Der Mäuseturm zu Bingen

Wenn man heute den Rhein entlangfährt, kann man bei Bingen noch immer den Mäuseturm sehen. In ihm hat sich vor mehr als tausend Jahren eine grausige Geschichte ereignet. Damals lebte in Mainz ein Bischof Hatto, der wegen seiner Hartherzigkeit, seines Geizes und seines Reichtums weithin bekannt war. Wo er nur konnte, erpresste er die Leute und füllte seine Scheunen und Gemächer mit Korn und Schätzen bis zum Überquellen. Eines Tages aber brach eine Hungersnot aus, wie sie noch niemand erlebt hatte. Tausende und Abertausende starben. Die Überlebenden gingen zur bischöflichen Burg und baten um Brot, denn der Bischof lebte noch immer im Überfluss. Der aber tat die Not der armen Menschen mit einer Handbewegung ab. Das gewöhnliche Volk war ihm ein Ekel und sein Jammern ein Gräuel. Als die Leute immer wieder kamen, befahl er seinen Knechten, die Hungernden zu verjagen und, wenn sie sich widersetzten, festzunehmen und in eine Scheune zu sperren. Die Knechte führten seinen Befehl aus, und als die armen Menschen immer lauter schrien, entzündeten sie auf Befehl ihres Herrn die Scheune. Das morsche Holz brannte ihm Nu, und alle Menschen kamen elend darin um. Der Bischof aber spottete dazu: »Lasst nur die Mäuse pfeifen!« Kaum aber hatte er diese Worte gesprochen, starrte er erbleichend auf das Scheunentor: Dort quollen in unermässlichen Mengen Mäuse hervor. Sie wälzten sich wie eine Wasserflut die Treppe hinauf in das prunkvolle Gemach, sodass der grausame Bischof die Flucht ergreifen musste. Schnell ließ er sich sein Roß kommen und sprengte hinunter zum Ufer des Rheins. Als der Bischof sah, dass die Mäuse ihm folgten, sprang er in ein Boot, ließ sich auf die Rheininsel hinübersetzen und eilte hinauf in das oberste Gemach des Turmes. Aber die Mäuse schwammen hinter ihm her, kamen die Treppe herauf und fielen über ihn her. Erst nach Tagen, als sich die Mäuse wieder verzogen hatten, wagten sich die Knechte in den Turm. Dort fanden sie nur noch das abgenagte Gerippe ihres Herrn. Die Sage erzählt, dass der Geist des Bischofs keine Ruhe finden könne und manchmal noch in Mondscheinnächten von den vorbeifahrenden Schiffern gesehen wird. Aber nur selten faltet einer die Hände zum Gebet für den Verlorenen.

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Info 18.12.2017 00:24
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