Der Hirt von Mechterstedt

Im Thüringer Wald, nahe der Wartburg, sprudelt eine Quelle munter aus dem Felsen zur Erfrischung für alle durstigen Wanderer. Auch die Bauersleute, die in der Nähe ihre Äcker und Wiesen haben, suchen sie gern auf, wenn sie der Durst bei ihrer sommerlichen Arbeit plagt. Das tat vor langer Zeit auch ein Hirt. Er setzte sich dabei immer auf einen Stein neben der Quelle, aß sein kärgliches Mittagsbrot, trank dazu ein paar Schlucke Quellwasser aus seinem Becher und schlief dann ein Stündchen im Schatten. Als er wieder einmal zu der Quelle kam, sah er neben ihr einen Hügel, der sich vor ihm auftat und einen Gang freigab, der hell erleuchtet war. Eine Jungfrau mit traurigen Augen kam ihm daraus entgegen. Als er sich ängstlich umsah, entdeckte er über der Quelle drei schöne, goldleuchtende Blumen. In seiner Verlegenheit pflückte er sie und gab sie der Jungfrau. Da leuchteten ihre Augen glücklich auf, und sie sagte mit heller Stimme: »Nun kannst du mich erlösen. Du musst in den Berg hineingehen und dir dort das Beste holen, was du findest.« Der Hirt folgte ihr durch den langen Gang und viele unterirdische Räume. Sie waren gefüllt mit Gold und Edelsteinen. Aber der Hirt rührte nichts an. Endlich gelangten sie in einen großen Saal. Dort saßen viele Ritter mit ihren Frauen beim Mahl. Aber es war kein Laut zu hören, und dem Jüngling wurde sehr unheimlich zumute. Die Jungfrau sah das und führte ihn wieder zurück. Da fiel ihm ein, dass er sich das Beste hätte mitnehmen sollen. Schnell nahm er ein Trinkhorn, das an der Wand unter drei gekreuzten Schwertern hing. Dabei legte er die Blumen aus der Hand, die er die ganze Zeit getragen hatte. Am Ausgang stand die Jungfrau. Ihre Augen waren wieder sehr traurig, und sie erinnerte den Hirten ein letztes Mal daran, doch das Beste nicht zu vergessen. Als ihr Blick auf das Trinkhorn in seiner Hand fiel, senkte sie den Kopf und ging zurück durch den Gang. Im gleichen Augenblick dröhnte es im Berg, sodass der Hirt die Flucht ergriff. Hinter ihm schloss sich der Felsspalt mit einem lauten Donnerschlag. Entsetzt stand er still. Aber es war nichts mehr zu hören als ein klagendes Wimmern aus dem Berg. Das war die Jungfrau, die er durch seine Torheit nicht erlöst hatte und die nun wieder für lange Zeit im Berg gebannt war. Immer wieder trieb es ihn zur Quelle zurück, manchmal noch hörte er das leise Klagen der Jungfrau, aber nie mehr tat sich der Berg vor ihm auf. Die Blumen hätte er wieder mit herausnehmen sollen, nicht das Horn. Das wusste er nun. Aber jetzt war es zu spät.

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Info 26.09.2017 - 00:11
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