Der Teufel und der Schäfer

Am Piepenburger See in Pommern hütete vor langer Zeit ein Schäfer seine Schafe. Es störte ihn sehr, dass er immer den langen Weg um den großen See herummachen musste, denn das war mit seinen vielen Schafen sehr schwierig. Wie schön wäre es, dachte er, wenn ein Damm durch den See führte und den Weg verkürzte zur anderen Seite! Aber das schien über die menschlichen Kräfte zu gehen. Als er wieder einmal seine Schafe um den See herumtrieb, trat plötzlich ein Mann aus dem Gebüsch, erkundigte sich freundlich nach seinem Woher und Wohin, nach der Zahl seiner Schafe und bedauerte mit ihm, dass er immer diesen weiten Weg zurücklegen müsse. Ein Damm müsste gebaut werden, meinte er, dann sei es die halbe Mühe. Der Schäfer freute sich, dass der Fremde der gleichen Ansicht war wie er, dann aber zuckte er hilflos die Achseln: Wer sollte einen solchen Damm wohl bauen? Der Fremde sah ihn daraufhin ermunternd an und sagte, wenn er einen Pakt mit ihm schließen wolle, werde er den Damm in einer Nacht bauen. Den Schäfer wunderte das sehr. Aber da er ein schlichter, argloser Mann war, ging er darauf ein. Was sollte Schlimmes dabei sein? Nun zog der Fremde eine Feder aus seiner Tasche, ritzte den Schäfer ein wenig in den Arm, sodass ein paar Blutstropfen hervorkamen, tauchte die Feder hinein, griff sich ein Papier aus der Luft und hielt beides dem Schäfer zur Unterschrift hin. Obwohl den ein leichtes Grauen überkam, schrieb er doch seinen Namen darauf mit eigenem Blut. Der Fremde versprach nochmals, dass der Damm am nächsten Morgen vor dem ersten Hahnenschrei fertig sein werde und verschwand. In der nächsten Nacht konnte der Schäfer keinen Schlaf finden. Immer wieder musste er an seine Zusage denken. Mit einem Male nahm er sie nicht mehr so leicht. Er dachte an das merkwürdige Versprechen des Fremden, an sein Aussehen, und plötzlich wurde es ihm klar: Es war der Teufel! Ohne ein Auge zugetan zu haben, stand er noch vor Morgengrauen auf und trat ins Freie. Als er an den See kam, war der Damm fast vollendet. Aber noch lange krähte der Hahn nicht, und da hatte er einen guten Einfall: Er klatschte laut in die Hände und ahmte einen Hahnenschrei nach. Gleich fiel auch ein Hahn im Dorf ein, und sein helles Kikeriki erklang bis zum See. Im gleichen Augenblick erschütterte ein furchtbarer Donnerschlag die Luft, und der fast vollendete Damm sank in die Tiefe. Aus der Höhe aber hörte man einen grässlichen Fluch. Voller Entsetzen rannte der Schäfer zu seinem Karren zurück. Es dauerte lange, ehe er sich wieder soweit gefasst hatte, um sein Tagewerk zu beginnen. Von diesem Tag an erschien ihm der Weg um den See nie mehr zu weit. Aber erst kurz vor seinem Tod erzählte er seiner Frau von dem Pakt, den er mit dem Teufel geschlossen hatte. Seine Frau konnte das nicht für sich behalten, und so kam die Geschichte unter die Leute.

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Info 18.01.2018 05:06
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