Das Gespenst und das Riesengrab

Im dichten Wald am Großen Stiefel im Saarland passierte einmal eine Geschichte, von der man noch heute in der Gegend von St. Ingbert spricht. In diesen Wald gingen vor ungefähr hundert Jahren einmal zwei Bergarbeiter, um dürres Holz zu suchen. Sie stapften munter und guter Dinge den Berghang hinauf und hielten dabei nach rechts und links Ausschau. Als sie den Gipfel fast erreicht hatten, sahen sie einen gewaltigen Eichenstock im Gebüsch stehen. Der war ihnen gerade recht, denn er würde eine ganze Fuhre Holz geben. Da nahmen sie ihre Äxte von der Schulter und hieben kräftig drauflos. Aber so sehr sie sich auch mühten, sie brachten keinen Splitter von dem Strunk. Erschöpft gaben sie es auf und schauten sich verwundert an. Es konnte nicht mit rechten Dingen zugehen. Denn sie hatten erst am Abend vorher ihre Äxte frisch geschliffen. Da stand plötzlich vor ihnen eine lange, gespenstisch drohende Gestalt. Sie trug einen grauen Jägerrock mit grünem Kragen und einen Hut auf dem Kopf, wie ihn die Förster haben. Auch Hirschfänger und Büchse hatte der Fremde dabei. Ohne ein Wort zu sagen, ergriffen die Bergleute die Flucht und jagten über Stock und Stein durch Gebüsch und Wald hinunter ins Tal. Nie wieder versuchten sie, auf dem großen Stiefel Brennholz zu holen. Auf dem Berg passierte noch eine andere Geschichte. Vor vielen Hundert Jahren hauste auf ihm der Riese Kreuzmann. Er war so stark, dass er Bäume und Felsen ausriss, als ob sie aus Papier seien. Am liebsten aß er Menschenfleisch, und wenn er gerade wieder einmal Appetit darauf hatte, ging er hinunter ins Tal, fing sich zehn oder zwölf Menschen und sperrte sie in einen hölzernen Käfig, der ihm als Vorratskammer diente. Sobald er hungrig war, holte er sich einen oder zwei heraus, briet und verzehrte sie mit großem Appetit. Wenn die Armen jammerten und schrien, so sagte er: »Herrlich, wie lieblich meine Vögel pfeifen.« Da war es wirklich kein Wunder, dass die Menschen ihm nach dem Leben trachteten. Lange fürchteten sie den Rohling und wagten sich nicht an ihn heran. Schließlich aber fanden sich doch einige mutige Männer. Sie belauerten den grausigen Riesen, bis sie seine Lebensgewohnheiten kannten, und erfuhren auf diese Weise, dass er stets nach dem Mittagessen in seinem Turm schlief. Da riefen sie am nächsten Tag alle Dorfbewohner zusammen, ließen sie Reisigbündel und Holz mitbringen, und alle gingen hinauf auf den Berg. Dort schichteten sie das Holz um den Turm und setzten es in Brand. Aber der dicke Qualm, der dabei entstand, richtete nichts weiter aus, als dass er den Riesen zum Niesen reizte. Er tat das mit solcher Macht, dass die Erde davon bebte und die Menschen entsetzt davonliefen. Gähnend trat der Riese ins Freie und sah, was man mit ihm vorgehabt hatte. Das machte ihn so wütend, dass er den Flüchtenden seinen Wetzstein nachschleuderte. Glücklicherweise warf er zu weit, bis nach Rentrisch, wo er mit der Spitze in die Erde sauste und steckenblieb. Dort ist er noch zu sehen. Um sich an den Menschen zu rächen, rannte er nun selbst bergab und ihnen nach. In seiner blinden Wut gab er auf den Weg nicht acht, stolperte über eine Baumwurzel und schlug so gewaltig auf einen Felsbrocken, dass er betäubt liegenblieb. Als die Menschen das sahen, liefen sie zurück und schlugen ihn tot. Dann begruben sie ihn und wälzten so viele Steine über sein Grab, dass sie einen Berg bildeten. Noch heute nennt man ihn das Riesengrab.