Das Kind auf dem Wege

Eine Frau, die nicht mehr arbeiten konnte, zog bettelnd von Dorf zu Dorf durch Niedersachsen. Sie wusste alle Wege, war überall bekannt und ließ sich weder von Sturm noch Wetter zurückhalten. Die milden Gaben sammelte sie in einem Korb, den sie auf dem Rücken trug. An einem stürmischen Herbstabend war sie auf dem Weg nach Waddekath. Müde und in Gedanken versunken, stapfte sie den aufgeweichten Weg dahin. Plötzlich stand sie erschrocken still. Vor ihr auf dem Weg saß ein kleines Kind mit einem roten Röckchen und spielte im Schmutz. Mitleidig bückte sich die Frau zu dem Kleinen hinab und fragte, wie es hierher komme. Aber das Kind gab keine Antwort. Da nahm sie den Knaben auf, so schwer es ihr auch fiel, um ihn mit nach Waddekath zu nehmen. Allmählich erlahmten ihr die Arme, und sie musste das Kind in den Korb setzen. Aber es schien zu einer Zentnerlast anzuwachsen. Der alten Frau schmerzte der Rücken, die Tragbänder schnitten ihr in die Schultern, und sie bekam fast keine Luft mehr. Keuchend und Schritt für Schritt wankte sie dahin. Als sie fast am Zusammenbrechen war, rief plötzlich das Kind aus dem Korb: »Halte nur noch ein wenig aus, wir sind gleich daheim. Siehst du nicht da vorne die Lichter?« Die alte Bettelfrau raffte ihre letzten Kräfte zusammen und ging auf die Lichter zu. Aber der Boden wurde immer weicher, und plötzlich stak sie im Moor und konnte weder vor noch rückwärts. Sie fiel hin, und das Kind sprang aus dem Korb und verschwand in der Dunkelheit. Mit einmal war der Korb nun wieder leicht geworden, und da die Todesangst der Frau ungeahnte Kräfte gab, kam sie allmählich wieder frei und kroch langsam aus dem Moor. Um Mitternacht kam sie völlig erschöpft und am ganzen Leibe zitternd im Dorf an. Wer das Kind war, konnte ihr niemand sagen.

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Info 22.11.2017 14:01
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