Der Knecht mit dem Zaubersamen

Ein Bauer in Schwaben hatte einen Knecht, der mit dem Teufel im Bunde war und von ihm einen Zaubersamen erhalten hatte. Der Samen gab ihm die Möglichkeit, mit seinem Pferdegeschirr hinzufahren, wohin er wollte. Kein Fels war zu steil, keine Mauer zu hoch. Sogar die Leiter zum Heuboden konnte er mühelos hinauffahren, wenn ihm niemand beim Abladen half. Und nie passierte etwas dabei. Einmal kam der Bauer dazu und sah diesen Zauber. Aber er war so schlau, nichts zu sagen, denn sonst wäre sein Knecht samt den Pferden und dem schwer beladenen Wagen auf die Tenne herabgestürzt. Um den Knecht hätte es ihm dabei allerdings nicht leidgetan, da er ihm höchst unheimlich war. Aber er traute sich nicht, ihn davonzuschicken, weil er teuflische Künste beherrschte, gegen die andere Menschen machtlos sind. Einmal ging der Knecht mit einem Freund in die Wirtschaft zum Engel in Menzingen, um die Wirtstochter zu besuchen. Dort saßen schon zwölf andere junge Männer, die ihm das Mädchen nicht gönnten und deshalb auf Rache sannen. Der Teufelsknecht, der das merkte, machte seinen Freund darauf aufmerksam, dass sie es vielleicht auf dem Heimweg mit diesen Burschen zu tun bekommen könnten. Der Freund wurde schneeweiß vor Angst. Wie sollten sie zu zweit gegen zwölf aufkommen? Der Knecht aber beruhigte ihn und meinte, er möge sich nur auf ihn verlassen, dann werde er heute noch seinen Spaß haben. Kurz vor Mitternacht machten sich die zwölf jungen Männer auf den Weg, nachdem sie vorher den beiden noch herausfordernde Blicke zugeworfen hatten. Die tranken in Ruhe ihr Bier aus, verabschiedeten sich vom Wirtstöchterlein und gingen ebenfalls heimwärts. Unterwegs warteten schon die Zwölf. Sie hatten Äxte, Mistgabeln und Prügel in der Hand, standen aber steif wie die Stöcke. Keiner konnte sich bewegen, so sehr der Teufelsknecht und sein Freund sie auch verhöhnten und verspotteten. Lachend gingen die beiden weiter, und erst als sie fast zu Hause waren, sagte der Teufelsknecht, jetzt habe er die Zwölf wieder von ihrem Bann erlöst. Das Zaubermittel hatte geholfen. Nie wagten sie sich wieder an die beiden Freunde heran. Der Freund aber war neugierig geworden und gab nicht eher Ruhe, als bis er von dem Zaubersamen gehört hatte. Nun wollte er ihn auch haben. Und da der Teufelsknecht, trotz allem, gutmütig war, wollte er ihm den Gefallen tun. In einer Nacht nahm er ihn mit zu einem Kreuzweg, las aus einem kleinen Buch unverständliche Worte, und kurz vor Mitternacht brauste das Wilde Heer heran und tobte um sie, als ob der Weltuntergang angebrochen sei. Aber die beiden ließen sich nicht einschüchtern – auch nicht, als sie einen großen Mühlstein an einem dünnen Faden über sich hängen sahen. Denn der Teufelsknecht hatte seinem Freund gesagt, dass sie nichts zu befürchten hätten, wenn er kein Wort spräche und alles stumm über sich ergehen ließe. Nach einer Weile kam eine Kutsche in wildem Tempo daher. Eine Gestalt beugte sich aus dem Fenster und fragte nach dem nächsten Ort. Niemand antwortete, und die Kutsche brauste weiter. Dann kam ein sehr seltsames Gefährt: eine große Holzschüssel, in der ein merkwürdiger Kerl saß. Er fragte den Freund, ob er mit seinem Fahrzeug wohl die Kutsche noch einholen könne. Da konnte der Freund nicht anders: Er lachte schallend los und nannte den seltsamen Kauz einen Narren. Im gleichen Augenblick war mit einem Schlag alles vorbei. Wütend beschimpfte der Teufelsknecht seinen Freund, denn von nun an konnte er keinen Zaubersamen mehr beschaffen. Nie mehr.

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Info 22.11.2017 17:32
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