Hroswitha von Gandersheim – Kurze Biografie

Hroswitha von GandersheimAus dem literarischen Schaffen der ottonischen Zeit ragt das Werk des sächsischen Edelfräuleins Hroswitha (geboren wohl nach 930, gestorben nach 970) aus dem Reichsstift Gandersheim am Harz durch kraftvolle Originalität hervor. Beim Studium in der Klosterbibliothek erkannte die fantasiebegabte junge Nonne ihr poetisches Talent, das sie zunächst an Heiligenlegenden in lateinischen Hexametern schulte. Themen dieser Versdichtungen waren neben dem Marienleben vor allem das Glaubenszeugnis altchristlicher Märtyrer und die Bewahrung der Keuschheit inmitten einer ausschweifenden Umwelt. Im »Theophilus«, einem frühen Vorgänger des »Faust«, lässt sich gar ein ehrgeiziger Mönch auf einen Pakt mit dem Teufel ein, findet aber durch die Fürsprache Mariens zu Umkehr und Buße. Dem Lobpreis der göttlichen Gnade, die sich im Leben der Heiligen offenbart, gelten auch sechs dramatisierte Erzählungen in gereimter Prosa, durch die Hroswitha zur Schöpferin des mittelalterlichen Bühnenspiels wurde. Hroswitha verfolgte mit ihren Lesedramen das erklärte Ziel, den Komödien des Römers Terenz Stücke aus christlichem Geist entgegenzusetzen, denn Terenz behandelte so bedenkliche Gegenstände wie Liebestollheit und Prostitution, wurde aber trotzdem wegen seiner gepflegten Sprache als Schullektüre geschätzt. Um den heidnischen Dichter mit seinen eigenen Waffen zu überwinden, scheute sie nicht davor zurück, ihre frommen Helden in recht verfänglichen Situationen vorzuführen. So begibt sich z. B. der Einsiedler Abraham in der Verkleidung eines zahlungskräftigen Liebhabers in ein Bordell, um seine dorthin geratene Nichte aus dem Bann des Bösen zu befreien. Mit weiblicher Zurückhaltung und sprachlichem Feingefühl meisterte Hroswitha selbst diese heikle Szene. Auch in ihren historischen Versepen, einer Familiengeschichte Ottos des Großen und einem Werk über die Anfänge ihres Klosters, offenbaren sich Hroswithas menschliche und literarische Qualitäten.