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Wie die Rosstrappe zu ihrem Namen kam

Damals, als es noch Riesen auf der Erde gab, wohnten manche von ihnen auch im Harz. Sie hatten dort mächtige Burgen und verkehrten mit den Menschen wie mit ihresgleichen. Manchmal kam es sogar vor, dass ein Riese ein Menschenmädchen heiratete, oder ein Riesenweib einen Menschenmann. Niemand wunderte sich deshalb, als sich der Riese Bodo eines Tages in die Tochter des Böhmenkönigs verliebte und um ihre Hand anhielt. Und der König sagte nicht Nein, denn der Riese war ein mächtiger Mann. Prinzessin Emma aber mochte den ungestümen Liebhaber nicht. Sie hatte ihr Herz einem anderen Mann geschenkt und war tieftraurig, als sie erfuhr, dass ihr Vater dem Riesen in ihrem Namen das Jawort gegeben hatte und dass die Hochzeit schon am nächsten Tag gefeiert werden sollte. In großer Verzweiflung schickte sie eine treue Dienerin zu ihrem Geliebten und bat ihn, zu ihr zu kommen. Noch am gleichen Abend trafen sie sich heimlich und beschlossen, miteinander zu fliehen. Da die Ställe verriegelt waren und sie nur das Pferd des Riesen vor dem Tor fanden, ergriffen sie auf seinem Rücken die Flucht. Niemand sah sie, und sobald sie die Zugbrücke hinter sich hatten, jagte das Pferd mit ihnen im tollen Ritt davon. Bald darauf kam der Riese, der noch ein bisschen ausreiten wollte. Als er sah, dass sein Pferd verschwunden war, stolperte er wütend ins Schloß zurück. Dort aber fand er nur bleiche Gesichter, denn gerade hatte die Dienerin dem König gemeldet, dass Emma geflüchtet war. Ohne Besinnen stürmte der Riese in den Stall, nahm irgendein Pferd, schwang sich darauf, dass es fast unter seiner ungeheuren Last zusammenbrach, und preschte zum Tor hinaus – voran sein Hund, der die Spur der Flüchtigen aufnahm. Bald sah der Riese sie in der Ferne. Aber auch Emma, die sich ab und zu umblickte, bemerkte ihn. Angst und Verzweiflung packte sie, weil der Riese immer näher kam, und auch ihrem Geliebten wurde ganz unheimlich zumute. In seiner Verwirrung achtete er nicht auf den Weg, und plötzlich hielt das Pferd auf einer Klippe an, die jäh vor ihnen in die Tiefe abfiel. Es gab keinen anderen Ausweg: Er drückte dem Tier die Sporen in die Weichen, dass es sich heftig aufbäumte und seine Hufe tief in den Felsen drückte. Dort sind die Spuren heute noch zu sehen und gaben dem Berg seinen Namen: Roß trappe. Dem Pferd aber gelang der Sprung hinüber, und die beiden waren gerettet. Nur Emmas Krone fiel hinunter in die Schlucht. Inzwischen war auch Bodo auf dem Felsen angelangt. Da er aber für das Pferd viel zu schwer war, stürzte es beim Sprung mit ihm in die Tiefe. Das Flüsschen, das dort unten fließt, heißt heute noch Bode, zur Erinnerung an den Riesen Bodo. Auf seinem Grund liegt immer noch Emmas Krone, bewacht von einem großen schwarzen Hund. Noch niemand ist es gelungen, sie heraufzuholen, denn von denen, die es versuchten, kam keiner mehr zurück.

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