Wie Rübezahl zu seinem Namen kam

Als Rübezahl einst durch Wälder und Felder streifte, sah er an einer frischen Quelle ein paar junge Mädchen. In die eine von ihnen verliebte er sich auf der Stelle. Es war die Tochter des Königs, das erkannte er an der Anmut ihrer Bewegungen und an der Achtung, die ihre Begleiterinnen ihr entgegenbrachten. Um ihr möglichst nahe zu sein, aber von ihr nicht erkannt zu werden, verwandelte er sich in einen Raben und flog auf einen Baum, der bei der Quelle stand. Aber er merkte gleich, dass er das falsch gemacht hatte, denn als Rabe empfand er nur wie ein Rabe, und die Mädchen waren ihm auf einmal völlig gleichgültig. Er flog daher schnell wieder auf einen Felsen, nahm Menschengestalt an und hatte nun menschliche Empfindungen. Nach einiger Zeit gingen die Mädchen weg. Rübezahl aber zog es von nun an ständig zur Quelle, weil er hoffte, die Prinzessin würde wiederkommen. Seine Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt, aber eines Tages traf er die Mädchen wieder. Sie waren sehr erstaunt, den Platz völlig verwandelt vorzufinden, denn Rübezahl hatte durch seine Zauberkünste herrliche Blumenanlagen geschaffen und um die Quelle ein großes Marmorbecken errichtet, das zum Baden lockte. Die Mädchen waren hell entzückt und Prinzessin Emma entkleidete sich sofort, um ins Wasser zu steigen. Aber kaum hatte sie ihren Fuß auf den Kiesgrund gesetzt, als sie versank. Die Mädchen drängten sich um das Becken, aber von der Prinzessin fand sich keine Spur. Da sprang auch Brunhilde in das Wasser, doch sie ging nicht unter, so sehr sie sich auch bemühte. Ganz traurig machten sich die Mädchen auf den Heimweg und berichteten dem König von der schrecklichen Begebenheit. Der weinte bitterlich über seine verlorene Tochter. Denn an Rübezahl dachte er natürlich nicht. Emma aber war inzwischen in Rübezahls Reich gekommen. Er trat ihr freudestrahlend entgegen und führte sie in sein prächtiges Schloss. Und da er sich in einen gut aussehenden jungen Mann verwandelt hatte, fand auch sie Gefallen an ihm und ließ sich von ihm die herrlichen Gärten und Gemächer zeigen. Aber sobald sie allein in ihrem Zimmer war, ergriff sie das Heimweh. Rübezahl sah den Kummer der Geliebten und suchte sie zu zerstreuen. Eines Tages holte er von einem Acker einen Korb voll Rüben und brachte ihn ihr. Dann gab er ihr einen Zauberstab und sagte, mit ihm könne sie die Rüben in die Personen verwandeln, die sie sich zur Gesellschaft wünsche. Glücklich griff Emma zu und verwandelte gleich die erste Rübe in ihre Freundin Brunhilde. Die stand augenblicklich vor ihr und fiel ihr vor Freude weinend in die Arme. Auch sie staunte natürlich sehr über das unterirdische Zauberreich. Mit dem Wunderstab holte sich die Prinzessin allmählich ihre Freundinnen herbei, sodass sie keine Langeweile mehr hatte. Auch ihre Katze und ihr Hund waren wieder da. Aber wie entsetzt war sie, als sie eines Morgens ihre Gespielinnen zusammengeschrumpft und gebückt als alte Frauchen vorfand und auch Hund und Katze sich vor Alter nicht mehr auf den Beinen halten konnten! Da wusste sie, dass der Zauberstab ihr nur zu Scheingebilden verholfen, aber nicht die wirklichen Freundinnen herbeigebracht hatte. Ärgerlich ging sie zu Rübezahl und warf ihm vor, sie getäuscht zu haben. Der leugnete gar nicht, sondern war selbst traurig, dass die Rüben nur eine solch begrenzte Lebensdauer hatten. Und gleich machte er sich auf, um neue zu holen, während Emma die runzligen Freundinnen in Rüben zurückverwandelte. Auch die sahen jetzt jämmerlich aus. Am Abend aber kam Rübezahl traurig und mit leerem Korb zurück. Er hatte alle Felder vergeblich nach Rüben abgesucht, denn auf der Erde war inzwischen Winter geworden. Emma drehte ihm zornig den Rücken zu und wollte ihn nicht mehr sehen. Das betrübte den Berggeist so sehr, dass er zu den Menschen hinauf ging und sich Rübensamen kaufte. Den säte er auf einem seiner Felder aus und ließ seine dienstbaren Geister darunter ein großes Feuer entfachen, um die Saat schnell zum Keimen und Wachsen zu bringen. Es gelang: Nach wenigen Tagen konnte er die Geliebte an ein großes Rübenfeld führen, das ihr ermöglichte, alles herbeizuwünschen, was ihr Herz begehrte. Von nun an erfüllte die Prinzessin sich selbst alle Wünsche. Mit der Zeit aber wurde ihr das nicht nur langweilig, sondern täuschte sie auch nicht mehr über ihre Sehnsucht hinweg. Auch dachte sie immer häufiger an ihren Verlobten, den Prinzen von Ratibor, den sie eigentlich bald hätte heiraten sollen. So sann sie in vielen schlaflosen Nächten darüber nach, wie sie Rübezahl entfliehen könnte. Eines Tages hatte sie einen Einfall. Sie verwandelte eine Rübe in eine kleine Biene, schickte sie mit einem Brief zum Prinzen und bat um Antwort. Gleichzeitig verzauberte sie eine andere Rübe in eine Grille, die sie zu ihrem Schwiegervater mit der Bitte um Hilfe schickte. Doch beide Tierchen hatten Pech: Ein Storch fraß die Grille auf und das Bienchen fiel einer hungrigen Schwalbe zum Opfer. Als ihre beiden Boten nicht zurückkamen, zauberte Emma eine Elster und befahl ihr, zu ihrem Verlobten zu fliegen und ihm von ihrer Gefangenschaft zu berichten. Er solle drei Tage später mit Pferden und Knechten ins Maiental kommen und dort auf sie warten. Es gelang der Elster tatsächlich, den Prinzen im Wald zu treffen, und er machte sich sofort auf den Weg. Emma aber musste nun noch Rübezahl überlisten. Sie war so freundlich zu ihm, dass er aufs neue hoffte, sie bald zur Frau zu bekommen. Damit sie wisse, mit wie viel Brautjungfern sie rechnen könne, bat sie ihn, aufs Feld zu gehen und dort die Rüben zu zählen. Rübezahl machte sich sofort auf den Weg. Aber sobald er verschwunden war, verwandelte Emma eine Rübe in ein Roß mit Sattel und Zaumzeug und ritt so schnell sie konnte ins Maiental, wo der Geliebte sie erwartete. Der Berggeist aber wurde bei seiner eifrigen Zählarbeit beobachtet und schon hatte er für alle Zeiten seinen Namen: Rübezahl.

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Info 26.09.2017 - 21:58
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