Rübezahl der Berggeist

Es gibt bei uns keine Sagengestalt, die sich lebendiger in der Erinnerung erhalten hat als Rübezahl, der listige, polternde, strafende und helfende Berggeist. Anfänglich hatte er im Harz gehaust. Später aber, als es ihm dort zu lebhaft wurde, zog er aus und siedelte ins stillere Riesengebirge über. Auch dort gab es Bergwerke wie im Harz, und unter den Bergleuten hatte er sich immer am wohlsten gefühlt. Sie verstanden einen Spaß und wurden nicht einmal ärgerlich, wenn er ihnen heimlich, während sie arbeiteten, ihr Essen wegnahm und in die Schüssel Ungeziefer wie Kröten, Eidechsen oder andere Vierbeiner legte. Sie wussten nämlich genau, dass er ihnen, wenn sie freundlich blieben, ihre Speisen schnell zurückgab und meist noch ein Goldstück dazu legte; wie er auch alten Frauen gern auf dem Weg zum Markt die Eier aus dem Korb nahm und gegen Steine vertauschte, sie ihnen aber später zurückgab und noch etwas Gold dazu. Manchmal führte er Wanderer in die Irre und lachte sie mächtig aus, wenn sie nicht mehr woher und wohin wussten. Auch verwandelte er sich gern in einen Bären oder in einen Hirsch. Aber wehe dem Jäger, der auf ihn schoss, weil er nicht wusste, dass er es mit Rübezahl zu tun hatte! Es konnte schlimm für ihn ausgehen. Einmal kam ein vornehmer Herr mit großem Gefolge zur Schneekoppe. Seinen Dienern hatte er vorher eingeschärft, Rübezahl ja Nacht zu necken oder herauszufordern. Aber die jungen Leute dachten nicht mehr daran, und sobald sie im Gebirge waren, riefen sie laut nach dem Berggeist, machten sich lustig über ihn und kamen sich noch sehr tapfer vor, weil sie so viele waren und sich deshalb für unüberwindlich hielten. Aber Rübezahl ließ ein großes Gewitter aufziehen. Die Blitze zuckten, Donnerschläge erfüllten die Luft, der Hagel prasselte, als ob er die ganze Welt zerschlagen und vernichten wolle. Zitternd und kreidebleich standen die Diener unter den Bäumen. Nur ihr Herr blieb tapfer. Er nahm das Kreuz aus der Tasche und hielt es den tosenden Elementen entgegen. Allerdings ließ das Unwetter deshalb nicht nach. Im Gegenteil, die schwarzen Wolken bäumten sich auf und formten sich zu einem Kreuz, das am Ende sich in eine Schlange verwandelte und in den Bergschluchten verschwand. Endlich hatte sich das Unwetter ausgetobt und die verängstigten Menschen atmeten auf. Nie wieder wagten sie Rübezahl zu verspotten. Ein andermal kamen vier wallonische Händler ins Riesengebirge, um Edelsteine und Springwurzeln zu suchen. Ein alter Wirt warnte sie: Sie könnten alles mitnehmen von hier, was sie wollten, nur nicht die Springwurzeln. Rübezahl wache über ihnen und ihn sollten sie lieber nicht ärgern. Die Fremden lachten ihn aus. Sie seien schon mit ganz anderen Gesellen als Rübezahl fertig geworden und hätten schließlich nicht die weite Reise gemacht, um sich nun am Ziel einschüchtern zu lassen. Da gab es der Wirt auf und ließ sie ziehen. So kamen die Wallonen in Rübezahls Garten. Aber als der eine mit der Harke den ersten Schlag nach einer Springwurzel tat, fiel er um und war tot. Entsetzt sahen die anderen, dass er kohlschwarz aussah. Keiner wagte weiter zu graben. Sie brachten ihren toten Gefährten ins Dorf und begruben ihn dort. Springwurzeln aber rührten sie keine mehr an, sondern sammelten nur noch Edelsteine, um nicht mit leeren Händen in die Heimat zurückzukommen.

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Info 26.09.2017 - 00:07
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