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Die Herrscherbegabung von Otto I.

Die alten, durch die feierlichen Krönungszeremonien notdürftig übertünchten Stammeszwistigkeiten flammten wieder auf und zogen in den folgenden Jahren eine Bahn, die geprägt war von Intrigen, Verrat, Eidbrüchen, Selbstjustiz, Landfriedensbruch und Verschwörungen. Vom Gefühl einer Zusammengehörigkeit im Ostfrankenreich konnte häufig keine Rede sein. Größer als der 18 Jahre später erfochtene Sieg auf dem Lechfeld über die Ungarn war das Wunder des gemeinsamen Aufmarsches aller deutschen Stämme zu diesem Kampf. Dass Otto es mit einer wahren Hydra von Schwierigkeiten zu tun hatte, die immer neue gebar, nachdem alte erledigt waren, und trotzdem nicht aufsteckte, dass er die partikularen Kräfte immer wieder zu einem größeren Ganzen zu vereinen suchte und gerade im Unglück am königlichsten war, das allein macht ihn groß. Vom König erwartete man Glück, Erfolg, Siege, Unglück war gleichbedeutend mit Schuld, Schuld mit Unfähigkeit, Unfähigkeit rechtfertigte eine Absetzung. Wenn Otto I. die Jahre der Prüfung überstand, dann, weil er persönlich an sich glaubte oder besser an seine Erwählung durch Gott, weil er überzeugt war, dass Gott einen König nicht im Stich lassen kann. König und Mensch, geprägt vom Mittelalter
Dieses rückhaltlose Vertrauen auf Gott war Zeichen einer demütigen Frömmigkeit, die Gott tagtäglich im Regieren zur Seite wusste. Sie konnte aber leicht in Jähzorn umschlagen, wenn Gott die Hilfe versagte. Im Zwiespalt der Gefühle, halb Heide noch, halb Christ, heuchlerisch und tieffromm zugleich, leidenschaftlich und gefühlskalt, aufgeschlossen und distanziert, freundlich und brutal, nüchtern und idealistisch, so steht der mittelalterliche Mensch vor uns, ein König machte da keine Ausnahme. Die Sachsen waren zum wichtigsten Stamm geworden und ließen das spüren: Als Eberhard, Herzog von Franken und gleichzeitig Graf im sächsischen Hessengau, die Zinszahlungen vom dortigen sächsischen Adel verweigert wurden, wandte er sich nicht an das Königsgericht, sondern übte Selbstjustiz, indem er nach der Eroberung einer Burg alle Bewohner tötete. Otto I. musste, um seine Autorität zu wahren, hart durchgreifen und verdonnerte den Herzog zu einer empfindlichen Buße, er musste nämlich beste Pferde im Werte von etwa 25000 € hergeben. Seine Unterführer verurteilte er zu der Schmach, Hunde bis zur königlichen Pfalz in Magdeburg zu tragen als sichtbares Zeichen, dass sie »auf den Hund gekommen« waren. Zwar bewies ihnen Otto I. später seine Huld im Verzeihen, doch gewonnen hatte er sie nicht, dazu fehlte ihm Eberhards leutselige und gewinnende Art. Otto I. war sicher keine Frohnatur. Im Gegensatz zu seinem Vater Heinrich, der in den Quellen als großer, stattlicher Herr von gewinnender Schönheit gepriesen wird, war Otto I. untersetzt, breitschultrig, von gewaltigem Körperbau, zu dem gar nicht die kurzen, schnellen Schritte passen wollten, die nichts von der Gemessenheit eines Königs hatten. Aus einem geröteten Gesicht, das von einem langen gepflegten Bart umgeben war, blickten große, lebhafte Augen. Nach außen verbindlich, war Otto I. gefürchtet ob seiner Zornesausbrüche. Bekannt war Ottos Sparsamkeit. Dieser Zug zum Zusammenhalten war sicher ein Teil des väterlichen Erbes, aber auch erwachsen aus Verantwortungsbewusstsein gegenüber dem anvertrauten Reichsgut. Die Gegner hätten es lieber gesehen, wenn Otto I. bestechlich gewesen wäre und sich Blößen gegeben hätte. Seine königliche Würde äußerte sich weniger im Äußeren als in mitmenschlicher Haltung. Ob Ottos I. Tugenden mehr einer glücklichen Veranlagung entsprangen oder durch Erziehung besonders gefördert wurden, wissen wir nicht. Jagen, Reiten und militärische Bewährung lagen dem nüchternen Sachsen sicher näher als geistige Betätigung. Bei Regierungsantritt konnte Otto I. weder lesen noch schreiben, erst nach dem Tode seiner ersten Gattin, der aus England stammenden Edith, 946 begann er zu erfassen, wie hemmend es war, beim Lesen oder Abfassen von Urkunden, Briefen und Verordnungen auf andere angewiesen zu sein. Sehr lernbegierig war Otto I. nicht, im Gegensatz zu seinem jüngsten Bruder Brun, dessen umfangreiche Bildung und hervorragenden Lateinkenntnisse der ältere sehr schätzte und benutzte.

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