Otto I. in Pavia

Im Jahre 951 erreichte Otto I. ein schicksalhafter Hilferuf, der eine politische Entwicklung einleitete, die über grandiose Höhepunkte nach 300 Jahren in eine Katastrophe einmündete und von zahlreichen Historikern als die umstrittenste Entscheidung Ottos I. angesehen und sehr kontrovers diskutiert wird. In Italien herrschte seit 875, seit dem Erlöschen der karolingischen Linie auf dem Langobardenthron in Pavia das machtpolitische Chaos und ständiger Kampf um die Langobardenkrone zwischen den mächtigsten Rivalen, den Markgrafen bzw. Herzögen von Friaul, Ivrea, der Toscana und Spoleto. Mord, Blendung, Täuschung, Eidbruch und Rücksichtslosigkeit beherrschten die Szene, die Italiener schätzten zwei Herren, »um den einen durch die Furcht vor dem anderen in Schranken zu halten«. Ging es mit einheimischen Herrschern nicht weiter, bot man die Königskrone von Pavia landesfremden Machthabern an. Im Machtwirrwarr behauptete sich zunächst Hugo von Burgund gegen Herzog Eberhard von Baiern und den mächtigen Markgrafen Berengar von Ivrea. Der aufs Äußerste gefährdete Berengar setzte sich zu Herzog Hermann von Schwaben ab, der ihn König Otto I. weiterempfahl. Als Hugo für viel Geld die Auslieferung des beileibe nicht ehrenwerten Berengar forderte, winkte Otto I. unter Hinweis auf die moralische Verpflichtung der Hilfeleistung ab. Die Stimmung in Italien wendete sich schon bald, Markgraf Berengar kehrte zurück und war schnell der ungekrönte König. Nach dem Ende Hugos von Burgund und dem überraschend plötzlichen Tod seines Nachfolgers, des Sohnes Lothar, übernahm Berengar 950 in Pavia die Langobardenkrone. Die Opposition aber scharte sich um Lothars junge Witwe Adelheid, doch Berengar war stärker. Als Adelheid über die Alpen nach Deutschland zu entkommen suchte, wurde sie gefangen und auf das unzugängliche Schloss Garda gebracht. Durch eine List kam sie frei, fand Unterstützung bei den späterem Markgrafen von Canossa und bat 951 Otto I. um Hilfe. Der König entschloss sich zum Eingreifen, zog im September 951 mit einem großen Heer über den Brenner, ohne zu ahnen, welche Konsequenzen sich aus diesem ersten Italienzug ergeben sollten. Wäre es nur die Konvention gewesen, nach der ein König hilfsbereit zu sein hatte, Otto I. die Alpen kaum überschritten, um auf das Hilfegesuch einer ihm unbekannten Frau zu reagieren. So wichtig Ritterlichkeit war, da mussten schon handfeste politische Vorteile dazukommen: Durch eine Heirat der Witwe Adelheid konnte er König der Langobarden und Herr Italiens werden. Was spielte da der Altersunterschied – Adelheid war etwa zwanzig Jahre, Otto I. doppelt so alt – für eine Rolle? Nach der feierlichen Hochzeit und der Krönung in Pavia war Otto »Rex Francorumet Langobardorum«, König der Franken und Langobarden. Das geschah sehr zum Unwillen seines Lieblingssohnes Liudolf – seit 949 war er Herzog von Schwaben -, der um die Nachfolge bangte. Auch Berengar von Ivrea war nicht bereit, zu kapitulieren, wartete aber in der Felsenburg San Marino die Entwicklung ab. Im Februar 952 kehrte Otto nach Deutschland zurück. Der halbjährige Aufenthalt in Italien war ein großer, doch kein vollkommener Erfolg gewesen: Eine Gesandtschaft des Königs unter Führung ausgerechnet des Mainzer Erzbischofs Friedrich hatte sich in Rom auf die Bitte um die Kaiserkrone, die seit 924 nicht mehr vergeben worden war, einen Korb geholt. Otto I. wollte mit diesem Vorfühlen sicher eine Vorstellung seines Vaters erfüllen, der ja auch einen Romzug als sichtbare
Dokumentation seines Anrechts auf die Kaiserkrone geplant hatte, doch vor der Ausführung gestorben war. Die vollständige Wiederbelebung des karolingischen Erbes, die mit der Königskrönung 936 so programmatisch begonnen hatte, war noch nicht gelungen. Noch im selben Jahr 952 kam Berengar mit seinem Sohn Adalbert nach Deutschland und schwor Otto I. in Magdeburg den Treueid. Er erhielt das Königreich Italien zu Lehen, jedoch ohne Verona-Friaul, das aus politischen Gründen an Baiern fiel. Die Verhältnisse in Italien schienen nun geordnet, doch im Reich ging es bald drunter und drüber. Die gefestigte Macht Ottos I. wurde erneut einer schweren und letzten Prüfung unterzogen.

Forum (Kommentare)

Info 23.11.2017 19:25
Noch keine Kommentare zu diesem Artikel vorhanden.