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Otto III. – Wiederherstellung des Römerreiches

Im Jahr 1000 war Otto III. nach Deutschland zurückgekehrt, um das Grab des 997 von heidnischen Preußen erschlagenen Freundes Adalbert in Gnesen zu besuchen. Das Ergebnis dieser Wallfahrt in polnisches Gebiet war für die Zeitgenossen seltsam genug, für die Deutschen unerklärlich. Die Gründung des polnischen Erzbistums Gnesen mit den Unterbistümern Kolberg, Krakau und Breslau schien noch verständlich aus Verehrung für Adalberts Begräbnisort. Auf totale Ablehnung aber mussten der Verzicht auf polnische Tributzahlungen und die Ernennung des bislang unter deutscher Oberhoheit stehenden Polenherzogs zum »Patricius«, Stellvertreter des Kaisers, stoßen. Nationalistische Stimmen sprechen noch heute von einem Ausverkauf deutscher Interessen und schwerster Beeinträchtigung des Erzbistums Magdeburg. Unter nationalem Blickwinkel mag das stimmen, in der Gesamtkonzeption Ottos III., der Wiederherstellung des römischen Kaiserreiches als einer christlichen Herrschaft, hatte Deutschland die führende Rolle ausgespielt. Rom sollte Hauptstadt eines aus Deutschland, Italien und den slawischen Ländern bestehenden Machtgebietes sein, dem die übrigen christlichen Reiche Europas als gleichberechtigte christliche Partner angehören sollten. Nur so ist ein weiterer Schritt zu einem vereinten, christlichen Europa zu verstehen. Mit der Gründung des Erzbistums Gran für Ungarn, das ebenso wenig wie das polnische Gnesen an die deutsche Kirchenorganisation angeschlossen war, wurde der Weg frei zu einer selbstständigen, nationalstaatlichen Kirche. Im gleichen Jahr ließ Otto III. das Grab Karls in Aachen suchen und öffnen. Er entnahm ein goldenes Halskreuz, unverweste Teile der Kleider und ließ einen Zahn des Toten herausbrechen. Eine Blasphemie? Thietmar von Merseburg, der uns von dieser so seltsamen Grabräuberei berichtet, erwähnt zuvor das Bestreben Ottos III., altrömische Bräuche zu erneuern. Dass Otto III. sich wie Vater und Großvater als Erbe Karls des Großen betrachtete, ist sicher. Wahrscheinlich sah er sich aber auch als eigentlichen Vollender der universalen Konzeption Karls, als Kaiser eines vereinten Europas unter christlichem Vorzeichen. Sichtbar an Karl anzuknüpfen, etwas von ihm zu besitzen, eine Reliquie, die Kraft vermittelte und legitimierte, ließ Otto III. zum »Leichenschänder« werden. Aber alle Rückbindung an die Tradition des erfolgreichen Vorgängers half ihm schließlich doch nicht auf dem 3. Italienzug. Dass die Weltreichsvorstellungen mehr ein fernes Ideal verkörperten und nicht harter Wirklichkeit entsprachen, stellte sich nur zu bald heraus. Ein harmloser Anlass brachte nicht nur das hochgeschraubte Gedankengebäude zum Einsturz, sondern stellte die ganze Herrschaft Ottos III. in Italien infrage. Nach einem Aufstand der Bewohner von Tivoli, Gegner der Römer, hatte Otto III. nicht so durchgegriffen, wie es die Römer erwartet hatten. Der Herrscher Europas musste vor der Wut des Pöbels in die Engelsburg flüchten. Die Ansprache an sein Volk ist ein Dokument für die Deutschlandferne und Entfremdung von der zentralen Machtbasis: »Hört eures Vaters Worte … Seid ihr nicht meine Römer, habe ich nicht euretwegen Vaterland und Verwandte verlassen? Aus Liebe zu euch habe ich die Sachsen, alle Deutschen gering geachtet und den Neid aller auf mich genommen. Und dafür, dass ich euch zu meinen Söhnen machte, habt ihr die Waffen gegen mich erhoben?« Die Römer sind betreten, liefern die Rädelsführer aus. Doch Otto III. ist vor den Kopf gestoßen, lässt Verstärkung aus Deutschland kommen, es ist das Eingeständnis des Scheiterns. Am 16. Februar 1001 musste er nach einem erneuten Aufstand aus Rom fliehen. Er konnte nicht verstehen, dass die Römer ihn nicht so aus idealistischem Blickwinkel sahen wie er sie. Auch in Deutschland rumorte es. Herzöge und Bischöfe setzten, enttäuscht von Ottos III. Politik, auf des Zänkers Sohn Heinrich, der aber treu zum Kaiser hielt.

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