Rübezahl und der Bauer

Einst geriet ein Bauer ohne eigenes Verschulden in große Not und musste bei einem geizigen Mann eine Anleihe aufnehmen. Der Geizige aber verlangte plötzlich sein Geld zurück, und als es ihm der Bauer nicht geben konnte, ließ er ihm Haus und Hof pfänden. Die Familie wusste nicht mehr, wovon sie leben sollte, doch schließlich kam die Frau auf den Einfall, ihr Mann solle übers Gebirge zu ihren Verwandten gehen. Vielleicht könnten die helfen. Obwohl der Bauer keine große Hoffnung hatte, machte er sich doch eines Tages früh auf den Weg und wanderte ohne Pause, bis er noch vor dem Abend im Dorf bei den Verwandten eingetroffen war. Aber statt Hilfe bekam er nur bittere Vorwürfe, und so machte er sich traurig wieder auf den Heimweg. Als er so übers Gebirge wanderte, fiel ihm als letzte Rettung Rübezahl ein. Laut rief er seinen Namen: »Rübezahl! Rübezahl!« Schon stand der Gerufene vor ihm, schwarz und mit wirrem Haar wie ein Köhler. Er sah sehr furchterregend aus. »Was störst du mich in meiner Ruhe?« Der Bauer bat um Verzeihung und erzählte ihm dann von seiner Not. Das Gesicht des gutmütigen Berggeistes wurde immer freundlicher. Dann forderte er den Bauern auf, ihm in seine Höhle zu folgen, und der kam auch mit. Sie gingen durch einen engen Felsengang, und als sich die Dunkelheit lichtete, standen sie vor einem Kessel, der bis zum Rande mit Geld gefüllt war. »Nimm, soviel du willst«, ermunterte ihn Rübezahl. »Aber du musst mir einen Schuldschein geben, denn auch ich kann und will nichts verschenken.« Der Bauer füllte sich die Taschen, unterschrieb den Schein, bedankte sich sehr höflich und machte sich auf den Heimweg. Zu Hause sagte er allerdings nicht, dass er das Geld von Rübezahl bekommen hatte, sondern ließ seine Frau bei dem Glauben, dass die Verwandten jenseits des Gebirges ihnen geholfen hätten. Er musste sich das Lachen verbeißen, als seine Frau begeistert von den hilfreichen Vettern sprach. Von Rübezahls Geld kaufte der Bauer seinen Besitz zurück, ohne dass das Geld davon weniger wurde. So kam er allmählich zu Wohlstand, und sobald er die von Rübezahl geliehene Summe hinzuverdient hatte, spannte er eines Morgens sein Pferd vor den Wagen, ließ Frau und Kinder aufsteigen und fuhr mit ihnen davon. Als sie ihn verwundert nach dem Reiseziel fragte, lachte er und sagte: »Zu deinen Verwandten, um das Geld zurückzubringen.« Der Frau war es recht, doch wunderte sie sich sehr, als der Bauer plötzlich im Gebirge anhielt. Da erzählte er ihr, wem sie ihren Wohlstand verdankten. Die Frau fürchtete sich zwar, denn sie hatte von dem Berggeist bisher wenig Gutes gehört. Aber da ihr Mann unbeirrt weiterging, blieb ihr mit den Kindern nichts anderes übrig, als zu folgen. So kamen sie in die Nähe der Höhle, doch weder von ihr noch von Rübezahl war etwas zu sehen. Als aber der Bauer seinen Namen rief, erhob sich ein großer Wirbelwind, und ein Blatt Papier tanzte zwischen den Baumstämmen. Der älteste Junge fing es ein und brachte es seinem Vater. Es war der Schuldschein, den der Bauer einst unterschrieben hatte und darunter stand: Mit Dank erhalten. Die Bauersleute waren so gerührt, dass ihnen die Tränen in die Augen traten. Schweigend fuhren sie nach Hause und vergaßen Rübezahl ihr Leben lang nicht. Die geizigen Verwandten aber fanden ein trauriges Ende.

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Info 14.12.2017 16:02
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