Die schwarze Jungfrau

Bei Rummelsburg hütete eine Knabe seine Herde. Er setzte sich dabei gern auf einen großen Felsbrocken und träumte in den Tag hinein. Da trat plötzlich ein Mädchen vor ihn, das ganz in schwarze Gewänder gehüllt war. Er erschrak sehr über ihren Anblick, denn nicht nur ihr Kleid, sondern auch ihr Gesicht und ihre Hände waren tiefschwarz. Doch das junge Mädchen sah ihn bittend an und sagte mit klarer Stimme: »Du brauchst dich nicht vor mir zu fürchten, denn ich will dir nichts Böses tun. Du sollst mich nur anhören. Durch einen schlimmen Zauber bin ich seit langer Zeit verwünscht. Unter diesem Felsen liegt ein großer Schatz, den ich bewachen muss. Aber du kannst mich erlösen, denn du bist ein Sonntagskind. Ich will dir auch ewig dankbar sein.« Der Hirte hatte sich inzwischen gefasst und sagte, dass er gern alles für sie tun wolle. Da sprach die schwarze Jungfrau weiter: »Komme an den folgenden vier Freitagen bei Sonnenuntergang wieder und singe ein Lied, das ich dich lehren werde. Dann aber geh heim, ohne einen Laut von dir zu geben. Am vierten Abend werde ich erlöst sein, und alle Schätze, die ich hier bewache, gehören dir.« Von nun an kam der Hirtenknabe jeden Freitag. Immer war vor ihm schon die Jungfrau da, und stets stand eine große, eisenbeschlagene Truhe auf dem Felsen. Der Junge sang brav das Lied, das sie ihn gelehrt hatte, und an jedem Freitag wurden Kleid, Gesicht und Hände des Mädchens heller. Am Vierten war sie ganz weiß, und ihre Augen glänzten in großer Erwartung. Aber gerade als der Junge sang: »Ihr Höllengeister, packt euch!« flatterte eine riesengroße Eule um ihn und streifte mit dem Flügel seine Nase. Da musste er niesen. Im gleichen Augenblick ertönte ein mächtiger Donnerschlag, und dem Jungen wurde dunkel vor den Augen. Als er zu sich kam, waren der Schatz und die Jungfrau verschwunden – niemand hat sie wiedergesehen.

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Info 18.11.2017 12:58
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