Die Töchter des Nachtjägers

Bei der Burg Kynast in Schlesien hielten sich früher die Nachtjäger auf. Sie waren wie Förster gekleidet, trugen einen grauen Rock mit vier Reihen Knöpfen und kurze Hosen, dazu einen schwarzen Federhut und Flinten. Sie waren sehr gefürchtet, denn es passierte häufig, dass, wenn ein Mensch nur ihre Spur kreuzte, er sich im Wald verirrte oder schwer erkrankte. Wenn man sie zum Narren hielt, kannte ihre Wut keine Grenzen. Als einmal ein Bauer einem dieser gespenstischen Wesen, das an seinem Fenster vorbei sauste, zurief, es solle etwas für ihn mitschießen, polterte in der gleichen Nacht das Bein von einem Menschen durch den Schornstein in seine Küche. Der Bauer war darüber sehr entsetzt und vergrub dieses unangenehme Geschenk in seinem Garten. Aber in der nächsten Nacht geschah das gleiche. In der dritten Nacht holte er sich den Pfarrer, und das half. Da wo sich früher die Neiße in zwei Arme teilte, lebte ein Nachtjäger mit seinen beiden Töchtern. Wenn er unterwegs war, hörte man ihn schon von Weitem kommen, denn er hatte immer einige Hunde dabei, die laut kläffend um ihn herumsprangen. Legte man sich gleich auf den Boden und bewegte sich nicht, dann geschah einem gar nichts. Das wussten die Leute, und so kam nur selten ein Mensch in dieser Gegend zu Schaden. Einmal mähte ein Knecht auf einer Wiese in der Nähe des Nachtjägerhauses. Der aber wusste nichts davon, denn er war erst vor Kurzem in diese Gegend gekommen und sein Herr hatte ihm nichts gesagt. Es war ein heißer Tag, und als er Durst bekam, ging er ahnungslos in das Haus und bat um einen Trunk. Die Mädchen waren gerade beim Kuchenbacken und boten ihm ein Stück an. Er aß es arglos, bedankte sich und ging wieder an seine Arbeit. Als er zu Hause erzählte, was er erlebt hatte, sagte der erschrockene Bauer er könne froh sein, dass er die Gabe nicht ausgeschlagen habe, denn sonst wäre es ihm übel ergangen. Wenn auf den Dörfern der Umgebung Ball war, kamen auch die Töchter des Nachtjägers, um etwas Unterhaltung zu haben. Dann konnten sie sich vor Tänzern kaum retten, denn sie waren sehr hübsch. Doch stets gelang es ihnen, unbemerkt vor Mitternacht zu verschwinden. Das reizte die jungen Männer und sie beschlossen, beim nächsten Mal aufzupassen. Als die beiden Nachtjägertöchter wieder einmal zu einem Ball nach Woitz kamen und die Mitternachtsstunde näher rückte, baten zwei junge Burschen darum, sie nach Hause begleiten zu dürfen. Das konnten sie nicht abschlagen, denn es wäre gegen Brauch und Anstand gewesen. So gingen sie also alle miteinander. Als sie jedoch auf die Berghöhe kamen, brach plötzlich ein schwarzer Ziegenbock aus dem Gebüsch, blitzte die Jünglinge mit zornfunkelnden Augen an und ging auf sie los. Da schwangen sich die Mädchen auf den Rücken des zottigen Tieres und verschwanden mit ihm wie der Wind. Das war das letzte Mal, dass man sie sah.