Der Tod als Pate

Ein armer Mann ging in den Wald, um dürres Holz zu suchen. Er war todunglücklich, denn zu Hause bekam seine Frau gerade wieder ein kleines Kind, und er hatte schon eine so große Familie, dass er wirklich nicht mehr wusste, wie er sie ernähren sollte. Plötzlich stand ein Herr vor ihm und fragte ihn, warum er denn so traurig sei. Der arme Mann klagte ihm sein Leid, und dass er nicht mal einen Paten für den Neuankömmling mehr finden könne. Er freute sich mächtig, als der Fremde sich bereit erklärte, die Patenschaff zu übernehmen, wenn es so weit sei. Am Tauftag kam dann eine prächtige Kutsche angefahren und hielt vor dem Häuschen des armen Mannes. Der Fremde stieg aus, nahm an der Feier teil, lehnte aber das anschließende ärmliche Mahl ab und fuhr wieder davon, ohne ein Patengeschenk zurückzulassen. Und gerade das hätten die armen Leute so gut gebrauchen können! Nach einiger Zeit traf der arme Mann wieder den Fremden im Wald. Er fragte nach Mutter und Kind und schlug vor, dass sein Patensohn später ein berühmter Arzt werden solle. Er könne ihm dabei helfen, denn er sei der Tod, und wenn er darauf verzichte, sich am Fußende des Krankenbettes aufzuhalten, so gelinge dem Arzt jede Kur. Jahre vergingen. Der Junge wuchs heran, studierte von dem Geld, das der Pate seinem Vater gab, und wurde Arzt. Eines Tages erkrankte eine Edelfrau schwer, und man schickte nach ihm. Was allen anderen Ärzten bisher nicht gelungen war, gelang ihm: Die Edelfrau wurde gesund, denn der Tod verließ seinen Platz am Fußende ihres Bettes, und der junge Arzt brauchte ihr nur zum Schein ein Glas Wasser einzuflößen. Von diesem Tage an wurde er berühmt. Als er schon viele Menschen geheilt hatte, wurde er eines Tages wieder zu einem Schwerkranken gerufen. Aber diesmal blieb der Tod am Fußende des Bettes stehen. Kurzerhand ließ der Arzt das Bett umdrehen, und der Tod musste auf seine Beute verzichten. Damit aber hatte sich der Arzt die Gunst seines Paten verscherzt. Sein alter Vater musste es büßen. Als der alte Mann bald darauf wieder einmal den Tod im Walde traf, öffnete der mitten im Gebüsch eine Tür und bat ihn, einzutreten, denn er wolle ihm seine Wohnung zeigen. Dort brannten viele Tausend Lichter. »Es sind die Lebenslichter der Menschen«, sagte der Tod. »Verlischt eines, dann muss der Mensch sterben. Keine ärztliche Kunst und kein Geld können ihm helfen.« Das verstand der alte Mann und bat, sein eigenes Lebenslicht sehen zu dürfen. Der Tod führte ihn zu einem ganz kleinen Lichtchen, das kurz vorm Erlöschen war. Der alte Mann erschrak sehr und fragte, ob er nicht ein neues Licht anstecken dürfe. Der Tod ließ es ihn versuchen, aber als er das neue mit dem kleinen entzünden wollte, fiel es um und verlöschte – und mit ihm das Leben des alten Mannes.

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Info 21.02.2018 18:30
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