Der Försterbub auf dem Hübichenstein

Der Sohn des Försters aus Grund war ein richtiger Lausbub. Einmal, zum Beispiel, stieg er auf den Hübichenstein, einen Felskegel im Harz, den bisher noch kein Mensch bezwungen hatte, und turnte auf der Spitze herum wie ein Seiltänzer. Aber als er sich ausgetobt hatte, fand er den Weg nicht mehr zurück. Wo er es auch versuchte, nirgends kam er weiter als ein paar Schritte. Vor Angst schrie und jammerte er so laut, dass man es drunten im Dorf hörte. Aber niemand konnte ihm helfen. In seiner Verzweiflung rief er, man möge ihn lieber erschießen als so elend umkommen lassen, aber das wollte natürlich niemand tun. Tief unglücklich stand sein Vater am Fuß des Felsens. Als er nach drei Tagen und drei Nächten das Jammern seines Sohnes nicht mehr ertragen konnte, beschloss er, ihn aus seiner Not zu erlösen. Er war ein guter Schütze, und er würde sein Ziel nicht verfehlen. Da stand plötzlich ein graubärtiger Mann vor ihm und fragte ihn nach seinem Kummer. Noch ehe er aber sein Leid geklagt hatte, kamen Scharen von Zwergen, die mit Ruten auf ihn einschlugen und Tannenzapfen nach ihm warfen, sodass er die Flucht ergriff. Der alte Mann feuerte die Zwerge auch noch dazu an. Als der Förster verschwunden war, kletterte der Alte flink wie ein Wiesel auf den Hübichenstein und befreite den Jungen. Vorher aber musste er ihm versprechen, zeitlebens keinen Menschen mehr auf den Felsen steigen zu lassen. Dann gab er sich zu erkennen: Es war der Zwergenkönig Hübich. Der Junge versprach, was der Graubart verlangte, und der Alte sagte, dass er ihn, wenn er sein Wort hielte, später zu einem reichen Mann machen wolle. Dann führte er ihn im Berg in einen großen Saal, der mit Gold und glitzernden Edelsteinen strahlend hell erleuchtet war. Zierliche Mädchen eilten herbei und brachten dem Jungen Beeren und Leckerbissen. Der griff tapfer zu, und der Zwergenkönig freute sich darüber. Später führte er ihn in ein Gemach mit Kisten und Kasten voller Gold, und der Junge durfte sich in seine Taschen füllen, soviel hineinging. Dann führte ihn das Männchen zu einem Lager aus weichen Moospolstern und bat ihn, doch ein bisschen auszuruhen. Aber der Försterbub schlief sofort tief und fest ein, und als er am nächsten Morgen aufwachte, lag er am Fuß des Hübichensteins im Gras. Und er hätte bestimmt gedacht, dass er das alles nur geträumt habe, wenn nicht seine Taschen immer noch voller Goldgulden gewesen wären. Da lief er schnell nach Hause und erzählte von seinen Abenteuern. Als das Gerücht davon schließlich bis zum Landesherrn drang, befahl der, dass niemand näher als dreiundfünfzig Schritte an den Hübichenstein herankommen und auf den Felsen auch nicht geschössen werden dürfe, damit keiner der Zwerge zu Schaden käme. Sein Befehl wurde bis zum Dreißigjährigen Krieg befolgt, dann aber kamen die Schweden und schössen mit groben Geschützen auf den Felsen. Seitdem sind die Zwerge von dort verschwunden.

Forum (Kommentare)

Info 18.01.2018 04:55
Noch keine Kommentare zu diesem Artikel vorhanden.