Das versunkene Schiff

Einst fuhr ein Schiff, mit Gold schwer beladen, die Leine hinab. Aber der Kaufmann, dem das Gold gehörte, hatte es nicht auf ehrliche Weise erworben. Er hatte es armen und notleidenden Menschen, die seine Hilfe beanspruchten, ohne Gewissensbisse mit Wucherzinsen abgenommen. Und die Betrogenen verwünschten ihn und baten Gott, den Geizhals zu bestrafen. Ihre Bitte wurde erhört. Das Schiff lief in der Nähe des Stumpelsberges auf eine Sandbank und war weder vor- noch rückwärts zu bewegen. Der Kaufherr fluchte und schrie seine Schiffsleute an, weil sie versagt und das Schiff auf Grund gesetzt hätten. Schließlich steigerte er sich in solche Wut, dass er wie irre brüllte, der Teufel möge das ganze Schiff samt dem Gold holen, er wolle es nicht mehr sehen. Darauf hatte der Teufel schon lange gewartet. Er war sofort zur Stelle, und mit gewaltigem Donnerschlag verschwanden Schiff und Leute. Die Erschütterung war so stark, dass die Leine aus ihrem Flussbett gedrängt wurde und sich ein neues suchen musste. Das alles erzählte später ein Schiffer, der das schreckliche Ereignis aus sicherer Entfernung beobachtet hatte. Monate danach versuchten mutige Männer, den versunkenen Schatz zu heben. In der Christnacht gingen sie heimlich an die Arbeit. Als sie ein tiefes Loch geschaufelt hatten, hörten sie ein Geräusch. Am Rand der Grube stand ein kleiner Wagen, vor den sechs Gänse gespannt waren. Aber das seltsame Gefährt rollte vorüber, ohne in die Grube zu fallen. Die Männer warteten kopfschüttelnd noch eine Weile, packten dann aber wieder ihre Schaufeln und gruben weiter. Plötzlich stießen sie auf eine große Kiste. Darin musste ihrer Meinung nach das Gold sein. Aber ehe sie sie öffnen konnten, kam ein Männchen auf einem einbeinigen Gockelhahn angeritten. Er trug einen feuerroten Rock, schwarze Stiefel mit langen Sporen und auf dem Kopf ein grünes Hütchen. Da sie schon das Gänsegespann nicht gestört hatte, kümmerten sie sich auch um den seltsamen Reiter nicht und arbeiteten weiter, was das Männchen zu langweilen schien. Es gab seinem Hahn die Sporen, der eilig davonhüpfte. Das aber sah so lustig aus, dass einer der Männer nicht mehr länger an sich halten konnte. Er lachte laut auf und rief spöttisch hinter ihm her. Kaum hatte er ausgesprochen, als mit Gepolter der Schatz, dem sie schon so nahe waren, in die Tiefe sank. Aus dem Gebüsch aber klang das Gebrüll eines wilden Stieres den Schatzgräbern so grausig in die Ohren, dass sie Hacken und Schaufeln wegwarfen und flohen.

Forum (Kommentare)

Info 22.11.2017 14:05
Noch keine Kommentare zu diesem Artikel vorhanden.