Spuk in der Mühle

Einsame Mühlen sind ein Ort, an dem es oft nicht mit rechten Dingen zugeht – so sagt man jedenfalls. Auch in einer Mühle in Schlesien war es so. Der Müller hatte es nicht leicht. Es gab bei ihm soviel zu tun, dass er keinen Gesellen fand, der länger als ein paar Tage bei ihm blieb. Nachdem das eine Weile so gegangen war, gab er allmählich die Hoffnung auf, einen guten Gehilfen zu finden. Aber eines Tages schien er doch Glück zu haben: Ein junger kräftiger Mann kam, bot seine Dienste an und ließ sich auch nicht erschüttern, als der Müller ihm von den Hexen erzählte, die jede Nacht seine Mühle zu ihrem Treffpunkt machten. Der Geselle blieb also. Aber zur Nachtwache nahm er sich sein Gebetbuch und ein Beil mit, denn er sagte sich, dass er eines von beiden bestimmt gebrauchen könnte. Gegen die Hexen würde das Gebetbuch helfen, gegen menschliche Bösewichte aber das Beil. So setzte sich der junge Mann auf eine Bank und harrte der Dinge, die da kommen sollten. Auf dem Tisch vor ihm lag das Beil neben einer Lampe, die genügend Licht gab, um im Gebetbuch lesen zu können. Als es in der Ferne vom Kirchturm Mitternacht schlug, ging plötzlich die Tür auf und zwei graue Katzen, eine alte und eine junge, schlichen herein. Sie taten sehr vertraut mit dem Müllergesellen, schmeichelten, schnurrten und miauten, als ob sie schon lange mit ihm bekannt wären. Der Müllergeselle aber blieb wachsam trotz ihren Zutraulichkeiten. Als sich die junge Katze an das Gebetbuch machen wollte, steckte er es kurzerhand in die Tasche. Die Alte hingegen hatte es auf das Beil abgesehen, aber er hielt es fest. Darüber wurden die beiden Katzen wütend und gingen mit ihren Krallen auf ihn los, dass er nur mit Mühe die Gebete weiter sprechen konnte, mit denen er sich die unheimlichen Tiere vom Leibe hielt. Genau als es ein Uhr schlug, sprang die junge Katze auf den Tisch und wollte die Lampe auslöschen. Da schlug der Geselle mit dem Beil zu und hieb ihr die Pfote ab. Die Katze heulte grauenvoll auf und schoss zur Tür hinaus, während ihr die alte mit wütendem Fauchen folgte. Als der Geselle aber am anderen Tag die Katzenpfote seinem Meister zeigen wollte, sahen beide voll Grauen, dass es eine Frauenhand war. Merkwürdigerweise hatte sich am gleichen Morgen die junge Müllersfrau mit verbundenem Arm ins Bett gelegt. Ein Arzt musste gerufen werden, der seine Kunst an ihr versuchte. Es hieß, die Frau Meisterin habe sich beim Holzhacken aus Versehen die rechte Hand abgeschlagen. Als dies der junge Mann hörte, blieb er keine Minute länger mehr in der Mühle, denn wo die Meisterin eine Hexe war, da wollte er kein Geselle sein.

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Info 18.11.2017 13:07
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