Der Schimmelreiter

In der Nähe von Tübingen passierte einst etwas Schreckliches: Ein Mann ritt in der Nacht auf einem Schimmel den Goldersbach auf und ab und trug seinen Kopf unter dem Arm! Wer ihn sah, ergriff in hellem Entsetzen die Flucht. Denn niemand wollte ihm zu nahe kommen, weil er alle Menschen bedrohte und in den Bach zu stoßen versuchte. Manchmal sah man den Schimmel auch ohne seinen Reiter. Dann kam er aus dem Bach auf die Wiese und fraß sich dort an dem saftigen Gras dick und rund. Das verlockte einen jungen Burschen aus Bebenhausen, der sich auch sonst vor dem Teufel nicht fürchtete, einmal auf dem Schimmel zu reiten. Er schlich sich in einer hellen Mondnacht an den Goldersbach, wo sich das Pferd gerade wieder auf der Wiese tummelte und schwang sich auf seinen Rücken. Da galoppierte der Schimmel so wild davon, dass der Reiter herunterpurzelte und froh war, sich nicht sämtliche Knochen gebrochen zu haben. Nie wieder machte er den Versuch, den Schimmel zu reiten und erzählte auch niemand davon, um nicht ausgelacht zu werden. Seitdem wurde der Schimmelreiter immer kecker. Als einst ein Bauersmann von der Mühle nach Hause ging, tauchte der Kopflose plötzlich neben ihm auf und bot ihm an, seinen Mehlsack auf den Rücken des Schimmels zu legen. Dem Bauern war zwar etwas unheimlich dabei, aber er warf doch den Sack auf das Pferd und ging neben ihm her. Plötzlich aber waren Schimmel und Reiter wie vom Erdboden verschluckt. So sehr sich der Bauer auch fürchtete, sein Mehl wollte er nicht aufgeben. Deshalb schritt er langsam den Weg zurück, den er gekommen war, und tatsächlich lag sein Sack auch dort, wo er den Reiter getroffen hatte. Einen anderen Mann, der mit seinem Sohn unterwegs war, führte der Schimmelreiter so in die Irre, dass sie erst am nächsten Morgen sich wieder zurechtfanden und völlig erschöpft nach Hause kamen. Einmal verwandelte sich der Schimmelreiter auch in einen Pudel. Er sprang auf den Karren eines Schäfers und bellte solange, bis es dem zu dumm wurde und er aus seinem Karren herausstieg, um den Hund zu verjagen. Der aber wartete nicht auf ihn, sondern sprang mit einem großen Satz mitten unter die Schafe und richtete dort eine solche Verwirrung an, dass die Tiere die Umzäunung zertrümmerten und in alle Richtungen auseinanderliefen. Die halbe Nacht noch fuhr der Hund kläffend hin und her, bis ein Schimmel angaloppiert kam. Da verwandelte sich der Pudel in den Schimmelreiter, nahm seinen Kopf unter den Arm, schwang sich auf den Rücken des Pferdes und jagte davon. Wütend drohte der Schäfer mit geballten Fäusten hinter ihm her, aber das nützte nichts. Als jedoch der Morgen graute, wunderte er sich sehr, denn alle seine Schafe lagerten friedlich rund um den Schäferkarren, und auch die Umzäunung war völlig in Ordnung. Auch ins Dorf kam der Schimmelreiter oft, um sein Pferd am Leibselesbrunnen zu tränken. Niemand wagte ihn dabei zu stören, weil alle Angst vor ihm hatten. So war und blieb er lange Zeit der Schrecken des Landes.