Die erlöste Müllerin

Im niedersächsischen Gutenberg lag einst eine Frau, die ein kleines Kind geboren hatte, im Bett. Sie war ganz allein im Haus, denn ihr Mann war unterwegs und kam erst spät zurück. Um die Mitternachtsstunde hörte die junge Mutter im Keller ein Gepolter, dann schlürften Schritte die Kellertreppe herauf und näherten sich ihrer Tür. Sie zitterte vor Angst, als die Tür sich öffnete und ein altes Mütterchen mit einem Spinnrocken in der Hand sich neben die Wiege ihres Kindes setzte. Die Alte begann zu spinnen und sah nur manchmal auf das Kind, und obwohl die unheimliche Besucherin nichts Böses vorzuhaben schien, zog die junge Frau langsam die Wiege näher zu sich heran. Nach einer Weile erhob sich das alte Weiblein und winkte der Wöchnerin, ihr zu folgen. Da kam zum Glück ihr Mann zurück, und die Alte verschwand. Die junge Frau erzählte ihm von ihrem Erlebnis und bat ihn unter Tränen, sie nie mehr allein zu lassen. Das versprach er auch, weil er sich Sorgen um sie machte. Aber nach ein paar Tagen musste er doch wieder über Land und konnte seine Frau nicht mitnehmen. Und wieder kam um Mitternacht das alte Weiblein mit dem Spinnrocken und setzte sich neben die Wiege. Nur mit Mühe gelang es diesmal der jungen Frau, ihr zu widerstehen, als die Alte ihr flehentlich zuwinkte. Da ihr Mann erst am übernächsten Tag zurückkommen wollte, ging sie am nächsten Morgen zum Pfarrer und fragte ihn um Rat. Der Pfarrer las ein paar kräftige Gebete gegen den Spuk und andere unheimliche Vorgänge, segnete die Frau und sagte, sie könne nun, wenn das Mütterchen wiederkäme, getrost mit ihr gehen. Und wirklich kam in der folgenden Nacht das alte Weiblein wieder, und da es noch bittender winkte als die beiden ersten Male, nahm die junge Frau die Lampe vom Tisch und folgte ihr. Sie gingen die Kellertreppe hinunter; unten aber wäre die Müllersfrau beinahe in eine große Mulde gestürzt, die bis zum Rand mit Dukaten gefüllt war. Ehe sie sich aber nach dem Geld bücken konnte, fiel ihr das alte Mütterchen mit einem Freudenruf um den Hals und dankte ihr mit Tränen in den Augen, weil sie nun erlöst sei: »Wenn du heute nicht mit mir gekommen wärest, hätte ich wieder viele, viele Jahre warten müssen. Immer nur dreimal darf ich den Schatz dann verlassen, wenn in diesem Haus am Neunten des Monats ein Knabe geboren wird. Nun bist du meine Retterin. Nimm all das Gold für dich und die Deinen. Solange ihr lebt, wird es nie ausgehen.« Die junge Mutter bückte sich nach den Goldstücken, und als sie wieder aufsah, war das Weiblein verschwunden.

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Info 18.12.2017 00:17
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