fall zu bringen. Mancher Helm brach ab, dort drängten sich die Ritter um einen, der gezäumt werden sollte. Klingend schlugen Schwerter auf Helme. Viele Schilde zerbrachen von den mächtigen Stößen. Das Turnier war wirklich gut. Manch hochgemuter Ritter durchbrach mit einem Stoß den Haufen. Man verstach viele große Speere, und wer durch sie zu Boden gefällt wurde, der litt viel Schmerzen durch Tritte. Man verstach wohl tausend Speere, so mancher Ritter wurde Gefangener, an hundertfünfzig gute Ritter verloren ihre Pferde. Des einen Verlust war des anderen Gewinn, so ging der Tag mit Arbeit hin. Mancher band müde den Helm ab, andere turnierten noch so, als ob sie gerade erst begonnen hätten, ihnen dünkte der Tag und das Turnier zu kurz, so gingen die Meinungen auseinander: Die einen wollten weiterkämpfen, die anderen waren ganz erschöpft. Wir banden die Helme ab und zogen alle in die Stadt, jeder in seine Herberge. Da waren für die Ritter schöne Bäder gerüstet. Mancher wurde vor Müdigkeit ohnmächtig. Hier verband man den einen, dort salbte man den anderen, dem dort die Arme, dem hier die Knie. Mancher fiel um vor Schlaf, den anderen quälten die Gedanken: »Wie habe ich heute abgeschnitten? Das soll mich wundern!« Diese Nacht schliefen viele sanft. Mit Freuden kam der nächste Tag. Da mussten alle Gefangenen zu den Juden gehen und mussten allerlei köstliche Pfänder versetzen. Wer aber etwas gewonnen hatte, war froh und hochgemut.
Aus: Ulrich von Lichtensteins Frauendienst – gekürzte Fassung – Hrsg. von R. Bechstein. (Der »Frauendienst« entstand um 1255. Er ist die erste Selbstbiografie in deutscher Sprache.)

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Info 20.11.2017 05:09
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