Der dritte Italienzug Ottos I.

Als Otto I. in Rom einzog, empfingen ihn die Bewohner mit Ovationen. Johannes saß wieder auf dem Papstthron, als ob nichts passiert sei. Doch mittlerweile wusste Otto I., dass dem »Hosianna« noch jedesmal ein »Kreuzige ihn« gefolgt und seine Milde als Schwäche ausgelegt worden war. So statuierte er diesmal ein Exempel, ließ 12 Vertreter des Adels öffentlich aufknüpfen und den Stadtpräfekten, nachdem er auf einem Esel durch die Straßen geschleift worden war, im Kerker des Lateranpalastes umbringen. Selbst die Gebeine toter Gegner wurden aus den Gräbern gerissen und verstreut. Wenn Otto I. sich zu solchen, aus blindem Hass geborenen Maßnahmen hinreißen ließ, dann musste er für die Italienpolitik, für die Zukunft des Kaiser- und Papsttums das Schlimmste befürchtet haben. Hier war ein Punkt erreicht, an dem der eher passive Otto I. zu konsequentem Handeln gezwungen war, wenn nicht das bislang Geschaffene im Strudel stadtrömischer Adelsauseinandersetzungen zerfallen sollte. Eigentlich hätte Otto I. nach dem Strafgericht heimkehren können. Dass er volle sechs Jahre blieb, zeigt, dass er das Papsttum konsolidieren und ein auch während seiner Abwesenheit ruhiges Italien zum gesicherten Bestandteil des Reiches ausbauen wollte. Ganz auf dieser Linie lag es, wenn er anlässlich eines Reichstages in Ravenna dem Papst den Exarchat von Ravenna zurückgab, auf einem Zug in den Süden die Herzöge von Capua und Benevent für seine Politik gewann und seinen 12jährigen Sohn Otto zum Mitkaiser krönen ließ. Das Ziel des dritten Italienzuges war erreicht, trotzdem blieb Otto I. Man darf mit Recht vermuten, dass er im Süden Italiens im Wechsel von Diplomatie und militärischen Aktionen die Krönung seines Lebenswerkes gesucht hat, die Anerkennung seiner kaiserlichen Stellung durch das oströmische Byzanz. Durch den Frontwechsel der Herzöge von Capua und Benevent war ein wichtiger Brückenkopf im byzantinischen Machtbereich gewonnen, den Otto I. durch die Besetzung Apuliens und die Belagerung der byzantinischen Seestadt Bari 967 ausbaute, während er gleichzeitig auf diplomatischen Kanälen eine Braut für seinen Sohn von Ostrom erbat. Die Byzantiner schienen zunächst nicht abgeneigt, doch die Gesandtschaft erlebte in Konstantinopel eine Riesenenttäuschung. Der stolze Kaiser Nikephoros Phokas akzeptierte zwar einen »König der Deutschen und Langobarden«, aber keinen zweiten »Kaiser der Römer« neben sich. Von einer Braut für den barbarischen Emporkömmling war keine Rede mehr. Dem diplomatischen Misserfolg folgten sofortige Kriegszüge Ottos I. nach Apulien und Kalabrien, um Nikephoros gefügig zu machen. Und wieder stand Otto I. im entscheidenden Moment das Glück zur Seite. Nikephoros wurde 969 ermordet, sein Mörder Johannes I. Tzimiskes wurde der Nachfolger. Weil diesem ein Zweifrontenkrieg gegen Russen und Bulgaren bevorstand, signalisierte er Bereitschaft gegenüber dem deutschen Kaiser und gab einer zweiten Gesandtschaft die Braut mit, nachdem man die gegenseitige Anerkennung des Besitzstandes in Unteritalien ausgehandelt hatte. Als Otto I. die heiß ersehnte Schwiegertochter in den Armen hielt, er, der vom oströmischen Kaiser anerkannte, gleichberechtigte Kaiser des Westens, machte sich Ernüchterung breit. Nicht die gewünschte Prinzessin Anna, eine »Purpurgeborene«, hatte der gerissene Armenier geschickt, sondern eine nahe Verwandte, Theophanu. Einen Moment zögerte Otto, dann siegte in ihm der Realist. Am Sonntag nach Ostern 972 war Hochzeit, Ottos I. Pläne vom christlichen Kaiserreich des Westens waren Wirklichkeit. Unterdessen blieb es in Deutschland ruhig. Brun, Ottos I. tieffrommer, gelehrter Bruder, Erzbischof von Köln und nach Konrad des Roten Tod 955 gleichzeitig Herzog von Lothringen, hatte zusammen mit Ottos I. illegitimem Sohn Wilhelm, Erzbischof von Mainz, die Verwaltung des Reiches besorgt. Als Otto I. im Herbst 972 aus Italien zurückkam, waren beide nicht mehr am Leben. Gestorben waren auch seine Mutter Mathilde, der treue Markgraf Gero und andere Freunde. Erschüttert stand Otto I. an ihren Gräbern in Köln, Mainz, Quedlinburg und in Magdeburg, wo im Dom die erste Gemahlin Edith ruhte. Die Gesandtschaften, die Ostern 973 in Quedlinburg eintrafen, waren Symbol der anerkannten Weltgeltung Ottos I. Harald von Dänemark schickte Legaten, der Polenherzog gab seinen Sohn als Pfand, Boleslav von Böhmen huldigte Otto I. ebenso wie die Vertreter der Russen, Ungarn, Bulgaren, Römer und Griechen. Aber Trauer mischte sich in die glücklichen Tage. Hermann Billung, der treue Freund, starb überraschend. Christi Himmelfahrt feierte Otto I. in Merseburg, dann scheint es ihn in Vorahnung nach Memleben gezogen zu haben, dem Sterbeort seines Vaters. Pfingsten besuchte er dort die Frühmesse und erschien heiter bei Tisch. Nach dem Evangelium der Abendmesse fieberte er plötzlich hoch, schwankte. Hilfsbereit brachte man einen Sessel. Der Kopf fiel kraftlos zur Seite, Otto I. schien tot. Das Bewusstsein kehrte nochmals zurück, Otto I. kommunizierte »und übergab dann ohne Seufzer, mit großer Ruhe den letzten Hauch dem barmherzigen Schöpfer«. So berichtet der Mönch Widukind von Corvey und beschließt sein Buch mit einer knappen Würdigung Ottos I., des Großen, der die »Wiederbegründung« des Römischen Reiches als gelungen ansehen durfte, die Ausprägung und Konsolidierung aber dem Sohn hinterlassen musste: »Das Volk sprach viel zu seinem Lobe und gedachte mit Gefühlen des Dankes, wie er mit väterlicher Milde seine Untertanen regiert, sie von Feinden befreit, die Ungarn, Sarazenen, Dänen und Slawen mit Waffengewalt besiegt, Italien unterworfen, die Götzentempel bei den benachbarten Völkern zerstört, Kirchen und geistliche Ordnung eingerichtet habe.«

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Info 21.02.2018 18:17
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