Der Stadtschreiber im Untersberg

Eines Tages ging der Stadtschreiber von Reichenhall zum Untersberg. Dabei verspätete er sich und konnte in der Nacht nicht mehr nach Hause kommen. Daher machte er sich ein Lager aus Moos in einer Felsenhöhle und schlief dort tief und fest. Als er am nächsten Morgen aufwachte, sah er vor sich einen Mönch stehen, der in einem Buch las und über der Schulter einen großen Schlüsselbund trug. Ehe der Stadtschreiber etwas sagen konnte, fragte ihn der Mönch, woher er komme, wohin er wolle und ob er hungrig sei. Der Stadtschreiber nickte lebhaft, denn er hatte an diesem Morgen noch nichts gegessen. Da forderte der Mönch ihn auf, ihm zu folgen. Sie stiegen ein Stück bergauf und kamen vor eine Felsspalte, die durch eine eiserne Tür verschlossen war. Der Mönch schloss sie auf, ließ den Stadtschreiber in eine Höhle treten und sagte zu ihm, er solle seinen Hut hier niederlegen und zu niemand ein Wort sagen, was er auch gefragt werde. Nur mit ihm dürfe er sprechen. Auch solle er genau beobachten, was er sehe und sich die Stunden merken, welche die Turmuhr in der Ferne anzeige. Der Stadtschreiber sah, dass es gerade sieben Uhr war. Diese Turmuhr gehörte zum Glockenturm eines großen Klosters, das auf einer weiten grünen Wiese inmitten eines dichten Waldes lag. Der Mönch führte den Stadtschreiber in die Kirche und kniete vor dem Altar nieder, um ein Gebet zu sprechen. Der Stadtschreiber tat es ihm nach. Später erklärte der Mönch ihm flüsternd, die Kirche habe zweihundert Altäre und über zwanzig Orgeln und führte ihn seitlich zu einem Stuhl. Da kamen dreihundert Mönche die Treppe herab und sangen das Stundengebet. Dann läuteten alle Glocken, und viele Menschen in festlichen Kleidern kamen durch den Eingang herein. Vor allen zweihundert Altären standen Priester und lasen die Messe. Dazu spielten die Orgeln so überwältigend schön, dass der Stadtschreiber vor Rührung weinte. Als der Gottesdienst vorbei war, führte der Mönch seinen Gast in den Speisesaal hinauf. Die Klosterbrüder versammelten sich um lange Tische und nahmen ihre einfache Mahlzeit ein. Auch der Stadtschreiber durfte daran teilnehmen. Dann fragte er leise den Mönch, wer alle diese kostbar gekleideten Menschen in der Kirche gewesen seien, und der erklärte ihm, es seien Kaiser, Könige, Fürsten, Bischöfe, Ritter und andere, die seit Beginn der Zeit geholfen hätten, das Christentum zu verbreiten und zu verteidigen. In der Bibliothek zeigte der Mönch dem Stadtschreiber dann uralte Bücher aus Baumrinden und Häuten mit Schriftzeichen, die er nie gesehen hatte. Der Mönch aber las ihm daraus vor und erklärte, was darin geschrieben stand. Später führte er den Stadtschreiber weiter durch den Untersberg. Es war ein weiter Weg, an dem zwölf verschiedene Kirchen lagen. Als sie eine Weile gegangen waren, sagte der Mönch: »Jetzt sind wir gerade unter dem Königssee. Da, wo St. Bartholomä liegt«. Die Nacht verbrachten sie im Dom zu Salzburg, und wieder versammelten sich dort am Morgen viele Menschen. Ein alter Mann fiel dem Stadtschreiber besonders auf. Er trug einen grauen Bart, Krone und Zepter, und der Mönch erklärte ihm, dass dies Kaiser Friedrich sei. Weil der Stadtschreiber so viel über diesen mächtigen Kaiser erfahren wollte, fragte er immer eindringlicher und lauter, sodass der Mönch sehr ärgerlich wurde und ihm eine kräftige Ohrfeige versetzte. Da war der Wissensdurst des Stadthalters gestillt und er bat, wieder nach Hause gehen zu dürfen. Der Mönch führte ihn auch gleich zum Ausgang, gab ihm zu essen und zu trinken für den Heimweg und ermahnte ihn noch, immer bescheiden und demütig zu leben. Nachdem er ihn gesegnet hatte, entließ er ihn. Als der Stadtschreiber beim Hinausgehen auf die Kirchturmuhr sah, zeigte sie die gleiche Zeit: sieben Uhr. Aber es waren inzwischen sieben Tage vergangen. Niemand erfuhr, was er im Untersberg erlebt hatte, denn sobald er versuchte, jemand etwas davon zu erzählen, blieb seine Zunge stumm.

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Info 26.09.2017 - 00:06
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