Rübezahl und der Arzt

Rübezahl hatte zwar geschworen, nach seiner Enttäuschung mit Prinzessin Emma nie mehr unter das Menschenvolk zu gehen, aber dann bekam er doch wieder Sehnsucht nach den Bergen und dem blauen Himmel darüber. Er ging auf einsamen Wegen und hoffte, keinem Menschen zu begegnen. Da hatte er sich aber geirrt. Hinter einer Wegbiegung stand plötzlich vor ihm ein seltsames Männchen, das wie ein Stutzer angezogen war und wie ein Storch im Gras herumstieg. Hier und da bückte sich der seltsame Mensch, pflückte ein Kräutchen oder einen Zweig und steckte sie in seine Blechkapsel, die er umgehängt hatte. Rübezahl sah ihm eine Weile zu, dann sprach er ihn an und fragte, wozu er denn das Unkraut brauche. Da reckte sich das Männchen stolz auf, warf sich in die Brust und sagte mit hochtönender Stimme, er sei ein weltberühmter Arzt, der Kaiser und Könige kuriert und sogar dem Kaiser Tamerlan in Indien den Kopf aufgemeißelt und einen Stein herausgenommen habe, der die Ursache für den Irrsinn des Herrschers gewesen sei. Nun sei der große Mann wieder gesund und habe ihn zu seinem Hof- und Leibarzt ernannt. Rübezahl hörte ihm andächtig zu, musste sich aber das Lachen verbeißen, denn der Doktor schnitt gewaltig auf, und da er Rübezahl offensichtlich für einen Holzknecht hielt, hatte er gar keine Angst, durchschaut zu werden. Da fragte Rübezahl ihn, ob er das Kräutlein Mäusezahn kenne. Das Männlein schnaubte verächtlich durch die Nase, sah hoheitsvoll zu dem vermeintlichen Holzknecht auf und’ sagte spöttisch, er solle nicht so daherreden. Er habe vier Jahre auf der Universität zu Prag studiert und ließe sich von einem dummen Holzknecht nicht zum Narren halten. Rübezahl tat nun sehr bescheiden und fragte den berühmten Arzt, ob er ihn nicht von seinem Leiden heilen könne. Seit Langem plagten ihn böse Krämpfe und ein kaltes Fieber, und er wisse schon gar nicht mehr aus noch ein. Bei diesen Worten stürzte er zusammen, zuckte und zappelte, als ob er von bösen Geistern geschüttelt würde, und stöhnte dabei zum Steinerweichen. Der Arzt langte in seine Tasche, holte eine Handvoll Pillen heraus, zwängte sie dem armen Rübezahl in den Mund und hielt ihm die Nase zu, dass er sie gewaltsam hinunterschlucken musste. Dann reichte er ihm einen so widerlichen Trank, dass dem bedauernswerten Rübezahl die Tränen in die Augen traten. Nach wenigen Minuten aber stand er tatsächlich wieder auf den Beinen, innerlich belustigt, nach außen jedoch voller Dankbarkeit. Er versicherte, dass er sich wie neugeboren fühle, und langsam gingen sie miteinander weiter. Da fiel es Rübezahl ein, den Doktor zu fragen, wem das Gebirge hier gehöre, dem König von Böhmen oder dem Berggeist. Der Arzt lachte spöttisch und erklärte, die Sage vom Rübezahl sei doch nur ein dummes Geschwätz und als Kinderschreck gedacht. Das war zuviel für Rübezahl. Ein mächtiger Donner erschütterte die Erde. Der Holzknecht war verschwunden, und er selbst stand in seiner Riesengestalt vor dem armseligen Männlein, das vor ihm auf die Erde fiel und jämmerlich um sein Leben winselte. Rübezahl hatte aber kein Mitleid mit ihm. Er zwang den Aufschneider, seine sämtlichen Pillen zu schlucken und alle Mixturen zu trinken, die er bei sich trug. Die wendeten dem Doktor das Innere nach außen, sodass er nicht mehr imstande war, aufzustehen. Aber das kümmerte Rübezahl wenig. Er versetzte dem berühmten Arzt noch einen Tritt, dass er den Hang hinunter rollte wie ein Sack, ließ ihn elend liegen und ging lachend davon. Es dauerte länger als eine Stunde, ehe der Doktor mühsam weitergehen konnte. Er wankte zum nächsten Dorf und erklärte den Bauern seinen abgerissenen und zerschundenen Zustand damit, dass er von Räubern überfallen und ausgeplündert worden sei. Sobald er wieder einigermaßen bei Kräften war, verließ er das Riesengebirge auf Nimmerwiedersehen und wanderte nach Italien. Dort hoffte er, ohne Mühe und Gefahr mit seinen Prahlereien Ruhm und Gold zu gewinnen.

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Info 21.02.2018 18:33
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