Wie ein Schuhmacher reich wurde

Im Dreißigjährigen Krieg zerstörten die Feinde fast die ganze Stadt Crailsheim und töteten die meisten ihrer Einwohner. Die wenigen Überlebenden hatten sich in den Wäldern versteckt und waren nicht gefunden worden. Als sie nach überstandener Gefahr wieder in ihr Städtchen zurückkehrten, wurden die paar stehengebliebenen Häuser unter sie verteilt. Ein Schuhmacher erhielt ein kleines Haus an der Brücke. Aus den Trümmern anderer Häuser trugen er und seine Frau sich ein paar Reste zusammen, richteten sich damit einigermaßen wohnlich ein und waren froh, so gut davongekommen zu sein. An einem Abend kurz vor Weihnachten saß der Schuhmacher an seinem warmen Herd, als plötzlich ein drolliges kleines Männchen in die Stube kam und sich neben ihn ans Feuer hockte. Weiter schien der kleine Kerl nichts zu wollen, und da auch dem Schuhmacher nicht nach Unterhaltung zumute war, saßen sie stumm nebeneinander. Als der Zwerg aber die Frau nach Hause kommen hörte, verschwand er. In den nächsten Tagen kam das Männlein wieder, wärmte sich neben dem Schuhmacher am Herd und verschwand, sobald die Frau das Haus betrat. Schließlich erzählte ihr Mann ihr von seinem geheimnisvollen Besucher, und da riet sie ihm, den Wicht doch mal anzusprechen. Allerdings nicht mit du, sondern mit man. Und wenn der Zwerg ihn mit etwas beauftragte, so solle er sagen, dass man das selber tun könne. Als die Frau am Weihnachtstag für eine Stunde aus dem Haus gegangen war, kam das Männlein wieder. Der Schuster fragte gleich: »Was wünscht man?« Da schaute der Wicht überrascht auf, winkte dem Schuhmacher, ihm zu folgen und stieg die Kellertreppe hinab zu einem langen, unterirdischen Gang. Dort nahm der Zwerg eine Hacke, gab sie dem Schuster und sagte ihm, er solle kräftig damit auf den Boden hacken. Der aber schüttelte entschieden den Kopf: »Das kann man selbst tun!« Schweigend nahm das Männchen die Hacke und legte einen großen Kessel frei. Dann bat es den Schuster, den Deckel aufzuheben. Doch der sagte wieder: »Das kann man selbst tun!« Da hob der kleine Kerl den ganzen großen Kessel aus dem Boden und reichte dem Schuhmacher die Hand. Im gleichen Augenblick brannte das Taschentuch, das der gerade darin hielt, lichterloh auf, und der Zwerg war von seinem Fluch erlöst. Er dankte dem Schuhmacher herzlich und lief schnell davon. Voller Neugier kam nach einer Weile die Schustersfrau heim, aber sie erschrak fürchterlich, als sie ihren Mann wie tot mitten im Zimmer liegen sah. Doch da schlug er die Augen auf und lächelte ihr« zu. Dann erzählte er ihr, was er erlebt hatte, und es dauerte lange, bis sie ihn endlich überredet hatte, nochmals mit ihr in den Keller hinunterzusteigen und nach dem Kessel zu sehen. Sie fanden ihn an der gleichen Stelle, bis zum Rand gefüllt mit Gold und Silber. Dabei lag ein Zettel, auf dem stand, dass der Schatz dem Schuhmacher gehöre, weil er den Zwerg erlöst hatte. Nur dürfte er niemand davon erzählen. Das taten die beiden natürlich auch nicht, und niemand erfuhr es, solange sie lebten.