Die Irrlichter

Im westlichen Havelland hütete einmal ein Hirte eine Herde. Das war keine sehr anstrengende Tätigkeit, denn es gab reichlich Futter, und die Kühe konnten sich dort sattfressen, wohin sie am Morgen getrieben worden waren. Eines Abends aber fehlte eine Kuh, und so sehr der Hirt auch nach ihr suchte, er fand sie nicht. Müde setzte er sich auf einen Stein, zündete sich seine Pfeife an und überlegte, was er tun sollte. Auf einmal kamen von allen Seiten Irrlichter herbeigeflogen. Sie umtanzten ihn so dicht, dass er mit der Hand nach ihnen schlug, um sie zu verscheuchen. Aber sie wurden immer mehr und immer aufdringlicher, und auch als er mit dem Stock nach ihnen schlug, nützte es nichts. Erst als er sich mit der Hand eines dieser Leuchtmännchen fing, verschwand der Spuk. Als er seinen Fang jedoch ansah, war es ein Knochen. Ärgerlich steckte er ihn in die Tasche und trieb seine Kühe nach Hause. Am nächsten Morgen aber fand er die verlorene Kuh friedlich grasend auf der Weide. Er hatte das Abenteuer vom vorhergehenden Tag schon vergessen, als ihn am Abend auf dem Heimweg plötzlich wieder Scharen von Irrlichtern umringten. Sie flehten ihn mit zirpenden Stimmchen an, ihnen ihren Genossen wiederzugeben. Sonst wollten sie aus Rache sein Haus anzünden. Der Hirt schüttelte den Kopf. Er habe kein Leuchtmännchen; was er gestern gefangen habe, sei nur ein Knochen gewesen. Darüber wurden die Irrlichter sehr zornig und umtanzten ihn bis zu seinem Haus. Nun bekam er es doch mit der Angst zu tun, holte den Knochen und hielt ihn vors Fenster. Aber der verwandelte sich im gleichen Augenblick wieder in ein Irrlicht und tanzte auf seiner Hand hin und her, als ob er sich über die wiedergewonnene Freiheit freute. Dann verschwand er flirrend mit den anderen im Wald.