Ottos II. Auseinandersetzung mit dem Westfrankenreich

Einen weiteren Unruheherd, Lothringen, beseitigte Otto II., indem er Karl, den Bruder des karolingischen Königs Lothar von Frankreich, mit Niederlothringen (dem heutigen Belgien-Südniederlande) belehnte. Lothar schien der Augenblick günstig, das seit Heinrich I. verlorene Lothringen wiederzugewinnen. Aber da er gebietsmäßig nur ein kleiner König war, sich zudem ständiger Angriffe der mächtigen Herzöge von Franzien (Westfranken) zu erwehren hatte, konnte er keinen Krieg großen Stils führen und versuchte es mit Kidnapping: er fiel nach Lothringen ein und eroberte die Pfalz Aachen, wo sich Otto II. Juni 978 mit der schwangeren Theophanu aufhielt. Erst im allerletzten Moment erhielt Otto II. Meldung von dem Überraschungscoup und floh Hals über Kopf von der gedeckten Tafel. Lothar konnte dem verpassten Sieg nur einen symbolischen Akt abgewinnen: Den Adler Karls des Großen, der auf dem Pfalzdach nach Osten zeigte und dem ostfränkischen Reich zugewendet war, drehte er nach Westen, um Frankreichs Überlegenheit zu demonstrieren und anzuzeigen, dass die Pfalz Aachen jetzt zu Frankreich gehöre. Die militärische Antwort blieb Otto II. ein Vierteljahr lang schuldig. Dafür fiel sie in bislang nie gekannter Einmütigkeit aus. In Dortmund beschloss man Krieg gegen den Blutsverwandten, weil nicht Otto II. persönlich, sondern des »Reiches Herrlichkeit« herausgefordert war. Deshalb übermittelte man Lothar den genauen Einmarschtag, den 1. Oktober 978. Der Krieg verlief bis vor Paris recht erfolgreich, doch das Heer hatte sich verausgabt. Die Belagerung brachte keine Fortschritte, und Otto II. ließ sich eine Taktik einfallen, die damals bei den Einwohnern von Paris wie bei uns heute nur Kopfschütteln erregt. Das auf dem Montmartre angetretene Heer musste ein lautes »Halleluja« schmettern. Aber Paris war nicht Jericho. Es stürzten weder die Mauern ein noch bat ein verzweifelter König um Frieden. Ruhmlos zog Otto II. ab, der Tross ging zu allem Unglück auch noch verloren. Seltsamerweise regte sich ob dieser Missgeschicke kein innenpolitischer Widerstand. Das harte Durchgreifen gegen Heinrich den Zänker und die Verbannung seiner Freunde Heinrich von Kärnten, Graf Ekbert und Bischof Heinrich von Augsburg hatten Eindruck gemacht. Nach fünf langen Jahren war Otto II. akzeptiert. Dafür spricht auch das freiwillige Erscheinen Lothars von Frankreich 980 vor Otto II. und sein Verzicht jeglicher Ansprüche auf Lothringen. Otto II. in Italien
Der Kaiser brauchte gerade jetzt freie Hand. Aus Italien war wieder einmal ein Hilferuf über die Alpen gekommen, der aber zunächst wegen der lothringischen Händel nicht beachtet werden konnte. Das erbärmliche Schachern um den Papstthron hatte die rivalisierenden Adelscliquen Roms in einen Strudel gegenseitiger Gewalttaten gerissen, aus denen die eine Partei mit Ottos II. Unterstützung herauszukommen hoffte. Der 980 angetretene Zug führte zunächst in Pavia zur Versöhnung Ottos II. mit seiner Mutter Adelheid, die zwei Jahre zuvor den königlichen Hof im Streit mit Ottos II. Frau Theophanu verlassen hatte. Die Gründe lagen auf der Hand. Das Verhältnis zwischen der Kaiserinmutter – der biederen Dame aus der Provinz – und der hochkultivierten Byzantinerin Theophanu war nie frei von Misstrauen, aus vielen kleinen Missverständnissen geboren, und als Sohn Otto II. zu seiner Frau Theophanu hielt, räumte die Mutter enttäuscht das Feld. Nach dem gemeinsamen Weihnachtsfest in Ravenna, an dem auch Theophanu mit ihrem kurz zuvor geborenen Sohn Otto teilgenommen hatte, zog Otto II. mit Frau und Kind nach Rom, wo Papst Benedikt VII. unangefochten regierte. Otto II. konnte die Früchte des langen Aufenthaltes seines Vaters genießen. Die Verhältnisse waren recht stabil: Italien erlebte eine Phase von Sicherheit, Ordnung und straffer Verwaltung, ohne dass es allerdings nach Ottos II. Planung politisch so organisiert war wie etwa ein Stammesherzogtum in Deutschland. Italien, dessen Besitz insofern wichtig war, als hier die Kaiserwürde vergeben wurde, sollte als Kernland des alten römischen Weltreiches gleichberechtigt neben Deutschland stehen. Darauf weist Ottos II. Kaisertitulatur hin: »Imperator Romanorum Augustus«, »Kaiser der Römer und Augustus«. Sie war mit dem Titel des oströmischen Kaisers identisch und signalisierte den deutlich geäußerten Anspruch Ottos II. auf ganz Italien. Aber die Einigung der ganzen Halbinsel war gar nicht so einfach zu vollziehen, weil neben den Byzantinern in Unteritalien die Sarazenen lauerten, die durch ständige Übergriffe von Sizilien aus auch Italien mit Feuer und Schwert missionieren wollten. Das Alibi eines Glaubenskrieges musste auf beiden Seiten für die Erweiterung des Herrschaftsgebietes herhalten, so mag es uns anmuten. Otto II. dachte sicher nicht so. Für den mittelalterlichen Menschen waren Religion und Politik eine Einheit, und jeder Kampf gegen Ungläubige eine für den Kaiser als »Sachwalter Gottes« bindende Verpflichtung, der man sich als »Verteidiger der Kirche« nicht entziehen konnte, auch wenn es wenig Ruhm zu ernten gab oder sogar mit Niederlagen zu rechnen war. Kaiser Otto II. war es den Christen schuldig, die Sarazenen genauso mutig anzugreifen wie sein Vater die Ungarn auf dem Lechfeld.

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Info 23.11.2017 19:20
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