Die weiße Blume

Im Dilltal stand früher mal eine mächtige Burg, in der ein Riese hauste. Allerdings trieb er sich mehr in den Bauerndörfern herum, als dass er sich in seinem Haus aufhielt. Er fehlte bei keinem Fest, das gefeiert wurde, denn er tanzte für sein Leben gern. Einmal aber trieb er es wirklich zu toll: Er packte das hübscheste Mädchen aus dem Dorf und nahm sie mit auf seine Burg. Lange hörte man noch ihr verzweifeltes Schreien und das höhnische Lachen des Riesen über die jungen Männer des Dorfes, die zornig vor dem verschlossenen Burgtor standen und dem Mädchen nicht helfen konnten. Ein Bergmann, der zufällig vorbeikam, gab ihnen den Rat, auf langen Leitern die Mauer zu ersteigen. Aber der Riese warf von oben her die Leitern immer wieder um, und viele der jungen Männer stürzten tödlich ab. Nur der Verlobte des entführten Mädchens konnte sich retten, weil er sich in den Efeuranken an der Mauer festhielt. Unbemerkt kletterte er daran empor, schlich in den Burghof und fand am Eingang des Hauses seine Geliebte. Weinend warf sie sich in seine Arme, er führte sie zur Mauer, und dann kletterten sie ungesehen am Efeu hinab in den Burggraben. Dort aber entdeckte sie von oben her der Riese. In seiner Wut packte er einen riesigen Felsbrocken, schleuderte ihn auf das Liebespaar und tötete beide. In diesem Augenblick fuhr ein mächtiger Blitz vom Himmel. Er zerschmetterte den Riesen und setzte die Burg in Brand. Heute wächst dort, wo der junge Mann und sein Mädchen starben, jedes Jahr in einer schönen Nacht im Mai eine wunderbare weiße Blume. Wenn jemand, dessen Herz gut und ehrlich ist, sie pflückt, so verwandelt sie sich in einen silbernen Schlüssel, der das Tor zu den Gewölben der Burg aufschließt. Dort liegen immer noch die kostbaren Schätze des Riesen, denn bis zum heutigen Tag hat niemand die Blume gefunden.

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Info 18.12.2017 00:12
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