Die Entscheidungsschlacht auf dem Lechfeld

Als Kaiser Otto Anfang Juli des Jahres 955 nach Sachsen zog, kamen ihm Gesandte der Ungarn entgegen, scheinbar als wollten sie ihn der alten Treue und Freundschaft halber besuchen, in Wirklichkeit aber, wie einige vermeinten, um den Ausgang des Bürgerkriegs gegen die aufständischen Herzöge zu erkunden. Als er sie einige Tage bei sich behalten und, mit einigen Geschenken bedacht, in Frieden entlassen hatte, trafen Boten seines Bruders, des Herzogs der Baiern, mit der Kunde ein, dass die Ungarn wieder in Deutschland eingefallen seien und einen Kampf mit ihm wagen wollten. Sobald dies der König hörte, brach er, als hätte er noch gar keine Anstrengungen im vorangegangenen Krieg auszuhalten gehabt, sogleich gegen die Feinde auf und nahm nur ganz wenige Sachsen mit sich, weil bereits der Krieg mit den Slawen drohte. Im Gebiet der Stadt Augsburg schlug er sein Lager auf, und hier stießen die Heere der Franken und der Baiern zu ihm. Auch Herzog Konrad kam mit starker Reiterei in das Lager, und durch seine Ankunft ermutigt, wünschten die Soldaten, den Kampf nicht mehr länger zu verschieben. Denn Konrad war von Natur aus kühn, und, was bei kühnen Menschen selten ist, auch gleichzeitig klug im Rat, dazu im Kampf unwiderstehlich. Am 9. August wurde von den beiderseitigen Spähtrupps angezeigt, dass die Heere nicht mehr weit voneinander entfernt seien. Da ließ der König im Lager ein Fasten ansagen und befahl allen, am folgenden Tag zum Kampfbereit zu sein. Otto ließ dabei das Heer über einen unebenen und beschwerlichen Boden führen, um den Feinden keine Gelegenheit zu bieten, mit Pfeilen, die sie trefflich zu brauchen wussten, die Züge zu beunruhigen, denn Buschwerk gab den vorrückenden Truppen hier Deckung. Die erste, zweite und dritte Abteilung bildeten die Baiern, an ihrer Spitze die Befehlshaber Herzog Heinrichs, denn er selbst war am Kampfplatz nicht erschienen, weil er an einer Krankheit darniederlag, an der er kurz danach auch starb. Die vierte Abteilung bildeten die Franken, deren Leiter und Führer Herzog Konrad war. In der Fünften, der stärksten, die auch die königliche genannt wurde, ritt Otto selbst, umringt von den Auserlesenen aus allen Tausendschaften der Reiterei und von mutigen jungen Soldaten, vor ihm das Feldzeichen mit dem Bild des siegreichen Erzengels Michael durch einen dichten Haufen gedeckt. Die sechste und siebte Schar bildeten die Schwaben, die Burchard befehligte, … In der achten befanden sich tausend auserlesene böhmische Streiter, besser mit Waffen als mit Glück bedacht, hier befand sich auch alles Gepäck und der gesamte Tross, weil man die Nachhut für den sichersten Platz hielt. Aber die Sache kam anders, als man glaubte, denn die Ungarn überschritten sogleich den Lech, umgingen das Heer und fingen an, die letzte Abteilung mit Pfeilschüssen zu beunruhigen. Dann unternahmen sie mit gellendem Geschrei einen Angriff, hieben viele nieder oder führten sie in Gefangenschaft weg, erbeuteten alles Gepäck und zwangen die noch übrigen Bewaffneten dieser Abteilung zur Flucht. In ähnlicher Weise griffen sie auch den siebenten und den sechsten Heerhaufen an, töteten eine große Anzahl Kämpfer und trieben die übrigen ebenfalls in die Flucht. Als der König bemerkte, dass vor ihm noch der Feind stand und in seinem Rücken die letzten Linien in eine gefährliche Lage geraten waren, entsandte er den Herzog Konrad mit der vierten Abteilung, der die Gefangenen befreite, dem Feind die Beute abjagte und ihre Horden davonscheuchte. Als König Otto erkannte, dass er jetzt die ganze Wucht des Kampfes von vorn zu bestehen haben werde, munterte er seine Krieger mit folgenden Worten auf: »Dass wir in dieser großen Bedrängnis festen Mut beweisen müssen, seht ihr selbst. Bisher habe ich mit euch ruhmvoll gekämpft und außerhalb meines Landes und Machtgebietes allenthalben gesiegt. Sollen wir nun, in unserem eigenen Land und Reich dem Feind den Rücken zeigen? Ich weiß, dass sie uns an Menschen übertreffen, nicht aber an Tapferkeit, nicht an Rüstung, ihnen dient als Wall lediglich ihre Kühnheit, uns die Hoffnung auf Gott und seinen Schutz. Schimpflich wäre es für uns, jetzt dem Feind die Hand zu bieten. Lieber im Kampf, wenn unser Ende bevorsteht, ruhmvoll sterben, als den Feinden Untertan in Knechtschaft leben! Jetzt lasst uns lieber mit dem Schwert als mit der Zunge das Zwiegespräch eröffnen!« Nachdem er so geredet hatte, ergriff er den Schild und die Heilige Lanze und wandte als erster selbst sein Roß gegen die Feinde, so die Pflichten des tapfersten Kriegers und des trefflichsten Feldherrn vereinend. Die Beherzteren unter den Feinden leisteten anfangs Widerstand, dann aber, als sie ihre Gefährten die Flucht ergreifen sahen, gerieten sie vor Bestürzung zwischen die Reihen der Unsrigen und wurden niedergemacht. Von den übrigen zogen sich Teile, deren Pferde ermüdet waren, in die nächsten Dörfer zurück, wurden da von Bewaffneten umringt und samt den Gebäuden, in die sie sich geflüchtet hatten, verbrannt. Andere schwammen durch den Lech, aber da das jenseitige Ufer beim Anstieg keinen Halt bot, wurden sie vom Strom verschlungen und kamen so ums Leben. Am Tag der Schlacht selbst noch wurde das feindliche Lager genommen und alle Gefangenen befreit, am zweiten und dritten Tag wurde von den benachbarten Burgen aus die übriggebliebene Menge der Ungarn derart aufgerieben, dass nur sehr wenige entkamen. Freilich, nicht eben unblutig gelang der Sieg über ein so wildes Volk. Der Herzog Konrad nämlich, der tapfer gekämpft hatte, empfand in seinem feurigen Drang und in der Sonnenglut, die an diesem Tag überstark war, eine unerträgliche Hitze, und als er die Bänder seines Helms gelöst hatte und Luft schöpfte, fiel er, von einem Pfeil durch die Kehle getroffen. Sein Körper wurde auf des Königs Befehl ehrenvoll aufgebahrt und nach Worms geführt. Nach dem herrlichen Kampferfolg begrüßte das Heer den König feierlich als Vater des Vaterlandes und Kaiser. Eines solchen Sieges hatte sich keiner der Könige vor ihm in den letzten zweihundert Jahren erfreut.
Aus: Rerum gestarum Saxonicarum libri III (Geschichte der Sachsen) des Mönches Widukind von Corvey.

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Info 26.09.2017 - 22:00
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