Frau Holle

Am Hahnenklee, einem mächtigen Felsen im Harz, gingen einst drei Mädchen spazieren. Sie waren lustig und guter Dinge, denn alle drei waren verlobt und erzählten einander von ihren Liebsten und von der Hochzeit, die sie bald feiern wollten. Aber ihre Freude fand ein jähes Ende, denn plötzlich stand vor ihnen ein furchterregendes Weib, das ihnen mit dumpfer Stimme zurief, sie sollten heute Nacht zum Hahnenklee kommen und ihn scheuern. Wer am schnellsten arbeite, werde zuerst heiraten. Ehe die Mädchen sich von ihrem Schreck erholt hatten, war die Gestalt verschwunden. Ängstlich gingen sie ins Dorf zurück. Dort beruhigten sie sich allmählich und dachten nach. Und da sie alle drei bald heiraten wollten, schien ihnen das Angebot des hässlichen Weibes gar nicht so abwegig. Am Abend trafen sie sich wieder und machten sich auf den Weg nach dem Hahnenklee. Aber eines der Mädchen kehrte gleich zu Anfang wieder um, das zweite auf halbem Wege, und nur das dritte Mädchen nahm seinen ganzen Mut zusammen und ging allein zum Felsen. Ohne sich umzusehen, machte es sich an die Arbeit. Aber kaum hatte es den ersten Bürstenstrich getan, da stand Frau Holle – so hieß das hässliche Weib – vor ihm und sagte: »Weil du Wort gehalten hast, will ich es auch tun. Gehe nach Hause und richte deine Hochzeit. Die anderen beiden aber, die meinen Wunsch nicht erfüllt haben, werden niemals heiraten!« Glücklich eilte das Mädchen ins Dorf zurück und heiratete kurz darauf. Die beiden anderen Mädchen aber blieben bis zu ihrem Tod allein. Der Geliebte der einen wurde am Tag vor der Hochzeit im Bergwerk verschüttet und konnte nicht mehr lebend geborgen werden, der andere Verlobte war Soldat und fiel im Kampf. Als die Braut beim Hochzeitsmahl saß, trat plötzlich Frau Holle ins Zimmer und schenkte dem jungen Paar eine silberne Wiege, die bis zum Rand mit Gold gefüllt war. Dieses Gold ging nie zu Ende, und die beiden lebten glücklich und zufrieden.

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Info 26.09.2017 - 00:14
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