Rübezahl hilft einer Mutter

Die Frau eines Glashändlers hatte es sehr schwer mit ihrem Mann. Er war ein Geizhals und Tunichtgut, und sie musste von früh bis spät arbeiten, um ihre Kinder zu ernähren. Dass sie dabei manchmal die Geduld verlor, kann ihr niemand übel nehmen. Als sie eines Tages wieder draußen im Wald war, um Beeren zu sammeln, wollten ihre Kinder keine Ruhe geben und quälten sie sehr. In ihrem Ärger rief sie laut: »Komm her, Rübezahl und friss den ärgsten Schreihals!« Da stand der Gerufene auch schon vor ihr und wollte den Ältesten haben, der am wildesten war. Die Frau war zu Tode erschrocken, denn so hatte sie es nicht gemeint. Aber Rübezahl wollte haben, was sie ihm versprochen hatte und griff nach dem Jungen. Die Verzweiflung gab der Mutter übermenschliche Kraft. Sie stürzte sich auf Rübezahl und stieß ihn zurück. Der musste darüber lachen: »Da du so eine arme Frau bist, sollst du ihn mir wenigstens nicht umsonst geben. Mir gefällt der Bursche und du sollst hundert Taler für ihn haben.« Aber die Mutter schüttelte den Kopf. »Lieber will ich Holz und Moos essen« rief sie, »als eines meiner Kinder hergeben. Ich habe sie geboren und ich liebe sie.« Da setzte sich Rübezahl auf einen Baumstumpf und nickte ihr lächelnd zu. Dann fragte er, ob sie denn keinen Mann habe, der ihr helfen könne. Das habe sie schon, sagte sie, aber er sei kein sehr guter Mann: Wenn er unterwegs mit seinem Glas kein Glück habe, müsse sie es mit den Kindern büßen. Die Frau hatte inzwischen ihren Korb gefüllt und verabschiedete sich herzlich von Rübezahl. Der aber machte sich auf den Weg, um den Glashändler, der aus Böhmen kam, abzufangen und ihm eine Lehre zu erteilen. Als er ihn mit seinem Korb ankommen sah, verwandelte er sich in einen Baumstumpf. Der Glashändler war müde, setzte daher den Korb darauf und legte sich daneben ins Gras, um eine Stunde zu schlafen. Kaum war er jedoch eingenickt, da erwachte er von einem lauten Klirren. Als er in die Hohe fuhr, sah er, dass der Baumstamm verschwunden, sein Korb umgestürzt und alles Glas zerbrochen war. Wütend verfluchte er sein Unglück. Seine Frau war inzwischen nach Hause gekommen. Sie hatte sich, als ihr Rübezahl half, den Korb auf den Rücken zu nehmen, nichts dabei gedacht, dass er ihn mit Laub füllte. So warf sie es zu Hause ihren Ziegen vor, und die fraßen es gierig, weil sie seit dem frühen Morgen nichts im Magen hatten. Als die arme Frau jedoch am nächsten Tag in den Stall kam, waren alle Tiere tot. Schluchzend stürzte sie zu den Nachbarn und klagte ihnen ihre Not. Ihr Mann werde sie umbringen, wenn er nach Hause käme und die toten Tiere sähe. Als sie aber wieder in den Stall trat,sah sie voll Staunen, dass aus dem übrig gebliebenen Laub in der Krippe Gold geworden war. Eine jähe Ahnung kam ihr. Sie lief schnell in die Küche, holte ein langes Messer und schnitt den Ziegen die Bäuche auf. Da fiel es klirrend und prasselnd heraus: Alles Laub war zu goldenen Talern geworden. Als ihr Mann mürrisch, verärgert und mit leerem Korb abends nach Hause kam, zeigte sie stumm auf den Tisch, auf dem ein hoher Berg von Goldstücken lag. Der Glashändler begriff erst, was geschehen war, als ihm seine Frau von Rübezahl berichtete. Von diesem Tage an wurde er ein besserer Mensch.