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Otto I. – Feuertaufen für einen jungen Herrscher

Die Nachfolgeregelung Heinrichs I. wurde von den übrigen Söhnen, vor allem von Thankmar und Ottos jüngerem Bruder Heinrich lange nicht akzeptiert. Vor allem Heinrich fühlte sich zurückgesetzt, weil er sozusagen als erblicher Thronanwärter – Vater Heinrich I. war schon König, als der Sohn geboren wurde – erste Ansprüche auf den Thron ableitete. Doch kraft der Autorität Heinrichs I. gab es bei Sachsen und Franken keinerlei Bedenken gegen Otto I., der alle Stammesherzöge und den Adel zu einem allgemeinen Wahl- und Krönungstag nach Aachen einlud. In Ansätzen wird hierin schon das politisch-ideologische Konzept Ottos I. deutlich. Anders als sein Vater wollte er die Anerkennung seines Königtums und die Durchsetzung der Zentralgewalt nicht ausschließlich durch siegreichen Kampf und die damit verbundene Erhöhung seines Ansehens erreichen, sondern durch Rückbindung an die Tradition. An geheiligter Stelle, am Begräbnisort Karls des Großen, knüpfte Otto I. sichtbar an das Erbe dieses großen Karolingers an und sicherte sich durch die Wahl Aachens und ein geschickt arrangiertes Krönungszeremoniell den Vorrang vor den Herzögen. Nach der Wahl durch Adel und Volk wurde Otto I. von den drei Erzbischöfen des Reiches aus Köln, Mainz und Trier zum König gesalbt und gekrönt, und beim anschließenden Königsmahl brachte der neue Herrscher in der Wiederaufnahme einer alten Tradition die hierarchische Ordnung für jedermann deutlich zum Ausdruck: Die Herzöge mussten beim Essen aufwarten, Herzog Giselbert von Lothringen als Kämmerer, Eberhard von Franken als Truchsess, Arnulf von Baiern als Marschall und Hermann von Schwaben als Mundschenk. Tradition allein war aber auf die Dauer kein Garant für reibungslose Herrschaft. Nur wenn Otto I. mit ihr auch anerkennenswerte Leistungen verbinden konnte, konnte er der uneingeschränkten Zustimmung der Herzöge sicher sein. Die Schonfrist, die Otto I. gewährt wurde, suchte er durch außenpolitische Erfolge zu nutzen, aber seine Unternehmungen standen unter einem äußerst ungünstigen Stern. An der Ostgrenze hatte Boleslav, König von Böhmen, für Unruhe gesorgt. Dass er seinen Bruder Wenzel, einen Christen, der die Oberhoheit König Heinrichs I. anerkannt hatte, erschlug, war ein erstes Alarmzeichen für veränderte Verhältnisse. Als Boleslav versuchte, die sächsischen Großen gegen Otto einzunehmen, griff der König ein und schickte die berüchtigten »Merseburger«, eine Schar von Räubern, Dieben und Häftlingen, zur Bewährung an die Front. Boleslav wurde vernichtend geschlagen, konnte aber durch die Sorglosigkeit seiner Gegner den Spieß umdrehen und das deutsche Aufgebot völlig aufreiben. Inzwischen hatte der Aufruhr auch auf die Redarier im Gebiet Mecklenburgs übergegriffen. Otto I. zog nun selbst zu Feld, um die militärische Überlegenheit zu demonstrieren. Als er den Oberbefehl an Hermann Billung übertrug und ihm als Markgrafen die Sachsen vorgelagerten Gebiete Holsteins, Mecklenburgs und Pommerns verlieh, die mehr nur dem Namen nach deutscher Oberhoheit unterstanden, kam es zu Protesten sächsischer Adeliger, die diese Hintansetzung nicht ertrugen. Trotzdem konnte Otto I. den Feldzug erfolgreich abschließen. Sein persönliches Erscheinen hatte dem Heer Auftrieb gegeben, seine Personalpolitik aber zeigte, wie spannungsreich das Verhältnis Ottos I. zu seinen eigenen Landsleuten war. Es ehrt ihn, dass er zu den einmal getroffenen Entscheidungen stand, und rückblickend muss ihn der Erfolg seiner Leute bestärkt haben. Nicht nur die eigenen Fähigkeiten machten Ottos Größe aus, sondern auch ein sicherer Blick bei der Auswahl seiner Mitarbeiter, der sich nur dort trübte, wo eigene Verwandtschaft im Spiele war und Otto I. aus einer seltsamen Mischung von Familiensinn und gefühlsmäßiger Zuneigung oftmals eine geradezu gefährliche Bereitschaft zum Verzeihen, vor allem gegenüber dem jüngeren Bruder Heinrich, gezeigt hat. Die außenpolitischen Bewährungen setzten sich auch 937 fort, ohne dass Otto I. überzeugende Siege als Bestätigung göttlicher Huld vorweisen konnte. Der alte Erzfeind, die Ungarn, erprobten den neuen König, fielen in Thüringen und Sachsen ein, wichen aber einer Entscheidungsschlacht aus, der Schock von Riade 933 saß bei ihnen noch tief. Gerade jetzt hätte Otto I. einen spektakulären Erfolg nötig gehabt, um der inneren Schwierigkeiten Herr zu werden.

emu