Der Berggeist und der Schäfer

Als im Riesengebirge einmal ein Schäfer seine Herde hütete, hörte er plötzlich hinter sich seinen Namen rufen. Verwundert schaute er sich um. Da sah er, dass aus einem Erdspalt eine weiße Gestalt mit einem großen weißen Bart hervorkam. Den Schäfer packte die Angst und er wäre am liebsten davongelaufen, wenn ihn der Schreck nicht völlig gelähmt hätte. Mit grollender Stimme rief die Gestalt: »Gib mir dein bestes Schaf, dann will ich dir sagen, wer ich bin. Wenn du es nicht tust, werde ich dich schrecklich bestrafen.« Der Schäfer zitterte am ganzen Leib, und er suchte schnell sein bestes Schaf heraus, nur um den unheimlichen Berggeist nicht zu erzürnen. Da sagte das Gespenst: »Ich bin der Altvater dieses Gebirges und der oberste aller Berggeister. Komm zu mir in mein Schloss, um dir deinen Lohn zu holen für das Schaf.« Der Schäfer zögerte, aber weil seine Geldgier noch größer war als seine Angst, folgte er dem unheimlichen Geist. Im Berg sprang eine Tür auf, und vor ihnen lagen die kostbarsten Schätze ausgebreitet. Der Berggeist reichte dem Schäfer ein Goldstück. »Das gehört dir«, brummte er unfreundlich. »Aber nimm dir nicht mehr, du würdest es bereuen.« Damit verschwand er. Der Schäfer aber dachte nicht daran, sich mit einem einzigen Goldstück zufrieden zu geben, sondern nahm sich noch viele andere Dinge, die ihm gefielen. Die Strafe folgte denn auch auf dem Fuße: Er konnte den Ausgang nicht mehr finden. Da kam auch schon der Berggeist zurück, zornerfüllt und vor Wut zitternd. Die Erde erbebte und verschlang den geldgierigen Schäfer. Heute ist die Wiese, auf der er sein Vieh gehütet hatte, verschwunden. An ihrer Stelle ragt der Berg Altvater empor wie ein Grabhügel über einem Menschen, der seine Gier nicht bezwingen konnte.

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Info 23.11.2017 19:27
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