Der graue Mönch

Nicht weit von Magdeburg liegt der Kreuzhorst: Weite Niederungen, die oft von der Elbe überschwemmt werden und in deren Mitte sich eine Anhöhe mit mächtigen Eichen erhebt. Dieser kleine Berg war in alten Zeiten eine Kultstätte der Heiden, die dort ihren Göttern Opfer brachten. Auch als sie schon Christen geworden waren und die Missionare und Priester dagegen ankämpften, hielten sie noch an ihren alten Bräuchen fest. Da alles Mahnen und Zureden nichts half, baute sich ein Mönch aus einem Magdeburger Kloster eine Hütte unter den Eichen, um hier sein Leben als Einsiedler zu verbringen und das heidnische Übel an der Wurzel zu bekämpfen. Aber die Menschen, die nachts heimlich hier zusammen kamen, beachteten ihn nicht oder verlachten und bedrohten ihn sogar. Der Einsiedler ließ sich dadurch nicht beirren. Er blieb weiterhin auf dem Hügel, sammelte Heilkräuter und besuchte die Kranken, um ihnen zu helfen. Dadurch gewann er sich allmählich viele Freunde, sehr zum Ärger derer, denen er im Wege war. Eines Tages brach ein offener Aufruhr gegen ihn aus, und er wurde von einem rohen Gesellen erschlagen. Ehe er starb, rief er seinem Mörder zu, dass er ihm immer folgen und ihn nicht in Ruhe lassen werde, solange er lebe. Doch der Mörder lachte nur darüber. Die Prophezeiung des Mönches aber ging in Erfüllung. Wohin der Mörder auch ging, sobald die Abenddämmerung anbrach, war der graue Mönch neben ihm und folgte ihm wie ein Schatten. Erst lachte der Mörder darüber, dann wurde er unruhig, und schließlich packte ihn ohnmächtige Wut. Er schlug nach seinem unheimlichen Begleiter und versuchte ihn zu fassen. Aber er griff nur in die Luft, und sein Toben war umsonst. Angst erwachte in ihm. Er rannte so schnell wie möglich nach Hause, um den Spuk loszuwerden. Aber der folgte ihm. So kam es, dass der Mörder sich abends nicht mehr ins Freie wagte. Er wurde elend, arbeitsscheu, hatte an nichts mehr Interesse, sein Haus verfiel, und schließlich wanderte er aus, um in der Fremde Ruhe zu finden. Aber auch das war vergebens, der graue Mönch wich nicht von seiner Seite. Gebrochen an Leib und Seele kam er schließlich nach Magdeburg zurück, klopfte an die Klosterpforte und bat den Abt um Aufnahme. Reuevoll verrichtete er als Klosterbruder bis an sein Lebensende die härtesten Arbeiten. Der graue Mönch verfolgte ihn nicht mehr, aber sein Gewissen fand trotzdem keine Ruhe.

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Info 18.12.2017 00:09
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