Die Ilmnixe

Wo sich die Ilm, in der Nähe von Weimar, durch die blühenden Wiesen schlängelt, weidete der Hirt Kunz die große Herde des reichen Nonnenklosters zu Oberweimar. Sein Lohn war sehr spärlich. Er verdiente gerade sein trockenes Brot. Nur zur Lichtmess bekam er dazu eine Wurst und einen geweihten Blumenstrauß. Dass er mit diesem Leben nicht recht zufrieden war und in seinen freien Stunden Luftschlösser baute, kann man verstehen. Oft saß er träumend am Ufer der Ilm, sah in das klare Wasser, und einmal seufzte er traurig: »Wäre ich doch ein Fischlein!« Kaum hatte er das ausgesprochen, als ein hübsches Fischermädchen vor ihm stand und ihn fragte: »Warum möchtest du denn ein Fischlein sein?« »Ach«, stotterte er verwirrt, »ich meine nur -« und dann wusste er nicht weiter. Das Mädchen lachte über seine Verlegenheit: »Du willst wohl gefangen, gebraten, gesotten und verzehrt werden?« Da seufzte der Hirt: »Was machte das schon? Glaubst du, dass das Leben Spaß macht, wenn man ansehen muss, wie die Lämmer, die man hütet, von Klosterjungfrauen gegessen werden, während man selber nur ein Pfund trockenes Brot zugeteilt bekommt?« Er war eine Weile still und holte tief Atem, dann fuhr er fort: »Wenn ich aber ein Fischlein in der Ilm wäre, gehörte ich zum Hausgesinde der Nixe Erlinde – die würde mich sicher nicht umkommen lassen!« Da schaute ihn das Fischermädchen seltsam an und sagte herzlich: »Dein Wunsch soll in Erfüllung gehen, ich bin Erlinde.« Das war nun doch mehr, als Kunz gehofft hatte. Er wurde blass vor Schreck und rief: »Liebe Nixe, lasst mich noch etwas erklären, ehe Ihr mich in einen Fisch verwandelt. Im Dorf dort wohnt nämlich ein Mädchen, das ich von Herzen liebe. Man nennt sie überall das schöne Käthchen. Wenn ich schon in der Ilm als Karpfen leben soll, so lasst das Käthchen meine Karpfin sein.« Aber Erlinde schüttelte den Kopf: »Über dein Käthchen habe ich keine Macht. Du aber sollst -« Kunz wehrte mit beiden Händen ab: »Oh bitte, dann lasst mich lieber ein Mensch sein. Aber wenn Ihr es gut mit mir meint und mich glücklich machen wollt, könnt Ihr mir vielleicht einen anderen Wunsch erfüllen.« Erlinde nickte ihm aufmunternd zu, und nach einigem Nachdenken sagte der Hirt: »Zuerst wünsche ich mir soviel Geld, dass ich mir davon ein Stück Land kaufen kann. Dazu eine Herde von achtzig Schafen, ein paar Kühe und ein paar Ochsen. Darin möchte ich mein Käthchen haben.« Da fuhr Erlinde ihn zornig an: »Du fauler Bursche, wie würde dir das zu Kopf steigen, wenn ich dir Acker, Haus und Herde schenkte! Nein mein Freund! Ich glaube, für dich ist es besser, du bleibst, was du bist, denn selbst zum Karpfen bist du mir zu fein. Aber ich will dir ein kleines Andenken schenken!« Sie berührte ihn mit einem Weidenstab, sprang in die Ilm und versank vor seinen Augen. Ihm aber war etwas Schreckliches geschehen: Sie hatte ihm den Kopf auf den Schultern verdreht, sodass sein Gesicht nach hinten blickte. Zitternd und schreiend warf er sich am Ufer nieder und flehte die Nixe um Erbarmen an. Aber Erlinde hörte ihn nicht. So blieb dem armen Burschen nichts weiter übrig, als seitwärts gehend die Herde nach Oberweimar heimzutreiben. Bei seiner Ankunft im Klosterhof erhoben die Nonnen ein großes Geschrei über den verunstalteten Hirten. Man rief den Pater Benedikt herbei, der unter Gebet und Beschwörung den Zauber zu lösen versuchte. Aber alles war vergebens, und schließlich meinte der Priester, dass Kunzes Verunstaltung wohl die Strafe für seine Sünden sei. Täglich trieb nun der unglückliche Kunz seine Herde auf die Wiesen und wurde immer trauriger, denn das Käthchen liebte ihn zwar, aber einen so verunstalteten Mann wollte sie nun doch nicht. In Ihrer Verzweiflung kamen die beiden auf den Einfall, sich immer wieder am Ufer der Ilm niederzuwerfen und die Nixe um Erbarmen zu bitten. Eines Tages schäumte das Wasser empor, schlug große Wellen, und aus den Fluten stieg Erlinde. Freundlich sah sie das Mädchen an und sagte mit gütiger Stimme: »Du tust mir leid, liebes Kind, und ich will deshalb deinen Wunsch erfüllen. Aber ich gebe dir den Rat: Lass den Hirten laufen, denn er ist deiner nicht wert.« Das Käthchen machte ein ganz bekümmertes Gesicht: »Aber ich bin doch solch ein armes Mädchen, und er hat mich lieb -« Die Nixe Erlinde schüttelte den Kopf. »Aber willst du ihn denn heiraten und ein ganzes Leben mit ihm hungern? Denn anders wird es nie sein.« Erlinde blickte das Mädchen noch einmal zweifelnd an, ehe sie wieder in den Fluten verschwand. Doch im letzten Augenblick warf sie ihm noch eine Handvoll Sand vor die Füße. Und als das schöne Käthchen sich verwundert niederbeugte, da waren es viele Tausend leuchtende Goldkörner. Die tauschte Käthchen beim Schatzmeister des Klosters gegen hundert Silbergroschen ein und kaufte dafür ein Stückchen Feld, Vieh und ein kleines Haus. Kurz darauf heiratete sie ihren Hirten Kunz. Der trieb nun seine eigene Herde auf die Weide und lebte mit Käthchen zufrieden bis an sein Ende. Aber so oft sie auch später an die Ilm kamen, die Nixe sahen sie niemals wieder.

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Info 14.12.2017 16:08
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