Der Schäfer und der Vogel Greif

Um die Mitte des 14. Jahrhunderts, als Herzog Bolko in Schlesien regierte und Krieg mit dem König Johann von Böhmen führte, trieb ein riesiger Greif sein Unwesen und richtete unter dem Vieh der Bauern großen Schaden an. Er nistete in einer gewaltigen Eiche und wütete so maßlos, dass unter der Landbevölkerung eine Hungersnot ausbrach und kein Mensch sich mehr hinaus ins Freie und aufs Feld zur Arbeit traute. Herzog Bolko hätte den Leuten gern geholfen, aber alle Ritter und Edlen, die auszogen, das Untier zu vernichten, fanden den Tod. Schließlich wagte keiner mehr den Kampf mit dem Greif. Da versprach der Herzog dem, der den Vogel töten würde, seine Tochter als höchsten Preis. Diese Nachricht hörte auch ein junger Schäfer, der die Prinzessin bisher nur einmal gesehen, sich aber unsterblich in sie verliebt hatte. Da er jedoch längst nicht so gut wie die Ritter ausgerüstet war, musste er sich eine List ausdenken. Er beobachtete nun den Vogel tagelang und sah, dass das Tier morgens seinen Horst verließ und erst am Abend zurückkehrte. Daher besorgte er sich eine lange Stange und ein Beil sowie Lebensmittel für ein paar Tage und schlich zu der Eiche, auf der sich der Horst befand. Die Jungen kreischten im Nest auf, als das Muttertier sich am Abend wieder auf dem Baum niederließ. Aber weil sich der Hirte im Gebüsch versteckt hatte, sah ihn der Greif nicht. Er hockte sich aufs Nest, um seine Jungen vor der Nachtkälte zu beschützen und rauschte am nächsten Morgen wieder mit mächtigen Flügelschlägen davon. Darauf hatte der Hirte gewartet. Er sammelte schnell dürres Reisig, band es in einem großen Bündel an die Spitze seiner Stange und zündete es an. Dieses Feuerbündel stieß er in das Greifennest, das trocken wie Zunder war und sofort hell aufflammte. Die jungen Vögel, die noch nicht fliegen konnten, kamen elend um. Ihr Geschrei aber hatte den Greif herbeigerufen, und nun versuchte er, mit seinen Flügeln das Feuer niederzuschlagen. Dabei gerieten jedoch seine Federn in Brand, und er stürzte ins Gebüsch. Schnell lief der Hirt mit dem Beil hinzu und tötete das Ungeheuer. Nachdem er sich von dem Kampf etwas erholt hatte, ging er ins Dorf zurück, lieh sich von seinem Bauern einen starken Ochsen und schleifte den getöteten Greif nach Neuburg. Dort war auch Herzog Bolko, und er hatte seine schöne Tochter dabei. Der Herzog lobte den Schäfer für seine tapfere Tat, und seiner Tochter gefiel der junge Mann sehr gut. Nur die Ritter ärgerten sich, dass der Herzog Wort halten und seine Tochter einem Hirten zur Frau geben wollte. Sie waren der Ansicht, für den schlichten Mann sei ein Beutel voll Geld ein reichlicher Lohn. Der Herzog aber schüttelte den Kopf und sagte: »Habe ich nicht die Macht, auch einen einfachen Mann zum Ritter zu schlagen?« Er befahl dem Hirten niederzuknien, gab ihm den Ritterschlag, dazu Neuburg als Eigentum und genügend Land, um standesgemäß leben zu können. Um nie zu vergessen, dass er einmal ein Schäfer gewesen war und wie er zu seinem Glück kam, nannte der junge Ritter seine Burg von nun an »Greifenstein«.

Forum (Kommentare)

Info 22.11.2017 14:02
Noch keine Kommentare zu diesem Artikel vorhanden.