Die Seelenüberfahrt

Am Tag der Wintersonnenwende saßen einmal an der Nordsee ein Fischer und seine Frau beim Mittagessen. Da trat ein Mann ins Zimmer, der aussah wie ein Emdener Handelsherr aus längst vergangenen Zeiten und fragte, ob er hier richtig beim Vetter Fischer sei. Der Fischer und seine Frau sahen ihn an, gaben aber keine Antwort. Als schließlich der Fischer eine einladende Handbewegung machte, trat der Fremde nicht näher, sondern bat ihn, zu ihm ans Fenster zu kommen, da er mit ihm ein wichtiges Geschäft abschließen wolle. In der Fensternische erzählte ihm der seltsame Gast, er suche einen Fährmann, der mit seinem Schiff soviel Seelen zur Insel übersetzen könne, wie hineingingen. Dem Fischer stand vor Schreck der Atem still. Als er aber den hohen Preis hörte, den ihm der Fremde bot, erklärte er sich schließlich bereit, 3000 Seelen – soviel fasse sein Schiff – überzusetzen. Der Kaufpreis wurde sofort bezahlt, und man einigte sich über Tag und Stunde der Überfahrt. Zur verabredeten Zeit harrte der Fischer in seinem Boot der Dinge, die da kommen sollten. Nach und nach sank sein Schiff immer tiefer, als ob es schwer beladen sei, und als nur noch eine Handbreit bis zur oberen Kante frei war, nahm er an, dass die 3000 Seelen nun an Bord seien, und stieß ab. Es war eine unheimliche Fahrt. Immer noch war von seiner Last nichts zu sehen, nur kam es ihm vor, als ob er ein paar ineinanderfließende Nebelflecke und ein leises Flüstern wahrnehme. Unbeirrt ruderte er jedoch weiter, denn er wollte so schnell wie möglich seine gespenstische Fracht los werden. Schweißgebadet erreichte er die Insel. Knirschend stieß der Kiel auf den Sand. Allmählich stieg das Boot immer höher aus dem Wasser, wobei er eine unbekannte Stimme Namen um Namen aufrufen hörte. Als sie schwieg, schwamm auch sein Boot wieder ganz oben auf dem Wasser. Hastig stieß der Fischer sofort vom Strand ab und trieb das Fahrzeug in großer Eile zur Küste zurück. Solange er lebte, vergaß er nie das Grauen, das ihn gepackt hatte, als er die Seelen über die See führte.

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Info 14.12.2017 16:09
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